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Lara Stalder, Eishockey-Nationalspielerin und Stürmerin bei Brynäs (Brynaes) IF

Lara Stalder stürmt in der schwedischen Liga für Brynäs IF. Bild: Valentin Studerus

Interview

Eishockeystar Lara Stalder: «Wenn ich die Gegnerin anlache, ist es das Schlimmste für sie»

Lara Stalder ist Topskorerin in der schwedischen Eishockeyliga der Frauen und eine der besten Stürmerinnen der Welt. Im Gespräch mit watson spricht sie über ihren Ehrgeiz, Erfolg mit dem Team und den Zustand des Frauen-Eishockeys in der Schweiz.



Lara Stalder ist eine der besten Eishockeyspielerinnen der Welt. Letztes Jahr wurde die 26-jährige Luzernerin in Schweden bei der erstmaligen Vergabe dieses Preises zur wertvollsten Spielerin der Liga (MVP) gekürt. Auch in dieser Saison trumpft die Stürmerin gross auf und ist mit 67 Punkten aus 27 Spielen aktuelle Topskorerin der «Svenska damhockeyligan».

Im Gespräch mit watson erzählt Stalder, wie sie es so weit geschafft hat und was sie sich für das Frauen-Hockey in Zukunft erhofft.

Lara Stalder, man sagt über Sie, dass Sie nicht verlieren können. Stimmt das?
Lara Stalder: Ja, seit ich klein bin. Mein Bruder könnte darüber ein Buch schreiben (lacht). Ich denke, diese Eigenschaft hat mich auch dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Ich liebe es zu gewinnen, über Siege freue ich mich wie ein kleines Kind. Aber ich hasse es fast noch mehr, zu verlieren.

«Bei meiner Mutter kann ich Sachen loswerden, die ich Teamkolleginnen nicht sagen möchte.»

Trotzdem gehören Niederlagen zum Sport. Wie gehen Sie damit um?
Ich bin nach Niederlagen schon manchmal für einige Minuten nicht gut anzusprechen, aber das geht wieder vorbei. Am schwersten fällt es mir, wenn ich einen Fehler nicht im nächsten Shift sofort wieder korrigieren kann. Nach Spielen haben wir teilweise noch ein Kraft-Training, das hilft auch, dort dann noch alles rauszulassen. Auch meine Familie ist ein guter Rückhalt. Meine Mutter schaut jedes Spiel, wir telefonieren meistens noch danach. Dort kann ich auch Sachen loswerden, die man den Teamkolleginnen vielleicht nicht sagen möchte. Wenn das draussen ist, kann ich auch wieder nach vorne schauen.

Spüren sie diesen Ehrgeiz auch im Alltag?
Im Alltag bin ich eine ganz andere Person. Im Eishockey bin ich brutal ehrgeizig, aber sobald ich die Ausrüstung abgezogen haben, versuche ich ein guter Mensch, ein Vorbild zu sein. Ich setze mich für die Umwelt oder für Kinder ein. Ich will auch sonst immer mein Bestes geben, aber ich glaube im Alltag ist das nicht so extrem.

Seit vier Jahren lebt und spielt Stalder in Schweden. Bild: Valentin Studerus

Diese Saison gibt es bislang noch nicht viel zu mäkeln. Sie haben in 27 Spielen 24 Tore und 43 Assists gesammelt.
Ja, ich bin sehr zufrieden. Schon letzte Saison lief es mir sehr gut, ich hatte ein gutes Team um mich herum. Auf diese Saison hin haben wir noch einmal aufgerüstet. Dadurch fühle ich mich auch sehr wohl, verstehe mich sehr gut mit den Spielerinnen in meiner Linie. So kann auch ich mein bestes Eishockey abrufen, das macht extrem viel Spass.

«Ich spiele eigentlich immer die offensiv möglichste Variante, spekuliere manchmal auch etwas. Genau das erlaubt es mir, so produktiv zu sein.»

Können Sie überhaupt noch besser Eishockey spielen?
Im Eishockey passieren so viele Fehler und du musst so viele Entscheidungen treffen, da gibt es immer Verbesserungspotenzial. Ich könnte sicher noch öfter selbst schiessen, denn ich tendiere dazu, eher den Pass zu suchen. Daran arbeite ich auch.

