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St. Gallens Torhueter Lawrence Ati Zigi, Mitte, jubelt beim Fussball Super-League Spiel zwischen dem FC St. Gallen und BSC Young Boys Bern, am Sonntag, 23. Februar 2020, im Kybunpark in St. Gallen. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Da glaubten noch alle, er sei der Matchwinner: St.Gallen-Goalie Zigi nach seiner Penalty-Parade in der 97. Minute. Bild: KEYSTONE

Kommentar

Mein Herz blutet, aber es ist so: Der Penalty für YB wurde zu Recht wiederholt

Wer behauptet hatte, dass mit dem Einsatz des Videoschiedsrichters die Emotionen im Fussball aussterben würden, lag damit so falsch wie jene, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Der jüngste Beleg: Die riesige Aufregung nach dem 3:3 zwischen St.Gallen und YB im Spitzenkampf der Super League.



Zigi hält – Zigi Held! Als St.Gallens Goalie in der 97. Minute einen Handspenalty abwehrt, steht der Sieg über den Meister fest. Der FCSG setzt sich an der Tabellenspitze ab, hat nun drei Punkte Vorsprung auf Titelverteidiger YB. Der grün-weisse Meistertraum lebt weiter.

Bis sich Schiedsrichter Alain Bieri ans Ohr fasst, er Zigi die Gelbe Karte zeigt und den Penalty wiederholen lässt. Der VAR meldet bei Bieri, dass sich Zigi vor der Ausführung zu früh bewegt hat. Guillaume Hoarau behält im zweiten Anlauf die Nerven und erzielt in der 99. Minute den Ausgleich zum 3:3. Schluss, vorbei, ganz St.Gallen fühlt sich betrogen. Mal wieder benachteiligt durch die «Fussball-Mafia SFV», wie die Kurve ruft, weil die Liga ausgerechnet einen Berner Schiedsrichter das Spitzenspiel mit Berner Beteiligung pfeifen liess.

Fürchterlich habe ich mich aufgeregt. Dabei war mir gleichzeitig klar: Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist alles korrekt. Denn man muss sich schon sehr, sehr sicher sein, wenn man in so einer Situation in einem ausverkauften Tollhaus so einen Entscheid fällt.

Die Penalty-Szenen im Video. Video: SRF

So bleibt es, wie es vor dem Spiel schon war: Der überraschende FC St.Gallen und die Young Boys stehen nach 23 Runden punktgleich an der Spitze der Super League.

Bieri und Sandro Schärer, der VAR in Volketswil, sind nun die Buhmänner. Dabei haben sie nur konsequent die Regeln umgesetzt. Wenn die Regel lautet, dass der Goalie bei der Ausführung eines Penaltys mit einem Fuss noch die Linie berühren muss, dann muss der VAR dies überwachen, dazu ist er da. Und wenn er auf dem Bürostuhl sitzend einen Regelverstoss feststellt, dann muss er ihn melden und Bieri auf dem Feld muss ihn ahnden.

Es gibt in diesem Fall nur Schwarz und Weiss. Der Fuss des Goalies ist bei der Ballabgabe des Schützen auf der Linie oder eben nicht. Man kann den beiden Unparteiischen deshalb keinen Vorwurf machen, selbst wenn es eine Superzeitlupe benötigt, um die Szene korrekt beurteilen zu können. «Es stinkt mir», sagt hinterher selbst Bieri über den Entscheid, den er fällen musste, «aber ich kann es mir ja nicht auswählen».

Wer nun auf VAR Schärer schiesst, der sucht sich ebenfalls den falschen aus. Man stelle sich nur mal vor, was im gegenteiligen Fall los gewesen wäre, hätte er Zigis Parade gelten lassen: Der Boulevard hätte ein Standbild der TV-Übertragung veröffentlicht, die sich betrogen fühlenden Berner hätten getobt und in ihrer Wut vermutlich ein Wiederholungsspiel gefordert wegen des krassen Regelverstosses, der ja so offensichtlich war, dass er dank einer Superzeitlupe entdeckt worden ist. Aufregung hüben, statt drüben.

Die Regel gibt es so seit letztem Sommer, an der Frauen-WM wirbelte sie gehörig Staub auf. Die Regelhüter wollten für Klarheit sorgen, wollten kein Wischiwaschi, sondern wollten Schwarz und Weiss. So dass es keine Auslegungssache mehr ist, sondern in allen Spielen gleich gehandhabt wird. Das ist eindeutig im Sinn der Sache. Die Regel ist deshalb sinnvoll, selbst wenn nach einem Entscheid wie gestern der Reflex da ist, sie zu hinterfragen.

In der Schweiz fährt man bislang mit dem VAR sehr gut, auch weil weniger Geld in ihn investiert wird als anderswo. Ein «millimeterlen» bei Offside-Entscheiden wie in der Bundesliga oder der Premier League gibt es nicht, weil sich die Schweizer Klubs die teure Technologie der sogenannten kalibrierten Linie nicht leisten wollen. Bei der Penalty-Regel kostet die Linie nichts, weil sie ohnehin auf den Rasen gezeichnet ist. Deshalb kann hier haargenau hingeschaut werden.

Was nun? Wieder weg mit dem Videoschiedsrichter? Nein. Unter dem Strich werden weniger Fehlentscheide gefällt und darum geht es. Sollen doch die Goalies, wenn sie sich bei einem Penalty bewegen wollen, vor der Ausführung ein wenig hinter der Linie postieren. Dann können sie das Schrittchen nach vorne machen und berühren die Linie immer noch. Soviel grösser wird das Tor für den Schützen deshalb nicht.

Mein grün-weisses Herz blutete nach dem im ersten Moment unverständlichen Entscheid, den Penalty wiederholen zu lassen. Mein Kopf weiss, dass alles seine Richtigkeit gehabt hat. Ein grosser Trost ist das nicht. Es ist, wie wenn du als Autofahrer mit läppischen 1 km/h zu schnell geblitzt und deshalb gebüsst wirst. Du ärgerst dich wegen dieser «Tüüpflischiissete» masslos über die Polizei, weisst aber ganz genau, dass es deine eigene Schuld ist. Zähneknirschend bezahlst du die Busse.

Ach ja: Und dass Schiedsrichter Bieri ein Berner ist, tut nichts zur Sache. Wenn der Olympia-Final im Eishockey zwischen Kanada und den USA in Kanada von zwei Schiedsrichtern aus Kanada geleitet wird, dann wird das von allen klaglos akzeptiert. Weil ein Schiedsrichter nicht Partei für ein Team ergreift, sondern Partei für die Sache einnimmt.

Der FC St.Gallen hat nach wie vor die Chance, zum ersten Mal seit zwanzig Jahren Schweizer Meister zu werden. Nach wie vor führt er die Tabelle an und er hat gegen YB mit einem starken Auftritt gezeigt, was auch ohne gesperrte (Ruiz) und verletzte (Babic, Letard) Schlüsselspieler in ihm steckt. Das Selbstvertrauen der Ostschweizer bleibt gross.

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