Wirtschaft
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Walmart, der grösste Detailhändler der Welt, zeigt sich LGBTQ-freundlich — und zahlt trotz Milliardengewinnen weiterhin Tiefstlöhne. 
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Walmart, der grösste Detailhändler der Welt, zeigt sich LGBTQ-freundlich – und zahlt trotz Milliardengewinnen weiterhin Tiefstlöhne. Bild: Twitter

Analyse

Konzerne geben sich heute gern idealistisch – aber was zählt, ist etwas anderes

Grosskonzerne geben sich gerne fortschrittlich, treiben materielle Unterdrückung aber weiter voran.

Marko Kovic



«The business of business is business.»

Mit diesem berühmten Diktum fasste Milton Friedman, einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, seine ablehnende Haltung gegenüber der Idee «sozialer Verantwortung» von Unternehmen zusammen. Die einzige Verantwortung von Unternehmen, so Friedman, bestehe darin, unternehmerisch erfolgreich zu sein und Profite zu erwirtschaften.

Wäre Friedman heute noch am Leben, er würde sich aus Frust wohl die Haare raufen. Es ist mittlerweile nämlich längst nicht mehr akzeptabel, dass grosse Unternehmen nur ihrem Geschäft nachgehen und ansonsten ein moralisch unbeschriebenes Blatt bleiben. Der gesellschaftliche Zeitgeist diktiert, dass Unternehmen heute klar Position beziehen müssen, wenn es um brennende moralische Probleme geht. Ein Grosskonzern, der sich nicht gegen jegliche Form von Diskriminierung – aufgrund des Geschlechts, der Hautfarbe, der Herkunft, der Religion, und so fort – ausspricht und bemüht, ist heute praktisch undenkbar.

Marko Kovic

Bild: zVg

Marko Kovic
denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und Technologie-bezogenen Risiken. Zu hören ist er im Podcast Das Monokel.
kovic.ch

In dieser Dynamik sind grosse Unternehmen aber nicht die Opfer. Im Gegenteil: Grosskonzerne betonen mit Stolz und Nachdruck, wie wichtig ihnen der Kampf gegen Diskriminierung und die Gleichstellung aller Menschen sind. So hat zum Beispiel Jeff Bezos, der Chef von Amazon und reichster Mensch der Welt, öffentlich und mit klaren Worten einen Kunden in den Senkel gestellt, der sich daran störte, dass Amazon die «Black-Lives-Matter»-Bewegung unterstützt.

epa05446910 (FILE) A file photograph showing owner of the Washington Post and founder of Amazon, Jeff Bezos, delivering remarks at an event celebrating the new location of the Washington Post in Washington, DC, USA, 28 January 2016. US media business communicator Forbes reports on 29 July 2016 that Jeff Bezos, is the world's third richest person.  EPA/MICHAEL REYNOLDS *** Local Caption *** 52558235

Jeff Bezos. Bild: EPA/EPA FILE

Das grösste Detailhandelsunternehmen der Welt, Walmart, verkündet mittlerweile klar und deutlich, dass Walmart ein treuer Verbündeter der LGBTQ-Community ist. Und Google, einer der grössten der Internet-Giganten, veröffentlicht einen jährlichen Diversity Report, in dem sich u.a. die (schwarze) Chief Diversity Officer von Google zu Wort meldet.

So weit, so wunderbar: Dass sich Grosskonzerne aktiv für moralische Belange einsetzen und dafür sorgen, dass es in ihnen als Organisationen wie auch in der gesamten Gesellschaft weniger Diskriminierung und Ausgrenzung gibt, ist schön. Zumindest, bis man beginnt, an dieser auf moralischen Hochglanz polierten Oberfläche zu kratzen. Amazon unterstützt zwar die «Black-Lives-Matter»-Bewegung, aber Amazon hat inmitten der Coronavirus-Pandemie einen schwarzen Lagermitarbeiter entlassen und als unintelligent denunziert, weil er die Arbeiterinnen und Arbeiter im Lager gewerkschaftlich organisieren wollte, um Amazon dazu zu bewegen, bessere Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus einzuführen.

