Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Der Schweizer Radprofi Robert Dill-Bundi erreicht mit seiner Leistung an den Olympischen Sommerspielen in Moskau, am 24. Juli 1980, die Goldmedaille im 4'000 Meter Bahnverfolgungsrennen. (KEYSTONE/EPU/Str) === ===

Unterwegs zu seinem grössten Triumph: Robert Dill-Bundi 1980 in Moskau. Bild: KEYSTONE

Olympia-Held Dill-Bundi lebt 40 Jahre später vom Schicksal gezeichnet von der IV

Robert Dill-Bundi gewann an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau die Goldmedaille in der Einzelverfolgung. Nach seinem Exploit sorgte der Walliser Bahnradfahrer mit einem Kuss für viel Aufruhr.

Dominik Moser / Keystone-SDA



Die Szene hat noch heute seinen festen Platz in der Geschichte des Radsports: Robert Dill-Bundi winkt auf seiner Siegerrunde dem Publikum zu, legt sein Velo ab und küsst die Lärchenholzbahn im Krylatskoye-Stadion von Moskau. Was für den 21-Jährigen aus Siders nach seinem Triumph im Verfolgungsrennen über 4000 Meter eine spontane, von den Emotionen getriebene Geste ist, verstehen viele anders. Denn die Sommerspiele von 1980 waren keine gewöhnlichen.

Die politischen Spannungen im Zuge des Kalten Krieges wirkten sich auch auf den Sport aus. Auf den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan reagierten zahlreiche westliche Nationen, angeführt von den USA, mit einem olympischen Boykott. Andere Länder wie die Schweiz liessen die jeweiligen nationalen Sportverbände entscheiden, ob sie Athleten in die Hauptstadt der UdSSR entsenden oder nicht. Die Schweiz reiste schliesslich ohne Kunstturner, Schützen, Fechter und Reiter an und kehrte nach zwei durchzogenen Wochen mit zwei Goldmedaillen von Dill-Bundi und dem Zürcher Judoka Jürg «Tschüge» Röthlisberger im Gepäck zurück.

Bild

Der Kuss, der den Rennfahrer berühmt gemacht hat. Bild: srg

Die Rückkehr in die Schweiz war für Dill-Bundi jedoch nicht nur mit Freude verbunden. Seine Jubelgeste, die weltweit für Wirbel gesorgt hatte, wurde vielerorts nicht goutiert. Er wurde als Landesverräter und Kommunistenschwein beschimpft; als Westler, der mit den Sowjets sympathisiert. Trotzdem wurde er 1980 zum Schweizer Sportler des Jahres gekürt.

«Ich vergass jeden Schmerz»

Fast 40 Jahre später erinnert sich Robert Dill-Bundi noch gut an die historische Szene. «Die Bahn und ich, das war Liebe, deshalb küsste ich sie», sagt er im Telefongespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Ihm sei in diesem Moment die politische Dimension seines Handelns nicht bewusst gewesen. Im Zentrum stand für ihn primär die Freude am Sieg, nachdem vier Jahre zuvor bei den Sommerspielen in Montreal alles schief gelaufen sei.

Damals stand Dill-Bundi als erst 17-jähriger Junioren-Weltmeister am Start, zerbrach aber am grossen Druck und wurde nur 14. «Das wollte ich nicht noch einmal erleben. Deshalb musste ich an meiner Psyche arbeiten.» Sein Rezept hiess Sophrologie, eine Art Entspannungstechnik, die körperliche und geistige Beschwerden lindern soll. «In Moskau war ich so bereit, dass ich jeden Schmerz vergass und mich voll auf das Rennen konzentrieren konnte. Ich wollte meine Gegner ‹umbringen›, das hat ihnen dermassen Angst eingejagt», so Dill-Bundi, der im Finallauf dem Franzosen Alain Bondue über sieben Sekunden abgenommen hatte.

abspielen

Dill-Bundis Triumph im Final.

Dass während der Medaillenübergabe statt der Schweizer die olympische Hymne abgespielt wurde, sei ihm egal gewesen. «Das war Teil der Abmachung. Unsere Disziplin war die einzige, bei der dreimal die olympische Flagge gehisst wurde», erinnert er sich.

Ausgefallene Materialwahl

Neben seinem Bahnkuss überraschte Dill-Bundi in Moskau auch mit seiner Materialwahl. Als erster Athlet trug er einen einteiligen Rennanzug. Seinen aerodynamischen Helm, der heute im Olympischen Museum in Lausanne zu bestaunen ist, hatte er von einem bereits ausgeschiedenen tschechischen Konkurrenten bekommen.

