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Analyse

Lehrer M. zur Pisa-Studie: «Schüler erzählen mir fast triumphierend, dass sie nicht lesen»

Bild: shutterstock

lehrer m.



Der Pulverdampf der geistigen Schnellschüsse zur Pisa-Studie der OECD von 2018 hat sich verflüchtigt. Das erste Fazit für die Schweiz: Mathematik und Naturwissenschaft immer noch einigermassen top, Lesen flop; Platz 27 von 79 Ländern, 484 Punkte, drei Punkte unter dem OECD-Schnitt. Hinter den meisten gesellschaftlich und wirtschaftlich vergleichbaren Ländern Europas liegt die Schweiz im Lesen und Verstehen zurück.

Der Ist-Zustand

Ich muss zuerst einmal die notorisch ausländerkritische Fraktion enttäuschen. Der Ausländeranteil in der Schweiz wurde in der Studie berücksichtigt, der Schweiz wurden gemäss einem vorgegebenen Schlüssel fünf Punkte dazugeschlagen. Das Problem ist also hausgemacht.

Ich halte die Pisa-Studie ausserdem für ziemlich repräsentativ, sie deckt sich, was die Lesekompetenz angeht, mit dem, was wir nicht erst seit 2010 im Deutschunterricht, bei der LAP Deutsch mündlich und auch in anderen Fächern feststellen: Sobald ein etwas komplexerer Text vorliegt, haben viele Schüler Mühe, überhaupt zu verstehen, wer was warum tut oder was sie gemäss Aufgabenstellung tun müssten. Das hängt einerseits mit dem fehlenden Wortschatz und andererseits damit zusammen, dass Lesen nicht gleich Verstehen ist.

Ein Viertel der Schüler kann zwar lesen, versteht aber nicht, was er gelesen hat. Sobald die Texte schwieriger werden, steigt der Anteil derer, die ihn nicht verstehen. Dass das auch Auswirkungen auf andere Fächer wie Mathematik, Naturwissenschaft, Geschichte oder Wirtschaft hat, liegt auf der Hand; und dass Lesekompetenz deshalb eine äusserst grundlegende, wenn nicht die grundlegende Fähigkeit ist, wohl auch.

Was sind die Gründe?

Sehr wichtig scheint mir, dass der Stellenwert des Lesens in unserer Gesellschaft grundsätzlich nicht mehr hoch ist. Im Gegenteil: Bei vielen ist Lesen regelrecht verpönt. Vor 20 Jahren war es einer Mehrheit der Jugendlichen wenigstens gegen aussen peinlich, wenn sie mir sagten, dass sie privat nichts lesen. Heute erzählen mir das nicht wenige Junge fast triumphierend, vor allem männliche. Gemäss Studie lesen nur noch weniger als 50 Prozent der Knaben und Mädchen in der Schweiz freiwillig. Das hinterlässt Spuren.

Selbstverständlich hat diese Entwicklung mit der Attraktivität von YouTube, Instagram, Snapchat, Facebook, Netflix etc. und ihrer Armada von Psychologen und Werbefachleuten zu tun. Ihre Angebote sind ausserordentlich attraktiv und sie sind ausschliesslich darauf ausgerichtet, ihre User mit allen möglichen psychologischen Tricks möglichst lange auf ihrer Plattform zu halten. Sie wissen mehr über die Psychologie ihrer Kunden als diese selbst und können deshalb bei ihnen ein maximales Suchtpotential entwickeln. Das gilt übrigens auch für die älteren Generationen, sie sind genauso «Opfer» der digitalen Revolution wie die Jungen. Dessen sollte sich auch die Früher-war-alles-besser-Fraktion bewusst sein.

Ausserdem ist es ja nicht annähernd so, dass die Jungen alleine für das ziemlich schlechte Pisa-Resultat verantwortlich wären, denn der Spracherwerb erfolgt zu einem grossen Teil im Elternhaus. Und das Elternhaus hätte auch beim Lesen eine Vorbildfunktion ... Wie sollen sich die Jungen aber einen angemessenen Wortschatz und ein hoch entwickeltes Textverständnis aneignen, wenn nicht zu Hause und beim Lesen?

Wie lösen wir das Problem?

Wir können natürlich simplen Reflexen folgen und die gesamte Schuld für diese fatale Entwicklung den Jungen, den Ausländern, den Schulen, den Lehrern oder wem auch immer geben. Nur wird das nichts bringen. Auch die Lösung des Problems können wir nicht einfach an irgendwelche Personen oder Institutionen delegieren. Denn wir haben es mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun. Und wie schon Friedrich Dürrenmatt schrieb: «Was alle angeht, können nur alle lösen.»

Es braucht also ein Umdenken in der Gesellschaft. Lesen und Verstehen müssen wieder den Stellenwert einnehmen, den sie in jeder Wissensgesellschaft als Selbstverständlichkeit haben müssten. Das geht nur, wenn das Lesen allgemein aufgewertet wird und wenn nicht mehr als Nerd oder komischer Kauz gilt, wer freiwillig «richtige» Bücher liest.

Ausserdem müssen die digitale Revolution, ihre Auswirkungen und der Umgang mit ihren Erzeugnissen massiv in einen modernen Lehrplan einfliessen; nicht nur in den technischen Fächern wie IKA (Information, Kommunikation und Administration), sondern auch im Sprachunterricht und in den gesellschaftlich relevanten Fächern. Vielleicht müsste man sogar alte Zöpfe abschneiden, um die nötigen Lektionen freizuschaufeln, ohne die Schüler zusätzlich zu belasten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich würde zum Schluss gerne schreiben, dass alles gut wird. Leider bin ich mir da nicht so sicher.

Wer ist Lehrer M.?

Lehrer M. ist eine Leihgabe des Kantons Bern. Ursprünglich wollte er während seines Bildungsurlaubs für uns Kaffee kochen und Texte korrigieren. Daraus wird aber nichts. Er soll für uns schreiben. Lehrer M. hat während seiner gut dreissigjährigen Lehrerlaufbahn sämtliche Stufen unterrichtet: 1. bis 9. Klasse Volksschule, KV, Berufsmatur und Gymnasium. Gemäss eigenen Angaben arbeitet er seit bald zwanzig Jahren an der besten Schule der Schweiz Welt. Als journalistisches Greenhorn soll er bei uns (vorerst) über das schreiben, was er am besten kennt: die Schule. Wenn du Fragen oder Anregungen hast oder möchtest, dass sich Lehrer M. eines bestimmten Themas annimmt, kannst du deinen Input an lehrer.m@watson.ch senden.

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