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Luganos Linus Klasen liegt verletzt auf dem Eis, waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und dem HC Lugano, am Freutag, 12. Januar 2018, in der Ilfishalle in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Die vielen Verletzten im Schweizer Eishockey sorgen für rote Köpfe. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Warum die Schweizer Hockey-Justiz endlich richtig durchgreifen muss

Ist Eishockey brutaler, gefährlicher geworden? Nein. Wir haben genau die Härte und die Fouls und die Verletzungen, die wir wollen und die wir verdienen. Weil unsere Hockeyrichter versagen.



Innert kurzer Zeit sind mehrere Stars verletzt worden: Berns Mark Arcobello streckt Antti Erkinjuntti mit einem Check nieder. Langnaus Topskorer hat die letzten vier Spiele verpasst. Langnaus Kanadier Cam Barker erwischt mit einem Check Linus Klasen. Luganos offensiver Leitwolf hat die drei letzten Partien nicht mehr gespielt. Beide Opfer waren zweifelsfrei nicht im Scheibenbesitz.

Wir haben zwei weitere böse Szenen mehr aus den letzten Tagen. Gottérons Jim Slater checkt Zugs Zaubermaus Lino Martschini mit Anlauf gegen den Kopf. Gottérons Ralph Stalder trifft mit dem Ellenbogen Klotens Denis Hollenstein am Kopf.

«Nichts bleibt mehr unentdeckt.»

Ralph Krueger

Ist das Eishockey brutaler und gefährlicher geworden? Nein. Ganz im Gegenteil. Biels Sportchef Martin Steinegger, einst ein Haudegen im besten Wortsinne, sagte kürzlich: «Das Eishockey ist durch die Entwicklung zum schnelleren Spiel härter geworden. Aber wir haben früher schmutziger gespielt.»

Gefährliche Checks wie jener von Beat Forster gehören bestraft.

Auch der langjährige ehemalige Nationaltrainer und NHL-Coach Ralph Krueger sieht eine Entwicklung zum besseren Hockey. «Die strenge Regelauslegung wirkt sich erst jetzt ganz aus: inzwischen haben nur noch Spieler eine Chance, die läuferisch und technisch gut sind. Das Eishockey ist viel schneller und besser geworden. Es gibt inzwischen Spiele fast ohne Checks.» Zudem sei es dank des Video-Beweises einfacher geworden, Täter zu überführen. «Nichts bleibt mehr unentdeckt.»

Es sind keine Unfälle

Wie kann es dann sein, dass bei uns reihenweise Spieler nach irregulären Checks verletzt werden? Wie kann es sein, dass es von Jahr zu Jahr mehr Gehirnerschütterungen gibt?

Das ist so, weil wir es so wollen. Wir haben die Härte und die Verletzungen in unserem Hockey, die wir verdienen. Weil die Hockeyrichter bzw. die Liga, die ihre Hockeygesetze selber macht, versagen.

Der Check von Cam Barker an Linus Klasen.

Auf einen regelwidrigen Check kann und muss sich kein Spieler einstellen.

Keiner der erwähnten gesundheitsgefährdeten Angriffe war ein Unfall. Also ein nicht vermeidbares Zusammentreffen von unglücklichen Umständen. Die gibt es nämlich auch und können zu Verletzungen führen. Bei allen erwähnten Fällen hat der Täter bewusst die Folgen seines Handelns in Kauf genommen. Sonst hätte er die Aktion unterlassen. Durch das schnellere Spiel – und die NLA ist eine der schnellsten Ligen der Welt – werden Checks noch gefährlicher. Weil sich die Aufprallenergie im Quadrat zum Tempo erhöht.

Nun haben wir nach wie vor ein paar Ewiggestrige, meistens frustrierte ehemalige Spieler, die mit der Entschuldigung kommen, ein Spieler müsse halt lernen, Checks aufzufangen und sich bei einem Check richtig verhalten.

Gute Vorschläge, keine Lösung

Aber auf einen regelwidrigen Check kann und muss sich kein Spieler einstellen. Es wäre ein archaischer, nicht zu verantwortender Sport, der von seinen Stars verlangt, sich ständig gegen illegale Attacken zu wappnen. Wer einen Sport als Beruf ausübt, muss davon ausgehen, dass die Spielregeln nach bestem Wissen und Gewissen respektiert werden. Sonst haben wir Anarchie auf dem Eis.

Der Check von Jim Slater gegen Lino Martschini.