Der Schweizer Radprofi Robert Dill-Bundi erreicht mit seiner Leistung an den Olympischen Sommerspielen in Moskau, am 24. Juli 1980, die Goldmedaille im 4'000 Meter Bahnverfolgungsrennen. (KEYSTONE/EPU/Str) === ===

Ganz oben: Dill-Bundi mit Ehrendame und dem drittplatzierten Dänen Hans-Henrik Örsted. Bild: KEYSTONE

Bis heute ist Dill-Bundi der einzige Schweizer Bahnradfahrer, der Olympia-Gold gewonnen hat. Eine goldige Karriere habe er nach seinem Olympiasieg aber keine hingelegt, meint Dill-Bundi. So herausragend er als Amateur gefahren war, so schwer tat er sich danach als Profi. Auf der Bahn wurde er 1984 in Barcelona immerhin noch Weltmeister im Keirin. Auf der Strasse gewann er 1982 eine Etappe des Giro d'Italia und im darauffolgenden Jahr den Prolog der Tour de Romandie. In den letzten Jahren seiner Karriere blieben die Erfolge aber aus, so dass er 1988 vom Spitzensport zurücktrat.

Krebsdiagnose und finanzieller Ruin

Seither erlitt Dill-Bundi zahlreiche Schicksalsschläge. 1999 diagnostizierten die Ärzte bei ihm einen Hirntumor. Mehrere Operationen, eine Chemotherapie und eine riskante Elektrotherapie später galt er 2010 als geheilt. «Sie haben mir ein Drittel des Hirns rausgeschnitten», erklärt Dill-Bundi. Das Sprechen falle ihm deshalb nicht mehr so leicht wie früher.

Radsportlegende Robert Dill-Bundi nach seiner Tumoroperation im Krankenzimmer des Chuv Spitals in Lausanne, fotografiert am 14. Mai 2010. (KEYSTONE/Karl-Heinz Hug)

Dill-Bundi nach der Operation 2010. Bild: KEYSTONE

Der Olympia-Held von 1980 blieb aber auch in den letzten zehn Jahren weder von gesundheitlichen noch von privaten Rückschläge verschont. Ein Neuanfang in Kuba mit seiner zweiten Ehefrau endete 2013 im finanziellen Ruin. Im gleichen Jahr verursachte er in Aigle einen folgenschweren Autounfall mit sieben Verletzten, weil er während der Fahrt das Bewusstsein verloren hatte. Es folgte ein Herzinfarkt und eine Operation am offenen Herzen.

Heute lebt der 61-Jährige, der drei erwachsene Kinder aus erster Ehe hat, in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung im Walliser Dorf Savièse. Er bekommt eine IV-Rente und ist sein Leben lang auf Medikamente angewiesen. «Den Olympiasieg hatte ich in den eigenen Händen, der Krankheit aber bin ich ausgeliefert», sagt er dazu. Seinen Kampfgeist hat Robert Dill-Bundi deswegen aber nicht verloren.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Die grössten Krisen der Olympischen Spiele

Warum es ihn auch in der Schweiz gibt

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen
9 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
RicoH
08.06.2020 23:40registriert May 2019
Der Bericht stimmt mich melancholisch.
Dill-Bundi war ein Sportler der Extraklasse. Der Moment, wo er kniet und die Bahn küsst, ist offensichtlich ein extrem emotionaler Augenblick. Dass so etwas politisch ausgelegt wird finde ich sehr fragwürdig – warum muss so einer Geste eine tiefe/andere Bedeutung zugemessen werden?
Mir zeigt sein Werdegang noch etwas anderes: Du kannst in deinem Leben vieles/alles richtig machen. Es gibt jedoch keine Garantie, dass dein Leben auch so erfolgreich weiter verläuft.
4864
Melden
Zum Kommentar
herrkern (1)
09.06.2020 08:50registriert July 2017
Sein Leben zeigt einmal mehr, dass man dankbar im Hier und Jetzt leben soll. Es kann so schnell vorbei sein und ich wünsche ihm sehr, dass er auch in seinem aktuellen Leben Freude erlebt.
801
Melden
Zum Kommentar
bruder klaus
09.06.2020 07:51registriert October 2018
Bleiben Sie zuversichtlich, Robert Dill-Bundi. Alles Gute!
411
Melden
Zum Kommentar
9

Unvergessen

2843 Tage ist Radprofi Oliver Zaugg sieglos – dann macht sich der ewige Helfer unsterblich

15. Oktober 2011: Der Zürcher Oberländer Oliver Zaugg gewinnt vorher und nachher kein einziges Profirennen. Doch mit dem Sieg an der prestigeträchtigen Lombardei-Rundfahrt katapultiert er sich zumindest für einen Augenblick in die Reihe der grossen Schweizer Velorennfahrer.

2844 Tage, rechnet die NZZ vor, ist Oliver Zaugg schon Radprofi, als er erstmals ein Rennen gewinnt. 30-jährig ist er da schon und wie er selber zugibt, hat er manchmal selber nicht mehr daran geglaubt, tatsächlich einmal siegen zu können.

Aber an einem sonnigen Samstag im Herbst 2011 ist dieser Tag gekommen. Zaugg spürt, dass er in guter Form ist – wie so oft, wenn sich die Rennsaison ihrem Ende entgegen neigt. Die Spanien-Rundfahrt muss er zwar wegen einer Magenverstimmung aufgeben, doch an …

Artikel lesen
Link zum Artikel