Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
 Fu

Heidenheim-Trainer Frank Schmidt ist stets voller Energie. Bild: imago-images.de

Provinzklub ohne Investor – warum Heidenheim trotzdem in der Bundesliga anklopft

Kaum jemand kennt die Stadt Heidenheim. Aber mittlerweile kennen wir deren Fussballer. Denn diese schreiben jährlich ein neues Kapitel Fussball-Märchen. Heute geht es sogar um den Aufstieg in die 1. Bundesliga.

François Schmid-Bechtel / ch media



«Das ist einfach nur surreal.» Selbst der geschäftsführende Präsident kann es kaum fassen, dass sein FC Heidenheim in zwei Spielen gegen Bremen die Möglichkeit hat, in die 1. Bundesliga aufzusteigen. Was Holger Sanwald wohl sagen wird, wenn am Montag der Aufstieg realisiert werden sollte? Findet er dann noch Worte? Es wäre ihm nicht zu verübeln. Im Gegenteil: Heidenheim in der 1. Liga – das wäre die grösste Sensation dieses Jahrhunderts im deutschen Fussball.

Die Relegation

Heute: Bremen – Heidenheim 20.30 Uhr (Teleclub)

Montag: Heidenheim – Bremen 20.30 Uhr (Teleclub)

Heidenheim an der Brenz. Tief im Osten Baden-Württembergs. 49'500 Einwohner. In der Liste der grössten Städte Deutschlands wird Heidenheim an Position 196 geführt. Als Schweizer Äquivalent kämen Zuchwil (SO), Neuenhof (AG), Aadorf (TG) oder Arlesheim (BL) infrage. Bei allem Respekt: Es ist unvorstellbar, dass ein Klub aus einer dieser Gemeinden nur schon in die Challenge League aufsteigt.

Bild

Heidenheim liegt zwischen Stuttgart und München, gar nicht so weit von der Schweizer Grenze entfernt. bild: google Maps

Vor 16 Jahren noch in der Verbandsliga Württemberg

Als Werder Bremen 2004 letztmals den Meistertitel holte, feierten sie auch in Heidenheim: Den erstmaligen Aufstieg von der sechsten in die fünfte Spielklasse. Gewiss haben wir in den letzten Jahren andere aufsehenerregende Emporkömmlinge aus den Tiefen des Amateurfussballs gesehen. Hoffenheim und Leipzig.

Aber im Unterschied zu diesen Klubs wurde der Erfolg in Heidenheim nicht durch das Geld eines Weltkonzerns wie SAP oder Red Bull ermöglicht. Heidenheim ist organisch gewachsen. Weshalb der Klub von der Schwäbischen Alb, der im höchstgelegenen Stadion (555 M.ü.M.) im deutschen Profifussball spielt, gerne als Projektionsfläche für Fussballromantiker herhalten muss.

 Heidenheim - Aue / 31.05.2020 Heidenheim, 31.05.2020, Voith-Arena, Fussball, 2.Bundesliga, 29.Spieltag , 1.FC Heidenheim vs. FC Erzgebirge Aue , Im Bild: Stadionansicht Voith-Arena. Leere R

Mehr Flickwerk als Schmuckstück – die 15'000 Zuschauer fassende Voith-Arena in Heidenheim. Bild: Picture Point

«Ja, Heidenheim ist provinziell», sagt Ilja Kaenzig, Mitglied der Geschäftsführung von Ligakonkurrent Bochum. «Aber der FC Heidenheim ist einer der meist unterschätzten Klubs Deutschlands. Der Klub profitiert von einer wirtschaftsstarken Region. Die lokal ansässigen Hauptsponsoren Voith (Maschinenbauer für die Papierindustrie; die Red.) und Hartmann (Medizinaltechnik) sind in ihrem Bereich international grosse Nummern. Dazu hat der Klub ein Sponsoren-Portfolio von gegen 500 KMU’s. Aber vor allem ist er ein Musterbeispiel für Kontinuität.»

Trainer kommt neben Stadion zur Welt

Beste Beispiele dafür: Der heutige Präsident Holger Sanwald, seit über 25 Jahren im Verein. Und Frank Schmidt. Die Geschichte des Trainer wirkt im heutigen, schnelllebigen Fussballgeschäft wie aus der Zeit gefallen. Beinahe kitschig. Stoff für einen Heimatfilm. Allein schon, weil er am 3. Januar 1974 etwa 100 Meter vom Stadion entfernt auf dem Heidenheimer Schlossberg zur Welt kommt.

Für die ganz grosse Fussballkarriere reicht es Schmidt nicht. Immerhin spielt er fünf Jahre in Aachen und kommt dabei auf 76 Zweitliga-Spiele. Mit 30 kehrt er nach Heidenheim zurück, spielt in der fünften Liga vor 250 Zuschauern und springt am Ende der Karriere für zwei Partien als Trainer ein. Aus diesen zwei Spielen werden 13 Jahre. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Obwohl Schmidt immer wieder von grösseren, ruhmreicheren Klubs bezirzt wird. «Im Leben geht es immer um Konstellationen», sagt Schmidt. «Für den schnellen Karrieresprung haue ich nicht ab. Mein aktueller Vertrag läuft bis 2023. Wenn es nach mir geht, bleibe ich sicher so lange.» Präsidenten Sanwald hofft, dass «der Frank hier in Rente geht».

