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epa08635862 Swiss rider Marc Hirschi of Team Sunweb celebrates on the podium wearing the best young rider's white jersey following the 2nd stage of the 107th edition of the Tour de France cycling race over 186km around Nice, France, 30 August 2020.  EPA/Stuart Franklin / Pool

Der neue Führende der Nachwuchswertung der Tour de France: Marc Hirschi. Bild: keystone

Marc Hirschi und der grosse Traum von einem Schweizer Tour-Sieger

Um ein Haar hätte sich Radprofi Marc Hirschi einen goldenen Eintrag im Geschichtsbuch gesichert. Der 22-jährige Berner verpasste an der Tour de France den Etappensieg nur hauchdünn. Es war eine weitere Kostprobe seines grossen Talents. Eine, die Lust auf mehr macht.



Die Schweiz gehört nicht zu den ganz grossen Radsport-Nationen. Aber sie ist eine sehr traditionsreiche und eine mit legendären Siegern der grossen Landesrundfahrten. Die grosse Zeit von Ferdy Kübler und Hugo Koblet in den 50er-Jahren kennen die meisten Fans nur aus Erzählungen, die Epoche in den von Doping geprägten 90er-Jahren mit Tony Rominger und Alex Zülle hingegen ist noch vielen präsent. Die vier bilden das Quartett der grössten Rundfahrer, die das Land je hatte. Ausser ihnen gelang es nur noch Carlo Clerici, eine dreiwöchige Rundfahrt zu gewinnen, 1954 den Giro d'Italia.

Nun haben die Hoffnungen einen neuen Namen: Marc Hirschi. Gerade erst ist der Berner, der wie Fabian Cancellara aus Ittigen bei Bern stammt, 22 Jahre alt geworden und schon mischt er im Konzert der ganz Grossen mit. Erste Teilnahme an der Tour de France, 2. Etappe, Rang 2. Topstar Julian Alaphilippe griff am letzten, knackigen Anstieg an, Hirschi setzte sich sofort an sein Hinterrad, er zeigte sich nervenstark und verhielt sich im Endspurt taktisch hervorragend. Nur die Tatsache, dass er bei Alaphilippes Antritt vor der Ziellinie ein um einige Meter zu grosses Loch hatte entstehen lassen, verhinderte in Nizza eine Sensation.

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Die Zusammenfassung der 2. Etappe 2020. Video: YouTube/Tour de France

Eine besondere Gabe

Natürlich macht eine Schwalbe noch keinen Sommer. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man in einer von 21 Etappen um den Sieg kämpft oder nach drei harten Wochen in Paris auf dem Siegerpodest stehen kann. Es ist vermessen zu glauben, Hirschi sei nun nach seinem Exploit bereits ein Kandidat für die Gesamtwertung. Aber er kann in den nächsten Jahren einer sein.

Velorennen werden nicht nur mit den Beinen entschieden, sondern auch im Kopf. Und gerade da scheint Hirschi eine besondere Gabe zu besitzen, eine, die nur schwierig zu erlernen ist. Er habe das Gespür für die Rennentwicklung, erläuterte sein Manager Cancellara in der «Schweizer Illustrierten» und sagte: «Darin liegt wohl exakt der Unterschied zwischen dem Talent und dem Supertalent.» Dass er wohl eher zweiteres ist, deutete sich schon länger an. Bereits vom damals 16-jährigen Hirschi schwärmte Nationaltrainer Daniel Gisiger: «Einen Fahrer mit so grossem Potenzial hat man selten.»

Der Instinkt sagte Hirschi gestern, dass es richtig ist, Alaphilippe nachzujagen. Die Attacke des Franzosen war eine mit Ansage – doch als es ernst galt, konnte oder wollte nur Hirschi umgehend kontern. «Marc weiss, was zu tun ist, auch wenn der Computerscreen ausfällt oder die Anweisungen über Funk nicht mehr zu hören sind», schildert Cancellara eine der Stärken des Youngsters. Das Geschehen zu antizipieren und blitzschnell zu entscheiden, was zu tun ist.

Hirschi: «Diese Tour ist für mich jetzt schon ein Erfolg.»

