Schweiz
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This April 9, 2020, photo released by Kara Illig shows her daughter, Ainslie Illig, 8, on her computer in Ebensburg, Pa. The frustration of parents is mounting as more families across the U.S. enter their second or even third week of total distance learning, and some say it will be their last. (Kara Illig via AP)

Ungefähr so sieht es bei uns aus. Mit einem etwas grösseren Durcheinander. Ainslie Illig, 8, aus den USA beim Heimunterricht. Bild: AP

Was wir vom Home-Schooling lernen – 11 Erkenntnisse eines Vaters



Seit ein paar Wochen werden sämtliche Primarschülerinnen und -schüler der Schweiz zuhause unterrichtet: per Videokonferenz von Lehrpersonen, aber mehrheitlich von den Eltern.

Wie sehen die Erfahrungen damit aus? Ich habe meine persönlichen Erkenntnisse festgehalten.

Die perfekte Lösung gibt es nicht

Das typische Schweizer Familienmodell existiert nicht mehr. Dafür hat sich die Schweiz in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich zu sehr verändert. Gottlob, ist man geneigt zu sagen. Die Aufgabe für die Schulen wurde damit aber nicht einfacher. Ein Heimunterrichtspaket zu schnüren, das sowohl Alleinerziehenden, Familien mit eingeschränkten Platzverhältnissen, mit Doppelbelastung durch zwei 100%-Jobs, mit unüberwindbaren Sprachhürden, mit einem bildungsfernen Hintergrund und und und gerecht wird, ist unmöglich. Deshalb ist etwas Kulanz angesagt.

Weil die Voraussetzungen derart unterschiedlich sind, sind auch die Erfahrungen mit Heimunterricht sehr individuell. In unserem Fall sind es die Erfahrungen einer Familie mit zwei Kindern, eines davon im Schulpflichtalter, und einem Gesamtarbeitspensum von 180% – auch während des Lockdowns. Wir arbeiteten in grossen Teilen im Home Office.

Heimunterricht verstärkt die Unterschiede

In der Schweiz herrscht keine Chancengleichheit. Haben beide Eltern studiert, stehen die Chancen wesentlich höher, dass das Kind einen ähnlichen Weg einschlägt als bei Arbeiterkindern. Meine Befürchtung ist, dass unfreiwilliger Heimunterricht diese Ungleichheit zusätzlich vergrössert. Dies ist aber eher eine Befürchtung als eine Beobachtung.

Motivationsschwierigkeiten können mit Regelmässigkeit bekämpft werden

Nach wenigen Tagen erhielten wir von der Schule einen Vorschlag, wie ein strukturierter Tagesablauf des Kindes aussehen könnte. Wir haben diesen mit ein paar kleinen Anpassungen umgesetzt und damit gingen die Diskussionen spürbar zurück. Denn Diskussionen gab es. Jeden Tag. Weil:

Heimunterricht ist gemein

Wie bereits erwähnt, betrifft in unserem Fall der Heimunterricht nur die ältere Tochter. Der Zweijährige muss während der Schulzeit der älteren Schwester aber auch bespasst werden. Sonst stört er ohne böse Absicht.

Das ist mitunter in etwa gleich aufwändig wie Heimunterricht zu erteilen und birgt natürlich jede Menge Konfliktpotential. Denn während sie arbeiten muss, darf er spielen. Die Diskussionen endeten, als wir «meine» Schulstunde auf den Mittagsschlaf des Kleinen legten. Trotzdem bleibt Heimunterricht «gemein» und «fies», weil er «schön träumelen» darf, während sie sich den «Kopf zermartern» muss.

Ich mag die App

Intrafamiliär sind die Vorlieben unterschiedlich verteilt, ich persönlich bin ein grosser Fan der App «Anton». Dies ist eine sehr umfangreiche Lern-App, welche von verschiedenen Schulen genutzt wird. Die Kinder werden spielerisch an die Themen herangeführt und erhalten für gute Arbeit Belohnungen.

Nicht wegzureden sind auch die Vorteile dieser App für die Eltern. Böse Zungen werden monieren, dass man sich so nicht auf die Kinder einlassen muss und die Verantwortung dem Programm übergibt. Weniger böse Zungen reden von einer Entlastung der Eltern und einer professionellen App, die von didaktisch ausgebildeten Leuten entwickelt wurde, die besser als jeder Hobbylehrer wissen, wie Lernstoffe schmackhaft verkauft werden. Ausserdem bleibt während des Lockdowns genug Zeit, sich intensiv mit den Kindern auseinanderzusetzen. Es sind nicht die Phasen, die zu kurz kommen.

