Wirtschaft
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FILE - This Wednesday, Oct. 10, 2012 file photo shows the New York Times logo on the company's building in New York. On Friday, July 3, 2020, The Associated Press reported on a manipulated video image circulating online incorrectly asserting it shows a news story that The New York Times posted on June 27, then quickly pulled down, which claimed U.S. President Donald Trump died of a hydroxychloroquine overdose. The TikTok user who spread the rumor about the fake article posted an explanation confirming she shared it as a joke.

Die «New York Times» wird beschuldigt, ihr nicht genehme Meinungen zu unterdrücken. Bild: keystone

Analyse

Bedroht die «Cancel Culture» unsere Meinungsfreiheit?

Aus den USA kommt ein neuer Trend: Missliebige Meinungen werden in den sozialen Medien boykottiert.



Michael Lind ist ein prominenter Politologe mit tendenziell konservativen Ansichten. Sein jüngstes Buch trägt jedoch einen Titel, der einem Jung-Marxisten bestens anstehen würde: «The New Class War» (Der neue Klassenkrieg). Die Thesen, die Lind darin vertritt, sind ebenfalls unorthodox. Er schreibt:

«Der Neoliberalismus ist eine Synthese aus Freiem-Markt-Liberalismus der libertären Rechten und der Bohème-Kultur der Linken. Sein wirtschaftliches Modell, basierend auf globaler Senkung von Steuern, Gesetzen und Arbeiterlöhnen, schwächt demokratische Nationalstaaten und nationale Mehrheiten der Arbeiterklasse. Sein bevorzugtes Regierungsmodell ist apolitisch, gegen die Mehrheit gerichtet, elitär und technokratisch.»

Kurz: Gemäss Lind haben sich im Neoliberalismus raffgierige Manager und elitäre Kulturschaffende zu einer fatalen Partnerschaft auf Kosten eines ausgebeuteten Mittelstandes gefunden.

Diese These wird von der populistischen Rechten eifrig und gerne aufgenommen. Kein Abend, an dem Fox-News-Moderatoren wie Sean Hannity, Tucker Carlson und Laura Ingraham nicht gegen den angeblichen Meinungsterror einer elitären Linken wettern.

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Hetzen gegen linke Eliten: Die Fox-News-Moderatoren Tucker Carlson, Laura Ingraham und Sean Hannity (von links). Bild: AP

Selbst in klassisch liberalen Medien findet diese These ihren Widerhall. So beklagt sich Kathleen Parker, Kolumnistin bei der «Washington Post», darüber, dass sich amerikanische Unternehmen und Universitäten der linken Meinungspolizei unterwerfen. Sie schreibt:

«Die meisten von ihnen haben beschlossen, dass es sich nicht lohnt, die Bestrafung zu riskieren, wenn man es wagt, sich gegen die Orthodoxie der Linken zu wehren.»

Im Zentrum dieser Diskussion stehen die beiden Begriffe «woke» und «Cancel Culture». Zunächst müssen wir daher klären, was sie bedeuten.

«Woke» kann man etwa übersetzen mit: Sensibilisiert sein für soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen und Rassismus im Besonderen. Von einer «Cancel Culture» spricht man, wenn jemandem die emotionale und finanzielle Unterstützung öffentlich – primär in den sozialen Medien – entzogen wird.

Die Cancel-Culture-Diskussion tobt schon eine Weile. Diese Woche hat sie einen neuen Höhepunkt erreicht. Verantwortlich dafür ist der Rücktritt der Kolumnistin Bari Weiss bei der «New York Times». Auch hier gibt es eine kurze Vorgeschichte.

Die teils gewalttätigen Unruhen nach dem Tod von George Floyd haben den republikanischen Senator Tom Cotton dazu bewogen, in einem Kommentar in der «New York Times» den Einsatz von Soldaten zu fordern. Das hatte einen Mini-Aufstand auf der Redaktion zu Folge. Die empörten Journalisten hatten Erfolg: Der Verlag entschuldigte sich zumindest teilweise für die Veröffentlichung des Kommentars, der zuständige Ressortleiter James Bennet wurde gefeuert.

Bari Weiss

Umstrittene Kolumnistin: Bari Weiss. bild: screenshot youtube.

Auftritt der Kolumnistin Weiss. Sie arbeitet seit 2017 bei der «New York Times» und bezeichnet sich selbst als Vertreterin von Mitte-Links. Im Internet hatte sie sich zuvor schon über die Entlassung von Bennet beklagt. Nun zog sie selbst die Konsequenzen und kündigte.