Was zeichnet Ihr Spiel aus?
Ich denke, ich bin eine komplette Spielerin. Ich habe einen guten Speed und ein gutes Auge und auch einen guten Schuss. Es gelingt mir, schnellere und kreativere Entscheidungen zu treffen als meine Gegnerinnen und Dinge zu sehen, die die Gegnerinnen vielleicht nicht sehen.

«Wenn ich die Gegnerin anlache, dann ist das für sie das Schlimmste.»

Und das Verteidigen?
Ich war mal Verteidigerin, aber das ist jetzt nicht mehr mein Spiel oder meine Rolle. Ich muss offensiv etwas kreieren und wenn ich zusätzlich die Verteidigung noch unterstützen kann, ist das dann ein Bonus. Der Trainer weiss das auch und sagt mir lediglich manchmal, ich könnte noch etwas konsequenter backchecken. Ich spiele eigentlich immer die offensiv möglichste Variante, spekuliere manchmal auch etwas und genau das erlaubt es mir, so produktiv zu sein.

Steckbrief Lara Stalder

Geburtsdatum: 15. Mai 1994
Aufgewachsen in: Luzern
Position: Center
Karriere:
bis 2011: HC Luzern U17
2007 - 2012: SC Reinach Damen
2011 - 2013: Seewen U17
2012 - 2013: ZSC Lions Frauen
2013 - 2017: University of Minnesota-Duluth
2017 - 2019 Linköping HC
2019 - heute: Brynäs IF
Erfolge: Schweizer Meisterin (2013), Olympische Bronzemedaille (2014), SIHF Woman of the Year (2017), 2x schwedische Vizemeisterin (2018, 2019), SDHL MVP (2020), SDHL Stürmerin des Jahres (2020)

Ihr Erfolg macht Sie sicher auch zur Zielscheibe Ihrer Gegnerinnen.
Ich habe das zu spüren gekriegt in der letzten, aber auch in dieser Saison. Das ist mental schwierig, aber ich muss damit umgehen können. Ich versuche ruhig zu bleiben und mich nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Wenn ich die Gegnerin anlache, dann ist das für sie das Schlimmste. Dann weiss sie, dass ich immer noch Spass habe. Manchmal ist das Lachen etwas gefakt, aber irgendwann ist es so ansteckend, dass es echt wird.

Bereits letztes Jahr hatten Sie individuell grossen Erfolg und wurden in der schwedischen Liga als MVP ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist eine grosse Ehre, vor allem auch weil die Gewinnerin von den Spielerinnen gewählt wird und nicht nur von Trainern oder irgendeiner Jury. Es ist Genugtuung für den grossen Aufwand und das Herzblut, das ich in den Sport stecke. Ich durfte den Preis im Stadion vor 8000 Fans entgegen nehmen. Am Ende hätte ich aber lieber den goldenen Helm für den Meistertitel mit dem Team geholt. Mit einer Mannschaft Erfolge zu feiern, ist das schönste, das es gibt.

Lara Stalder, Eishockey-Nationalspielerin und Stürmerin bei Brynäs (Brynaes) IF

Der Goldhelm zur Auszeichnung als Liga-MVP. Bild: Valentin Studerus

Was werten Sie höher: Olympiabronze mit der Schweiz oder MVP in Schweden?
Ganz klar Olympiabronze. Das war unglaublich speziell, niemand hat erwartet, dass wir dort eine Medaille holen. Wir hatten ein grossartiges Team, jede ging für die andere. Ich war zum ersten Mal an Olympischen Spielen dabei, alles war neu. Es war ein Traum, der in Erfüllung ging. Das steht über allem.

2014: Die Hockey-Frauen holen in Sotschi Bronze

Sie spielen nun schon Ihre vierte Saison in Schweden. Wie ist das Leben als Eishockeyspielerin dort?
Es gibt Unterschiede innerhalb des Teams. Die Ausländerinnen sind meistens Halbprofis, während jüngere Spielerinnen, die noch ans College gehen, nicht bezahlt werden dürfen. Ich lebe halbprofessionell und bin noch 50 Prozent beim Klub angestellt. Das gefällt mir sehr gut, es gibt etwas Balance. Am Morgen bin ich im Büro fürs Marketing zuständig und kann der Tätigkeit nachgehen, die ich auch studiert habe. Und am Abend kann ich dann aufs Eis, dann ist der zweite Beruf an der Reihe.

