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Davos, Otso Rantakari, Samuel Walser, Torschuetze Marc Wieser, Perttu Lindgren, von links, waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League, zwischen den SCL Tigers und dem HC Davos, am Dienstag 1. Oktober 2019 im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE /Marcel Bieri)

Jubel beim HCD – in der Verlängerung gelingt das entscheidende 1:0 gegen die SCL Tigers. Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Das «Experiment HCD» – oder die kopierte Nationalmannschaft

So radikal hat ein Hockey-Unternehmen selten den Stil geändert. Inzwischen spricht vieles dafür, dass das «Experiment HC Davos» gelingt. Der HCD wird im nächsten Frühjahr mit der jüngsten Mannschaft der Liga die Playoffs erreichen.



Nichts ist beim HCD mehr so, wie es zwei Jahrzehnte lang war. Der neue Sportdirektor Raeto Raffainer (37) hat sein Versprechen eingelöst und den HC Davos komplett neu ausgerichtet: mit einem neuen Cheftrainer, neuen Assistenten, einer neuen Philosophie.

«Wir haben vor allen anderen Klubs bereits am 21. Juli mit dem Eistraining begonnen», sagt Raeto Raffainer. «So hatten wir mehr Zeit, um das neue System einzuüben.»

Ein neues System: HCD steht zwar nach wie vor für dynamisches, mitreissendes Lauf- und Tempohockey. Aber es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Hockey von Arno Del Curto (62) und jenem des neuen HCD-Trainers Christain Wohlwend (42).

ARCHIV - ZUR KEYSTONE-SDA-MELDUNG, DASS RAETO RAFFAINER SPORTCHEF IN DAVOS WIRD, AM MONTAG, 11. FEBRUAR 2019, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Der Direktor Nationalmannschaft, Raeto Raffainer anlaesslich eines Medientreffs von Swiss Ice Hockey vom Donnerstag, 13. September auf dem MS Cirrus auf dem Vierwaldstaettersee in Luzern. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Raeto Raffainer – führt seine Neuausrichtung des HCD zum Erfolg? Bild: KEYSTONE

Der Nonkonformist Arno Del Curto setzte auf Tempo und immer schnelleres Hockey. 20 Jahre lang «überranten» die Davoser ihre Gegner, die jahrelang brauchten, um ihr Spiel so zu organisieren, dass sie dem Sturm aus den Bündner Bergen standhalten konnten.

Es war oft raues, wildes Hockey. Arno Del Curto verlangte von den Verteidigern unnachgiebig, die Scheibe sofort zu spielen, notfalls auch blind wegzuschlagen. Um dem Gegner nie Ruhe zu lassen. Ein Aufzeichnen der Laufwege hätte wahrscheinlich ausgesehen wie ein kompliziertes Schnittmuster aus Meyers Modeblatt.

Unter Christian Wohlwend spielen die Davoser immer noch schnell, aber strukturierter. Die Laufwege würden eher so etwas wie den Gleiseplan des Zürcher Hauptbahnhofes ergeben.

Orientierung am Vorbild

Nach einer Weile kommt dem neutralen Beobachter dieser neue HCD-Stil irgendwie bekannt vor. Ist das nicht...? Doch, es ist das taktische Konzept des Nationalteams.

Was Raeto Raffainer beim Verband zusammen mit Patrick Fischer und Christian Wohlwend für die Nationalmannschaft und das U 20-Nationalteam nach anfänglichen Schwierigkeiten («Pausenplatz-Hockey») erfolgreich entwickelt hat (WM-Final 2018), setzt er nun mit Christian Wohlwend in Davos um: Tempohockey, ausgelöst von spielstarken Verteidigern. Kreatives, mutiges Spiel mit der Scheibe. Oder je nach Situation wird der Puck «gejagt» und Druck auf die Gegenspieler gemacht.

«In der Nationalmannschaft haben wir ja die Besten aus unserer Liga und dann kommen noch die Spieler aus der NHL dazu.»

Dieses Vorgehen macht Sinn. Der HCD befindet sich in einer ähnlichen Lage wie die Nationalmannschaft bei einer WM. Die Gegner der Schweizer sind bei Titelkämpfen oft nominell im gleichen Verhältnis besser wie die HCD-Gegner in der National League.

Es ist die kopierte Nationalmannschaft. Das Konzept des Nationalteams, umgesetzt ganz im Sinn und Geist von Patrick Fischer. Aber mit etwas weniger Talent. «Das ist ja logisch», sagt Christian Wohlwend. «In der Nationalmannschaft haben wir ja die Besten aus unserer Liga und dann kommen noch die Spieler aus der NHL dazu.»

Das HCD-Spiel ist noch nicht störungs- und fehlerfrei. Aber es ist bemerkenswert, wie die Spieler den Spass an der Freude wiedergefunden haben. «Es ist ja nur möglich, junge Spieler weiter zu entwickeln, wenn sie etwas wagen und auch mal einen Fehler machen dürfen», sagt der Sportdirektor.

