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Nach der Zündung der Sprengladung steigt Rauch über dem Wankdorfstadion auf. Bild: KEYSTONE POOL REUTERS

Unvergessen

23 kg Sprengstoff machen das legendäre Wankdorfstadion dem Erdboden gleich

3. August 2001: Unkraut, Moder und eine gemeingefährliche Elektrizitätsanlage. 47 Jahre nach dem Wunder von Bern hat das alte Wankdorfstadion seinen Dienst getan und wird gesprengt.



Um Punkt 15 Uhr ist es um das Wankdorfstadion geschehen. Fünf lange und drei kurze Hornstösse dröhnen als letztes Warnsignal über das Areal – dann zündet Sprengmeister Marco Zimmermann die 23-Kilogramm-Ladung des Sprengstoffs Gelamon. Rund viertausend Augenzeugen sehen, wie die ausgeweidete Fussballruine mit einem dumpfen Knall in sich zusammensackt.

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Die Sprengung des Wankdorfs aus der Vogelperspektive. Video: YouTube/Dube96

Ein letzter widerspenstiger Flutlichtmast

Doch das Wankdorf wäre nicht das Wankdorf, wenn es sich widerstandslos ergeben würde. Trotz der akribischen Planung will sich einer der vier Flutlichtmasten nicht geschlagen geben. Während seine drei Artgenossen brav auf den Rasen kippen, ragt der widerspenstige 130-Tonner weiter unbeirrt 43 Meter hoch in den Berner Nachmittagshimmel.

Smoke raises from the Wankdorf-Stadium in Bern, Switzerland, on Friday, August 3, 2001, after the four 50 meters high flood light masts and the roof of the main stand  have been detonated to make place for a new stadium that will be finished in 2004. (KEYSTONE/POOL/Pascal Lauener)  === ELECTRONIC IMAGE ===

Drei Flutlichtmasten kippen nach der Sprengung wie vorgesehen, doch der vierte bleibt einfach stehen. Bild: KEYSTONE POOL REUTERS

Den deutschen Zaungästen dürfte das gefallen. «Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister!» Die legendäre Radioreportage von Herbert Zimmermann beim «Wunder von Bern» brachte Deutschland neun Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg das Selbstbewusstsein zurück und machte das Wankdorf zu einem Ort deutscher Geschichte – mitten in der Schweiz.

Entsprechend gross ist die Empörung im Nachbarland, als der Abriss der Spielstätte des geschichtsträchtigen WM-Finals gegen Ungarn beschlossene Sache ist. Bundeskanzler Schröder zeigt sich «not amused» und Horst Eckel, einer der deutschen Helden von 1954, meint grantig: «Für mich ist das Wankdorfstadion praktisch ein Heiligtum. In Deutschland hätte man es sicher als Denkmal bewahrt.»

Swiss ambassador Thomas Borer, right, hands over to German Chancellor Gerhard Schroeder, left, a piece of lawn in the garden of the Chancellery Wednesday afternoon, December 12, 2001. The piece of lawn comes from the ground of the former Switzerland Wankdorf-soccer stadium where Germany became 1954 World soccer champion. The legendary stadium is pulled down last summer. At center1954 German team member Horst Eckel. (KEYSTONE/AP Photo/Roberto Pfeil)

Bundeskanzler Gerhard Schröder wird nach dem Abriss mit einem Geschenk versöhnt. Er erhält ein Stück des Wankdorf-Rasens vom Schweizer Botschafter Thomas Borer-Fielding überreicht und verpflanzt es vor das Bundeskanzleramt in Berlin. Bild: AP

Modrig, verfallen und gefährlich

In Bern hingegen kühlt die Liebe zum Stadion mit den Jahren immer weiter ab. Nach mehreren halbherzigen Renovationsversuchen erinnert der stolze Bau von 1954 je länger je mehr an ein Freilichtmuseum aus längst vergangenen Zeiten.

Mitte der 90er-Jahre modern die Betonmauern vor sich hin. Zwischen den morschen Holzbänken wuchert kniehoch Unkraut aus den Ritzen und nur ganz abgebrühte Besucher mit hoher Ekelschwelle wagen noch einen WC-Besuch. Die Kapazität wird aus Sicherheitsgründen sukzessive von 64'000 auf 22'000 Plätze reduziert. Das reicht auch, denn YB, das um die Jahrtausendwende zum Fahrstuhlklub mutiert ist, spielt oft nur noch vor 3000 bis 5000 Zuschauern. Die besten Zeiten sind (vorerst) vorbei.

