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telefonieren vintage

Die Buchstabiertafel stammt aus Zeiten, als die Telefonverbindungen noch nicht so stabil waren.
bild: shutterstock

Warum wir heute noch buchstabieren wie die Nazis

V wie viktoria



«Ich nehme ein S wie Siegfried. Und dann ein D wie Dora».
Diese Art von Sätzen ist uns heute wohl vor allem noch aus der Sendung «Glücksrad» bekannt. Aber auch im Alltag kommt die Buchstabiertafel ab und zu noch zum Einsatz. Zum Beispiel, wenn wir am Telefon einen komplizierten Namen buchstabieren wollen, ist dieses System wirklich hilfreich.

Erfunden wurde diese Buchstabiertafel bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Damals hatte man festgestellt, dass wegen der noch sehr schlechten Übertragungsqualität am Telefon eine Buchstabierhilfe nötig sein würde. Also beschloss man, ganz einfach das Alphabet durchzunummerieren: A war also 1, B war 2 und so weiter. Diese Buchstabiertafel wurde dann im Jahr 1890 zum ersten Mal in einem Telefonbuch gedruckt und somit schriftlich festgehalten.

1934 kommt es zur «Reinigung der deutschen Buchstabentafel»

Weil sich die Zahlen jedoch als unpraktisch erwiesen, wurden diese einige Zeit später durch Namen ersetzt. Im Jahr 1903 wurde dann das erste Telefonbuch mit einer Buchstabiertafel gedruckt, in der die Buchstaben durch Namen repräsentiert wurden. Das Alphabet begann damals so: Albert, Bertha, Citrone, David, Emil, Friedrich....

Bild

Was fehlt hier: ein Z wie Zeppelin – oder ein Z wie Zacharias?

Anschliessend folgten einige kleinere Reformen wie die folgenden: Aus «Bertha» wurde im Laufe der Jahre erst «Berta» und dann «Bernhard». Aus «Citrone» wurde «Cäsar», aus «Isidor «Ida», aus «Karl» «Katharina» und aus «Paul» «Paula».

Im Jahr 1934 kam es dann – unter der nationalsozialistischen Herrschaft – zu einer grösseren Reform: Bei der «Reinigung der deutschen Buchstabentafel von unerwünschten Namen» wurden alle vermeintlich jüdischen Namen von der Liste gestrichen. So hiess es ab sofort nicht mehr «D wie David», sondern «D wie Dora». Und auch Jakob, Nathan, Samuel und Zacharias mussten ihren Platz räumen. Stattdessen wurden Jot, Nordpol, Siegfried und Zeppelin in die Liste aufgenommen.

So hat sich die Buchstabiertafel verändert:

http://www.schwender.in-berlin.de/buchstabiertafel.html buchstabiertafel

Mobile-User tippen auf die Liste, um sie zu vergrössern.
Bild: schwender.in-berlin.de

Wäre der Name «Isidor» nicht schon vor der Machtergreifung im Zuge einer anderen Reform von der Liste gestrichen worden, hätte er spätestens jetzt auch weichen müssen – galt er in der Goebbels-Propaganda doch geradezu als Synonym für das Wort «Jude».

Schaut man sich die Liste an, sieht man, dass in der Version von 1934 noch weitere Änderungen vorgenommen worden sind. Auffällig ist dabei vor allem der Buchstabe Y. Dieser war beim Buchstabieren bisher ganz einfach «Ypsilon» genannt worden. Nach der «Säuberung» hiess er dann «Ypern».

Dabei handelt es sich um einen Ort in Belgien, an dem im Ersten Weltkrieg mehrere Schlachten stattgefunden hatten, darunter eine, bei der die Deutschen zum ersten Mal Giftgas eingesetzt hatten. Man nutzte die Reform also gleich noch für ein bisschen nationalsozialistische Propaganda.

Die Idee kam aus dem Volk

Die Idee, die Buchstabentafel zu «arisieren», hatten übrigens nicht die Machthaber selbst, sondern ein paar Denunzianten aus dem Volk. Angefangen hat alles mit der folgenden Postkarte, die am 22. März 1933 verfasst und am 23. März abgestempelt worden ist. Gerichtet war diese an das Rostocker Postamt:

Dort schrieb ein Rostocker Namens Joh. Schliemann – sein Vorname wurde in den Akten abgekürzt – folgende Zeilen: «In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht mehr angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan, Samuel etc. noch länger beizubehalten. Ich nehme an, dass sich geeignete deutsche Namen finden lassen. Ich hoffe, in der nächsten Ausgabe des Telefonbuchs meinen Vorschlag berücksichtigt zu sehen.»

In der Folge kam es zu einem Schriftverkehr zwischen dem Postamt in Rostock, der Oberpostdirektion in Schwerin und dem Postministerium in Berlin. In einem Schreiben, das von Schwerin nach Berlin gesandt wurde, wird dem auf der Postkarte gemachten Vorschlag zugestimmt.

«Nachdem die nationale Bewegung zum Durchbruch allgemein gekommen ist, die sich auch zum Ziel gesetzt hat, den jüdischen Einfluss auf das deutsche Volk herabzumindern, mag es manchen nationalen Kreisen eine Überwindung kosten, bei der Verdeutlichung eines Wortes jüdische Namen anwenden zu sollen», heisst es da. Mit dem Telefonbuch von 1934 wird die Reform amtlich.

Samuel und Zacharias (eigentlich) wieder da

Nach dem Ende der Naziherrschaft wurde die Buchstabiertafel im Jahr 1948 wieder entnazifiziert: Dabei fanden aber nur zwei der biblischen Namen den Weg zurück in die Liste – nämlich Samuel und Zacharias. David, Nathan und Jakob sucht man dort vergebens.

Und wie es scheint, haben sich Siegfried und Zeppelin – also die Buchstabier-Varianten der Nazis – bis heute fest in unseren Köpfen verankert. Der Medienprofessor Clemens Schwender schrieb 1997: «In der TV-Gameshow ‹Glücksrad› buchstabieren die Kandidaten immer wieder ‹S wie Siegfried›. So zeigen die zwölf Jahre, die eigentlich 1000 währen sollten, auch heute noch Wirkung. Samuel ist völlig ungebräuchlich, selbst Sekretärinnen, die es eigentlich gelernt haben sollten, benutzen das Wort kaum.»

Übrigens: Die Schweizer Buchstabiertafel weicht in grossen Teilen von der deutschen Version ab. Dank der Sendung «Glücksrad» kommt uns aber auch hierzulande «D wie Dora» «A wie Anton» deutlich bekannter vor als «D wie Daniel» und «A wie Anna».

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