Mehr noch. In einem langen und öffentlich gemachten Brief an den Verleger A.G. Sulzberger rechtfertigte sie ihre Kündigung und prangerte dabei die vermeintliche Cancel-Culture-Mentalität der «New York Times» an.

Ebenfalls beklagte sie sich, ein Opfer von hauptsächlich jüngeren Woke-Vertretern zu sein. Der «New York Times» wirft sie vor, den Bezug zu den gewöhnlichen Menschen verloren zu haben.

Hier Auszüge aus dem Kündigungsschreiben:

«Mehr und mehr wird die Zeitung zum Medium denjeniger, die in einer anderen Galaxie leben. Derjeniger, deren Leben weit entfernt ist vom Leben der meisten Menschen. Wer heute für Prinzipien einsteht, erhält dafür kein Lob. Er wird zu einer Zielscheibe.»

Und:

«Twitter hat zwar keine Flagge auf dem Hauptquartier der New York Times. Aber Twitter ist der Redaktor in letzter Instanz geworden. Ethik und Moral dieser Plattform sind Ethik und Moral der Zeitung geworden. Die Zeitung selbst wird zunehmend zu einer Performance-Bühne. Artikel werden ausgewählt und erzählt, um einer kleinen Schar von Lesern zu gefallen, und nicht, um einem neugierigen Publikum zu ermöglichen, sich über die Welt zu informieren und eigene Schlüsse zu ziehen.»

Rücktritt und Kündigungsbrief haben hohe Wellen geworfen, auch in linksliberalen Kreisen. Andrew Sullivan, ein bekannter Journalist beim «New York Magazine», trat aus Solidarität zurück. Bill Maher, ein landesweit bekannter Comedian, machte sich ebenfalls für Weiss stark.

In der «Washington Post» beklagt der Kolumnist Henry Olsen gar, der McCarthyismus sei zurück. (In den 50er Jahren war Senator Joseph McCarthy ein legendärer Kommunistenjäger, der einen unglaublichen Meinungsterror veranstaltet hatte.) Konkret hält Olsen fest:

«Die Cancel Culture von heute ist nichts anderes als McCarthyismus in einem Woke-Kostüm. Sie hat noble Wurzeln, wendet sie sich doch gegen Rassendiskriminierung. Wie ein diskreditierter Cousin hat sie sich jedoch in etwas Bösartiges verwandelt, das sich nicht mehr mit der Freiheit verträgt. Rassismus zu bekämpfen ist wichtig und nötig; zu versuchen, andere Meinungen zu unterdrücken, ist es nicht.»

Im «Harper’s Magazine» haben derweil 153 teils sehr bekannte Persönlichkeiten wie J.K. Rowling und Noam Chomsky einen Brief unterschrieben. Darin wird vor einer Bedrohung des intellektuellen Lebens in den USA gewarnt. «Der freie Austausch von Informationen und Meinungen, die Lebensader eine liberalen Gesellschaft, wird täglich eingeschränkt» heisst es unter anderem.

FILE - In this Nov. 13, 2018 file photo, author J.K. Rowling poses for photographers upon her arrival at the premiere of the film 'Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald', in London. JK Rowling is publishing a new story called â??The Ickabog,â? which will be free to read online to help entertain children and families stuck at home during the coronavirus pandemic..The â??Harry Potterâ? author said Tuesday May 26, 2020, that she wrote the fairy tale for her children as a bedtime story over a decade ago. (Photo by Joel C Ryan/Invision/AP, File)
J.K. Rowling

Wurde ebenfalls ein Opfer der Cancel Culture: JK Rowling. Bild: AP

Die Meinungsterror-These ist jedoch umstritten, wie auch die Person von Bari Weiss. Sie sei nicht wirklich ein Opfer einer Cancel-Culture-Kampagne, heisst es aus Kreisen der Redaktion der «New York Times». Sie habe vielmehr die Gelegenheit am Schopf gepackt und für Werbung in eigener Sache missbraucht.

Der bekannte Publizist Pankaj Mishra bestreitet derweil die These eines Meinungs-Einheitsbreis. Das Gegenteil sei der Fall, so Mishra. Es herrsche eine Meinungsvielfalt wie noch nie, eine eigentliche «Kakophonie von neuen Stimmen».

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