Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Sportchef Alain Sutter, Praesident Matthias Hueppi, und Trainer Peter Zeidler vom FC St. Gallen, von links, an einer Medienkonferenz vor der Wiederaufnahme der Super League, am Freitag, 19. Juni 2020, in St. Gallen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Alain Sutter ist ab der starken Saison des FC St.Gallen nicht überrascht. Bild: keystone

Interview

«Es ist machbar, jeden dritten Tag zu spielen, man sollte also kein Drama daraus machen»

St.Gallens Sportchef Alain Sutter über Belastungen, Bauchgefühle und Bedenken. Und über seinen Trainer Peter Zeidler, den womöglich Hoffenheim verpflichten will.

Patricia Loher und Christian Brägger / ch media



Ein verrückter Fussballsommer steht bevor – kann der Sportchef seine Lust beschreiben auf das, was alles auf den FC St.Gallen zukommt?
Alain Sutter:
Ich freue mich. Trainer Peter Zeidler hat das perfekte Wort gewählt – es wird ein «Abenteuer». Wir wissen nicht, was kommt, jeder wird bis zum Äussersten gefordert sein. Es geht Schlag auf Schlag, abhaken, weiter geht’s, das nächste Spiel, wieder konzentrieren. Ich bin gespannt, wie wir das meistern. Ich liebte es schon als Spieler, jeden dritten Tag eine Partie zu bestreiten – weil ich nicht so gerne trainierte und mir aussergewöhnliche Situationen stets gefielen. Vielleicht ist es eine Charaktereigenschaft von mir, dass nicht alles Routine sein muss.

«Ganz abschalten vom Fussball konnte ich nie.»

Wie nehmen Sie das Team wahr?
Die Freude ist da, die Begeisterung im Training ist dieselbe wie zuvor. Schön war zu sehen, dass nichts verloren gegangen ist in der Pause. Ich habe die Mannschaft sofort wiedererkannt. Dass die Intensität gesteigert und physisch wieder der Aufbau gemacht werden musste, war logisch. Aber was den Fussball und das Mentale anbelangt, war alles noch da.

Haben Sie das 3:3 gegen die Young Boys schnell abgehakt?
Ja. Man muss die Sache gedanklich sofort abschliessen, es geht weiter. Nach dem Spiel ist es bei mir vorbei, es hat keine Relevanz mehr. Ich habe nur einmal und rein zufällig in dieses 3:3 reingezappt. Beruflich kümmert man sich gewiss länger um ein Spiel, weil es für die Analyse wichtig ist.

Wie sah Ihre Arbeit während der Coronazwangspause aus?
Ganz abschalten vom Fussball konnte ich nie. Es ist mein Job, mir über die Zukunft Gedanken zu machen und mit dem Trainer das Gespräch zu suchen. Mit wem verlängern wir? Wo sind Transfers offen? Was für Spieler suchen wir? Wo beobachten wir Akteure? Nahtlos konnte ich natürlich nicht weitermachen, aber der Inhalt blieb gleich.

Die Konsequenzen für den Club sind nicht absehbar.
Unsicherheiten gibt es nur hinsichtlich der Entscheide, die wir fällen müssen. Wir denken in Szenarien, in denen wir skizzieren, was sie für den Club bedeuten. In dieser Phase musst du flexibel bleiben. Der Verwaltungsrat hat mir einfach seine Richtlinien durchgegeben, auch fürs Budget.

Bleibt es bei 7,6 Millionen Franken?
Wir bewegen uns schon am unteren Ende, grosse Sprünge sind nicht möglich. Weil wir in den vergangenen zwei Jahren den Betrag bereits um 1,5 Millionen gesenkt haben, ist es unser Ziel, dass wir auf diesem Niveau in der Krisenzeit versuchen, weiter zu machen.

Sportchef Alain Sutter bei einem Testspiel zwischen dem FC St. Gallen und dem FC Aarau, am Samstag, 13. Juni 2020, in St. Gallen. Die Meisterschaft wird demnaechst fortgesetzt, nachdem sie wegen dem Coronavirus unterbrochen wurde. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Alain Sutter regt sich selten über die Aussagen anderer auf. Bild: keystone

Es hiess lange, der Fussball brauche keine finanzielle Unterstützung vom Staat, da sowieso alle genug verdienen. Nervt das?
Nein, ich rege mich selten auf über Aussagen anderer. Sie werden Gründe dafür haben, das so zu sehen. Wichtig ist, dass die Entscheidungsträger den Überblick haben und faire Beschlüsse fassen, wo es Unterstützung braucht. Vielleicht nervt es auch nicht, weil man weiss, dass es in Wahrheit anders ist.