Die Corona-Pause als eine Art Glücksfall

Der Gewinn des Weltmeistertitels der U23-Kategorie im Herbst 2018 in Innsbruck war der erste grosse Triumph in Hirschis Karriere – errungen als 20-Jähriger. Früh wechselte er danach zu den Profis und sorgte in seiner ersten Saison unter anderem mit einem 3. Platz an der Clasica de San Sebastian für Aufsehen. Die Gesamtränge 5 und 6 an der Benelux- bzw. Deutschland-Rundfahrt waren weitere wertvolle Resultate des Neoprofis.

Doch als die laufende Saison begann, klagte Hirschi über starke Hüftschmerzen. Es stand eine Operation im Raum, doch die Corona-Pandemie und das damit verbundene Verbot nicht zwingend notwendiger Operationen hatte für den jungen Rennfahrer positive Auswirkungen. «Wir packten das Problem von Grund auf an», so Hirschi, der die Sitzposition auf dem Velo anpasste. Anfänglich habe er damit Mühe gehabt, nach einigen Wochen jedoch gemerkt, dass er auf dem richtigen Weg sei. «Mittlerweile fühle ich mich dank der neuen Sitzposition besser auf dem Velo als in den zwei, drei Jahren zuvor. Die Entzündung hatte also sogar ihr Gutes», sagte er kurz vor dem Restart der Saison vor einem Monat.

Hirschi im SRF-Interview: «Ich bin selber mega überrascht, wie gut es gegangen ist.» Video: SRF

Vor dem Start zur Tour de France, seiner ersten dreiwöchigen Landesrundfahrt, sagte Hirschi, er wolle diese in erster Linie geniessen und, wenn möglich, etwas versuchen. Ihm kommt entgegen, dass seine Mannschaft Team Sunweb keinen Fahrer fürs Gesamtklassement dabei hat. So erhält er viele Freiheiten, darf auf eigene Rechnung fahren. Das Ziel der Equipe sind Etappensiege: Tiesj Benoot, der Sprinter Cees Bol, Sören Kragh Andersen oder Nikias Arndt gelten als Kandidaten.

«Gebe alles, um das weisse Trikot zu verteidigen»

Nun haben sich die Prioritäten etwas verschoben. Denn Hirschi trägt dank seinem Coup in Nizza das weisse Sondertrikot für den Führenden in der Wertung der besten Jungprofis. «Ich werde alles geben, es zu verteidigen», versprach der 22-Jährige. Bis nach Paris dürfte er es nicht schaffen, schliesslich gehören auch der letztjährige Gesamtsieger Egan Bernal, Tadej Pogacar oder Enric Mas zu den Kandidaten für den Sieg in der Nachwuchs-Kategorie für Fahrer unter 25 Jahren. Druck habe er nun nicht mehr, betonte Hirschi, er habe schon abgeliefert.

Die Farbe des ganz grossen Traums ist nicht weiss, sondern gelb. Erst sechs Schweizer Rennfahrer durften in der langen Geschichte der Tour de France ins Maillot Jaune schlüpfen: Ferdy Kübler, Hugo Koblet, Erich Mächler, Alex Zülle, Rubens Bertogliati und bei sechs Ausgaben Fabian Cancellara.

Der grosse Traum

Gelingt dieses Kunststück dereinst auch Marc Hirschi? Aktuell trennen ihn als Gesamtdritten nur sieben Sekunden vom Maillot Jaune. Kann er gar eines Tages eine grosse Rundfahrt gewinnen? «Es kann in diese Richtung gehen», glaubt sein Trainer Luke Roberts in der NZZ. Manager Cancellara will nicht zu gross in die Zukunft blicken. Anfangs Saison betonte er, dass es viele junge Talente gebe. «Ob sie dies auf der höchsten Stufe umsetzen können, entscheidet sich exakt in der Phase, in der sich Marc nun befindet.»

Ausfahrt mit seinem Mentor: Newcomer Hirschi und Manager Fabian Cancellara.

Hirschi betrachtet die Saison 2020 als ein weiteres Entwicklungsjahr. Er will sich die Zeit nehmen, die er benötigt, um sich Schritt für Schritt in der Weltspitze etablieren zu können: «Das längerfristige Ziel ist, dass ich in den nächsten zwei, drei Jahren an den Herausforderungen wachse und allmählich eine Leaderrolle übernehmen kann.»

Der entscheidende Angriff gestern erfolgte am Col des Quatre Chemins. Die Zukunft wird weisen, ob es Marc Hirschi gelingt, den richtigen Weg zum Erfolg zu finden. Mit erst 22 Jahren hat er noch genügend Zeit, um auf das allerhöchste Niveau zu kommen.

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