Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Titanic

Wie diese Schiffsreise damals ausging, weiss heute jeder. Bild: Shutterstock

Eismeister Zaugg

Mutlosigkeit auf der Hockey-Titanic – kämpft endlich für unser Hockey!

Zwei Tage lang tagten die Hockey-Generäle im Kemmeriboden-Bad. Das Resultat ist gleich null. Keine konkreten Beschlüsse und ein lächerlicher «offener Brief» an die Bundes- und Regierungsräte, der die Mut-, Hilf- und Ratlosigkeit auf der Hockey-Titanic offenbart. Schon wieder eine Polemik.



Ein offener Brief ist in seiner historischen Bedeutung «eine Urkunde, die jedermann lesen konnte und sollte». Durch die Form des offenen Briefs wird der Empfänger zu einer öffentlichen Stellungnahme provoziert. Offene Briefe sind früher vor allem in Zeitungen veröffentlicht worden.

Das berühmteste Beispiel ist der offene Brief, den Emile Zola am 13. Januar 1898 auf der Frontseite der Zeitung «L'Aurore» unter dem Titel «J'accuse» («Ich klage an») an den Präsidenten Frankreichs gerichtet hat. Darin thematisierte er die Verurteilung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus wegen angeblicher Spionage. Er löste die «Dreyfus-Affäre» aus, die Frankreichs Gesellschaft erschütterte und mit der völligen Rehabilitierung des Angeklagten endete. Das Beispiel von Emile Zola zeigt, dass die Wirkung gross sein kann. Aber nur, wenn klare Forderungen gestellt werden.

Heute werden offene Briefe auch im Internet verbreitet. Der offene Brief, den die Hockey-Generäle nun nach ihrer Tagung im Kemmeriboden-Bad veröffentlicht haben, ist – excusez l'expression – lächerlich. Durchaus launig geschrieben ist es ein rührendes Dokument der Mut-, Hilf- und Ratlosigkeit auf der Hockey-Titanic.

Rührende Naivität

Die Lage ist todernst. In den nächsten Monaten geht es um das wirtschaftliche Überleben der Profi-Hockeyklubs der National League und der Swiss League. Das ist eigentlich allen klar. So wie auch allen klar war, dass die Titanic sinken wird, wenn weiter Wasser ins Schiff eindringt.

Aber so wie sich die Ingenieure damals an die Wasserstandsmeldungen aus dem Maschinenraum geklammert haben, statt zu handeln und die Passagiere in die Rettungsboote zu schicken, so hoffen unsere Hockey-Generäle in geradezu rührender Naivität, dass die Behörden schon noch den Spielbetrieb mit Zuschauern erlauben werden. Sie erwarten einen wegweisenden Entscheid des Bundesrates am 12. August. Den wird es nicht geben. Am 14. August werden die Klubvertreter bei der Ligaversammlung so wenig die fürs Geschäft unbedingt notwendige Planungssicherheit haben wie jetzt.

Denis Vaucher, Director National und Swiss League, anlaesslich der Vorsaison-Medienkonferenz Swiss Ice Hockey Federation am PostFinance-Hauptsitz in Bern, am Mittwoch, 11. September 2019. (PPR/Melanie Duchene)

Ligadirektor Denis Vaucher. Bild: KEYSTONE

Die Todsünde der simplen Bitte

Es geht um Politik. Die Mechanismen der Politik kennen unsere Hockeyfürsten nicht in ausreichendem Masse. Sie wissen nicht, wie Forderungen durchgesetzt werden können. Obwohl doch der grosse Niccolò Machiavelli das wunderbare Lehrbuch «Il Principe» («Der Fürst») über die Kunst der Machtpolitik geschrieben hat. Es würde eigentlich schon reichen, einmal die Biografien der grossen Bauernführer Rudolf Minger und Ernst Laur zu lesen.

Konkret: Es ist eine «Todsünde», in einem offenen Brief Politikerinnen und Politiker um etwas – in diesem Falle um die Öffnung der Stadien – zu bitten. Diese werten solches Bitten instinktsicher als Zeichen der Unentschlossenheit, Hilflosigkeit und Schwäche. Keine politische Instanz erfüllt ohne Not eine Bitte. Gefälligkeiten werden nur jenen erwiesen, die Druck auszuüben vermögen und im politischen Maschinenraum an den längeren Hebeln sitzen. So gesehen ist dieser offene Brief ein Dokument für die politische Ahnungslosigkeit der Hockeymacher.

