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epa06612930 Swiss MotoGP rider Thomas Luethi of EG 0,0 Marc VDS in acton during the Motorcycling Grand Prix of Qatar at Losail International Circuit near Doha, Qatar, 18 March 2018.  EPA/NOUSHAD THEKKAIL

Die Zeit der Siege ist für Tom Lüthi abgelaufen.  Bild: EPA/EPA

Analyse

Vergesst die Siege! Eine neue Töffwelt ohne Glanz und ein bisschen Gloria hat begonnen

Mit dem GP von Katar hat in unserem Töff-Rennsport ein neues Zeitalter begonnen. Die Zeit der Siege und Podestplätze ist abgelaufen. Nun werden wir WM-Punkte für Tom Lüthi (31) und Dominique Aegerter (27) feiern wie Siege.

klaus zaugg, katar



Ach, es waren herrliche Zeiten. Mehr als zehn Jahre lang durften wir an jedem GP-Wochenende Siege erwarten und zeitweise gar auf WM-Titel hoffen. Im Juni 2003 fährt Tom Lüthi in Barcelona zum ersten Mal aufs Podest (3./125 ccm).

Seither haben wir nur zwei Jahre keine helvetischen Podestplätze zelebriert (2004 und 2009). Wahrlich, «goldene Jahre»! In Katar hat sich nun beim Start zur Saison 2018 gezeigt, was nach den Vorsaisontests erwartet werden musste: fortan werden wir WM-Punkte (für Klassierungen bis Platz 15) wie Siege und Podestplätze würdigen.

Dovizioso siegt in Katar vor Marquez:

Weg ist der Glanz

Im Vergleich zu den ruhmreichen letzten Jahren sind die Resultate unserer beiden letzten GP-Helden Tom Lüthi und Dominique Aegerter beim GP von Katar ohne Glanz. Aber wenigstens bei Tom Lüthi mit ein bisschen Gloria. Tom Lüthi ist bei seinem Debüt in der «Königsklasse» auf den 16. Platz (unter 24 Konkurrenten) gerast. Die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben. «Nach den ersten Tests im Winter hätte ich für einen 16. Platz im ersten Rennen sofort unterschrieben.»

Bei allen Tests war der Emmentaler 24. und letzter der GP-Fixstarter gewesen. Also nun ein ganz klarer Fortschritt. Aber es wurmt ihn halt schon, dass er den ersten WM-Punkt (15. Platz) nach 118,36 Rennkilometern bloss um sechs Zehntelsekunden verpasst hat. In seinem insgesamt 250. Grand Prix.

Immerhin weiss er warum: «Ich konnte nicht dosiert bremsen.» Deshalb seien Überholmanöver auf der Bremse beinahe unmöglich gewesen. Es sei nicht ein technisches Problem, sondern bloss eine Frage der Abstimmung. «Das werden wir lösen.» Und ergänzt: «Es war nicht das schwierigste Wochenende meiner Karriere. Aber mit Sicherheit das lehrreichste…» Keine Frage: mit einwandfreier Bremserei hätte er seinen ersten WM-Punkt eingefahren.

Als «alter» Neuling (Tom wird im September 32) auf Anhieb 16. – auch punktelos ein Debüt mit ein bisschen Gloria. Tom Lüthi hat im Team und im Fahrerlager Ehre, Ruhm und Anerkennung (= Gloria) für seine erstaunliche, im Grunde sensationelle Leistung bekommen. Aber eben: der Glanz fehlt. Das breite, mit den besonderen Verhältnissen des Motorradrennsportes nicht so vertraute Publikum hat sich beim Weltmeister und Sportler des Jahres von 2005 (vor Roger Federer) an Siege und Podestplätze gewöhnt. Und so mancher denkt deshalb: 16. Rang beim Saisonauftakt – na und? Krise?