Waehrend die erste Mannschaft des BSC Young Boys  am Montag, 2. Juli 2001, in Bern auf dem Rasen des Wankdorfstadions trainiert, wuchert zwischen den morschen Sitzbaenken das Unkraut. Am Samstag spielen die Young Boys zum Saisonbeginn der Nationalliga gegen den FC Lugano. Das Spiel ist das erste der Young Boys seit ihrem Wiederaufstieg in die oberste Spielklasse und das letzte im altehrwuerdigen Wankdorfstadion, das Anfang August abgerissen wird.  (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Das ist keine Gartenschau, sondern das Wankdorfstadion kurz vor seinem Abriss. Bild: KEYSTONE

1998 beschliesst der Schweizerische Fussballverband, dass man der Nationalmannschaft zukünftig keine Länderspiele mehr in dieser trostlosen Umgebung zumuten will. Dieser Magenschlag ist der endgültige Startschuss für die Neubaupläne, welche 2005 in der Eröffnung des neuen Stade de Suisse resultieren.

Doch dafür muss am Abrisstag erst einmal dieser verflixte Flutlichtmast das Zeitliche segnen. Am Ende macht ein Bagger kurzen Prozess mit ihm. Das Wankdorfstadion ist endgültig Geschichte. Wir blicken – ein bisschen wehmütig – auf sieben unvergessliche Partien zurück.

1954: Das Wunder von Bern

Der deutsche Fussballspieler Helmut Rahn, in der Mitte mit erhobenen Armen, bejubelt seinen Treffer zum 2:2 Ausgleich im Endspiel der Fussball-Weltmeisterschaft gegen Ungarn am 4. Juli 1954 im Wankdorf Stadion in Bern. Rahn hat beim sogenannten Wunder von Bern den Ausgleichstreffer zum 2:2 erzielt und das legendaere 3:2 geschossen, mit dem Deutschland den Weltmeistertitel errungen hatte.  (KEYSTONE/AP Photo/Str) ===  ===

Ein Spiel vor 60'000 Zuschauern, das zum Mythos wurde. Deutschland ringt unter Trainer Sepp Herberger die hochfavorisierte «Goldene Elf» von Ungarn in einer packenden Partie mit 3:2 nieder. Das kriegsgebeutelte Land versinkt im Freudentaumel, plötzlich ist man wieder jemand. Doppeltorschütze Rahn und seine Kollegen werden von 100'000 Fans als Helden auf dem Marienplatz in München empfangen. Sie erhalten zur Belohnung Kühlschränke und Volkswagen, Urlaubsgutscheine, Polstermöbel und jeder einen Goggo-Roller. Die Radio-Reportage von Herbert Zimmermann ist bis heute Kult und 2003 verfilmt Regisseur Sönke Wortmann die Geschichte in einer aufwendigen Produktion. Bild: AP

1959: Meistercup-Halbfinal zwischen YB und Reims

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Am 15. April 1959 schreiben die Young Boys im Halbfinal-Hinspiel des Meistercups gegen Stade Reims Schweizer Fussballgeschichte: Vor 63'000 Fans gelingt den Bernern der 1:0-Coup gegen die stolzen Franzosen dank eines Treffers des legendären Goalgetters Geni Meier. Für die Finalqualifikation gegen Real Madrid reicht es trotzdem nicht. Ohne die Unterstützung seiner Anhänger geht YB beim Rückspiel im Parc des Princes mit 0:3 unter. bild: facebook/bscyb

1961: WM-Qualifikation Schweiz gegen Schweden

Mannschaftsaerzte, Mitspieler und Funktionaere kuemmern sich um den Schweizer Goalie Karl

Die 60'000 Zuschauer sitzen bis an den Spielfeldrand, denn es gibt keinen Zaun. Dafür kommt es zum ersten Flaschenwurf aus dem Publikum. Mit dem 3:2 gegen Schweden sichert sich die Schweiz ein Entscheidungsspiel gegen den gleichen Gegner um einen Platz an der WM 1962 in Chile. Die Schweizer gewinnen anschliessend auch diese Partie, welche auf neutralem Boden in Berlin ausgetragen wird. Bild: KEYSTONE

