Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Martin Neukom, links, (Gruene) strahlt mit Marionna Schlatter-Schmid, rechts, Praesidentin Gruene Kanton Zuerich im Mediencenter bei den kantonalen Wahlen in Zuerich am Sonntag, 24. Maerz 2019. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Martin Neukom (links) strahlt mit Marionna Schlatter-Schmid, Präsidentin Grüne Kanton Zürich Bild: KEYSTONE

Der Grünrutsch von Zürich und seine Folgen für die Nationalratswahlen

Den Grünen und Grünliberalen gelingt im grössten Kanton ein historischer Wahlsieg. Doch bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst dürfte die Klimaallianz nicht im gleichen Mass zulegen, wie Berechnungen zeigen.

LORENZ HONEGGER / ch media



Erstmals in der Geschichte kontrolliert eine Öko-Mehrheit den Zürcher Kantonsrat. So lautet das euphorische Fazit des grünen Nationalrats Balthasar Glättli, nachdem am Sonntag Grüne und Grünliberale zusammen 18 Sitze dazugewannen.

Balthasar Glaettli, Nationalrat Gruene-ZH, spricht an einer Medienkonferenz ueber die  Lancierung der Volksinitiative fuer ein E-Voting-Moratorium

Balthasar Glättli Bild: KEYSTONE

Was er meint: Zusammen mit der SP, der EVP und der Alternativen Liste erreichen die beiden Parteien mit «Grün» im Namen neu mehr als die Hälfte der Stimmen. Die Bürgerlichen verloren ihre Mehrheit im Zürcher Parlament, allein die SVP hat neun Sitze weniger. Aus eidgenössischer Sicht fragt sich: Wird sich der massive Grünrutsch bei den Nationalratswahlen im Oktober im Zuge der Klimadebatte wiederholen?

Zürich als Gradmesser

Einiges spricht dafür. Die Zürcherinnen und Zürcher sind mit ihrem Wahlverhalten aus statistischer Sicht zwar nicht repräsentativ für das ganze Land, stellen aber als Einwohner des grössten Kantons einen breiten Querschnitt durch die Schweizer Bevölkerung dar. Wer in der Vergangenheit in Zürich gewann, legte in der Regel auch bei den nationalen Wahlen zu. Auch die Debatte um Massnahmen gegen die Klimaerwärmung wird so schnell nicht abflauen. Insofern wäre ein erneuter Erdrutschsieg der grün-grünliberalen Achse im Herbst plausibel.

Lukas Golder

Lukas Golder Bild: gfs.bern

Doch einiges spricht dagegen. Lukas Golder, Co-Leiter des Forschungsinstituts gfs.bern, hat am Sonntag nach Vorliegen der Endresultate ausgerechnet, wie viele Prozentpunkte Wähleranteil die Grünliberalen und die Grünen bei den 20 kantonalen Wahlen seit 2015 schweizweit dazugewonnen haben.

Sein Fazit: Ohne den Urnengang im bevölkerungsreichen Zürich hätten die Grünliberalen schweizweit keine Wählerprozente gewonnen, sondern 0,05 Prozentpunkte verloren: «Ein ähnlich starker Zuwachs der Grünliberalen bei den eidgenössischen Wahlen wie bei den Zürcher Kantonsratswahlen ist deshalb unrealistisch.» Der Erdrutschsieg der GLP vom Sonntag ist laut Golder möglich geworden, weil die Partei in Zürich extrem gut organisiert ist. In vielen anderen Kantonen sei dies nicht der Fall.

Eine positivere Prognose macht der Meinungsforscher für die Grünen: Diese legten in vielen Kantonen systematisch zu. Auch ohne Zürich befindet sich die Partei national mit knapp einem halben Prozentpunkt immer noch im positiven Bereich.

Träumen vom Bundesratssitz

Die aufgerechneten Zahlen aus den Kantonen relativieren den Zürcher Grünrutsch also. Doch die Sieger vom Wahlsonntag lassen sich ihre Euphorie nicht nehmen.

Juerg Grossen, Vize-Praesident und Nationalrat GLP-BE, spricht an einer Medienkonferenz zum Parteipraesidium der Gruenliberalen Schweiz (GLP), am Freitag, 30. Juni 2017 im Medienzentrum im Bundeshaus in Bern. Der Vorstand der Gruenliberalen nominiert Juerg Grossen als neuen Parteipraesidenten. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Jürg Grossen Bild: KEYSTONE

GLP-Parteipräsident und Nationalrat Jürg Grossen denkt bereits über einen Sitz im Bundesrat nach: Auf Bundesebene sehe er für seine Partei längerfristig ein Potenzial von «über zehn Prozent» Wähleranteil: «Unser Ziel als Grünliberale muss es sein, irgendwann selber einen Sitz in der Landesregierung zu erobern.» Nächsten Herbst sei dies kaum zu erreichen, aber danach sei alles offen.