Flexible Banden helfen, Verletzungen zu vermeiden. Aber sie helfen nicht bei Angriffen auf den Kopf und bei Checks auf offenem Eis. Es gibt auch Überlegungen, wie die Spieler durch Regeländerungen besser geschützt werden könnten. Diskutiert wird etwa ein Verbot von Checks in der neutralen Zone (weil die meisten Gehirnerschütterungen durch Checks in der neutralen Zone verursacht werden) oder das Verbot, bei einem Check den Stock in beiden Händen zu halten.

Gute Vorschläge. Aber sie lösen das Problem nicht.

Die geltenden Regeln genügen nämlich vollauf. Sie untersagen jeden Angriff gegen den Kopf und gegen Spieler, die nicht im Besitze der Scheibe sind.

Langnau Antti Erkinjuntti, Mitte, geht verletzt vom Feld direkt in die Garderobe waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers am Samstag, den 6. Januar 2018 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Christian Merz)

Verletzungen, wie jene von Langnaus Erkinjuntti müssen verhindert werden. Bild: KEYSTONE

Die Lösung des Problems ist eigentlich einfach. Die Täter müssen härter bestraft werden um sie von ihren Taten abzuhalten. Alle Täter in den erwähnten Fällen sind mit zwei oder weniger Spielsperren «belohnt» worden. Das mag juristisch korrekt sein. Ist aber angesichts der Problematik geradezu lächerlich.

Längere Sperren, drastische Bussen

Beim Ruf nach härteren Strafen ist Vorsicht geboten. Auch Sportrichter dürfen sich nur im Rahmen der Gesetze bewegen, die der Staat erlassen hat. Im Eishockey haben wir jedoch den gesetzlichen Spielraum, der eine wirkungsvolle Abschreckung möglich macht. Durch zwei ganz einfache Grundsätzen.

Erstens durch längere Sperren. Alle Angriffe gegen den Kopf und alle Checks gegen Spieler, die noch nicht oder nicht mehr im Besitze der Scheibe sind, müssen mit mindestens zehn Spielsperren sanktioniert werden – und im Wiederholungsfall mit 20. Damit liegt die Bestrafung noch unter einem zivilrechtlich nicht zulässigen Arbeitsverbot.

Zweitens mit drastischen Bussen. In der NHL gibt es die Regel, dass ein Spieler während einer Sperre nicht bezahlt werden darf. Bei uns ist diese Praxis nicht durchsetzbar – und sie würde keine Wirkung zeigen. Die Klubs hätten alle Wege offen, diese Sanktion zu umgehen und Mehrkosten entstehen keine.

Es gibt hingegen einen gangbaren, schmerzhaften Weg. 10'000 Franken Busse für jeden Angriff auf den Kopf und für Checks gegen Spieler ohne Scheibe. Im Wiederholungsfall 20'000 Franken. Die Busse wird dem Klub des fehlbaren Spielers auferlegt. Der Vorteil: Das Bussgeld muss gar nicht eingetrieben werden. Es wird bei der Auszahlung des TV-Geldes einfach abgezogen.

Gefährliche Aktionen unterlassen die Spieler aber nur dann, wenn die Folgen drastisch sind.

Wenn wir die Angriffe gegen den Kopf und die Checks gegen Spieler ohne Scheibenbesitz abstellen, können gut zwei Drittel der Verletzungen vermieden werden. Dank einer praktisch lückenlosen Video-Überwachung ist es möglich, jeden Täter zu überführen und Fehlurteile weitgehend zu vermeiden.

Gefährliche Aktionen unterlassen die Spieler aber nur dann, wenn die Folgen drastisch sind. Und damit kommen wir zum Versagen der Liga und der Hockey-Richter. Es ist so wie im richtigen Leben: Es gibt eine «Güterabwägung»: soll ich es tun oder besser unterlassen, weil die Folgen schwerwiegend sind?

Wenn wir das Eishockey besser und sicherer machen wollen, dann ist der einzige Weg die harte Bestrafung der Täter.

Gutgemeinte Respekt-Werbeaktionen sind wirkungslos und machen nur PR-Büros reich. Dazu ein Beispiel aus dem richtigen Leben: Es genügt nicht, Geschwindigkeitsbegrenzungen zu signalisieren und mit Plakaten für vernünftiges Fahren zu werben. Tempolimiten werden mit Kontrollen durchgesetzt. Und nur weil die erwischten Sünder empfindlich bestraft werden, wird auf unseren Strassen im internationalen Vergleich anständig gefahren.

epa05315970 A file photograph showing Swiss, Rene Fasel, President of the International Ice Hockey Federation, IIHF, who speak to the media during a press conference at the IIHF 2016 World Championship, in Moscow, Russia, 06 May 2016. Reports on 19 May 2016 state that Rene Fasel has been re-elected as the president of the International Ice Hockey Federation for another period of four years.  EPA/SALVATORE DI NOLFI

René Fasel weiss, dass es härtere Strafen braucht. Bild: EPA/KEYSTONE FILE

Zweierlei Schäden

Inzwischen ist auch René Fasel, als Präsident des Internationalen Hockeyverbandes (IIHF) der höchste Funktionär der Welt, zum einfachen Schluss gekommen, dass das Hockey nicht mit Regeländerungen und Ermahnungen sicherer gemacht werden kann. Sondern nur mit härteren Strafen. In die Hockey-Gerichtspraxis der autonomen Ligen und Landesverbände kann er jedoch nicht eingreifen.