1965: WM-Qualifikation Schweiz gegen Holland

Zuschauer halten waehrend des WM-Ausscheidungsspiels zwischen der Schweiz und der Niederlande am 14. November 1965 im Wankdorfstadion in Bern Transparente hoch und spielen auf Trompeten und anderen Instrumenten. Die Schweiz gewinnt das Spiel mit 2:1.(KEYSTONE/Str)

Auch das letzte und entscheidende Spiel der Qualifikation zur WM 1966 in England findet im Wankdorf statt. Gegen Holland siegen die Eidgenossen mit 2:1. Ausgerechnet dem ehemaligen YB-Spieler Toni Allemann gelingt das goldene Tor, welches der Nati das WM-Ticket sichert. Unmittelbar nach dem Spiel muss er mit Bauchschmerzen ins Spital eingeliefert und am Blinddarm operiert werden. Bild: KEYSTONE

1967: Cupfinal zwischen Lausanne und Basel

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Unfassbare Szenen ereignen sich in den Schlussminuten des Cupfinals von 1967 zwischen Lausanne und Basel: Schiedsrichter Göppel pfeift in der 88. Minute beim Stand von 1:1 einen umstrittenen Penalty für die Bebbi. Hauser verwandelt gegen Lausanne-Goalie Schneider sicher zum 2:1. Die Welschen protestieren mit einem Sitzstreik und lassen sich nicht zum Weiterspielen bewegen. Daraufhin bricht der Schiedsrichter die Partie ab. Genützt hat der ungewöhnliche Einsatz nichts. Das Spiel wird am grünen Tisch 3:0 für den FC Basel gewertet. Bild: srf

1993: Nati-Sieg gegen Italien

IM HINBLICK AUF DAS ANSTEHENDE EM-QUALIFIKATIONSSPIEL ITALIEN - SCHWEIZ IN UDINE VOM SAMSTAG, 10. OKTOBER 1998, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG --- Das entscheidende Tor beim historischen 1-0-Sieg der Schweiz gegen Italien im WM-Ausscheidungsspiel vom 1. Mai 1993, erzielt von Marc Hottiger, im mit 32'000 Zuschauern ausverkauften Berner Wankdorf-Stadion. Der Sieg der Nati unter Roy Hodgson legte den Grundstein fuer die WM-Teilnahme der Schweiz 1994 in den USA. Im Bild der geschlagene italienische Torhueter Pagliuca; Feldspieler nicht identifiziert.  (KEYSTONE/Archive)

Das entscheidende Tor beim historischen 1:0-Sieg der Schweiz gegen Italien im WM-Ausscheidungsspiel vom 1. Mai 1993 erzielt Marc Hottiger. «Gooooooooooooal», schreit TV-Kommentator Matthias Hüppi euphorisch ins Mikrofon und 32'000 Zuschauer im ausverkauften Wankdorfstadion bejubeln den Grundstein für die erste WM-Teilnahme der Schweizer Nati seit 28 Jahren. Bild: KEYSTONE

2001: Das Abschiedsspiel zwischen YB und Lugano

Soccer fans dig up pieces of the lawn of the Wankdorf-Stadium as souvenirs after the stadium's last game between the Bern Young Boys and the FC Lugano, Saturday July 7, 2001 in Bern, Switzerland. The Wankdorf Stadium, which is to be torn down at the end of July, hosted the final of the soccer world championsships in 1954, when Germany beat Hungary by 3:2 and was world champion for the first time. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Tschou Wankdorf! Nach dem Wiederaufstieg wird die erste Partie der Young Boys in der Nationalliga A zum Abschiedsfest für das Stadion. Vor 22'000 Zuschauern trotzen die Berner dem Favoriten aus dem Tessin ein 1:1 ab. Den Ausgleich, und damit das allerletzte Tor im Wankdorf, erzielt YB-Joker Burri nach einer Freistossflanke von Joël Descloux. Nach Spielschluss folgt ein grosses Feuerwerk, ein imposanter Schaukampf zwischen zwei Baggern und der Spatenstich für das neue Stadion durch Kugelstoss-Legende Werner Günthör. Nach dem offiziellen Festakt gibt es für die Fans kein Halten mehr. Sie leisten auf der Jagd nach Souvenirs schon gute Vorarbeit für die Abbruchspezialisten. Ein verdorrtes Stück des Rasens ist bis heute im Fanlokal «Halbzeit» zu bestaunen. Bild: KEYSTONE

Wieder Wankdorf

Der Neubau wird 2005 Stade de Suisse getauft – ein Name, der in der Bevölkerung nie wirklich verwendet wird. Das Stadion bleibt das Wankdorf. Seit dem Sommer 2020 ist der alte auch wieder der offizielle Name. Sponsor CSL Behring AG sicherte sich die Namensrechte und verzichtete zugunsten der historischen Bezeichnung auf eine Nennung des eigenen Namens.

