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epaselect epa08154528 A cyclist crosses an empty street in Wuhan City, Hubei Province, China, 23 January 2020. The streets of Wuhan are empty after authorities imposed a complete travel ban on residents of Wuhan 23 January in an effort to contain the spread of the coronavirus. Two more Chinese cities, Huanggang and Ezhou have been locked down as well affecting millions of people. The outbreak of the coronavirus has so far claimed 17 lives and infected more than 550 others, according to media reports.  EPA/STRINGER CHINA OUT

Leere Strasse in Wuhan, Februar 2020. Bild: EPA

Wie effizient ein Lockdown das Virus bremst, zeigt das Beispiel China



Das Coronavirus breitet sich aus, in der Schweiz steigen die Fallzahlen steil an. Mehrere Schweizer Kantone haben bereits den Notstand erklärt. Appelle an die Bevölkerung, möglichst zuhause zu bleiben, scheinen indes nicht volle Wirkung zu entfalten. Dabei ist gerade dies enorm wichtig – wie uns das Beispiel Chinas zeigt, wo das Virus zuerst auftrat.

>>> Die Entwicklung im Liveticker

China war also zuerst mit dem neuen Erreger konfrontiert. Der Ausbruch fand in Wuhan in der Provinz Hubei statt. Dort kam es zu einem extremen Anstieg der Infektionen – nicht aber in den anderen chinesischen Provinzen. Warum?

Die Antwort gibt eine – noch nicht durch Fachleute überprüfte – Studie der Universität Harvard, die Wuhan mit Guangzhou vergleicht. Beide chinesischen Städte reagierten mit massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf das Auftreten des Coronavirus. Der Unterschied liegt jedoch im Zeitpunkt, zu dem sie dies taten. Die Studie zeigt, welch enormen Einfluss rechtzeitig ergriffene Massnahmen auf die Verbreitung des Virus hatten.

Guangzhou, Kanton, China

Guangzhou liegt in Südchina. Die Metropole hat über 14 Millionen Einwohner. Bild: Shutterstock

In Wuhan trat das neuartige Virus im Dezember erstmals in Erscheinung (der erste Fall konnte später auf den 17. November zurückverfolgt werden). Die Behörden konnten oder wollten allerdings erst nach mehreren Wochen erkennen, womit sie es zu tun hatten. Es dauerte bis zum 23. Januar, bis sie weitgehende Massnahmen ergriffen; zuerst wurde Wuhan abgeriegelt, dann nahezu die gesamte Provinz Hubei unter Quarantäne gestellt. Zu diesem Zeitpunkt belief sich die Zahl der täglich neu festgestellten Fälle in der 11-Millionen-Stadt auf rund 400.

Grafik: Bestätigte Fälle nach Beginn der Infektion und nach Diagnosestellung in der Provinz Hubei.
https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2762130

Die Zahl der bestätigten Fälle in Hubei nach Beginn der Symptome (blaugraue Säulen) und Diagnosestellung (gelbe Säulen). Als Wuhan abgeriegelt wurde, registrierten die Behörden in Hubei täglich etwa 400 neue Fälle. In Wirklichkeit waren es aber 2500 Neuinfektionen, von denen die Behörden jedoch nichts wussten. Diagramm: Wu & McCoogan in JAMA (2020)

In Guangzhou dagegen verhängten die Behörden die Restriktionen bereits eine knappe Woche nach dem ersten positiven Test in der Stadt – der erste Fall in Guangzhou trat am 19. Januar auf.

Bestätigte Coronavirus-Fälle in China (ohne Hubei), Südkorea, Italien und im Iran.
https://medium.com/@tomaspueyo/coronavirus-act-today-or-people-will-die-f4d3d9cd99ca

Anstieg der Coronavirus-Fälle in den chinesischen Provinzen (ohne Hubei), in Südkorea, Italien und im Iran. Ausserhalb von Hubei verlief die Kurve in allen chinesischen Provinzen (inklusive der Provinz Guangdong, in der Guangzhou liegt) erstaunlich flach – was der Vergleich mit anderen Ländern verdeutlicht. Diagramm: Tomas Pueyo / Johns Hopkins University

Die unterschiedliche Verbreitung des Virus in den beiden Städten zeigt sich in den Fallzahlen: Zwischen dem 10. Januar und dem 29. Februar lagen in Wuhan im Durchschnitt jeden Tag 637 Corona-Patienten auf einer Intensivstation und 3454 in allgemeiner Spitalpflege. Während des Höhepunkts der Epidemie lagen jeden Tag im Schnitt 19'425 Corona-Patienten im Krankenhaus, von denen 9689 schwer erkrankt waren und 2087 auf der Intensivstation lagen.