Gibt es grosse Unterschiede zur Schweiz?
Ein grosser Unterschied ist die Breite in den Kadern. In meiner Mannschaft haben wir vier gute Linien und trainieren täglich mit allen vier. Ganz allgemein sind die Voraussetzungen in Schweden besser. Wir können täglich trainieren, müssen nicht spät am Abend noch aufs Eis wie in der Schweiz. Wir haben einen professionellen Trainerstaff und können auf und neben dem Eis stets als Mannschaft trainieren.

Lara Stalder, Eishockey-Nationalspielerin und Stürmerin bei Brynäs (Brynaes) IF

Bei Brynäs findet Stalder beste Trainingsbedingungen vor. Bild: Valentin Studerus

Auch der Nachwuchs wird in Schweden anders gehandhabt.
Hier in Schweden gibt es Hockeygymnasien, die auch für die Frauen zugänglich sind. Dort gehst du drei Jahre in die Schule und spielst daneben auch noch Eishockey für deinen Klub. MODO hat beispielsweise ein A-Team und ein Gymnasium-Team eine Liga tiefer. Es gibt noch nicht bei allen Klubs diese Möglichkeit, aber die Strukturen sind da. Auch bei meinem Team, Brynäs, sind sie jetzt dabei, das nachhaltiger aufzubauen. Da ist Schweden der Schweiz schon deutlich voraus.

«Du darfst dem Coach gar nicht die Möglichkeit geben, nicht auf dich zu setzen.»

Wo müssten im Schweizer Fraueneishockey die Hebel angesetzt werden?
Was in der Schweiz teilweise noch fehlt, ist die Unterstützung der grossen Klubs für das Fraueneishockey. Lugano und der ZSC sind zwei der wenigen Teams, die auch eine Damenmannschaft betreiben und es ist wenig überraschend, dass diese zwei die stärksten Mannschaften der Liga sind. Jeder Grossklub sollte auch eine Frauenmannschaft haben. Das sollte zum Standard werden, wie es hier in Schweden der Fall ist.

Ihre Nati-Kollegin Alina Müller hat mal gesagt, das grösste Problem für das Frauen-Eishockey in der Schweiz komme ab dem Alter von 13 oder 14 Jahren. Sobald es Richtung Leistungssport geht, würden viele Trainer keine Mädchen mehr in den Nachwuchsteams wollen.
Das kommt sicher vor. Oder auch, dass die Mädchen von sich aus sagen, sie wollen diese Challenge nicht annehmen. Auch die Pubertät und viele andere Sachen spielen eine Rolle, dass die Mädchen mit dem Eishockey aufhören. Das ist schade, denn wenn man sich dort durchbeisst, ergeben sich Chancen. Du darfst dem Coach gar nicht die Möglichkeit geben, nicht auf dich zu setzen. Denn da hat Alina schon recht: Wenn er einen gleich guten Jungen hat, setzt er vermutlich eher auf den.

Aber können Frauen auch davon profitieren, eine gewisse Zeit lang bei den Knaben zu spielen?
Auf jeden Fall. Ich habe auch bis 18 mit den Jungs zusammengespielt. Ich wollte gar nicht in einem reinen Frauenteam sein, weil dort in der Schweiz die nötige Breite im Kader fehlte. Ich wurde auch so immer gefordert und hatte gute Voraussetzungen. Manchmal ist es hart, manchmal bist du das einzige Mädchen. Aber ich habe auch viele schöne Erinnerungen, bin mit vielen Kollegen von damals jetzt noch befreundet. Das Geschlecht ist eigentlich egal, es ist die Liebe zum Hockey, die verbindet.

