Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Interview

«Saudi-Arabien war ohnehin nie als Klimaschützer bekannt»

Saudi-Arabien hängt völlig davon ab, auch künftig Öl zu verkaufen, sagt Energieexperte Jan Steckel. Der Börsengang des staatlichen Ölkonzerns sei dennoch eine Chance. Doch auch andere Länder tun sich schwer mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien.

Alexandra Endres / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Saudi Aramco geht an die Börse. Klimapolitisch ist das bemerkenswert, denn der Ölkonzern verdient sein Geld mit fossilen Brennstoffen. Streng genommen müssten diese bald wertlos sein – zumindest, wenn man das 2015 im Pariser Klimaabkommen im Rahmen der Vereinten Nationen vereinbarte und auch von Saudi-Arabien unterschriebene Ziel ernst nimmt, die Erderwärmung bei deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Dann nämlich dürften Öl, Kohle und Gas schon in wenigen Jahren gar nicht mehr verbrannt werden.

Herr Steckel, der Börsengang von Saudi Aramco könnte der bisher grösste weltweit werden. Der Konzern wird derzeit mit mehr als 1.6 Billionen Euro bewertet; die Aktien, die bald gehandelt werden, sollen einen Erlös von etwa 25 Milliarden einbringen. Wie kann es sein, dass ein Ölkonzern vier Jahre nach dem Abschluss des Pariser Klimaabkommens so hoch gehandelt wird – nehmen die Investoren das Abkommen überhaupt ernst?
Jan Steckel:
Interessanterweise sollte der Börsengang deutlich grösser ausfallen. Jetzt bringt Saudi-Arabien nur 1.5 Prozent von Saudi Aramco an den Markt. Ein Grund dafür war, dass die Investoren Zweifel am Wert des Unternehmens hatten – nicht nur, aber auch wegen der Klimapolitik. Zugleich müssen sich die Anleger aber auch gegen Risiken absichern, beispielsweise gegen das Risiko, dass die internationale Klimapolitik doch nicht funktioniert. Es kann für sie rational sein, ihr Portfolio so zu diversifizieren, dass sie auch im Falle einer scheiternden Klimapolitik profitieren. Zum Beispiel mit Anteilen an Saudi Aramco.

In dem Börsengang steckt also doch eine Wette gegen das Pariser Abkommen, zumindest bis zu einem gewissen Grad.
Wie gross dieser Einfluss ist, lässt sich schwer sagen. Alles in allem scheinen mir aber die Schwierigkeiten von Saudi Aramco wegen des Börsengangs offensichtlicher.

Welche Schwierigkeiten gab es noch?
Ursprünglich sollte Saudi Aramco international an die Börse gehen, nicht nur in Riad, so wie jetzt geplant. Auch musste der Termin mehrere Male verschoben werden. Das hatte aber wohl eher mit den Anschlägen im September auf zwei saudische Raffinerien zu tun und weniger mit der Klimapolitik. Die grösste Schwierigkeit war der Preis. Anfangs war die Rede davon, dass Saudi Aramco zwei Billionen US-Dollar wert sein solle, jetzt wird der potenzielle Marktwert mit 1.6 bis 1.7 Billionen Dollar angegeben. Auch sind anscheinend vor allem private Investoren interessiert, weniger die grossen, institutionellen Anleger.

Zur Person

Jan Steckel ist Leiter der Arbeitsgruppe am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change. Unter anderem beschäftigt er sich dort mit der Frage, warum der Abschied von der fossilen Energie gerade vielen Schwellenländern so schwerfällt.

Das Pariser Klimaabkommen wird durch den Börsengang dennoch nicht unbedingt glaubwürdiger. Auch viele andere Faktoren deuten darauf hin, dass die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen die in Paris vereinbarten Ziele nicht erreichen werden.
Saudi-Arabien war ohnehin nie als Klimaschützer bekannt. In den internationalen Klimaverhandlungen hat die saudische Delegation immer gebremst – natürlich, denn wirtschaftlich hängt das Land völlig davon ab, auch in Zukunft Öl zu verkaufen. Deshalb wird der Börsengang jetzt auch als Strategie vermarktet, sich vom Öl zu lösen. Die Regierung in Riad sagt, sie wolle das Geld in den Umbau der Wirtschaft stecken. Wenn sie das tatsächlich tut, wäre der Börsengang sogar gut für das Klima. Dann könnte man ihn sogar als Schritt in Richtung mehr Glaubwürdigkeit in der Klimapolitik bewerten.

«Wenn jetzt neue Kohlekraftwerke gebaut werden, dann haben wir damit in den nächsten 20 bis 30 Jahren klimaschädliche Emissionen.»

Gibt es in anderen Staaten, die in ähnlichem Ausmass von fossiler Energie abhängen, vergleichbare Tendenzen?
Schauen Sie sich die Kohlestaaten an. Die Investitionen in Kohle sind leider immer noch sehr massiv. Und wenn jetzt neue Kohlekraftwerke gebaut werden, dann haben wir damit in den nächsten 20 bis 30 Jahren klimaschädliche Emissionen. Manche Länder, die Kohle exportieren, haben Sorge, dass sie den Brennstoff bald nicht mehr im gleichen Ausmass verkaufen können wie bisher, aber leider führt das dort noch nicht zu einer Abkehr von der Kohle, im Gegenteil. In Indonesien oder Kolumbien zum Beispiel versuchen die Regierungen jetzt, den Heimatmarkt zu stabilisieren, sie bauen also zu Hause mehr Kraftwerke als vorher geplant. Die Reaktion ist ein wenig beängstigend. Allein Indonesien baut und plant neue Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von knapp 30 Gigawatt. Ich wünschte, ich könnte sagen, die Länder träfen alle die richtigen Massnahmen, sie führten einen CO2-Preis ein, und sie stellten sich darauf ein, dass sie ihre fossilen Rohstoffe nur noch bis zu einer bestimmten Obergrenze exportieren können, und dann ist Schluss. Aber leider ist dem nicht so. Das einzige Land, von dem ich sicher weiss, dass es sich in die Richtung bewegt, ist Norwegen.