Walmart setzt sich für die LGBTQ-Community und LGBTQ-Rechte ein, beschäftigt aber weitgehend Teilzeitangestellte und Stundenlöhner, die so wenig verdienen, dass sie auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, um jeden Monat genug Essen auf den Tisch zu bringen. Und Google zelebriert zwar Diversität, entlässt aber gleichzeitig auch Mitarbeitende, die es wagen, Googles langjährige Anti-Gewerkschafts-Haltung zu hinterfragen; unter den in jüngerer Vergangenheit Entlassenen ist auch eine Trans-Frau.

Etwas ist faul im Staate Dänemark. Viele Unternehmen üben sich heutzutage mit überbordender Theatralik in moralischer «Wokeness» und ernten dafür Sympathiepunkte  – doch fragwürdige Geschäftspraktiken und kapitalistische Machtstrukturen bleiben unangetastet. Gleichheit und Diversität dienen Grosskonzernen als moralische Fassade, um Fortschrittlichkeit zu signalisieren, aber tatsächliche materielle Verbesserung bleibt dabei auf der Strecke.

Das Wechselspiel sozialer Diskriminierung und wirtschaftlicher Ausbeutung

Im Alltagsdiskurs über die Unterdrückung und Diskriminierung benachteiligter Gruppen reden wir meistens über formale Gesetze und informelle Praktiken und Symbole. Zum Beispiel können Menschen mit brauner Haut sowohl gesetzlich (etwa in den Apartheid-Regimen in Südafrika und den US-amerikanischen Südstaaten im 20. Jahrhundert) als auch informell (etwa in Form falscher und verletzender Stereotype) als minderwertig behandelt werden.

Doch Diskriminierung und Unterdrückung finden so gut wie immer auch auf einer weiteren Dimension statt: den ökonomischen, materiellen Bedingungen von Individuen und Gruppen. Das bedeutet ganz konkret, dass benachteiligte Menschen über weniger Geld und Vermögen verfügen und auch weniger Aussicht auf eine Besserung ihrer ökonomischen Situation haben.

Das Argument, dass Benachteiligung dann und nur dann vollständig erfasst und verstanden werden kann, wenn auch ökonomische Benachteiligung mitgedacht wird, ist eine Kernthese der sogenannten Intersektionalität. Intersektionalität ist die soziologische Ansicht, dass es unterschiedliche Formen von Diskriminierung gibt, welche sich überschneiden können. Die intersektionale Perspektive entstand nicht zuletzt als eine Form von Kritik am Feminismus des 20. Jahrhunderts, bei dem die Erfahrungen und Anliegen weisser, materiell gut gestellter Frauen gegenüber den Anliegen anderer Gruppen und vor allem tieferer sozioökonomischer Klassen überproportional stark vertreten waren.

Bei einem genaueren Blick auf Diskriminierung und Unterdrückung zeigt sich , dass die ökonomische Dimension meistens eine Rolle spielt, oft sehr prominent ist, nicht selten gar dominant. Das traurige Paradebeispiel hierfür ist Sklaverei. Sklaverei war nicht bloss rassistisch, sondern auch, oder vielleicht in erster Linie, ökonomisch motiviert. So bemerkte bereits Karl Marx in seiner Schrift «Das Elend der Philosophie» von 1847, dass die damalige Sklaverei ein wichtiges kapitalistisches Werkzeug sei:

«Die direkte Sklaverei ist der Angelpunkt der bürgerlichen Industrie, ebenso wie die Maschinen etc. Ohne Sklaverei keine Baumwolle; ohne Baumwolle keine moderne Industrie. Nur die Sklaverei hat den Kolonien ihren Wert gegeben; die Kolonien haben den Welthandel geschaffen; und der Welthandel ist die Bedingung der Grossindustrie. So ist die Sklaverei eine ökonomische Kategorie von der höchsten Wichtigkeit.»