Trainer Frank SCHMIDT l. HDH mit Co-Trainer Bernhard Raab HDH, Fussball 2. Bundesliga, 34. Spieltag, DSC Arminia Bielefeld BI - 1. FC Heidenheim HDH 3:0, am 28.06.2020 in Bielefeld/ Deutschland. DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video  *** Coach Frank SCHMIDT l HDH with Co-Coach Bernhard Raab HDH , Fussball 2 Bundesliga, 34 Matchday, DSC Arminia Bielefeld BI 1 FC Heidenheim HDH 3 0, on 28 06 2020 in Bielefeld Germany DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi video

Trainer Schmidt ist aus Heidenheim nicht wegzudenken. Bild: imago-images.de

Ja, sie mögen, schätzen und vertrauen sich in Heidenheim. Ilja Kaenzig sagt: «Sie leben vor, wovon andere Klubs nur reden.» Auch, wenn es mal schlecht läuft. Wobei, so richtig schlecht kann es bei einem Klub nicht laufen, der innerhalb von sieben Jahren von der fünften in die zweite Liga hochkraxelt. Aber so ist es halt im Fussball. Erfolge von gestern zählen heute kaum mehr etwas. Auch nicht im beschaulichen Heidenheim.

Obwohl erst im dritten Jahr in der zweiten Liga, goutiert man in der Saison 2017/18 nicht überall, dass man im Abstiegskampf involviert ist. «In Deutschland wird nicht lange gefackelt und der Trainer muss gehen», sagt Jeff Saibene, zu jener Zeit Coach in Bielefeld. «Aber nicht in Heidenheim. Dafür werden sie nun belohnt.» Und so wertkonservativ, wie der Klub geführt ist, spielt das Team auch. Ehrlich, gradlinig, solidarisch. «Nach Heidenheim reist kein Gegner wirklich gern. Denn jeder weiss: ‹Hier gibts auf die Socken›», sagt Saibene.

In einem Interview mit der «Zeit» sagt Schmidt: «Die Menschen der Region malochen die ganze Woche, viele auch am Wochenende, damit es ihnen und ihrer Familie gut geht. Dann müssen wir auch so Fussball spielen. Unser Fussball ist nicht immer schön, wir beissen aber bis zum Umfallen. Das ist unsere Arbeitsmoral, aber auch die der Menschen auf der Ostalb.» Ob das gegen Werder Bremen reicht, ist fraglich. Selbst wenn Heidenheim scheitern sollte: Damit wäre nur der erste Angriff der Himmelsstürmer von der Alb auf die arrivierten Klubs abgewehrt. Weitere folgen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Die 12 überraschendsten Fussball-Meister

Keine Fussball-Fans im Büro, bitte!

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

19
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Pat.71 02.07.2020 21:20
    Highlight Highlight Sympathischer Bericht. Aber wie schon mehrfach erwähnt in Kommentaren hinkt der Vergleich mit der Einwohnerzahl und der Challenge League gewaltig. Noch ein anderer Hinweis: Sinsheim/Hoffenheim mit dem TSG Hoffenheim hat noch weniger Einwohner. Das wäre dann ja noch ein viel grösseres Wunder. Ist es natürlich nicht mit dem Sponsor im Rücken, aber zeigt auch das die Einwohnerzahl jetzt nicht gerade entscheidend ist.
  • dontknow 02.07.2020 13:23
    Highlight Highlight "Heidenheim bezieht seit Jahren Millionen von dem in Stuttgart ansässigen Fußballinvestor Quattrex Sports AG, der gerne im Verborgenen operiert. Rund sieben Millionen Euro sollen über mehrere Saisons verteilt bereits geflossen sein."

    shorturl.at/cfjsJ (mopo.de).
    Sry Watson aber habt ihr wirklich recherchiert für diesen Artikel ? An Quattrex ist z.b. der höchst umstrittene VFB-Boss Dietrich beteilligt (notabene ein Ligakonkurrent). Die heile Fussballwelt gibts auch in Heidenheim nicht, da kann ihr "regional abgestütztes Sponsoring von 500 KMUs" sich noch so schön lesen in einer Broschüre...
    • dillinger 02.07.2020 18:21
      Highlight Highlight Quattrex ist aber genaugenommen kein Investor, sondern vergibt Kredite an Fussballclubs. Schlagzeilen machte kürzlich Kaiserslautern, die bereits hoch verschuldet noch so einen Kredit zu horrenden Zinssätzen aufgenommen haben. Auch Union Berlin hat sich von Quattrex Geld geliehen, was bei der letztjährigen Relegation ja für Aufsehen sorgte, Quattrex finanziell vom Aufstieg profitierte (Prämien) und Dietrich als (damaliger) VFB Boss an Quattrex beteiligt war.