«Wir haben Verantwortung für die jungen Menschen, damit diese so gesund wie möglich durch die Karrieren kommen.»

Die Schweizer Clubs verpassten es aber, sich in der Krise ein gutes, einheitliches Image zu geben.
Es gab halt verschiedene Meinungen, weil für jeden andere Parameter gelten. Es gibt Konkurrenz, jeder schaut für sich und versucht, das Beste für sich herauszuholen. Einige taten dies öffentlich kund, andere nicht, da hat jeder Verein seine eigene Strategie. Am Ende hat man dann einen Mehrheitsentscheid als gemeinsamen Nenner.

Weshalb beginnt die Schweizer Liga trotz früher Pause erst jetzt?
Ich weiss es nicht, bin aber um jeden Tag mehr Vorbereitung froh, nur schon wegen der Gesundheit der Spieler. Der Körper muss wieder aufgebaut werden, sich an die Belastung herantasten. Wir haben Verantwortung für die jungen Menschen, damit diese so gesund wie möglich durch die Karrieren kommen.

Wird die Gesundheit einer zu grossen Belastung ausgesetzt?
Mannschaften wie Bayern München oder Real Madrid sowie Nationalspieler zeigen Jahr für Jahr, dass es machbar ist, jeden dritten Tag zu spielen. Man sollte also kein Drama daraus machen, sondern mit den Begebenheiten umgehen. Für Schweizer Teams ist das Tempo gewiss unglaublich, sie sind sich das nicht gewohnt, dazu diese lange Pause. Die Situation ist jedoch aushaltbar, aber natürlich werden es extreme Wochen.

Verändert sich mit den Geisterspielen der Fussball?
Der Fussball nicht. Aber das Erlebnis. Ich weiss von meiner Zeit in Deutschland, dass Spiele dort oft nicht besser waren als in der Schweiz. Aber sie sehen viel besser aus, sind unterhaltsam, wenn man in einem vollen Kessel das Spiel macht und es tobt links und rechts. Wenn wir die gleiche Partie vor halbleeren oder leeren Rängen anschauen müssen, erlebt man diese ganz anders.

«Wenn wir aber sagen, das war Glück, heisst das auch, dass wir die Augen schlossen, würfelten, und dann ist es passiert.»

Aus Deutschland gibt es die Beobachtung, dass Spieler besser werden, wenn keine Zuschauer im Stadion sind. Weil der Druck von den Rängen wegfällt.
Das sind Vermutungen von Journalisten. Gewiss, alles hat eine Auswirkung. Man weiss aber noch nicht, wovon und wie die Spieler beeinflusst werden. Den einen beflügelt ein volles Stadion, ein anderer ist blockiert. Selbst wenn wir eine solche Situation schon erlebt hätten, wären Prognosen schwierig. Weil wir die Zeit ja weitergelaufen ist, die Betroffenen sich entwickelt haben und keine Roboter sind.

Die St. Galler nach einem Testspiel zwischen dem FC St. Gallen und dem FC Aarau, am Samstag, 13. Juni 2020, in St. Gallen. Die Meisterschaft wird demnaechst fortgesetzt, nachdem sie wegen dem Coronavirus unterbrochen wurde. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Der FC St.Gallen begeistert in dieser Saison. Bild: keystone

Hat es Sie überrascht, wie schnell es gelungen ist, eine Mannschaft auf die Beine zu stellen, die bis zur Coronapause all das umsetzte, was dem Club vorschwebt?
Wenn ich jetzt sage, dass ich überrascht bin, impliziert das: Es ist nur zufällig passiert. Deshalb mag ich das Wort «Überraschung» nicht. Natürlich hat uns die Mannschaft richtig grosse Freude bereitet. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sie so stark aufgetreten ist. Wenn wir aber sagen, das war Glück, heisst das auch, dass wir die Augen schlossen, würfelten, und dann ist es passiert. Ich bin sehr achtsam mit den Worten, die ich brauche. Es wäre auch überheblich zu behaupten, wir hätten gewusst, dass es genau so kommt.

