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ARCHIVBILD ZUR VERDOPPELUNG DER MASERNFAELLE IN DER SCHWEIZ -- Die 7 jaehrige Katharina aus Steinen im Kanton Schwyz leidet am  Mittwoch 11.Juni 2003 an der neuerdings wieder aufkommenden Kinderkrankheit Masern. Im Kanton Schwyz sind in letzter Zeit mehrere Kinder an Masern erkrankt, aber auch wieder gesundet.  (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Keine harmlose Kinderkrankheit: an Masern erkranktes Mädchen. Bild: KEYSTONE

Impfen verursacht Autismus? 9 Masern-Mythen im Faktencheck



Ende 2015 hätte es so weit sein sollen: Die Schweiz, so der Plan des Bundesamts für Gesundheit (BAG), sollte dann masernfrei sein. Maximal noch ein Fall pro Million Einwohner und Jahr dürfte dann noch vorkommen, mithin rund acht pro Jahr. 

Das Ziel wurde nicht erreicht. Im Gegenteil: In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres gab es bereits 66 Masernfälle – mehr als im gesamten Jahr 2016 (65). Im Februar starb auch zum ersten Mal seit 2009 wieder ein Mensch an der hoch ansteckenden Infektionskrankheit.

Gemäss aktuellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in den letzten zwölf Monaten in Europa 35 Menschen an Masern gestorben, nicht weniger als 31 von ihnen in Rumänien. Masern seien eine der führenden Todesursachen bei Kindern weltweit, warnt die WHO. Dabei liesse sich die Krankheit durch eine sichere und effektive Impfung vermeiden. Mehr noch: Die Masern könnten – genau wie die Pocken, die einst mehr Menschenleben forderten als die Pest – ein für alle Mal ausgerottet werden. 

Doch eine wachsende Zahl von Menschen sieht das anders. Impfgegner zweifeln an der Wirksamkeit der Impfung oder befürchten fatale Nebenwirkungen – beispielsweise Autismus. Manche sehen Masern als harmlose Kinderkrankheit, die zur normalen Entwicklung gehöre oder diese sogar fördere. Hier eine Übersicht über die wichtigsten Masern-Mythen: 

Masern sind harmlos

Wer in der ersten Hälfte der Sechzigerjahre oder früher geboren wurde, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kontakt mit Masernviren gekommen. Da sie selbst die Masern heil überstanden haben, glauben viele Eltern, die Krankheit sei harmlos. Sie beginnt mit Husten und einer Augenentzündung; dann kommen Fieber und rote Flecken im Gesicht und auf dem ganzen Körper hinzu. Nach einigen Tagen klingen die Symptome ab. In ungefähr neun von zehn Fällen nimmt die Krankheit tatsächlich keinen schlimmeren Verlauf. 

Doch das bedeutet keineswegs, dass Masern harmlos sind. Es besteht das Risiko schwerwiegender Komplikationen wie Lungen- und Gehirnentzündung. Letztere tritt bei rund einem von 1000 Kindern auf, die an Masern erkranken. Diese Masern-Enzephalitis führt häufig zu bleibenden Hirnschäden oder gar zum Tod. Auch der Verlust des Gehörs kann zu den Folgen gehören. Laut Schätzungen des BAG käme es in der Schweiz ohne Impfschutz zu etwa 70'000 Erkrankungen und zu 15 bis 40 Todesfällen pro Jahr. 

Die Impfung ist riskant

Keine Impfung ist ohne Risiko. Sie «trainiert» ja das Immunsystem, das mit einer mehr oder weniger heftigen Immunantwort reagiert. Bei der kombinierten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) kann nach fünf bis zwölf Tagen Fieber auftreten, das zwei bis drei Tage dauert. Auch ein vorübergehender Ausschlag ist möglich. 