Hat sich seit Olympiabronze in Sotschi viel verändert oder ist es bei leeren Worten geblieben?
Man hat damals vielleicht erwartet, dass es von heute auf morgen sofort grosse Veränderungen gibt. Das ist natürlich unrealistisch. Ich finde, in den Jahren danach hat sich schon einiges verändert. Es spielen mehr Mädchen Eishockey, es gibt innerhalb des Verbands gute Strukturen, dort ist also einiges gegangen. Nun wäre es an den Klubs, da nachzuziehen.

«Ich bin froh, dass ich diese Revolution miterlebt habe.»

Die kanadische Frauenliga hat beispielsweise 2019 den Betrieb eingestellt. Es folgten Streiks und Diskussionen um die Zukunft des Frauen-Eishockeys in Nordamerika. In Europa ist nur Schweden ein Vorreiter. Wie schätzen Sie den Zustand des Frauen-Eishockeys weltweit ein?
Im Vergleich zu vor zehn Jahren sieht es dennoch besser aus. In den USA und Kanada gibt es mittlerweile Frauen, die als Profi leben können. Dort wird nach Olympia 2022 wohl auch eine grosse Liga entstehen. Es braucht diese Pioniere wie die schwedische Liga, dass andere Länder nachziehen müssen. Auch die Schweiz, sonst wird man abgehängt. Das Niveau wird immer höher, das habe ich in meinen vier Jahren hier in Schweden beobachten können. Wenn ich irgendwann nicht mehr Hockey spiele, werden die Frauen hoffentlich professionell vom Eishockey leben können.

Waren Sie als Eishockeyspielerin manchmal frustriert oder neidisch auf die Möglichkeiten und Annehmlichkeiten, die die Männer haben?
Nein gar nicht. Das Eishockey mit seinen Ups und Downs war für mich eine Lebensschule. Wann man zurückblickt, woher wir gekommen sind, dann macht das stolz. Früher mussten wir bei der U18-Nationalmannschaft noch Beiträge zahlen, dass wir dabei sein durften. Nun dürfen wir jeweils in Hotels übernachten. Diese kleinen Dinge lernten wir sehr zu schätzen. Das droht verloren zu gehen, wenn einem immer alles in die Wiege gelegt wird. Ich bin froh, dass ich diese Revolution miterlebt habe.

Lara Stalder, Eishockey-Nationalspielerin und Stürmerin bei Brynäs (Brynaes) IF

Auch in der Nationalmannschaft gehört Stalder zu den Leistungsträgerinnen. Bild: Valentin Studerus

Wie haben Sie reagiert, als Florence Schelling beim SC Bern zur Sportchefin ernannt wurde?
Ich war natürlich wie alle in erster Linie sehr überrascht. Ich finde es ist ein grossartiger Schritt für das Eishockey, dass auch eine Frau in einer solchen Position ihre Leistung erbringen kann. Florence hat eine super Ausbildung und ist extrem intelligent. Sie wird mit viel Herzblut dabei sein, auch wenn es in Bern momentan nicht einfach ist.

Vor wenigen Tagen hat zudem Theresa Feaster als Assistenztrainerin der U20-Nationalmannschaft der USA WM-Gold geholt. Was bedeutet das, wenn man sieht, dass es auch für Frauen nach der aktiven Karriere noch Positionen im Spitzeneishockey gibt?
Das ist sehr schön. Es ist cool für junge Frauen zu sehen, dass es diese Möglichkeiten gibt. Das Eishockey ist derart von Männern dominiert, dass eine Frau vielleicht auch mal neue Perspektiven einbringen kann. Florence Schelling schaut das Umfeld eines Spielers vielleicht etwas anders an, als es ein Mann täte. Solche Frauen sind Pionierinnen. Irgendwann wird es dann hoffentlich zum Standard, dass auch Frauen in diesen Positionen in Betracht gezogen werden.

Könnten Sie sich auch vorstellen, nach der Karriere als Spielerin noch als Trainerin oder Managerin zu arbeiten?
Als Trainerin sehe ich mich im Moment nicht. Ich habe Marketing Analytics studiert und bin allgemein eher ein Zahlenmensch. Wenn ich das mit dem Eishockey verbinden kann, wie ich es aktuell auch auch bei Brynäs mache, dann wäre das sicher sehr toll.

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