      Diese Kredite nehmen sicher auch noch ganz andere Vereine in Anspruch.
    • dontknow 02.07.2020 19:05
      Highlight Highlight @dillinger

      Danke dir. Über die Definition Investor könnte man jetzt streiten aber lassen wir das :-)

      Von heiler Fussballwelt kann aufjeden keine Rede sein und von einem Journalisten erwarte ich ehrlich gesagt mehr.... Gott sei dank gehts hier nur um Fussbll und nicht wirklich wichtige Dinge. Ist ja nicht das einzige Beispiel zu diesem Artikel. Er bleibt einfach kreuzfalsch
    • dillinger 03.07.2020 11:45
      Highlight Highlight Das stimmt natürlich, in so einem Artikel muss das zumindest erwähnt werden!
  • cal1ban 02.07.2020 12:46
    Highlight Highlight Für die beiden Relegationsspiele hat jetzt TC die Rechte, während für die Ligaspiele der 1. und 2. Bundesliga MySports die Übertragunsrechte hatte für eine Grosszahl der Spiele. Warum eh? Nächste Saison hat dann TC die Rechte für die geraden Spieltage und MySports für die ungeraden.
    • Watdehadudeda 02.07.2020 14:45
      Highlight Highlight Ja weil die DFL die Übertragungsrechte in diverse Pakete aufteilt und diese einzeln verkauft.. ist halt so, dass sich vermutlich weder MySports noch TC alle auf dem Markt verfügbaren Pakete leisten können.
      Ab kommender Saison greift eine neue Vertragsperiode, weshalb die Pakete nun halt zukünftig neu vergeben wurden..
  • Raddadui 02.07.2020 11:42
    Highlight Highlight "In der Liste der grössten Städte Deutschlands wird Heidenheim an Position 196 geführt. Als Schweizer Äquivalent kämen Zuchwil (SO), Neuenhof (AG), Aadorf (TG) oder Arlesheim (BL) infrage. Bei allem Respekt: Es ist unvorstellbar, dass ein Klub aus einer dieser Gemeinden nur schon in die Challenge League aufsteigt."

    Wirklich unvorstellbar. Darum spielt z.B. aktuell Chiasso (weniger Einwohner als die erwähnten Zuchwil oder Arlesheim) in der Challenge League.

    Le Mont war bis vor Kurzem auch noch dort. Baulmes (1000 Einwohner) ist auch noch nicht so lange her.

    Einfach unvorstellbar... ;-)
    • McStem 02.07.2020 14:02
      Highlight Highlight Kommt dazu, dass Heidenheim 49'000 Einwohner hat. Das wäre in der Schweiz zwischen Biel und Thun. Ja, vielleicht nicht soviele Einwohner wie München, aber genügend um mit den erwähnten zahlkräftigen Sponsoren ein solides Fundament zu bieten.
    • Ralphinho 02.07.2020 14:12
      Highlight Highlight Ich habe auch spontan an den FC Baulmes gedacht. Die Einwohnerzahl Baulmes' (knapp über 1000) entspricht nicht einmal einem Siebtel der erwähnten Dörfer wie Aadorf. Offenbar hat der Journalist ein sehr löchriges Gedächtnis ;-)
    • Mia_san_mia 02.07.2020 16:22
      Highlight Highlight @Raddadui: 😂👍🏻
    Weitere Antworten anzeigen
  • Shabbazz 02.07.2020 10:43
    Highlight Highlight Ein mega sympathischer Verein und Trainer, kann mich noch an die Netflix Dokumentation "der Trainer" erinnern. Dort wurde eine Saison lang 3 Trainer begleitet und einer davon war Frank Schmidt von Heidenheim (damals noch Regionalliga), kann diese Doku jedem Fussballfan von Herzen empfehlen. Sogar Klopp und Co kommen noch zu Wort...enjoy it!
  • Jensor 02.07.2020 10:38
    Highlight Highlight Sympathischer Verein. Trotzdem drücke ich Bremen die Daumen. Werder gehört in die Bundesliga.
    • chnobli1896 02.07.2020 11:04
      Highlight Highlight Der Bessere gehört in die Bundesliga
    • Mittelpunk0 02.07.2020 13:57
      Highlight Highlight @chnobli1896

      Das hat Jensor ja gesagt
    • chnobli1896 02.07.2020 15:17
      Highlight Highlight @Mittelpunk0

      Nein, er hat gesagt, dass das schlechtere Team in die Bundesliga gehört ;-)

Hühnerhaut garantiert: Hoarau verabschiedet sich mit Büne-Huber-Duett von den YB-Fans

Nach sechs Jahren in gelb und schwarz ist die Zeit des Abschieds gekommen. Guillaume Hoarau hat die Berner Young Boys nach drei Meistertiteln in Folge verlassen. Just an dem Tag, an dem seine Unterschrift beim FC Sion bekannt wird, verabschiedet er sich in den sozialen Medien von den YB-Fans.

Mit Patent-Ochsner-Frontmann Büne Huber hat der Stürmer ein Duett aufgenommen. «Gäub und Schwarz» heisst die angepasste Version von «Scharlachrot» und richtet sich direkt an die Fans des Schweizer …

Artikel lesen
Link zum Artikel