In Guangzhou indes benötigten zwischen dem 24. Januar und dem 29. Februar im Schnitt 9 Patienten pro Tag intensive Pflege, 20 weitere Patienten lagen in der allgemeinen Abteilung. Als der Ausbruch seinen Höhepunkt erreichte, waren es täglich 38 Schwererkrankte und 15 Patienten auf der Intensivstation.

Animiertes Virus

Die «Washington Post» hat eine Reihe von Animationen erstellt, die die Ausbreitung eines Virus unter verschiedenen Umständen bildhaft darstellen. Sie zeigen eindrücklich, welchen Effekt es hat, wenn die Mehrzahl der Leute während einer Pandemie zuhause bleibt.
>>> Zum Artikel

Hier ein Beispiel: Ansteckungsverlauf bei «Social Distancing»

Video: extern / rest/Washington Post

Extrem unterschiedliche Mortalität

Die Fallsterblichkeit lag in Wuhan bei etwa 4,5 Prozent aller Corona-Patienten. In Guangzhou waren es lediglich ca. 0,8 Prozent. Der Grund für diese massive Diskrepanz liegt gemäss der Studie darin, dass die Spitäler in Wuhan extrem überlastet waren, was dazu führte, dass Patienten nicht zum richtigen Zeitpunkt die Pflege erhielten, die sie benötigten. Zudem waren auch bei vielen Patienten, die an sich gepflegt werden konnten, die nötigen Mittel – beispielsweise Beatmungsgeräte – nicht vorhanden.

Das überlastete Gesundheitswesen in Wuhan dürfte laut der Studie nicht nur für die höhere Zahl der Toten verantwortlich sein, sondern vermutlich auch für einen Anstieg der Ansteckungen. Da zahlreiche Leute für ihre erkrankten Angehörigen kein Spitalbett fanden, fuhren sie mit ihnen auf der Suche nach einem Krankenhaus, das noch Platz hatte, in der Stadt herum – und verbreiteten so das Virus weiter.

Die Hauptgefahr, die vom Virus und von der von ihm verursachten Krankheit ausgeht, ist nach den Erfahrungen in China die Überlastung des Gesundheitswesens. Aus diesem Grund ist es so wichtig, die Anzahl der Ansteckungen so niedrig wie möglich zu halten – und damit auch die Anzahl der Patienten, die Spitalpflege benötigen.

Zum Vergleich: Der erste bestätigte Fall in der Schweiz trat am 25. Februar auf. Hätten die Schweizer Behörden wie jene in Guangzhou eine knappe Woche danach kompromisslose Restriktionen verhängt, hätte sich das Virus in der Schweiz höchstwahrscheinlich nicht so schnell verbreiten können.

Spanische Grippe als Beispiel

Selbstredend bestimmen noch weitere Faktoren den Verlauf der Pandemie in einem Land; dazu zählen harte Fakten wie etwa die Anzahl der verfügbaren Spitalbetten, aber auch «weiche Faktoren» – etwa, ob man sich öfter berührt, wie schnell man üblicherweise zum Arzt geht und dergleichen. Dessen ungeachtet zeigt die Studie sehr deutlich, dass es bei der Eindämmung der Pandemie enorm wichtig ist, die Kontakthäufigkeit in der Bevölkerung und damit die Zahl der Ansteckungen zu vermindern.

Ein Beispiel, das dies illustriert, ist der Verlauf der Spanischen Grippe, die 1918 rund um den Globus Millionen von Toten forderte. Damals war die rechtzeitige Schliessung von Schulen einer der bestimmenden Faktoren, die den Verlauf der Pandemie an einem Ort beeinflussten.

Unterschiedlicher Verlauf der Spanischen Grippe 1918 in Philadelphia und St. Louis. 
https://www.pnas.org/content/104/18/7582#F1

Die unterschiedliche Todesrate der Spanischen Grippe in Philadelphia und St. Louis beruht im Wesentlichen darauf, dass Philadelphia die Schulen nicht rechtzeitig schloss. Diagramm: PNAS.org

Spanische Grippe – die Mutter aller Pandemien

Epidemiologen sind sich dieser Zusammenhänge bewusst. Es ist daher kein Wunder, dass dieser Experte uns beinahe flehentlich dazu aufruft, zuhause zu bleiben:

«Bleiben Sie zuhause»: Unispital-Prof erklärt zusammengefasst, was jetzt angesagt ist

Video: watson/lbe

(dhr)

Wegen Coronavirus sind in Italien Schulen geschlossen

Video: srf/SRF

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