Wenn schon ein offener Brief, dann muss er eine unmissverständliche Forderung und nicht säuselnde Folklore enthalten. Konkret: Es ist an der Zeit, den Behörden auf Bundes- und Kantonsebene reinen Wein einzuschenken. Mit der Forderung: Entweder ihr erlaubt uns, die Meisterschaft ab 18. September mit mindestens 60 Prozent Stadionauslastung unter Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen zu füllen («60-Prozent-Formel») – oder die Klubs gehen gemeinsam in den Konkurs. Und es ist klar darauf hinzuweisen, dass die Verantwortung für die zu erwartende Empörung und Wut die Politikerinnen und Politiker zu tragen haben.

«Wir tun alles und kämpfen, dass es nie so weit kommt»

Wenn diese klare Ansage keine Wirkung zeigt – dann ist eben der Konkurs der Klubs die Folge. Mit dem entsprechenden politischen Landschaden. Nur so können Politikerinnen und Politiker aufgeschreckt und beeindruckt werden. Aber nach dem säuselnden offenen Brief wissen nun alle zuständigen Stellen: Von den Hockeygenerälen haben wir nichts zu befürchten. Wenn Lockerungen, dann zuletzt für den Profi-Mannschaftssport. Wäre der tüchtige Liga-Manager Denis Vaucher sein Anwalt gewesen, wäre Alfred Dreyfus bis an sein Lebensende eingekerkert worden.

Immerhin dämmert es Vaucher, dass die Titanic doch sinken könnte. Er sagt nämlich: «Das Horrorszenario eines Konkurses aller Klubs ist nicht mehr gänzlich auszuschliessen. Aber wir tun alles und kämpfen, dass es nie so weit kommt.»

Wenn er und seine Klubgeneräle doch endlich die politischen Samthandschuhe ausziehen und richtig um die Zukunft unseres Profihockeys kämpfen würden! Ende der Polemik.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Sport-Maskottchen während der Schweigeminute

Kann man Raclette in einem heissen Auto schmelzen?

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

12
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Swissclimber 01.08.2020 10:15
    Highlight Highlight Was ist, wenn sich das Virus in den kühlen und feuchten Stadien wohl fühlt? Aus meiner Sicht müsste man sich an eine sinnvolle Stadien-Füllquote herantasten. Oder wollen wir wirklich alles wegen einigen Profisportlern gefährden?
    • Hallo22 01.08.2020 15:30
      Highlight Highlight In modernen Eishockeystadien ist es nicht kühl, im Gegenteil Anfangs Saison kann man problemlos im T-Shirt an die Spiele gehen. (Ob dieses künstliche aufwärmen und eiskühlen dem Klima gut tut steht auf einem anderen Blatt geschrieben.)
    • powerplay 01.08.2020 20:44
      Highlight Highlight Gehts du ins Stadion das du die Löhne der Sportler zahlen kannst🤔
  • Tolot 01.08.2020 07:28
    Highlight Highlight Klaus, ich bin nicht oft gleicher Meinung wie du. Aber nimm doch bitte das Wort Polemik aus dem Text. Denn dieses mal hast du absolut recht und es ist keine Polemik, sonder absolut Wahr. Leider!
  • Hockeyjudge 01.08.2020 07:13
    Highlight Highlight Profisport ist in der Menscheitsgeschichte eine Randerscheinung. Das Profitum existierte in drei Phasen. Zu Zeiten der antiken olympischen Spielen, den Gladiatorenkämpfen und seit der Industrialisierung. In Zeiten von wirtschaftlicher Not, wird das Profitum zuerst eine Bereinigung erfahren. Das es einen geordneten Rückzug geben wird, als gemeinsamen Konkurs, ist schwer vorzustellen.
    Und nicht auszudenken sind die Folgen, sollten sich die sportlichen Massenveranstaltungen, später als Grund eines weiteren Lockdowns erweisen. Aber das scheinen die CEOs der Profiklubs, noch nicht zu begreifen.
  • Randalf 31.07.2020 22:47
    Highlight Highlight
    Ach du meine Güte. Was hat denn der Verfasser dieses Briefes geraucht?
    Wenn man Forderungen stellt, muss man auch die Konsequenzen aufzeigen, sollte darauf nicht eingegangen werden.
    Es geht nicht um Morgenrot im Bauernland, sondern um die Liga und um Jobs. Es haben nicht alle Clubs Mäzene.