Gesundheitsgefährdende Fouls verursachen zweierlei Schäden. Erstens die nicht direkt messbaren. Ist das Eishockey gefährlich und wird die Brutalität auch noch durch TV-Bilder der Fouls dokumentiert, dann werden Eltern davon abgehalten, ihre Kinder für diesen gefährlichen Sport zu begeistern. Und Werber werden davon abgeschreckt, ihre Botschaft mit einem gefährlichen Sport zu verknüpfen. Zweitens die direkt anfallenden Kosten für die Versicherungen, die für die Heilung und die Lohnausfälle bezahlen müssen.

Davos`coach Arno del Curto trains with the kids at the

Schicken Eltern ihre Kinder noch zum Hockey, wenn es ständig so viele Verletzte gibt? Bild: SPENGLER CUP

Wenn sich die Liga bzw. die Hockeyjustiz nicht zu einem härteren Kurs durchringen können, dann werden in absehbarer Zeit die Versicherungsgesellschaften für mehr Ordnung sorgen: Die Kosten für Heilung und Lohnausfall treiben die Versicherungsprämien weiter nach oben. Das Gesetz sieht zudem vor, dass der Versicherer auf jene Regress nehmen kann, die durch einen Gesetzesverstoss (Regelverstoss) einen Schaden anrichten (sog. Schadenausgleichsrecht).

Liegt eine vorsätzliche Handlung vor, so besteht ein voller Regressanspruch. Die juristische Gefahr, dass ein Foul als vorsätzliche Handlung durchgeht, ist erheblich. Oder ein Täter kann vom gefoulten Spieler mittels Strafanzeige zur finanziellen Rechenschaft gezogen werden. Es gibt bereits entsprechende Bundesgerichtsurteile.

Bist du zufrieden mit der Schweizer Hockey-Justiz?

All das wird für die Klubs und die Spieler im Quadrat teurer als Sperren und saftige Bussen. Die Liga und ihre Instanzen haben es in der Hand, für sichereres und noch besseres Hockey zu sorgen. Während der Olympiapause ruht der Spielverkehr in der höchsten Liga und Zeit wird frei für ein paar Sitzungen.

Die Logos der Schweizer Klubs, wenn sie NHL-Teams wären

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33 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Eifach öpis
22.01.2018 09:25registriert October 2016
Grundsätzlich bin ich mit den geforderten Strafen einverstanden, aber die hohen Bussen müssten meiner Meinung nach prozentual zum jeweiligen Lohn abgerechnet werden, da 10'000.- für einen ausländischen Superstar nicht vergleichbar mit 10'000.- für einen 17 jährigen rookie sind.
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Peter_Griffin
22.01.2018 10:36registriert February 2015
Interessant auch das in letzter Zeit häufig solche Checks im Spiel gar nicht oder nur mit einer 2min Strafe belegt worden sind! Erst im Nachhinein dann evtl. Sperre und Verfahren. Hier müsste schon im Spiel eine 5+Spieldauer ausgesprochen werden.
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Baccaralette
22.01.2018 09:23registriert October 2015
Naja. Es gelten Regeln, aber die müssen halt auch vor Ort - sprich während des Spiels! - durchgesetzt werden. Bei den Spielen sehe ich immer wieder Anarchie, es wird grundsätzlich erst mal gar nicht gepfiffen oder sehr selektiv. Mal etwas, dann wieder nicht - das hilft einem Spieler nicht weiter. Von daher..
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33

Das wären die Logos der Schweizer Klubs, wenn sie NHL-Teams wären

Die Eishockey-Sprache ist englisch: Crosscheck, Slot und Butterfly-Goalie, Boxplay, Icing und Emptynetter. Auch die Schweizer Ligen heissen nicht mehr Nationalliga A und B, sondern National League und Swiss League. Nur die Klubs haben immer noch ihre alten Namen.

Höchste Zeit, dass auch sie sich wandeln upgraden und ihre HC, SC und EV durch zeitgemässe Namen ersetzen!

* Update: User weisen darauf hin, dass der richtige Plural «mice» lautet. Das ist natürlich korrekt. Da ein kleiner Fehler zum …

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