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Fan Stuart Mazzeo, dressed as the Joker, poses for photographers on day two of Comic-Con International held at the San Diego Convention Center on Friday July 13, 2012, in San Diego. (Photo by Denis Poroy/Invision/AP)
Stuart Mazzeo

Bild: keystone

Analyse

Klassenkampf pervers: «Joker» gegen Wall Street

An den Finanzmärkten ist der Teufel los. Anarchistische Kleininvestoren und Hedge-Fund-Profis liefern sich eine absurde Schlacht.



Die Bibel der Investoren ist das Buch «A Random Walk Down Wall Street» von Burton G. Malkiel. Seine These lautet verkürzt ausgedrückt: An den Aktienbörsen geschieht nichts aus Zufall. In den Preisen sind stets alle Informationen enthalten. Die Märkte sind daher rational.

Was derzeit an der Wall Street abgeht, hat jedoch nichts mehr mit Rationalität zu tun. Aktien von Unternehmen, die eigentlich keine Zukunft mehr haben, legen vierstellig zu. Ausgebuffte Hedge-Fund-Manager verlieren Milliardenbeträge. Was geht hier ab?

epa08971011 (FILE) - A man talks on a cell phone outside a GameStop store in Gurnee, Illinois, USA, 10 December 2019 (reissued 28 January 2021). The electronic game retailer has seen it's stock price soar from 3.25 US dollars in April 2020 to close at 347.51 US dollars on 27 January. The company has drawn interest from investors in online chat groups and created as much as 3 billion US dollars in value losses for short sellers.  EPA/TANNEN MAURY *** Local Caption *** 55699074

Mit Aktien von GameStop hat alles begonnen. Bild: keystone

Die Coronakrise hat zu merkwürdigen Auswüchsen geführt. Einer davon ist der Umstand, dass im Lockdown gelangweilte Jugendliche begonnen haben, mit kleinen Beträgen an der Börse zu zocken. Gleichzeitig begannen sie auf r/wallstreetbets, einem beliebten Chatroom der Plattform Reddit, sich gegenseitig Tipps zu geben.

Die Szene ist gross. Derzeit sind es mehr als vier Millionen Teilnehmer. Mit den smarten Wall-Street-Tradern haben sie wenig gemeinsam. Sie nennen sich «degenerates» (die Degenerierten) und sie zitieren gerne aus dem Kultfilm «Joker». Held dieses Streifens ist ein psychisch gestörter Aussenseiter, der zum Anführer einer anarchisch-faschistoiden Rebellion wird.

Wie der Joker ist die Wallstreetbets-Gemeinde von einem Hass auf die Elite getrieben. So heisst es in einem der Dialoge: «Wenn man eine ganze Generation während einer nicht mehr endenden Rezession vor den Kopf stösst, wenn man dieser Generation eine App zur Verfügung stellt, die sie zum Gamblen einlädt, dann geschieht genau das.»

Was geschehen ist, ist Folgendes: Zwei bekannte Hedge-Funds – Melvin Capital und Citron Capital – haben beschlossen, die Aktien von GameStop zu shorten. GameStop ist eine Art Videoverleih für Computerspiele. Die Zukunftsaussichten dieses Unternehmens sind düster.

Unter «shorten» versteht man folgenden Vorgang: Ein Investor, der davon ausgeht, dass der Preis einer Aktie sinkt, borgt sich diese Aktien bei einem anderen Investor für eine Gebühr und verkauft sie sofort in der Annahme, dass wenn der Preis tatsächlich fällt, er sie zu einem tieferen Preis zurückkaufen und die Differenz einsacken kann. (Überlasst dieses Spiel den Profis. Es ist sehr riskant.)

Der Wall-Street-Bets-Gemeinde gefiel das Shorten der Profis überhaupt nicht. Melvin Capital sei «zu gierig» geworden, wurde argumentiert. Man müsse den Jungs eine Lektion erteilen. In der Folge kauften die Kleinaktionäre wie blöd Optionen von GameStop und trieben so den Kurs in die Höhe – und verpassten den Hedge-Fund-Profis eine empfindliche Niederlage. Melvin Capital und Citron Capital melden Milliardenverluste.

Nun hatte die Wallstreetbets-Gemeinde Blut geleckt. Aktien von anderen Firmen wurden ebenfalls auf die gleiche Art gestützt. Nokia, Palantir und BlackBerry, beispielsweise. Und da Kleinvieh bekanntlich auch Mist macht, schoss das Volumen der gehandelten Aktien in die Höhe, zumal auch die Shorter sich eindecken müssen, um noch höhere Verluste zu vermeiden. Deshalb meldet die «Financial Times», dass in den USA am Mittwoch 23 Milliarden Aktien gehandelt wurden. Damit wurde der Rekord aus dem Oktober 2008 um einen Fünftel übertroffen.

Für eine Weile steht die Wall Street Kopf. So klagt ein Hedge-Fund-Manager gegenüber der «Financial Times»: «Was die Fähigkeit betrifft, die Märkte zu bewegen, ist Wallstreetbets derzeit der grösste Fonds der Welt.»

In this photo provided by the New York Stock Exchange, trader Samantha Tavares, right, works with colleagues on the floor, Wednesday, Jan. 27, 2021. Stocks were broadly lower in afternoon trading Wednesday, as investors focus on the outlook for the economy and corporate profits amid a still-raging coronavirus pandemic. (Courtney Crow/New York Stock Exchange via AP)

Verstehen derzeit die Welt nicht mehr: Trader an der Börse in New York. Bild: keystone

Wie lange kann dies noch so weiter gehen, und wie wird es enden? Wahrscheinlich nicht mehr lange, und es wird in Tränen enden. So erklärt der Hedge-Fund-Manager Brad Lamensdorf in der «Financial Times»: «Was wir derzeit erleben, ist ein Waldbrand. Er wird sich gelegentlich ausgebrannt haben. Doch alle, die jetzt Short-Positionen haben, werden leiden. Sie werden verkaufen müssen und die Märkte in die andere Richtung drängen. Damit legen sie den Grundstein für eine Korrektur an den Märkten.»

Die «Joker» der Wallstreetbets-Gemeinde wird dies kalt lassen. Sie geniessen den Triumph der Gegenwart – und Malkiel muss wohl seine Theorie der rationalen Märkte überarbeiten.

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