Aegerter, der bunte Hund

Auf den ersten Blick war es bei Dominique Aegerter (27) nicht viel anders als in all den Jahren, seit er 2010 in die Moto2-Klasse eingestiegen ist. Anders als Tom Lüthi hat er ja die Klasse für diese Saison nicht gewechselt. Ja, optisch präsentiert er sich in der neuen Saison gar auffälliger, bunter, cooler als je zuvor. Die gelbe Leuchtfarbe seines Kombis macht ihn zum bunten, farbigen Hund. Er ist von weitem sichtbar. Wenn er durchs Fahrerlager stiefelt und wenn er im Rennen hinten im Feld eingeklemmt wird.

epa06606023 Swiss Moto2 rider Dominique Aegerter of the Kiefer Racing team attends a photo session of the Motorcycling Grand Prix of Qatar at the Losail International Circuit in Doha, Qatar, 15 March 2018. The 2018 MotoGP World Championship season's first race will be held at Losail International Circuit on 18 March 2018.  EPA/NOUSHAD THEKKAIL

Dominique Aegerter. Bild: EPA/EPA

Was diese Saison häufig der Fall sein dürfte. Es gibt nach dem Saisonauftakt für Dominique Aegerter eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Er ist der beste Schweizer. Die weniger schlechte: er ist «bloss» 15. geworden. Ein WM-Punkt. Aber einer ohne jeden Glanz und auch ohne Gloria.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Start zur Saison 2018 sportlich nicht sehr stark von früheren Jahren. Und doch ist auf den zweiten Blick ein ernüchterndes Resultat. Dominique Aegerter hat von der 7. Startreihe aus das zweitschlechteste Saisonstart-Resultat seiner Moto2-WM eingefahren (15.). Kein Weltuntergang zwar. Aber das Rennen hat ihm bestätigt, was sich bereits während allen Saisontests abgezeichnet hat: Nach acht Jahren in der Moto2-WM heisst es für ihn: zurück auf Feld eins!

Dominique Aegerter:

«Das Fahrerfeld ist inzwischen viel ausgeglichener und das fahrerische Niveau höher. Die Fahrer sind auch im Mittelfeld so gut, dass es mir nicht mehr gelingt, wie früher mit einem Blitzstart gleich mehrere Plätze gutzumachen.»

Er hat diesen 15. Platz nicht tollkühn, wagemutig, spektakulär herausgefahren. Er hat ihn mit dem «Messer zwischen den Zähnen» mühselig erkämpft, erlitten, erduldet. Runde um Runde trug er den Rückstand auf den letzten WM-Punkt ab. Es war eine grosse fahrerische Leistung. Aber eben eine ohne Glanz und vom Publikum nicht mit Applaus belohnt. Früher musste er sich für Podestplätze weniger anstrengen.

Es gab bei ihm auch keinen elektrisierenden Blitzstart mit dem schlagartigen Gewinn von sechs, sieben Plätzen auf dem ersten Kilometer wie früher so oft nach einem mässigen Training. Und es gab gar nie eine Chance, in die «Top Ten» zu kommen. Dabei müsste er ganz vorne fahren und die Konkurrenz zu rocken. Er müsste aufgrund seines Talentes und seiner Routine (Katar war sein 130. Moto2-Rennen) ein Titelanwärter sein. Und ist es bei weitem nicht.

Vielmehr hat er sportlich diese Saison praktisch auf dem gleichen Level begonnen wie im März 2010, als er mit einem 20. Platz im Training und einem 11. Rang im Rennen in Katar sein Moto2-Abenteuer begonnen hatte. Dominique Aegerter gibt zu bedenken, dass dieser Vergleich nicht ganz fair und die WM von heute nicht mit jener von 2010 vergleichbar sei. «Das Fahrerfeld ist inzwischen viel ausgeglichener und das fahrerische Niveau höher. Die Fahrer sind auch im Mittelfeld so gut, dass es mir nicht mehr gelingt, wie früher mit einem Blitzstart gleich mehrere Plätze gutzumachen.»