--- ARCHIVE --- KARL MARX, VOR 200 JAHREN AM 14. MAI 1818 IN TRIER GEBOREN, WURDE ZUSAMMEN MIT FRIEDRICH ENGELS ZUM EINFLUSSREICHSTEN THEORETIKER DES SOZIALISMUS UND KOMMUNISMUS. ZU DIESEM ANLASS STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- MILESTONES KATALOG - Portrait of Karl Marx (1818-1883), Philosoph, Revolutionaer und Begruender des Marxismus, undatierte Aufnahme.  (KEYSTONE/IBA-Archiv/Str)

Karl Marx. Bild: IBA-ARCHIV

Der Historiker Walter Johnson beschreibt amerikanische Sklaverei in seinem Buch «The Broken Heart of America» als eine in erster Linie kapitalistische oder kapitalistisch motivierte Ausbeutung von Arbeitskraft, für die Rassismus eine Art perverse Rechtfertigung darstellte. Rassismus als ein Sammelbecken diskriminierender, unterdrückender Überzeugungen war demgemäss real und menschenverachtend, aber nicht der ursprüngliche Grund für Sklaverei. Sklaverei gab es, um ökonomischen Mehrwert zu generieren, indem Arbeiterinnen und Arbeiter ausgebeutet werden; Rassismus war das hässliche moralische Feigenblatt, um diese wirtschaftliche Ausbeutung auf eine perverse Art alltagstauglich zu machen.

Die Kulturforscherin Barbara Foley beschreibt die Rolle ökonomischer Ausbeutung als ein ganz allgemein wichtiges Motiv, um unterschiedliche Formen der Diskriminierung zu verstehen. Zum Beispiel ist die Unterdrückung von Frauen nicht einfach Sexismus, sondern auch sehr zentral ökonomisch gesteuert; sei es durch die grossen Mengen an unbezahlter Arbeit, die Frauen leisten (müssen), oder auch durch Lohndiskriminierung auf dem bezahlten Arbeitsmarkt. Ganz ähnlich sieht es auch mit schlechter gestellten ethnischen oder kulturellen Gruppen aus: Zwar gibt es reichlich formale und symbolische Diskriminierung gegen solche Gruppen, aber eine zentrale Lebenserfahrung vieler Menschen in benachteiligten Gruppen sind ihre überproportional prekären ökonomischen Verhältnisse.

Der Umstand beispielsweise, dass in den USA Menschen mit brauner Haut viel häufiger Tiefstlohnjobs haben, von denen sie nicht leben können, mag teilweise direkt rassistisch motiviert sein, aber im Kern handelt es sich um eine Form der ökonomischen Ausbeutung. Das kapitalistische Wirtschaftssystem schafft solche Tiefstlohnjobs, und die überproportionale Zugehörigkeit benachteiligter Gruppen zu dieser Form des wirtschaftlichen Prekariats ist eine Art Teufelskreis. Ein Kind, das in prekäre ökonomische Verhältnisse hineingeboren wird, hat viel schlechtere Aussichten auf gute ökonomische Verhältnisse im Erwachsenenleben als ein Kind, das in gute ökonomische Verhältnisse hineingeboren wird. Die Idee, dass wir in einer Leistungsgesellschaft lebten, in der alle die gleichen Chancen auf Erfolg haben und aufsteigen können, ist weitgehend ein Mythos.

Woke-washing und Identitäspolitik: Ein öffentlichkeitswirksamer Anstrich von Moral

Wenn wir ernsthaft um Diskriminierung und Unterdrückung besorgt sind, müssen wir also auch ökonomische Diskriminierung und Unterdrückung mitdenken. Doch genau dies fehlt beim theatralischen «Woke Capital», wie der Kolumnist Ross Douthal den moralischen Aktivismus von Grossunternehmen nennt, im Grunde komplett. Grosskonzerne und ihre Eigentümer folgen nach wie vor kapitalistischen Interessen und sind nicht daran interessiert, an den tatsächlichen materiellen Bedingungen benachteiligter Menschen und Gruppen etwas zu verändern, weil das eben ihre eigenen Interessen und ihre Macht in Frage stellen könnte. Sie zelebrieren stattdessen die sogenannte Identitätspolitik, bei der ökonomische Diskriminierung und Klassenunterschiede komplett ignoriert werden – und ernten von der Gesellschaft dafür tosenden Applaus.

