Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Moto GP rider Thomas Luthi of Switzerland takes a curve during the French Motorcycle Grand Prix race in Le Mans, France, Sunday, May 20, 2018. (AP Photo/David Vincent)

Tom Lüthi avanciert in der MotoGP-Klasse zum Bruchpiloten. Bild: AP/AP

Das Chaos wird noch grösser – jetzt ist Tom Lüthi Sturzkönig der «Königsklasse»

Es schien, eine Steigerung des Dramas um Tom Lüthi sei beim GP von Italien in Mugello nicht mehr möglich. Aber es ist noch schlimmer geworden. Tom Lüthi sagt: «Unter solchen Umständen kann man nicht arbeiten.»

klaus zaugg, mugello



Die Wirklichkeit übertrifft inzwischen jede Fiktion. Das Rennen der Königsklasse beim GP von Italien in Mugello ist in vollem Gange. Begeisternder Rennsport. Valentino Rossi ringt um einen Platz auf dem Podest.

epa06748930 Swiss Moto GP rider Thomas Luthi (C) of EG 0,0 Marc VDS prepares with his team during the free practice of the MotoGP race of the French Motorcycling Grand Prix at Le Mans race track, in Le Mans, France, 19 May 2018.  EPA/EDDY LEMAISTRE

Lüthi muss unangenehme Fragen beantworten. Bild: EPA/EPA

Aber wo ist Tom Lüthi? Er sitzt bereits frisch geduscht, gebürstet und gekämmt in seinem BMW. Er hat sich schon auf den Heimweg gemacht und versucht, vor dem Ende des Rennens aus dem Fahrerlager zu gelangen und dem Verkehrschaos zu entkommen.

Wer böse ist, mag sagen: Er schafft auch das nicht. Selbst auf der Landstrasse sind andere schneller. Item, er bleibt auf dem Weg von der Rennstrecke durch die toskanischen Hügel zur Autobahn im Stau stecken.

Der Emmentaler, der diese Saison die Königsklasse erobern wollte, auf der Heimfahrt bevor das Rennen zu Ende ist. Das sagt alles. Was ist passiert?

«Unter solchen Umständen kann man nicht arbeiten.»

Tom Lüthi

Auf dem Weg von seinem Motorhome zu seiner deutschen Benzinkutsche erwischt der Chronist den desillusionierten Helden. Von einer geordneten Medienarbeit, die von den MotoGP-Teams mit viel Brimborium zelebriert wird, ist schon längst keine Rede mehr. Nach den Trainings gibt es Interview im Stehen zwischen Ölfässern hinter der Box und im Lärm des geschäftigen Treibens im Fahrerlagers ist kaum ein Wort zu verstehen. Und jetzt reicht es grad noch im Stehen vor der Heimfahrt. Wie muss es da erst recht in der Box zu und hergehen. Dort, wo an Höllenmaschinen hochkonzentrierte Präzisionsarbeit geleistet werden müsste?

Tom Lüthi ist freundlich, nimmt sich, bevor er enteilt, Zeit und sagt unter anderem einen Satz, der aufhorchen lässt: «Unter solchen Umständen kann man nicht arbeiten.» Aber er kann diese Umstände nicht beeinflussen. Einer der grössten Schweizer Motorradrennfahrer aller Zeiten ist ein Opfer der Umstände.

Der Weltmeister von 2005 schildert kurz und präzis sein Malheur im Rennen. Er sei recht gut beim Start weggekommen. Aber dann sei Xavier Simeon in der zweiten Runde vor ihm ins Rutschen geraten. Er sei mit ihm zusammengestossen und gestürzt. «Dabei habe ich den Kopf heftig aufgeschlagen. Aber jetzt bin ich wieder okay. Es war Pech, ich fuhr zur falschen Zeit am falschen Ort…» Und er richtet noch aus, wenn weitere Fragen seien, möge man ihn doch auf dem Handy anrufen. Er habe auf der Heimfahrt mit dem Auto schon Zeit, Auskunft zu geben.