Ganz andere Sorgen treiben die übrigen Parteien um, allen voran die SVP. Die Volkspartei verlor bei den Zürcher Wahlen 5,6 Prozentpunkte. Sie ist zwar immer noch stärkste Kraft im Zürcher Kantonsrat, aber die Zeiten, als die Partei mit ihrem Kernthema Migration mühelos Wahlen gewann, sind vorbei.


SVP- Kandidatin Natalie Rickli beim Regierungsrats-Podium in Zuerich am Mittwoch, 30. Janaur 2019. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Natalie Rickli Bild: KEYSTONE

Auch die Wahl von Nationalrätin Natalie Rickli in den Regierungsrat ist ein schwacher Trost: Ihr gelang der Sprung in die Exekutive überraschend knapp. Ein zerknirschter SVP-Parteipräsident Albert Rösti kündigt im Interview «eine schonungslose Analyse» der Ergebnisse an.

Der Zürcher Grünrutsch setzt auch die Freisinnigen auf nationaler Ebene unter Druck. Sie stehen seit diesem Sonntag mit zwei Kantons- und einem Regierungsratssitz weniger da. Parteichefin Petra Gössi betont, es sei noch zu früh, um aus den kantonalen Wahlen Rückschlüsse auf die eidgenössischen Wahlen zu ziehen.

Parteipraesidentin Petra Goessi, spricht an der Delegiertenversammlung der Freisinnig Demokratischen Partei der Schweiz, FDP, in Biel am Samstag, 12. Januar 2019. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Petra Gössi Bild: KEYSTONE

Sie halte die Zürcher Wahlen für keinen besonders guten Gradmesser. «Im Verlauf der nächsten Monate kann noch viel passieren.» Die Parteileitung der FDP werde aber an der Delegiertenversammlung im Juni die Ergebnisse ihrer Mitgliederbefragung zum Thema Klimapolitik präsentieren. «Dann müssen Taten folgen, das ist klar», sagt Gössi.

Ratlose Sozialdemokraten

Weniger klar ist, welche Strategie die Sozialdemokraten bis im Herbst verfolgen sollen. Sie konnten ihren Wähleranteil in Zürich weitgehend halten und hatten nur einen Sitzverlust zu verzeichnen. Die Tatsache, dass die Kollegen von den Grünen so erfolgreich sind, macht aber vielen zu schaffen. «Was mich betrübt, ist, dass die SP nicht als die ökologische Kraft wahrgenommen wird, die sie ist», sagt die Zürcher Nationalrätin Priska Seiler Graf.

Priska Seiler Graf, SP-ZH, spricht an der Sommersession der Eidgenoessischen Raete, am Donnerstag, 8. Juni 2017 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Priska Seiler Graf Bild: KEYSTONE

Sorgen, die auch die BDP haben möchte. Die Kleinpartei verliert all ihre Sitze im Kantonsparlament, weil sie am Sonntag in keinem Zürcher Wahlkreis das nötige Quorum von fünf Prozent erreichte. Parteipräsident Martin Landolt versuchte über Twitter, seine Mitglieder aufzumuntern: «Das Wahlsystem trifft uns hart. Durchatmen, aufstehen, weiterkämpfen. Denn Vernunft kann nicht ewig ignoriert werden.» (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Diese Politiker scheitern am Feldstecher

Politikerinnen sind in Bundesbern stark untervertreten

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Review

In der Kampfjet-«Arena» startet Amherd zum Höhenflug – nur eine kann sie vom Himmel holen

In der Abstimmungs-«Arena» überzeugte Verteidigungsministerin Viola Amherd alle – bis ihr SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf das Wasser abgrub.

Für Bundesrätin Viola Amherd (CVP) geht es am 27. September um alles oder nichts. Nachdem Amtskollege Ueli Maurer (SVP) 2014 mit der Gripen-Abstimmung eine Bruchlandung erlitt, liegt es nun an ihr, das Volk von einem 6-Milliarden-Franken-Kredit für die Schweizer Luftwaffe zu überzeugen. Ein zweites Nein würde den Verteidigungsauftrag der Schweizer Armee generell in Frage stellen. Das wiederholt Amherd seit Wochen in Interviews, das betonte sie auch bei SRF-Moderator Sandro Brotz in seiner …

Artikel lesen
Link zum Artikel