Sehr viel seltener sind dagegen schwerwiegende Reaktionen wie eine Hirnhautentzündung. Sie tritt in etwa einem von einer Million Fällen auf – also etwa 1000-mal seltener als bei der Erkrankung selbst (siehe Punkt 1). Ebenfalls sehr selten – bei einem von 40'000 geimpften Kindern – ist die erworbene Thrombozytopenie (ITP), bei der die Blutgerinnungsfunktion des Körpers gestört ist. Diese Autoimmunkrankheit, die normalerweise nicht lebensbedrohlich ist, kann auch als Folge der Masern selbst auftreten. Sie bildet sich in der Regel nach einigen Wochen bis Monaten auch ohne Therapie wieder vollständig zurück. 

Die Impfung verursacht Autismus

Es ist fast 20 Jahre her, seit ein britischer Wissenschaftler die Mär in die Welt setzte, der Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) könne Autismus auslösen. 1998 publizierte Andrew Wakefield eine Studie im angesehenen Fachblatt «The Lancet», in der er einen Zusammenhang zwischen der Krankheit und der Impfung postulierte. Seither hält sich dieses Gerücht hartnäckig und wird immer wieder von Impfgegnern ins Feld geführt. Es lebt davon, dass die Zahl der Autismus-Fälle in den USA tatsächlich zugenommen hat. Die Menschen sind verunsichert; in Grossbritannien brach die Impfrate drastisch ein.

Doch keine einzige seriöse Studie konnte Wakefields Befund reproduzieren. «The Lancet» zog seinen Aufsatz als «komplett falsch» zurück, 2008 wurde ihm sogar wegen wissenschaftlicher Unehrlichkeit die Approbation entzogen – Wakefield hatte seine Daten gefälscht. Heute gilt als nachgewiesen, dass das Risiko, nach einer MMR-Impfung an Autismus, Asthma, Multipler Sklerose, Diabetes oder Morbus Crohn zu erkranken, nicht erhöht ist. Doch der Schaden ist angerichtet: In den USA ist jeder fünfte junge Erwachsene fest von Wakefields Gerücht überzeugt. Auch US-Präsident Trump glaubt daran, wie dieses Video aus dem Wahlkampf zeigt: 

Impfstoffe enthalten gefährliche Chemikalien

Impfstoffe sind komplex zusammengesetzte Cocktails. Einige enthalten tatsächlich Chemikalien wie Formaldehyd, Phenol und auch Aluminium oder Quecksilber. Sie dienen zum Beispiel dazu, Impferreger abzutöten (Formaldehyd), die Immunantwort zu verstärken (Aluminiumhydroxid) oder den Impfstoff haltbar zu machen (Phenol). 

Was gefährlich klingt, ist in Wahrheit aber harmlos: Die Mengen sind derart gering, dass wir über verschiedene Nahrungsmittel deutlich mehr davon aufnehmen. So konnte auch der Verdacht, das queck­silber­haltige Konservierungsmittel «Thiomersal» fördere Autismus, nicht erhärtet werden. Dennoch sind heute für alle generell empfohlenen Impfungen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar. 

Wer die Masern durchmacht, macht einen Entwicklungssprung

«Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.» Manche Impfgegner sind der Meinung, eine überstandene Infektionskrankheit härte Kinder gewissermassen ab. Manche Eltern wollen bei ihren Kindern sogar einen Entwicklungssprung nach einer durchstandenen Krankheit beobachten. Sie vertreten die These, Kinderkrankheiten seien für die normale Entwicklung der Kinder förderlich – und Impfungen verzögerten diese.

Bisher hat jedoch keine wissenschaftliche Studie nachweisen können, dass ungeimpfte Kinder einen geistigen oder körperlichen Entwicklungsvorsprung auf geimpfte besitzen. Zynisch wird das Argument übrigens spätestens dann, wenn ein Kind an einer Krankheit stirbt, die es geimpft gar nicht bekommen hätte. 

Impfungen lösen die Krankheiten aus, vor denen sie schützen sollen

Dies ist ein weiteres beliebtes Argument von Impfgegnern – aber es trifft nicht zu. Hintergrund ist die Tatsache, dass manche Impfstoffe – jene, die abgeschwächte, noch lebende Erreger enthalten – Symptome hervorrufen, die jenen der Krankheit ähneln. Der Masern-Impfstoff gehört dazu; er enthält ein abgeschwächtes, aber noch vermehrungsfähiges Virus.