ARCHIVBILD VON TOM LUETHI ZUM BEVORSTEHENDEN WECHSEL IN DIE KOENIGSKLASSE --- Die Schweizer Moto2 Rennfahrer Thomas Luethi, Derendinger Racing Interwetten, in der Box, waehrend den letzten Testtagen, am Donnerstag 19. Maerz 2015, in Jerez. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Die goldenen Zeiten bei Lüthi sind vorbei. Bild: KEYSTONE

Nachdem in Katar alles vorbei und die Rennmesse gelesen war, ist ihm die Frage gestellt worden, ob dieser WM-Zähler ein guter oder enttäuschender Punkt sei und ob er jetzt enttäuscht oder erfreut heimfliege. Er dachte nach und sagte schliesslich fast ein wenig kleinlaut: «Wir müssen optimistisch sein.» Kann man Optimismus müssen? Er kapierte diesen Einwand und sagt, was alle in seiner Situation sagen: «Wir müssen weiterarbeiten.» Er weiss, dass er optimistisch sein muss, aber es im Herzen eigentlich nicht ist. Was können wir also in dieser Saison erwarten? Dominique Aegerter wirkt nachdenklicher und ernsthafter als letzte Saison.

Geldsorgen kommen dazu

Die finanziellen Schwierigkeiten rund um sein Team haben ihm die «Ernsthaftigkeit des Seins» dramatischer als jede vorherige Krise vor Augen geführt. Er hat sein Charisma keineswegs verloren, aber er ist sich bewusst geworden, wie zerbrechlich seine Karriere im finanziellen Bereich ist. Diese neue Ernsthaftigkeit hat vorerst einmal die sportliche Leistungsfähigkeit eher gehemmt als gefördert: wer an zu vieles denken muss, dem gelingt es nicht mehr, alle Energie und Konzentration auf die Hauptsache zu konzentrieren. Alles auszublenden, was sonst noch ist, wenn ein Training und Rennen beginnt, gehört zu den besonderen Qualitäten eines Rennfahrers.

Aber diese neue Erfahrung wird ihn schliesslich besser machen. «Reculer pour mieux sauter» sagen die Welschen. Also ein paar Schritte zurück um dann umso weiter springen zu können. Genau das gilt für Dominique Aegerter nach dem enttäuschenden Start zur Saison 2018. Aber für einen Podestplatz wird es 2018 noch nicht reichen und spätestens ab Saisonmitte beginnen die Spekulationen: kann er mit seinem Team eine weitere Moto2-Saison finanzieren? Gibt es eine Möglichkeit zum Aufstieg in die «Königsklasse»?

Mein Tipp: er wird auch 2019 wieder in der zweitwichtigsten WM antreten. Aber unter besseren finanziellen und damit sportlichen Voraussetzungen.   

Weitere Saison für Lühti? 

Und Tom Lüthi? Er wird noch vor Saisonmitte in die «Top Ten» fahren und die Töff-Insider beeindrucken. Gloria im Fahrerlager. Aber das reicht nicht, um in einem Sommer mit einer Fussball-WM weit über die Motorsportkreise hinaus Schlagzeilen zu schreiben und zu glänzen.

Spätestens ab Juni werden die Spekulationen um seine Zukunft beginnen. Die zentralen Fragen werden sein: eine zweite Saison in der «Königsklasse»? Zurück in die Moto2-WM? Marc van der Straten, Baron und Milliardär, ist der Besitzer des Teams. Sozusagen Tom Lüthis Arbeitgeber. Er mag es nicht, dass jetzt schon solche Fragen gestellt werden.

«Es ist nicht gut, an Weihnachten schon an die Schokolade-Osterhasen zu denken. Auch wenn Schweizer Schokolade gut ist.» Er hat eine einseitige Option für eine Vertragsverlängerung. «Wir werden uns Zeit lassen und wir werden ihn in keiner Weise unter Druck setzen. Wir sind mit dem, was er bisher geleistet hat sehr zufrieden.»

Es gibt für Tom Lüthi durchaus eine Chance auf eine zweite Saison in der «Königsklasse.»

Alle Schweizer Töff-GP-Sieger

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