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Wirtschaft
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bild: Usplash

Analyse

EZB-Draghi dreht an der Zinsschraube – und Schweizer Kleinsparer kommen ins Schwitzen

Die Europäische Zentralbank senkt erneut die Leitzinsen. Das hat auch Folgen für Schweizer Kleinsparer.



Bei der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) herrscht Alarmstimmung. «Wann ist der Punkt gekommen, an dem die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Hebel umschalten muss?», fragt sich Präsident Herbert Scheidt.

Ausgangspunkt der besorgten Frage des SBVg-Präsidenten ist die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die wiederum die Geldpolitik der SNB direkt beeinflusst. Soeben hat EZB-Präsident Mario Draghi die Einlagesatz erneut um 10 Basispunkte gesenkt. Sie liegen nun bei minus 0,5 Prozent.

FILE - In this Thursday, May 16, 2019 file photo, European Central Bank President Mario Draghi arrives for a meeting of Eurogroup Finance Ministers at the European Council headquarters in Brussels. The European Central Bank stands ready to cut interest rates and could re-start its bond purchase stimulus program if needed to help the economy, President Mario Draghi said Tuesday June 18, 2019, in a speech at an ECB conference in Sintra, Portugal. (AP Photo/Francisco Seco, File)

Hat erneut die Leitzinsen gesenkt: EZB-Präsident Mario Draghi. Bild: AP/AP

Damit hat Draghi den Druck auf die SNB erhöht. Wird nun auch SNB-Präsident Thomas Jordan die Leitzinsen noch weiter in den negativen Bereich drücken?

Das wiederum führt zur Frage: Werden dann die Banken gezwungen, auch den Kleinsparern nicht nur keine Zinsen auf ihre Sparguthaben zu entrichten, sondern gar einen Obolus dafür zu verlangen, dass man ihnen sein Spargeld anvertraut?

Aber der Reihe nach: Warum gibt es überhaupt negative Zinsen, wie lange werden wir noch darunter leiden und was können die Banken dagegen tun?

Am 15. Januar hat die SNB Negativzinsen auf grössere Vermögen eingeführt. Anlass dazu war, dass sie die Untergrenze des Frankens von 1.20 zum Euro nicht mehr verteidigen wollte. Konkret bedeutete dies, dass die SNB aufhörte, Milliardenbeträge für den Kauf von Devisen aufzuwenden, um den Aufwertungsdruck auf den Franken abzuwehren.

Die SNB handelte nicht aus Jux und Tollerei. Sie wollte verhindern, dass ein zu stark überbewerteter Franken die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Exportwirtschaft belastet und damit hunderttausende von Arbeitsplätzen gefährdet. Die Negativzinsen ihrerseits sollten dazu dienen, den Schweizer Franken als Fluchtwährung unattraktiv zu machen.

Le president de la Banque Nationale Suisse, BNS, Thomas Jordan pose devant le bisse d?Ayent lors de la mise en circulation du nouveau billet de banque de 100 francs, sur lequel figure le bisse d?Ayent, ce jeudi 12 septembre 2019 a Ayent. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Unter Druck: SNB-Präsident Thomas Jordan. Bild: KEYSTONE

Die Negativzinsen waren als kurzfristige Notmassnahme gedacht. Sobald die europäische Wirtschaft wieder in Schwung sei und der Druck auf den Franken aufhöre, dachte man damals, werde man die Übung wieder abblasen und zur Normalität zurückkehren.

Die kurzfristige Notmassnahme entwickelte sich jedoch zum Dauerzustand. Die europäische Wirtschaft dümpelt vor sich hin und ist nach wie vor auf billiges Geld der EZB angewiesen. Schlimmer noch: Die Lokomotive der europäischen Wirtschaft, Deutschland, droht in eine Rezession abzugleiten. Damit ist die EZB gezwungen, ihre Geldpolitik noch weiter zu lockern.

In der Schweiz zeigen sich derweil die Folgen der Negativzinsen immer deutlicher. SBVg-Präsident Scheidt zählte an einer Medieninformation einige davon auf: Immobilienblase, mehr Risiko bei den Anlagen, Gefahren für Pensionskassen und Altersguthaben und das Ausbleiben von Investitionen.

Am meisten beginnen jedoch die Banken unter den Negativzinsen zu leiden. Gemäss einer Studie der Online-Plattform Savedo sind rund ein Drittel der Guthaben auf Schweizer Bankkonten Bargeld. Das hat zur Folge, dass die Banken jährlich rund zwei Milliarden Franken bei der SNB abliefern müssen. «Dieser Betrag entspricht rund fünf Prozent der Bruttozinseinnahmen und ist damit ein massiver Eingriff in die Rentabilität unserer Banken», hält Scheidt fest.

Grosses ungenutztes Arbeitskräftepotential (Symbolbild)

Paradeplatz Zürich: Die Schweizer Banken leiden unter Negativzinsen. Bild: KEYSTONE

Ganz anders die Konkurrenz: US-Banken haben im laufenden Jahr rund 30 Milliarden risikofreien Zinsertrag eingestrichen. Die Euro-Banken erhalten Subventionen von der EZB. Die Wettbewerbsvorteile der ausländischen Banken haben die Aktienkurse der Schweizer Banken in den Keller gedrückt.

Weil EZB-Präsident Draghi jetzt erneut an der Zinsschraube gedreht hat und weil die SNB – will sie nicht Jobs in grossem Umfang gefährden – darauf reagieren muss, sind auch die Banken gezwungen zu handeln. Das bedeutet konkret, dass sie vor der unangenehmen Entscheidung stehen: Müssen wir nun auch die Kleinsparer zur Kasse bitten?

Bisher haben sich die Banken um diese Frage gedrückt und darauf gehofft, mit höheren Gebühren und grösseren Krediten über die Runden zu kommen. Doch nun ist das Ende der Fahnenstange wohl erreicht. Deshalb beginnt man sich bei der SBVg zu überlegen, wie man gemeinsam vorgehen kann, ohne das Kartellrecht zu verletzen – und wie man die Folgen für die Kleinsparer möglichst gering halten kann.

Eine Möglichkeit, die derzeit diskutiert wird, ist, dass man den Kleinsparern zumindest einen Teil der eingezogenen Negativzinsen wieder zurückerstattet. Eine Art Verrechnungssteuer wäre dabei eine Option. Ob und wie das zustande kommt, ist noch unklar. Sicher ist, dass die Banken eine Lösung finden müssen, und zwar rasch. Eine Rückkehr zum Normalzustand ist nicht abzusehen. Im Gegenteil, es drohen eine Rezession der Weltwirtschaft und sich verschärfende Währungskriege.

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