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Interview

«Bitcoins sind kein sinnvolles Geldsystem» – weil sie zuviel Strom verbrauchen

Oliver Gahr ist der Blockchain-Experte bei IBM. Er glaubt nicht an die Zukunft der Kryptowährungen. Aber er ist überzeugt, dass die Blockchain unsere Wirtschaft revolutionieren wird.
29.10.2016, 12:44

Die Blockchain-Technologie wird immer noch in Verbindung mit Bitcoins gebracht. Warum stimmt das so nicht?
Oliver Gahr: Die Macher von Bitcoins waren Pioniere in der Anwendung dieser Technologie, allerdings in eine sehr speziellen Art und Weise. Bitcoin ist eine so genannte Kryptowährung. Sie können nur innerhalb des Bitcoin-Systems Transaktionen machen, also innerhalb eines anonymen Netzwerkes.

«Die Energiekosten sind das grosse Problem für das Bitcoin-Netz.»

Geht es auch anders? Kann man die Blockchain auch als ein ausgeklügeltes Tauschsystem für alles Mögliche betrachten?
Ja, das kann man. Eine Blockchain hilft, alles was einen Wert hat, zu digitalisieren und so viel effizienter auszutauschen. Dank der Blockchain werden schriftliche Verträge, Abrechnungen, etc. überflüssig.  

Der Mann für die Blockchain bei IBM: Oliver Gahr.
Der Mann für die Blockchain bei IBM: Oliver Gahr.
bild: zvg

Bitocins sind so gesehen eine Sackgasse für die Blockchain-Technologie?
Bitcoin ist eine ganz bestimmte Variante der Anwendung einer Blockchain. Sie beruht auf einem speziellen Konsens, will heissen: Alle diese unbekannten Netzwerkteilnehmer müssen einer Transaktion zustimmen, bevor sie wirksam wird. Das braucht in der Bitcoin-Implementierung enorm Computerpower und somit auch viel Strom. Die Energiekosten sind denn auch das grosse Problem für das Bitcoin-Netz.

Blockchain brauchen viel Computer-Power.
Blockchain brauchen viel Computer-Power.
Bild: REUTERS

Sehen Sie eine Chance, dass sich Bitcoins zu einer globalen Währung entwickeln können, die das gesamte Bankensystem inklusive Zentralbanken überflüssig machen?
Nein. Bitoins sind wie erwähnt eine Kryptowährung in einem anonymen Netz. Damit kann man kein tragfähiges Netz für einen globalen Geldtransfer aufbauen. Für mich ist ein solches System auch nicht sinnvoll. Wenn ich mit jemanden einen Handel abschliesse, dann beruht das auf Vertrauen. Dieses Vertrauen muss auch digital abgebildet werden.

Die Blockchain werde alles verändern, lautet ihre These. Weshalb?
Im so genannten «Internet der Dinge» sehe ich ein sehr grosses Potenzial für die Blockchain. Alles, was einen Wert hat, kann mit dieser Technik einfach und schnell abgerechnet werden, und zwar so, dass es keine Zweifel mehr gibt. Oder nehmen Sie ein Entwicklungsland, in dem die Eigentumsrechte nur vage definiert sind. Solange sich die Menschen auf schriftliche Verträge verlassen müssen, können sie jederzeit alles verlieren. Ist dieses Recht jedoch in einer Blockchain festgehalten, dann ist das nicht mehr möglich. Sie lässt sich nicht mehr manipulieren.

Auch bei den Banken ein Thema: Ein Blockchain-Team der UBS.
Auch bei den Banken ein Thema: Ein Blockchain-Team der UBS.
Bild: HANNAH MCKAY/REUTERS

Die Finanzindustrie unternimmt grosse Anstrengungen in Sachen Blockchain. Sind Banken und Versicherungen tatsächlich an dieser Technologie interessiert – oder wollen sie eine für sie bedrohliche Entwicklung abwürgen?
Auch die Banken müssen sich der Digitalisierung stellen, mit allen Veränderungen, die damit verbunden sind. Dass sie auch versuchen, für sie unangenehme Entwicklungen zu bremsen, mag sein. Das ändert jedoch nichts daran, dass auch sie die grossen Vorteile der Blockchain-Technologie nutzen wollen, allein schon aus Kostengründen.

«Gefälschte und Blutdiamanten haben keine Chance mehr.»