Davos' Marc Wieser looks on after the game between HC Davos and KalPa Kuopio Hockey Oy at the 92th Spengler Cup ice hockey tournament in Davos, Switzerland, Sunday, December 30, 2018. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller).

Der Routinier Marc Wieser (links) zeigt derzeit gute Leistungen. Bild: SPENGLER CUP

Auffallend ist aber auch das Aufblühen einiger Routiniers. Marc Wieser (31) hat in 5 Partien schon 4 Tore erzielt. Letzte Saison waren es in 47 Spielen bloss 10. Auch Perttu Lindgren (32) steuert einer klar besseren Statistik entgegen: Nach 5 Spielen hat er schon 8 Punkte auf dem persönlichen Konto. Was hochgerechnet auf 50 Runden mehr als 60 Punkte erhoffen lässt. Letzte Saison kam er in 41 Partien auf 30 Punkte.

Die Anmerkung, dass unter anderem die Gebrüder Wieser und der finnische Topskorer zu jenen «Alphatieren» gehören, die mit dem Führungsstil und der festgefahrenen Philosophie, dem taktischen «Alters-Starrsinn» von Arno Del Curto nicht mehr zurechtkamen, ist boshaft. Aber sie trifft den Kern der Sache.

Raeto Raffainer widerspricht solchen Gedankengängen nicht explizit, mahnt aber zu Respekt vor dem, was Arno Del Curto geleistet hat. Er gibt zu bedenken, dass ein Trainer, der über eine so lange Zeitspanne so erfolgreich war (6 Titel), keinen Grund hatte, alles zu ändern.

Der HCD ist gut aus den Startlöchern gekommen und hat nach der Startniederlage in Zürich (3:6) nun drei der letzten vier Partien gewonnen, zuletzt 7:1 in Lausanne und soeben nach Verlängerung 1:0 in Langnau.

Ein 1:0 gegen eine taktisch so hoch entwickelte Mannschaft wie Heinz Ehlers Langnau ist eigentlich das Resultat eines perfekten Spiels. «Nein, perfekt war dieses Spiel nicht. Wir machen noch zu viele Fehler», sagt Christian Wohlwend.

Gut, nicht perfekt. Aber erstaunlich war das Spiel der «neuen» Davoser schon. Die Partie in Langnau ist mit internationalem Tempo gespielt worden. Die Scheibenverluste hielten sich im Rahmen. Meistens ging sie erst nach einem Abschlussversuch verloren. Dass nicht mehr Tore fielen, hat natürlich mit Abschlussschwäche zu tun. Aber eben auch mit einer exzellenten Organisation in der eigenen Zone bei beiden Teams und zwei herausragenden Goalies. Joren van Pottelberghe stoppte 32 und Ivars Punnenovs 28 Pucks.

«Ich denke, Joren ist durch die schwierige letzte Saison stärker geworden.»

Die Behauptung, der HCD hätte sich die letztjährige Depression wahrscheinlich ersparen können, wenn Arno Del Curto auf Joren van Pottelberghe gesetzt und nicht mit der Verpflichtung des NHL-Lottergoalies Anders Lindbäck die Mannschaft gegen sich aufgebracht hätte, ist wiederum boshaft. Trifft aber erneut den Kern der Sache.

Solch polemische Vergangenheitsbewältigung ist nicht Raeto Raffainers Stil. Er sieht es so: «Ich denke, Joren ist durch die schwierige letzte Saison stärker geworden.»

Joren van Pottelberghe (22) ist ein cooler und flinker Riese (191 cm/95 kg) mit einem ausgefeilten Winkelspiel. Er führt nach drei Einsätzen mit einer Fangquote von 95,65 Prozent die Liga-Statistik an. In dieser Form ist er ein Thema fürs WM-Team im nächsten Frühjahr – und ab Sommer 2021 ein NHL-Kandidat. Mit ihm und Sandro Aeschlimann (24) hat der HCD ein junges Torhüter-Duo mit einem enormen Potenzial.

Joren van Pottelberghe, aufgenommen im Training des HC Davos, am Donnerstag, 5. September 2019, in Davos. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Joren van Pottelberghe führt derzeit die Liga-Statistik an. Bild: KEYSTONE

Wer den Mut zum spielerischen Risiko hat, nimmt gerade in einer so ausgeglichenen Liga auch das Risiko eines Rückschlages in Kauf. Aber der HCD steht am Anfang einer erstaunlichen, vielversprechenden Entwicklung, die ihn im Laufe der nächsten drei Jahre zurück in die Spitzengruppe der Liga und schon im nächsten Frühjahr in die Playoffs bringen wird.

Diese Revolution wird auch deshalb gelingen, weil sie auf allen Ebenen, vom klugen Präsidenten über den Sportdirektor bis hin zum Trainer, seinen Assistenten, den Spielern und den Investoren mitgetragen wird. Und weil sie einem klaren sportlichen Konzept folgt, das Raeto Raffainer bereits bei der Nationalmannschaft erfolgreich umgesetzt hat.

Seine Begeisterung ist mitreissend. Der HCD-Sportdirektor befindet sich mit seiner Seilschaft auf einer Mission: Der Mission «make the HCD great again.»

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