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ARCHIVBILD ZUR RUECKTRITT VON BARNETTA IM SOMMER --- St. Gallens Tranquillo Barnetta, beim Fussball Super-League Spiel zwischen dem FC St. Gallen und dem Grasshopper Club Zuerich, am Samstag, 29. September 2018, im Kybunpark in St. Gallen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

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«Wer feiert, kann auch trainieren!» – Weggefährten verabschieden Tranquillo Barnetta

Tranquillo Barnetta bestreitet heute an seinem 34. Geburtstag das letzte Heimspiel für den FC St.Gallen. Der Offensivspieler hat in 17 Profijahren Spuren hinterlassen. Weggefährten erinnern sich.

christian brägger, ralf streule, patricia loher / ch media



Gérard Castella: «Hoffentlich bleibt er dem Fussball erhalten»

Gerard Castella wird am Sonntag, 13. Januar 2002, an einer Medienkonferenz in St. Gallen vom Fussball-Club St. Gallen als neuen Cheftrainer vorgestellt. Gerard Castella wechselt per sofort vom Genfer Etoile Carouge zum FC St. Gallen. Der 48-jaehrige hat den Vertrag am 12. Januar 2002 unterzeichnet, und wird somit bereits am Montag mit der Mannschaft ins Kurztrainingslager nach Scuol reisen. (KEYSTONE/Regina Kuehne)

Bild: KEYSTONE

«Ich erinnere mich bestens an die erste Begegnung mit Tranquillo Barnetta. Ich hatte mir Anfang 2002 als neuer St.Gallen-Trainer im Gründenmoos ein Spiel der U17 des FCSt.Gallen gegen den Grasshoppers-Nachwuchs angeschaut. Der 16-Jährige stach derart heraus – ich fragte sofort nach, weshalb dieser Spieler noch nicht in der U21 in der 1. Liga zum Einsatz komme.

Ich hatte schnell die Idee, Barnetta im Sommer in die erste Mannschaft nachzuziehen. Schliesslich war das Geld knapp beim FC St.Gallen, und wir mussten uns ohnehin möglichst mit eigenen Spielern behelfen. Schon im UI-Cup im Sommer überzeugte Barnetta. In guter Erinnerung habe ich die Gespräche mit Vater Barnetta, ein lieber Mensch, wir haben gegenseitig schnell Vertrauen gefasst. Da gab’s keine Spielereien und umständliche Gespräche, wie es sonst im Business oft der Fall ist.

Auch zu Tranquillo selber hatte ich schnell einen guten Draht. Er ist gleich alt wie mein Sohn, der damals auch Fussball spielte. Das machte ihn für mich ein bisschen zum Ostschweizer Sohn. Ein wenig stolz bin ich schon darauf, dass ich ihm den ersten Schritt in den Profifussball geebnet habe. Und ich hoffe, dass Tranquillo dem Fussball in irgendeiner Weise erhalten bleibt.»

Gérard Castella, 66-jährig, St. Gallen-Trainer von Februar bis September 2002, heute Chef de Formation im Nachwuchs der Young Boys.

Barnettas Karriere in Zahlen

Über 38 00 Mal duschte Barnetta nach Trainings und Spielen in den 17 Profijahren.

Über 200 Paar Schuhe brauchte als Profi. Alle drei Monate gab es vom Ausrüster neue Farben.

Mehr als 20 Monate fehlte Barnetta seinen Arbeitgebern wegen Verletzungen.

75% der bisher 492 Pflichtspiele haben Barnettas Eltern live vor Ort gesehen.

500.– Barnettas höchste Busse: Er verpasste den Flieger und daraufhin das Training.

Etwa 4000 Kilometer spulte der St. Galler für Clubs und Nationalteam ab.

Ottmar Hitzfeld: «Tranquillo ist Individualist und Teamplayer»

Munich's coach Ottmar Hitzfeld reacts during the German first division Bundesliga soccer match between Borussia Dortmund and Bayern Munich in Dortmund, Germany, on Sunday Oct.28,2007. (AP Photo/Frank Augstein) ** NO MOBILE USE UNTIL 2 HOURS AFTER THE MATCH, WEBSITE USERS ARE OBLIGED TO COMPLY WITH DFL-RESTRICTIONS, SEE INSTRUCTIONS FOR DETAILS **

Bild: AP

«Tranquillo ist der Typ Strassenfussballer, wie sie im Fussball heute immer seltener anzutreffen sind. Er ist ein grossartiger Individualist und trotzdem ein echter Teamplayer. Ein Dribbler und Vorbereiter. Einer mit Fussball-Instinkt und Fussball-Intelligenz. Bestes Beispiel dafür ist das Länderspiel der Schweiz vom Juni 2011 in England. Viele Leute erinnern sich daran, dass ich in dieser ersten Partie nach den Rücktritten von Alex Frei und Marco Streller auf junge Spieler setzte. Auf Granit Xhaka, auf Admir Mehmedi, auf Innocent Emeghara.

