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Warum du auf einer Internetseite mit der Endung .kinder kaum je etwas über Erziehung oder Spielzeug erfahren wirst

Es ist soweit: Die Internetadresse mit der Endung .kinder gehört dem Süssigkeiten-Konzern Ferrero. Es ist Kinderschützern und Behörden nicht gelungen, das zu verhindern.

stefan mey



Darauf hatten viele gewartet: Für schlappe 185'000 US-Dollar konnte sich im Jahr 2012 jeder um eine frei gewählte Internet-Endung bewerben, in der Techie-Sprache «Top Level Domain» genannt. Die Endungen werden vergeben von der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), einer Art globaler Netz-Behörde.

Mittlerweile gibt es Geo-Endungen wie .zuerich, Branchen-Kategorien wie .reise, Endungen wie .yoga, .lgbt oder .kosher sowie das fiese .sucks.

Und dann gibt es noch eine ganz eigene Klasse: Marken-Endungen. Während in normalen Fällen tendenziell jeder eine Adresse registrieren darf, ist das hier nicht möglich.

Diese speziellen Top Level Domains sind exklusiver Hoheitsraum ihrer Besitzer. 2013 gingen knapp 2000 Bewerbungen um 1400 verschiedene Endungen ein. 643 davon wollten Marken-Endungen werden.

.swatch und .ubs sind vergeben

Auch Schweizer Firmen waren interessiert, besonders der Nobelkonzern Richemont. Dieser verfügt über eigene Top Level Domains für seine Luxusgüter .montblanc oder .cartier. Auch Konzerne wie Swatch und die UBS haben sich Domains gesichert, wie .swatch, .omega oder .ubs.

Dass auf .ubs ausschliesslich die Schweizer Grossbank ihre Dienstleistungen anpreisen darf, wird kaum einen stören. Heikel wird es allerdings, wenn Marken Begriffe verwenden, die auch Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs sind.

.swiss war ein solcher Streitfall: Die Fluglinie hatte die Top Level Domain für eigene Marken-Zwecke beantragt. Die Schweizer Eidgenossenschaft allerdings wollte daraus eine allgemein verfügbare Endung für Schweizer Bürger und Unternehmen machen. Der Bundesrat machte Ärger, die Fluglinie zog die Bewerbung zurück. .swiss ist mittlerweile als staatliche Schweizer Endung gestartet.

Kaum ausserhalb von Fachkreisen bekannt

In Deutschland ist der zweite grosse Streitfall am kochen: Seit Mitte Oktober steht .kinder im Netz. Die ICANN hatte die Endung niemand anderem als dem Schoko-Konzern Ferrero als Marken-Endung zugesprochen. Das heisst: Nur Ferrero mit seinen Tochterunternehmen oder Markenlizenznehmern ist berechtigt, die .kinder-Adresse zu nutzen.

Dahinter steckt eine Reihe von Versäumnissen – sowie viel Unwissen: Gegen die Endungen konnte zwar fast ein Jahr lang Einspruch erhoben werden. Zu .kinder gab es genau keine Einsprüche.

Zivilgesellschaftliche Organisationen wussten nichts von den komplizierten Vorgängen bei der Internetverwaltung, die eh kaum ausserhalb von Fachkreisen beachtet wurden. Und die besser informierten deutschsprachigen Regierungen hatten den Fall verpennt oder fahrlässig ignoriert.

Der (zu) späte Kampf gegen die Ferrero-Pläne

Nachdem das Ferrero-Vorhaben im Sommer letzten Jahres bekannt geworden war, gingen dann doch die Proteste los. Ekkehard Mutschler, Medienbeauftragter des Deutschen Kinderschutzbundes, schrieb Briefe an die ICANN, an Ferrero, an UNICEF und die Kinderkommission des Deutschen Bundestags.

Im Dezember 2014 wendete sich schliesslich das deutsche Familienministerium an die ICANN, «keine Vergabeentscheidung zu treffen, die eine exklusive Verwendung so bedeutender generischer Begriffe wie ‹Kinder› durch einzelne Konzerne möglich macht.»

Das Ministerium blitzte allerdings bei der ICANN ab. Zurzeit sammelt der Deutsche Kinderschutzbund Kooperationspartner gegen das Vorhaben von Ferrero. Mit diesem Bündnis im Rücken will er sich in den nächsten Wochen bei Ferrero melden.

Doch bereits zeigt sich, dass die Endung mit hoher Wahrscheinlichkeit für immer bei Ferrero bleiben wird. Die Verträge mit der ICANN laufen zwar vorerst nur über 10 Jahre, verlängern sich aber, wenn der Vertragspartner nicht allzu grossen Mist baut.

Was Ferrero mit der Endung genau vorhat, ist noch nicht bekannt.

Bald wird jede Marke ihre Endung haben

Auch bei den anderen Marken-Endungen gibt es viele Fragezeichen. Die Inhaber haben viel Geld in die Beantragung gesteckt, scheinen aber noch nicht zu wissen, was sie damit anfangen wollen. Viele sind bisher nur mit einer nichtssagenden Standardseite im Netz.

Sind die Marken-Endungen also nicht mehr als Luftnummern, die viel Geld gekostet haben, aber dann doch nicht genutzt werden? Philip Sheppard von der Brand Registry Group, müsste dazu eine Meinung haben. Der Chef der Interessensvertretung für Inhaber von Marken-Endungen, verneint.

Die Unternehmen würden sich gerade vorsichtig auf das noch unbekannte Terrain vortasten. Er glaubt aber, dass es bald dann doch richtig losgeht: «Es wird ein paar grosse Launches geben. Über die Zeit werden wir uns fragen, wieso nicht alle Marken ihre eigene Marken-Endung haben werden. Und irgendwann werden sie das auch.»

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