Aus diesem Grund bekommen etwa fünf Prozent der Geimpften nach rund einer Woche einen Hautausschlag und Fieber, die sogenannten «Impfmasern». Nur in extremen Ausnahmefällen tritt auch eine Masern-Enzephalitis auf – und dann oft bei Menschen, die zum Beispiel wegen einer Erkrankung des Immunsystems gar nicht hätten geimpft werden dürfen. 

Der Nestschutz durch die Mutter ist ausreichend

Bereits vor der Geburt übertragen Schwangere Antikörper über den Blutkreislauf auf das Ungeborene. Nach der Geburt erhält das Baby Abwehrstoffe mit der Muttermilch – dieser sogenannte Nestschutz besteht allerdings nicht bei allen Infektionskrankheiten und überdies nur in den ersten Lebensmonaten. 

Bei den Masern bewirkt das Stillen keinen Nestschutz. Die bereits im Mutterleib übertragenen Abwehrstoffe schützen den Säugling jedoch für eine gewisse Zeit vor den Masern – wobei die Dauer des Nestschutzes bei gegen Masern geimpften Müttern mit bis zu sechs Monaten kürzer ist als bei Müttern, die die Masern selbst hatten. Bei diesen dauert er maximal zehn Monate. Bei Diphtherie und Tetanus hingegen besteht Nestschutz nur bei jenen Müttern, die gegen diese Krankheiten geimpft wurden. 

Masern-Ausbruch in Amerika

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Masern-Ausbruch in Amerika
quelle: ap/ap / damian dovarganes
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Man kann trotz Impfung erkranken

Es gibt keine absolute Sicherheit. Das gilt auch für Impfungen. Kein Impfstoff kann alle Geimpften vollumfänglich schützen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie stark eine Impfung das statistische Erkrankungsrisiko senken kann. Bei der Masern-Impfung ist dieser Wirkungsgrad sehr hoch: Von einer geimpften Population erkranken im Schnitt nur zwei bis drei Prozent. Ohne Impfschutz sind es dagegen nicht weniger als 97 bis 98 Prozent, denn die Masern sind hoch ansteckend. 

Damit die Masernimpfung wirkt, müssen zwei Impfdosen verabreicht werden, da viele Menschen auf die erste Impfung nicht ansprechen und die Antikörper gegen die Masernviren erst nach der zweiten Dosis enwickeln. Die erste Dosis sollte im Alter von zwölf Monaten erfolgen, die zweite zwischen 15 und 24 Monaten, frühestens aber einen Monat nach der ersten. 

Pharmamultis wollen mit Impfungen nur Geld machen

Die Pharmaindustrie hat keine sehr gute Presse – nicht wenige Leute trauen dieser Branche jede Schandtat zu. Dass Unternehmen mit ihren Produkten Geld verdienen wollen, ist allerdings legitim und wird bei vielen anderen Branchen auch nicht beanstandet. Dazu kommt, dass für die Pharma-Unternehmen das Geschäft mit Medikamenten bedeutend attraktiver ist als jenes mit Impfstoffen. 

Die Herstellung von Impfstoffen ist zum einen komplexer und teurer als die Produktion von Arzneimitteln. Zum andern kommt es bei Medikamenten häufig vor, dass sie über längere Zeit – manchmal lebenslang – eingenommen werden müssen, während dies bei Impfstoffen nicht der Fall ist. All dies führt dazu, dass das Geschäft mit Impfstoffen für die Pharmariesen eher ein Nischenmarkt ist. 2011 machten die Ausgaben für Impfstoffe in Deutschland nur 3,58 Prozent der von den Krankenkassen übernommenen Gesamtausgaben für Arzneimittel aus. 

Und hier ein Rat an alle Impfgegner: Benutzt euer Gehirn!

Video: watson/Luki Bünger, Emily Engkent

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