Die Jungen zahlten das Vertrauen zurück, sie setzten sich toll in Szene und erreichten ein viel beachtetes 2:2 im Wembley. Aber: Unsere beiden Treffer erzielte Barnetta mittels Freistoss. Eben mit Instinkt und Intelligenz. Er war unser Leader und Motivator in dieser Phase des Umbruchs.»

Ottmar Hitzfeld 70-jährig, zwischen 2008 bis 2014 Schweizer Nationaltrainer. Davor unter anderem Trainer bei den Bayern und Dortmund.

Arturo Vidal: «Ein grossartiger Mensch und Spieler»

epa07445900 FC Barcelona's Arturo Vidal reacts during the Spanish La Liga soccer match between Real Betis and FC Barcelona in Seville, southern Spain, 17 March 2019.  EPA/JOSE MANUEL VIDAL

Bild: EPA/EFE

«Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Tranquillo Barnetta und die Zeit, die wir in Leverkusen zusammen verbrachten. Er ist ein grossartiger Mensch und Spieler. Ich wünsche ihm das Allerbeste für die Zukunft.»

Arturo Vidal, 32-jährig, Mittelfeldspieler beim FC Barcelona, Barnettas Mitspieler in Leverkusen von 2007 bis 2011, hat heute wie der St. Galler Geburtstag.

Barnetta wählt seine Traumelf aus ehemaligen Mitspielern:

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Bild: watson, keystone

Bernd Schneider: «Geben Sie Quillo bitte meine Nummer!»

** FILE ** In this Feb 23, 2008 file photo Leverkusen's Bernd Schneider is seen  during the German first division Bundesliga soccer match between Bayer Leverkusen and Gelsenkirchen's Schalke 04  in Leverkusen, Germany. Schneider had to undergo surgery on a slipped disc in his neck, his club said Friday, April 25, 2008. Schneider will miss the soccer Euro 2008.  (AP Photo/Hermann J. Knippertz)

Bild: AP

«Quillo hört auf? Ja, an ihn habe ich beste Erinnerungen. Ganz eng befreundet waren wir zwar nicht, schliesslich war ich schon ein ‹alter Sack›, als er im Jahr 2004 zu Bayer Leverkusen stiess. Aber Barnetta fiel sehr auf. Menschlich und fussballerisch war er grossartig – er ging voran, im Training und auch neben dem Platz. Immer Vollgas!

Es ist schade, dass ich ihn aus den Augen verloren habe. Wenn ich es von Jena, wo ich wieder wohne, einmal in die Ostschweiz schaffe, melde ich mich bei ihm. Geben Sie Quillo doch bitte meine Nummer! Und, wenn Sie Episoden aus seiner Zeit in Leverkusen hören wollen, melden Sie sich doch bei Goalie René Adler. Der kann einiges erzählen.»

Bernd Schneider, 45-jährig, 81-facher deutscher Internationaler, von 1999 bis 2009 Mittelfeldspieler beim Bundesligaclub Leverkusen.

René Adler: «Seine Wohnung wurde zum Auffangbecken»

Leverkusen's goalie Rene Adler gestures during the German first division Bundesliga soccer match between VfL Wolfsburg and Bayer 04 Leverkusen in Wolfsburg, Germany, on Saturday, Sept. 12, 2009. Leverkusen won by 3-2.(AP Photo/Fabian Bimmer)  ** NO MOBILE USE UNTIL 2 HOURS AFTER THE MATCH, WEBSITE USERS ARE OBLIGED TO COMPLY WITH DFL-RESTRICTIONS, SEE INSTRUCTIONS FOR DETAILS **

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«Ja klar, mit Quillo hatten wir eine grossartige Zeit bei Leverkusen. Er konnte es mit jedem. Seine Sozialkompetenz ist herausragend, das machte ihn so wichtig für das Team, auch wenn er nicht ausgesprochen extrovertiert ist. Er war alles andere als der typische Profi. Statussymbole sagen ihm nichts. Es war beeindruckend, wie er in diesem aufgeheizten Business extrem gerade und menschlich seinen Weg ging.