  • bokl 31.07.2020 21:13
    Highlight Highlight Drohen kann man nur, wenn man auch bereit ist die angedrohten Schritte auch umzusetzen. Und ich glaube nicht, dass die Geldgeber in Zürich, Lugano oder Zug das durchziehen. Im Notfall werden sie zahlen. Und auch wenn einige andere Teams nicht überleben werden, finden sich nach der Pandemie wieder genügend Gegner. Notfalls halt aus dem nahen Ausland.
  • Tikkanen 31.07.2020 21:03
    Highlight Highlight ...der offene Brief ist tatsächlich eher als Witz zu verstehen, wird aber in der Arglist der heutigen Zeit schon bald vergessen sein. Zumal der Tag mit der furchtbaren Nachricht von Anttis Krebserkrankung einäwäg verloren scheint. Der Zauggsche Aufruf zum Kampfgeist ist zwar löblich, üsereim geht aber mittlerweile davon aus, dass sich unsere Welt inkl. Hockey in den nächsten Monaten unglaublich verändern wird. In Zeiten, wo nah dis nah durchsickert, dass Arbeitgeber wie CS Zehntausende von Stellen abbauen werden, ist die Zukunft des helvetischen Profihockeys offen...

    Item, Glück Auf!
    • Eau Rouge 01.08.2020 00:48
      Highlight Highlight @Tikkanen
      danke für deine zu lobenden Worte!
      Schliesse mich an.

      Zuerst mit den Genesungswünschen an den Antti! Alles Gute! Bleib stark!
      Mit deinen Worten zur grossen Veränderung auf diesem Planeten könntest du durchaus Recht haben.
      Und abschliessend. Wir lieben alle Eishockey! Aber ganz ehrlich: So schade es ist und so Leid es mir tut: Im Moment gibt es wichtigers als der Sport. Es geht um die Gesundheit (fast) aller! Im Fussball zeigen sie ja eindrücklich, wie man es nicht machen sollte... der Einzige, der diesbezüglich Weitsicht und einen gesunden M.verstand an den Tag legte, ,,,,,
      1/2
    • Eau Rouge 01.08.2020 00:58
      Highlight Highlight @Tikkanen
      2/2
      war der ehemalige Bümplizer-Junior, welcher es zum F.C. Bayern München schaffte......
      Es wird Zeit, dass in unseren Köpfen ein umdenken stattfindet.
      Bloss, wie soll das, wenn einige ( solltest du das lesen „Amboss", so war's gemeint)noch immer von einer harmlosen Grippe oder Verschwörungs-Theorien fabulieren?!?!

      Item. Blibet gsund!!
  • superzonk 31.07.2020 20:54
    Highlight Highlight Ich tue mich schwer zu glauben, das die Liga-Bosse diesen Brief lasen und alle ihn für gut befanden. Beängstigend irgendwie.

    Politiker reagieren ausschliesslich aus Betroffenheit. Klaus Zaugg sieht dies völlig richtig. Wenn du keine Betroffenheit auslösen kannst, sind deine Argumente nicht tauglich und es verändert sich nichts. Darauf zu hoffen, dass "sie" es schon sehen und handeln ist nur naiv.

    Das ist einfach so. Darum handfeste Argumente für eine Mehrheit oder schweigen. Alles andere schadet der Sache. Unabhängig welche Gesinnung. So funktioniert Politik.
  • geissli 31.07.2020 20:43
    Highlight Highlight Habe den brief auch gelesen und ja, ich hoffe doch schwer das dieser brief nur ein witz ist.

Kommentar

Zeit, das Undenkbare zu denken – alle Klubs gehen gemeinsam in Konkurs

Der Profi-Mannschaftsport in unserem Land steht vor den grössten Umwälzungen der Geschichte. So wie die Dinge stehen, ist es Zeit, das Undenkbare zu denken: die Klubs der beiden höchsten Fussball- und Hockeyligen gehen gemeinsam in Konkurs. Eine Polemik.

Die «60-Prozent-Formel» könnte vielleicht noch die Rettung bringen. Aber die Aussichten, dass die Behörden erlauben, 60 Prozent der Stadionkapazitäten zu nützen, sind gering. Bei Lichte besehen sind eigentlich alle Versuche zum Scheitern verurteilt, die Meisterschaften der beiden höchsten Ligen im Fussball und im Hockey durch Sicherheitskonzepte zu retten. Der Profisport ist mit dem Geschäftsmodell «Massenveranstaltung» nicht mehr finanzierbar.

Wenn eine Firma ihr Produkt nicht mehr verkaufen …

Artikel lesen
Link zum Artikel