Hilft vor allem das Bauchgefühl?
Am Schluss ist es eine Kombination aus Bauchgefühl und Erkennen von fussballerischen Fähigkeiten. Mit Lukas Görtler beispielsweise hat Peter Zeidler öfters telefoniert. Aber trotzdem weiss man dann noch nicht, wie jemand ist, weil man ihn noch nicht kennt. Es fehlt an der Zeit, einen Spieler im Vorfeld eines Transfers ein paarmal zu besuchen. Viel hat mit Beobachten und Intuition zu tun. Peter Zeidler war ja Pädagoge, er hatte schon immer mit Menschen zu tun. Ich habe während meiner Coachingzeit das Gefühl für Menschen bekommen. Das spielt alles mit. Wichtig ist, ehrlich zu sein und deshalb ist es völliger Schwachsinn, zu behaupten, wir hätten gewusst, dass das alles so gut kommt. Und es hat ja auch nicht mit allen Spielern funktioniert. Wir haben nicht das Gefühl, wir könnten über Wasser gehen.

Wird sich die Mannschaft nach dieser Saison stark verändern?
Im Moment ist das schwer absehbar. Wir haben ein junges Team, das stark gespielt hat. Viele zuvor unbekannte Akteure haben sich ins Schaufenster gespielt, auf sich aufmerksam gemacht. Genau das wollen wir ja. Was alles in den nächsten Wochen passiert, ob wir erfolgreich sind oder nicht, ob jeder Einzelne gut spielt oder nicht, wird definieren, wie es im Sommer weitergeht.

«Immer wenn bei einem anderen Club Peter Zeidlers Name fällt, ist das eine Auszeichnung für uns.»

Die Vertragsverlängerungen von Babic, Fazliji und Guillemenot suggerieren, dass St.Gallen weiterhin auf die jungen Spieler setzt.
Wir setzen alles daran, so viele Spieler wie möglich aus diesem Team zu behalten, weil wir glauben, dass jeder einzelne und die Mannschaft noch besser werden können.

Sportchef Alain Sutter, Trainer Peter Zeidler, Praesident Matthias Hueppi vom FC St. Gallen, von links, nach einer Medienkonferenz vor der Wiederaufnahme der Super League, am Freitag, 19. Juni 2020, in St. Gallen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Bild: keystone

Hoffenheim hat den Trainer entlassen, Peter Zeidler soll einer der Kandidaten sein. Was lösen solche Gerüchte bei Ihnen aus?
Ich bin sehr realistisch. Es ist ein Teil des Geschäftes. Peter Zeidler macht in St.Gallen einen fantastischen Job. Es ist ein Kompliment für den FC St.Gallen, für ihn und für die Mannschaft. Immer wenn bei einem anderen Club sein Name fällt, ist das eine Auszeichnung für uns. Trainer wie er sind begehrt. Ich wäre vielmehr überrascht, wenn sein Name nirgends auftauchen würde.

Als sie vor einem Jahr mit Zeidler verlängerten, hiess es, das sei voreilig und ohne Not passiert. Nun erhalten Sie recht.
Es war auch damals das Bauchgefühl, wir spürten, dass es passt. Und wir sagten ja von Beginn an, dass wir über eine längere Zeit zusammenarbeiten möchten. Natürlich, die Leute dürfen eine andere Meinung haben. Aber am Schluss müssen wir entscheiden.

Es kann ja auch passieren, dass Sie das Interesse anderer Vereine wecken.
Das kann sein. Jeder, der sich im Umfeld eines Clubs bewegt, der einigermassen vernünftig spielt, kann Interesse wecken.​

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die turbulente Zeit des FCSG seit dem Meistertitel 2000

Ein wahrer Kommentator eskaliert auch ohne Fussball

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Zum Tod von Diego Maradona: Wie die «Hand Gottes» zur Legende wurde

Diego Armando Maradona stirbt im Alter von 60 Jahren. Kein anderer Spieler hat je eine WM so dominiert wie Diego Maradona 1986. Die beiden Treffer gegen England haben ihn nicht nur in Argentinien zum Fussballgott gemacht.

Diego Maradonas Augen waren noch glasig, sagen diejenigen, die ihn an diesem 22. Juni 1986 in der Kabine haben sitzen sehen. Sein Lächeln sei steinern gewesen. Er war sich bewusst, dass er mit seinem Tor zum 2:0 gegen England einen Akt sublimer Kunst vollbracht hatte. Sublime Kunst bedeutet, etwas Grosses, Überwältigendes, das nur mit dem Gespür für das Aussergewöhnliche überhaupt verstanden und nicht wiederholt werden kann.

Das war sein sublimes Kunststück: Er startete in der eigenen …

Artikel lesen
Link zum Artikel