Auch in jungen Jahren liess er sich nicht verbiegen, genoss sein Leben. In unserer wilden Zeit, mit gut 20 Jahren, gingen wir natürlich auch mal raus am Abend. Quillo war da an vorderster Front dabei. Als einziger von uns hatte er seine Bleibe in der Kölner Innenstadt, dort wo das Nachtleben spielte – auch wenn vom Verein eine Wohnung im lauten Zentrum nicht gerade empfohlen wurde. Sein Zuhause wurde an manchen Abenden gewissermassen zu einem Auffangbecken für im Nachtleben gestrandete Fussballprofis.

Aber nicht, dass er mir unprofessionell rüberkommt! Er sagte stets: ‹Wer feiern kann, kann auch trainieren!› Er war immer der Erste, der kam, und er war stets der Letzte, der ging. Beim Feiern, aber eben auch auf dem Trainingsplatz. Leider haben wir den Kontakt etwas verloren. Nun, da ich auch zurücktrete, hätten wir bald einmal Zeit für ein Treffen. Was macht Quillo nach der Karriere? Ich werde eine Uefa-Management-Weiterbildung absolvieren. Das wäre doch auch was für ihn!?»

René Adler, 34-jährig, zwölf Spiele als deutscher Nationalgoalie; Verletzungspech; in Leverkusen von 2003 bis 2012; Rücktritt am Samstag in Mainz.

Simon Rolfes: «Barnetta zündete Carvajals Karriere»

ARCHIV - 08.01.2019, Nordrhein-Westfalen, Leverkusen: Fußball, Testspiele: Bayer Leverkusen - Twente Enschede im Ulrich-Haberland-Stadion. Leverkusens Sportdirektor Simon Rolfes blickt vor der Partie in die Runde. Rolfes macht sich Hoffnungen auf einen Verbleib von Fußball-Nationalspieler Julian Brandt. (zu dpa

Bild: DPA

«Mich verbindet mit Tranquillo Barnetta, dass wir gleichzeitig in Leverkusen als junge Spieler unseren Platz in der Mannschaft erkämpfen mussten. Im ersten Jahr waren wir Zimmerkollegen. Ich mochte Tranquillos sehr offene, fröhliche und kommunikative Art. Er verband im Team die unterschiedlichsten Kulturen, auch dank seiner Mehrsprachigkeit.

An was ich mich besonders erinnere, sind die Mannschaftsabende, in denen Tranquillo diese integrative Funktion wahrnahm. Wir waren ja seinerzeit mehrmals in St.Gallen im Trainingslager. Da waren wir an einem Abend in Tranquillos damaligem Restaurant beim Bahnhof in St.Gallen zu Gast.

Es war der Abend, als Daniel Carvajal seine Karriere zündete. Der Spanier war von Real Madrid gekommen, tat sich schwer mit unserer Kultur – an jenem netten Abend bei Tranquillo aber sah er: Die können ja auch lustig. Man spürte danach förmlich, wie er auch auf dem Feld vor Energie strotzte. Dies war zuvor nicht der Fall gewesen. Ich würde behaupten: Carvajals Weltkarriere und die baldige Rückkehr zu Real hat er jenem Abend zu verdanken. Und damit indirekt auch dem lebenslustigen Tranquillo. Ich wünsche alles Gute. Man sieht sich bald wieder!»

Simon Rolfes 21-facher deutscher Internationaler, spielte von 2005 bis 2015 im Mittelfeld Leverkusens, heute im selben Club Sportchef.

Benjamin Huggel: «Sobald es ein ‹Jässli› gab, war er dabei»

«Als Junger war Tranquillo im Nationalteam erfrischend, er kannte keinen Röstigraben. Ab der EM 2004 sassen wir oft zusammen und jassten, Barnetta stiess damals zu unserer Gruppe um Müller, Vogel, Magnin, Frei und mir. Immer ging es dabei auch um ein wenig Geld. Ich erinnere mich gut daran, wie Barnetta lange im wahrsten Sinne des Wortes beim ‹Molotow› Lehrgeld bezahlte, weil er zu viele Punkte machte.

Das hinderte ihn nicht daran, stets sein Glück aufs Neue zu versuchen. Sobald es irgendwo Karten und ein ‹Jässli› gab, war er dabei. Bis zur WM 2010 hat sich Barnetta die verlorenen Geldbeträge ja auch von Magnin, Eggimann, Hakan Yakin, Frei oder mir zurückgeholt. Beim Jassen war es bei ihm wie im Fussball: Seine Lernkurve war bemerkenswert. Zudem hat es mir imponiert, wie er als 20-Jähriger in der Türkei seinen Mann stand.»

Benjamin Huggel 41-jährig, 41 Länderspiele für die Schweiz, spielte in Frankfurt und für Basel. Nach dem Rücktritt TV-Experte und Mentalcoach.

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