Dieses kapitalistische Mitschwimmen auf den moralischen Wellen in der Gesellschaft ist nicht etwas grundsätzlich Neues. Seit Jahrzehnten präsentieren sich grosse Unternehmen beispielsweise gerne als «grün» und umweltfreundlich, um dadurch in der Öffentlichkeit Sympathiepunkte einzuheimsen. Im Zuge der Debatten rund um Klimawandel hat sich diese als «Greenwashing» bekannte Praktik nochmals intensiviert; heutzutage ist es fast schon ungewöhnlich, wenn ein grosses Unternehmen nicht öffentlich betont, wie wichtig Umwelt- und Klimaschutz dem Unternehmen sei. Diese Form der PR wird im Kontext von Diskriminierung und Ungleichheit bisweilen als «Woke-washing» bezeichnet, in Anlehnung an «Greenwashing»: Plakative, öffentlichkeitswirksame Sympathiebekundungen für benachteiligte Menschen und Gruppen.

Mit ihrer «Wokeness» beziehen Unternehmen nicht nur Stellung zu moralischen Fragen, sondern positionieren sich bisweilen auch direkt als Teile einer sozialen Bewegung, wie die Rechtsprofessorin Jennifer Fan beschreibt. Sie geben nicht nur ein PR-Statement ab, sondern bewirtschaften die jeweilige «Woke»-Thematik anhaltend und engagieren sich dabei auch nach aussen, etwa durch grosszügige Spenden an Nonprofit-Organisationen. Indem sich Unternehmen als regelrechte Mitstreiter für die gute Sache präsentieren, wird das öffentliche Bild der Unternehmen nachhaltig geprägt.

Und der sogenannte Halo-Effekt (Heiligenschein-Effekt) schlägt voll ein: Indem sich Unternehmen zu einem Thema als moralisch bedacht präsentieren, werden die Unternehmen ganz allgemein als gut wahrgenommen. Das bedeutet konkret, dass wir als Konsumentinnen und Konsumenten eher die Joghurtmarke X kaufen, wenn wir das Gefühl haben, dass der Joghurthersteller X ein moralisch gutes Unternehmen ist, das sich für wichtige Anliegen engagiert. «Woke» zu sein ist gut fürs Kässeli.

Wahrer Fortschritt bedeutet bessere materielle Bedingungen

Wir sollten alle mit guten moralischen Gründen gegen jede Form von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit sein. Doch gegenüber dem Phänomen des «Woke»-Kapitalismus ist eine kritische Haltung angebracht.

Wenn grosse Unternehmen Gleichstellung und Fortschritt zelebrieren, dabei aber einen zentralen Treiber und eine zentrale Konsequenz von Diskriminierung – ökonomische Ausbeutung – ignorieren, ist Vorsicht geboten. Nicht zuletzt, weil die kapitalistische Lesart von «Wokeness» durchaus ein Ausdruck des allgemeinen Zeitgeistes ist: Weniger Diskriminierung stellen wir gleich mit mehr Diversität und mehr Repräsentation benachteiligter Gruppen. Das ist für sich genommen schön und gut, aber Unterdrückung ist nicht gelöst, wenn unter den Unterdrückenden mehr Frauen oder mehr Menschen mit brauner Haut oder mehr Menschen aus der LGBTQ-Community sind. Unterdrückung wirklich zu bekämpfen bedeutet, die materiellen Bedingungen für die Unterdrückten nachhaltig zu verbessern.

Darum dürfen wir den «Woke»-Kapitalisten und ihrer Theatralik nicht auf den Leim gehen. Grossunternehmen und ihre Eigentümer haben kein Interesse daran, an den strukturellen Umständen, welche ihnen zu ihrer Macht verholfen haben, etwas zu verändern. Doch genau das ist allzu oft der eigentliche Kern des Problems.

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