Seit 2006 wird eine offizielle Statistik der Neulinge in der Königsklasse geführt. Bis heute zählen wir exakt 50 «Rookies». 48 davon haben bereits in ihrer ersten Saison WM-Punkte geholt. Nur zwei noch nicht: Xavier Simeon (mit dem Tom Lüthi soeben zusammengestossen ist) und eben Tom Lüthi.

epa04255980 Spanish MotoGP rider of Repsol Honda team, Marc Marquez, crashes during the qualifying session at Montmelo circuit in Barcelona, northeastern Spain, 14 June 2014. The Grand Prix of Catalunya will be held 15 June 2014.  EPA/Alejandro Garcia

Nur Marc Marquez stürzt gleich oft wie Tom Lüthi. Bild: EPA/EFE

Dafür führt der Emmentaler eine andere, eine beunruhigende Statistik an. Gleichauf mit Weltmeister Marc Marquez. Die Sturz-Statistik. Tom Lüthi ist nun achtmal gestürzt. Gleich oft wie der Titelverteidiger (der aber auch drei Rennen gewonnen hat). Öfter hat es im gesamten Zirkus bloss noch Sam Lowes in der Moto2-WM erwischt. Der Brite ist schon zwölfmal aus dem Sattel gefallen und ist seit Jahren ungekrönter Sturzkönig.

Diese Statistik ist beunruhigend. Tom Lüthi ist von seinem Stil her alles andere als ein Bruchpilot. Er pflegt bei weitem nicht den aggressiven Fahrstil eines Marc Marquez. Er ist ein kluger, eleganter Stilist.

Zur Erklärung hilft ein Vergleich mit dem Skisport: Tom Lüthi ist mehr ein Riesenslalomfahrer, seine Konkurrenten sind eher Abfahrer. Stürze in der «Königsklasse», mit Spitzengeschwindigkeiten über 300 km/h, sind gefährlich. Tom Lüthi riskiert nicht nur seine Karriere. Er riskiert unter diesen Umständen seine Gesundheit.

Oder wird das Chaos im Team bald gelöst? Kehrt nun Ruhe ein? Nein, so sieht es nicht aus. Es ist inzwischen noch schlimmer geworden.

Am Freitag hatte Graf Marc van der Straten versichert, er habe nun sein Team unter Kontrolle. Sein ungetreuer Teammanager Michael Bartholemy sei nach der Entlassung ganz aus dem Geschäft und werde gerichtlich in Belgien und in der Schweiz belangt. Nun kehre Ruhe ein.

Es war bloss die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Am Samstag machte Michael Bartholemy die Runde bei den Mechanikern und sonstigen Teammitgliedern und versicherte ihnen, er sei nach wie vor handlungsbevollmächtigt. Und natürlich unschuldig.

Es zeichnet sich ab: Der Belgier setzt offensichtlich alles daran, juristisch Teamchef zu bleiben, das Team zusammenzuhalten und für nächste Saison einem Investor zu verkaufen. Und immer mehr stellt sich die Frage: ist der Graf, der das ganze Team finanziert, juristisch eigentlich gut beraten? Oder hat der belgische Bier-Milliardär nicht darauf geachtet, welche Verträge er unterschrieben, wem er welche Vollmachten er gegeben hat?

In dieser «Lindenstrasse des Rennsportes» folgen bereits in zwei Wochen beim GP von Katalonien in Barcelona die nächsten Folgen.

Das Video der Woche:

Video: watson/Bunni Khun, Emily Engkent

Noch mehr Bruchpiloten: Auto landet im Greyerzersee

Das könnte dich auch interessieren:

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Tödlicher Unfall auf der A9 in der Westschweiz

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Tom Lüthi oder das Ende aller gängigen Ausreden

Nach der schwächsten Saison seit dem WM-Titel von 2005 steht Tom Lüthi nicht am Ende seiner Karriere. Aber es ist das Ende aller Ausreden. Mit dem vierten Nuller in Serie (16.) steht er nach dem GP von Portugal ungefähr dort, wo er vor 18 Jahren seine Karriere begonnen hat.

Eine Standortbestimmung mit Statistiken. Also keine Polemik. Am 21. Juli 2002 debütiert Tom Lüthi (34) beim GP von Deutschland mit einem 26. Platz im Training. 18 Jahre später steht er leistungsmässig wieder ungefähr dort, wo alles begonnen hat. Den GP von Portugal beginnt er auf dem 24. Starplatz.

Immerhin: Im Rennen (16.) ist er besser als damals auf dem Sachsenring (33.) und die Schmach einer Niederlage gegen Dominique Aegerter (20.) bleibt ihm beim Saisonfinale erspart. Aber er bleibt zum …

Artikel lesen
Link zum Artikel