Eine Juniorenmannschaft des BSC Young Boys traniert auf dem Spielfeld, am Mittwoch, 1. Juli 2020 im Stadion Wankdorf in Bern. Das 2005 eroeffnete Heimstadion des BSC Young Boys, welches als Stade de Suisse am gleichen Ort wie das erste, ab 1925, und das zweite Wankdorffstadion, ab 1954, gebaut wurde, heisst seit dem 1. Juli 2020 wieder Wankdorf. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Da steht es, mit gelben Stühlen inmitten schwarzer: YB spielt im Wankdorf. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • leed 03.08.2020 09:11
    Highlight Highlight Man hätte sich Geld sparen können, indem man mit einem Rammstein Konzert das alte Gelände in die Knie gezwungen hätte
  • Chromosom 03.08.2020 08:52
    Highlight Highlight "Der Neubau wird 2005 Stade de Suisse getauft – ein Name, der in der Bevölkerung nie wirklich verwendet wird."

    Ich persönlich kenne niemanden, der das Stade de Suisse Wankdorfstadion nennt.
    • Mr. Nice 03.08.2020 09:53
      Highlight Highlight YB-Fan seit dem 28.4.18?
    • Victor Paulsen 03.08.2020 10:16
      Highlight Highlight Und ich kenne fast niemand, der nicht nachfragt, was das Stade de Suisse ist, wenn man davon spricht
  • K1aerer 03.08.2020 08:20
    Highlight Highlight Und in Zürich schaffen wir es nicht mal, das Stadion zu bauen.
  • Militia 03.08.2019 20:42
    Highlight Highlight Eigentlich wurde ja nur eine Tribüne und 3,5 Masten gesprengt... Aber es war ein Stadion wie es heute weltweit nur noch sehr wenige gibt.
  • B-Arche 03.08.2019 16:04
    Highlight Highlight Das Wankdorf zeigte dasselbe Problem auf wie viele andere Bauten:
    Wenn man nicht regelmässig Geld einplant für Renovation, Unterhalt, Wartungsarbeiten, Anpassungen wird es am Ende immer richtig teuer.
    Das sind versteckte Schulden wie marode Autobahnbrücken die man "plötzlich" neu bauen muss usw.
  • Staedy 03.08.2019 10:42
    Highlight Highlight Es war ein geiles einzigartiges Stadion und heute ist es eine austauschbare Arena. So ändern sich die Zeiten und ganz ehrlich, im Regen möchte ich ja auch nicht mehr immer stehen.
    • c_meier 03.08.2019 16:22
      Highlight Highlight immerhin hat man vor 2-3 Jahren die VIP-Tribüne gelb angestrichen damit damit das Stadion mehr gelb-schwarz wird, vorher wars wirklich ziemlich austauschbar.
    • Entenmann 03.08.2020 09:39
      Highlight Highlight Mein Wunschtraum wäre es gewesen, die Haupttribüne, Ecktürme und Flutlichtmasten zu bewahren und nur die übrigen Tribünen neu zu bauen. Aber das war aus mehreren Gründen vollkommen unrealistisch. Das neue (auch schon wieder 15-jährige!) Stadion ist tatsächlich sehr unspektakulär, aber komfortabel und hat für YB die richtige Grösse.
  • c_meier 03.08.2019 08:23
    Highlight Highlight damals vs. heute
    Benutzer Bild
    • Elpampa 04.08.2019 00:53
      Highlight Highlight Tolles Bild! Kann mir jemand sagen, was die Ringe auf der Allmend im oberen Bild sind?
    • Aladdin 04.08.2019 08:22
      Highlight Highlight @Elpampa: Das sind Mehrfamilienhäuser (Wohnblöcke) am Schermenweg.
      Sie sind auch auf der neueren Aufnahme zu sehen. Sie sind, wahrscheinlich wegen der anderen Beleuchtung, einfach nicht so dominant.
    • Butschina 03.08.2020 07:11
      Highlight Highlight Das sieht für mich nicht annähernd nach Mehrfamilienhäuser aus. Eher nach in die Wiese gemähte Kreise. Vielleicht für irgend einen Sport.
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