Ich teile allerdings den Einwand, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler Zugang zu einem Tablet oder einem Smartphone für schulische Zwecke haben. Stichwort: Ungleichheit.

Konstanz gilt auch für den Arbeitsplatz

Unsere Tochter hat ein eigenes Zimmer mit einem eigenen Schreibtisch. Wenn immer es möglich war, habe ich darauf geachtet, dass sie ihr Schulpensum unter meiner Knute dort erledigt. Der Esszimmertisch ist heilig. Der ist für die Musse da, fürs Schlemmen und für Spiele. Dasselbe gilt fürs Sofa und das Bett.

Dass dieser Luxus nicht für alle gilt, ist mir bewusst. Ich habe von einer Familie gehört, in der sich die zwei Eltern und die Kinder Küchentisch und Esstisch für Home Office und Heimunterricht teilen.

Heimunterricht findet am besten immer noch unbemerkt und spielerisch statt

Unsere Tochter liebt es, während den Mahlzeiten zu quizzen. Beliebt sind das Märchenquiz (In welchem Märchen kann der böse Mond sprechen? Die Auflösung gibt es am Ende des Artikels) oder Gedankenratequiz. Aber auch Sätzchenrechnungen und banale Rechnungen funktionieren zu unserer Überraschung tipptopp. Wir stehen dieser Unterhaltung natürlich nicht im Weg.

Heimunterricht ist kein Ersatz für die Schule

Zahlenmauern lösen und Adjektive zuordnen ist nicht Schule. Das ist Lernstoff. Was die Schule wirklich ausmacht, ist die soziale Komponente. Gelernt wird als Beigemüse, das Fleisch am Knochen sind aber der Austausch mit den Freundinnen und Freunden, das Gekicher, die Spiele in der Pause, die Interaktion in der Gruppe. Heimunterricht kann das nicht bieten.

Heimunterricht ist «geil» auf Instagram

Heimunterricht ist eine perfekte Gelegenheit, sich in den Selbstbestätigungsportalen als engagierter Vater zu präsentieren. Nach verschiedenen Versuchen klappt es dann auch mit dem fürsorglich-strengen, aber doch liebevoll-väterlichen Blick. Dann noch den Laptop so drapieren, dass es nach systemerhaltender Heimarbeit aussieht. Im Hintergrund wie zufällig ein paar Pfännchen hinstellen und angeschnittenes Gemüse. Weil neben Home Schooling und Home Office ist auch noch Zeit für homegemadeten Superfood. Köcheln tut nur der Sugo, sicher nie die eigenen Nerven. Man ist ja keine Pfeife. Wenigstens nicht auf Instagram.

Heimunterricht ist nicht das Gelbe vom Ei

Die Wahrheit sieht anders aus als auf Instagram. In meinem Umfeld teilt sich ein Grossteil der Eltern ein Arbeitspensum von mindestens 140 Prozent. Der Median liegt bei 160 Prozent, einige, wie wir auch, arbeiten noch mehr. Vielen Hobbys kann man so nicht mehr frönen, aber es gibt gute Lösungen, auch mit einem derartigen Arbeitspensum den Kindern, dem Partner und der eigenen Vorstellung von Karriere gerecht zu werden.

Corona grätscht hier brutal dazwischen. Wir spüren den ausfallenden Grossmuttertag extrem. Heimunterricht ist eine zusätzliche Belastung, ein zusätzlicher Faktor, der dafür sorgt, dass berufstätige Eltern ihre Komfortzone verlassen müssen. Mein Blick ist in der Regel nicht fürsorglich-streng, aber doch nicht liebevoll, sondern müde und ausgelaugt. Es gibt keinen stundenlang auf kleiner Flamme geköchelten Sugo. Es gibt Fischstäbchen.

Irgendwie dem Kind gerecht werden, irgendwie dem Partner gerecht werden, irgendwie dem Arbeitgeber gerecht werden – irgendwie durchkommen. Das ist die Realität. Auch beim Home Schooling. Und ich persönlich bin froh, wenn die Tochter wieder in die Schule darf. Für sie, aber auch für uns.

Heimunterricht ist auch für das Kind nicht so toll

Und nach so viel Gerede des Vaters darf auch die Tochter noch zu Wort kommen:

Bild

bild: watson.ch

Auflösung der Quizfrage: Der böse Mond kann in «Die sieben Raben» sprechen.

Jumbo in Zürich - 27.04.2020

Video: watson

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