Was machen Sie, wenn Sie als IBM-Blockchain-Spezialist zu einem Unternehmen kommen?
Ich will meinen Kunden klarmachen, dass wir heute mit der Blockchain über eine Technologie verfügen, die seine Prozesse beschleunigen und sicherer machen können, und dass sie so viel Geld sparen können. Ich kenne keinen Kunden, der daran nicht interessiert wäre. Allerdings gibt es keine Patentlösungen. Man muss schon sehr genau abklären, was Sinn macht und was nicht.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?
Everledger ist ein Unternehmen, das mit Diamanten handelt, und zwar von der Schürfmiene bis zum Endverbraucher. Dieser Handel ist vollkommen digitalisiert, alle Zertifikate, Formulare, etc. werden digital aufbereitet und in einer Blockchain abgelegt. Auf diese Weise kann jederzeit nachverfolgt werden, woher ein Diamant stammt und wo er sich derzeit befindet. Gefälschte Diamanten oder «Blutdiamanten» haben so keine Chance mehr, in diese Kette einzudringen.

Im Zusammenhang mit der Blockchain ist immer wieder auch von «smart contracts», intelligenten Verträgen, die Rede. Was hat man sich darunter vorzustellen?
Es geht darum, herkömmliche Verträge in Code zu übersetzen und dieser Code wird mit jeder Handlung verifiziert. Es wird abgeklärt, ob ich mich an die Abmachungen halte oder nicht. Wenn ich beispielsweise ein Auto lease und die Leasingrate nicht mehr bezahlen, dann fährt das Auto nicht mehr, und zwar automatisch.  

Wenn nun immer mehr Bereiche der Wirtschaft mit Blockchains und intelligenten Verträgen ausgestattet werden, wird sich dann auch die Art und Weise, wie unsere Wirtschaft funktioniert verändern?
Die Blockchain bringt schon in den bestehenden Systemen grosse Vorteile. Und es geht auch nicht darum, ein gesamtes Businessmodell schlagartig auf eine Blockchain umzustellen.  

«Blockchain mit künstlicher Intelligenz kombinieren ist Unsinn.»

Neben der Blockchain ist die künstliche Intelligenz derzeit das grosse Thema der Digitalisierung. Gibt es zwischen den beiden einen Zusammenhang?
Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Denken ist nicht Sinn und Zweck der Blockchain. Es ist auch nur Hype, wenn man die beiden zusammenführen will. Das Ergebnis sind absolut sinnlose Projekte. Überhaupt ist eine Blockchain nur dann gut, wenn man auch die richtige Anwendung dafür hat. Wenn nur wir beide zusammen ein Geschäft abschliessen, dann brauchen wir keine Blockchain. Wenn wir uns aber in einem Verbund mit 10 bis 15 unterschiedlichen Parteien befinden, dann macht es Sinn. Dann muss ich nicht mehr jedem einzelnen Partner vertrauen, sondern der Technologie. Sie zwingt alle meine Partner dazu, die Regeln einzuhalten.

Ist die Blockchain somit die Lösung gegen Cyber-Kriminalität und Kreditkarten-Betrug?
Sie wird diese Dinge zumindest verringern.

Werden wir dank der Blockchain auch die Passwörter-Plage los?
Auch das kann mit digitalen Identitäten vereinfacht werden. Wenn wir beispielsweise die Autoschlüssel und die Motorfahrzeug-Papiere digitalisieren und in einer Blockchain ablegen, dann ist jederzeit nachweisbar, wer der Eigentümer dieses Autos ist.

Vor einem Jahr war der Begriff Blockchain nur Experten bekannt. Wie schnell wird sich diese Technologie durchsetzen?
Es gibt heute mehr als Prototypen, es gibt bereits funktionierende Projekte. Viele Unternehmen gucken sich diese Projekte an und machen selbst kleine Tests. Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten zwei Jahren viele konkrete Umsetzungen sehen werden. Schon in fünf Jahren wird sehr Vieles auf einer Blockchain abgebildet sein.

«Mit der Blockchain können wir mit dem Smartphone vom Sofa aus abstimmen.»

In Brooklyn tauschen Menschen schon heute Solarstrom mit Hilfe einer Blockchain.
Das Brooklyn-Grid ist ein Zusammenschluss von Besitzern von Photovoltaik-Anlagen, die sich in einem lokalen Netzwerk zusammengeschlossen haben. Wer wieviel Strom erhält, ist in einer Blockchain festgelegt.

Blockchain ist somit nicht nur für Banken und Grosskonzerne geeignet?
Im Gegenteil. Gerade kleine Tauscheinheiten, etwa das so genannte Micro-Payment, sind auf einer Blockchain sehr interessant. In den heutigen Prozessen ist das Abrechnen mit kleinen Beträgen viel zu aufwändig.

Wo sehen Sie weitere Anwendungsbereiche?
Die EU soll angeblich prüfen, Wahlen mittels der Blockchain-Technologie durchzuführen. Das wäre ideal, gerade in Zeiten, wo stets und überall der Verdacht des Wahlbetrugs erhoben wird. Wenn ich Wahlen über eine Blockchain abwickle, dann brauche ich keine Wahlbeobachter mehr. Und ich erreiche auch Leute, die heute nicht zur Wahl gehen. Ich kann dann meine Stimme mit Hilfe des Smartphones bequem vom Sofa aus abgeben.

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