Norwegen ist ein reiches Land, da fällt der Umbau der Wirtschaft vermutlich leichter.
In den Entwicklungs- und Schwellenländern gibt es tatsächlich eine grosse Skepsis gegenüber dem Versuch, wirtschaftliche Entwicklung rein aus erneuerbaren Energien zu schaffen.

«Wer ein Solar- oder Windkraftwerk baut, muss einen viel grösseren Teil der Investition im Vorfeld stemmen.»

Warum ist das so?
Ein ganz wichtiger Grund dafür ist, dass die Nachfrage nach Energie extrem steigt. In Vietnam zum Beispiel stieg der Stromverbrauch in der vergangenen Dekade jährlich um mehr als zehn Prozent. Dann ist der Druck sehr hoch, neue Kapazitäten für die Stromproduktion zu schaffen, und zwar sehr schnell. Alles, was länger dauern könnte – ein neues Energiesystem zu schaffen, das auf Erneuerbaren basiert, beispielsweise –, wird dann als negativ wahrgenommen. Hinzu kommt, dass die Finanzierungskosten in Schwellenländern sehr hoch sind. In Indonesien und Vietnam beispielsweise haben uns Investoren gesagt, dass sie für Kredite Zinsen in einer Grössenordnung von etwa 14 Prozent zahlen müssen.

Sind die Zinsen für Kohlekraftwerke niedriger?
Manchmal auch das, aber das ist gar nicht der Knackpunkt. Wer ein Solar- oder Windkraftwerk baut, muss einen viel grösseren Teil der Investition im Vorfeld stemmen. Bei einem Kohlekraftwerk zum Beispiel beruht ein Teil des finanziellen Aufwands darauf, dass man regelmässig Kohle kaufen muss, wenn die Anlage einmal läuft. Bei den Erneuerbaren ist das anders, da ist die finanzielle Last anfangs vergleichsweise hoch – und damit auch der Kredit.

«Die Kohle kennt man. Man weiss, wie sie funktioniert. Bei den Erneuerbaren ist das oft weniger der Fall.»

Wie gross ist der Unterschied?
Bei Wind und Sonne macht der eigentliche Kapitalbedarf etwa 20 Prozent der Gesamtkosten aus, bei Kohle ist das viel weniger, etwa fünf Prozent. Dafür steckt ein grosser Teil, etwa 30 Prozent, dann im Brennstoff selbst. Der muss aber nicht finanziert werden, der Kapitalbedarf schon. Das ist in einer Situation, in der das Kapital extrem teuer ist, ein grosser Nachteil für Wind und Solar. Die Tatsache, dass die Stromentstehungskosten für Wind- oder Sonnenstrom, über die gesamte Laufzeit hinweg kalkuliert, vergleichbar oder sogar niedriger sind als für Kohle, bringt dann nichts. Zudem ist in vielen Ländern das Gefühl sehr stark, dass man ohne die Kohle den Wandel von einer traditionell agrarisch geprägten Wirtschaft hin zu moderneren Wirtschaftsstrukturen gar nicht schaffen kann. Die Kohle kennt man. Man weiss, wie sie funktioniert. Bei den Erneuerbaren ist das oft weniger der Fall.

Ist es überhaupt noch realistisch, an einen Erfolg des Pariser Abkommens zu glauben?
Nennen Sie mich einen notorischen Optimisten – aber ich denke, dass es neben den berühmten Kipp-Punkten im Erdsystem auch Kipp-Punkte in der Gesellschaft geben kann. Wenn beispielsweise die Investitionskosten für Erneuerbare weiter entscheidend sinken; wenn die richtigen Politikinstrumente gesetzt werden, wenn also die Regierungen die Klimaziele mit entsprechenden CO2-Preisen unterfüttern und die Investoren sehen, die Länder meinen es ernst, und wenn dann auch noch die nötigen technologischen Entwicklungen vorangetrieben werden, auch im Verkehrssektor – dann kann ich mir vorstellen, dass Kohle, Öl und auch Gas viel schneller aus dem Energiesystem verschwinden, als es jetzt den Anschein hat.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

«Die Wirtschaft geht am Virus kaputt und nicht an den Schliessungen»

Grünen-Präsident Balthasar Glättli fordert einen kurzen Lockdown, verbunden mit Investitionen in einen grünen Umbau der Wirtschaft. Im Interview spricht er über die Folgen des «Grünrutschs» vor einem Jahr und die Kritik des Klimastreiks an seiner Partei.

Die Grünen waren die grossen Sieger der Wahlen 2019. Wie sieht es ein Jahr danach aus, hat dieser «Grünrutsch» konkrete Veränderungen ausgelöst?Balthasar Glättli: Wir haben stark zugelegt, aber immer noch keine Mehrheit. Das hat man schon gespürt. Auf der anderen Seite haben wir in verschiedenen Bereichen eine neue Dynamik, nicht nur beim Umweltschutz. Wer hätte sich vorstellen können, dass Sibel Arslan mit dem Stimmrechtsalter 16 im Nationalrat durchkommt? Wir sind mit diesem Anliegen …

Artikel lesen
Link zum Artikel