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Stephane Wettstein, Geschaeftsfuehrer Bombardier Schweiz vor der Abfahrt des Fernverkehrs-Doppelstockzugs FV-Dosto im Zuercher Hauptbahnhof am Mittwoch, 1. Mai 2019. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Stéphane Wettstein, Chef von Bombardier Schweiz, und sein Sorgenzug. Bild: KEYSTONE

Bombardier verbreitet beim FV-Dosto Zuversicht – und rät zur Fahrt im Unterdeck

Nach endlosen Negativschlagzeilen zum neuen Doppelstockzug geht Hersteller Bombardier in die Offensive und vermeldet «deutliche und messbare Fortschritte». Wann der FV-Dosto auf der SBB-«Paradestrecke» fahren wird, bleibt indes offen.



Eines wollte Stéphane Wettstein zu Beginn gleich einmal klarstellen: «Der FV-Dosto ist keine eierlegende Wollmilchsau, sondern ein innovativer Zug», sagte der Geschäftsführer von Bombardier Schweiz an einer Medienkonferenz in Zürich-Oerlikon. Offenbar hat Wettstein die Analyse von watson zu den Baustellen und Problemen bei den SBB gelesen.

Den springenden Punkt aber konnte er nicht in Abrede stellen: Die Bundesbahnen haben vom kanadischen Hersteller ein komplexes Gefährt verlangt: Einen zweistöckigen Neigezug mit Wank-Kompensation, der für verschiedenste Zwecke eingesetzt werden kann. Dabei haben SBB und Bombardier die Herausforderung wohl unterschätzt, denn der FV-Dosto wurde zum «Pannenzug».

Bombardier-Schweiz-Chef Stephane Wettstein an einer Medienkonferenz in Zuerich am Mittwoch, 6. November 2019.  (KEYSTONE/Walter Bieri)

Stéphane Wettstein an der Medienkonferenz vom Mittwoch. Bild: KEYSTONE

Die Auslieferung erfolgte mit vier Jahren Verspätung, und als es im letzten Dezember endlich so weit war, klappte kaum etwas wie gewünscht. Die Zuverlässigkeit liess zu wünschen übrig. Fahrgäste beschwerten sich über das heftige Schütteln im Oberdeck. Zugbegleiter klagten, sie seien nach der Fahrt mit dem Doppelstöcker «nudelfertig». Es gab Negativschlagzeilen ohne Ende.

«Der Zug ist sehr komplex, weil er verschiedene Ansprüche erfüllen muss. Es ist ein Unterschied, ob ein Zug im nationalen oder auch im internationalen Verkehr fahren soll, und ob er als Interregio oder Intercity eingesetzt wird. Ein Beispiel sind die Türen. Von Zürich nach Bern fährt man direkt, aber zwischen Zürich und St.Gallen hält er in Oerlikon, Flughafen, Winterthur, Wil, Flawil, Uzwil und Gossau. Man muss jedes Mal die Türen öffnen und schliessen. Der Zug hat diese Anforderungen nicht immer erfüllt, aber jetzt tut er es.»

Stéphane Wettstein

So lautete die zentrale Botschaft der Medienkonferenz vom Mittwoch: Zuverlässigkeit und Fahrkomfort des FV-Dosto hätten sich markant verbessert. Dank einer neuen Software habe man die Schwingungen in den Oberdecks um 75 Prozent reduzieren können. Um den gleichen Prozentwert seien die technischen Störungsursachen seit der Einführung eliminiert worden.

«Bei beiden Messgrössen gibt es einen positiven Trend», sagte Wettstein. Der Fahrkomfort sei heute «mindestens gleich gut, wenn nicht sogar besser» als bei den bewährten Intercity-Doppelstockzügen IC 2000. Auch die Pünktlichkeit – derzeit ein grosses Problem der SBB – sei sehr hoch. Wettstein räumte aber auch ein, beide Partner hätten «Lehrgeld bezahlt».

Bombardier-Zug weiter unter Beschuss

Video: srf

«Zur Komplexität trägt bei, dass man stets neue Normen integrieren muss, etwa beim Brandschutz oder der Seitenwindstabilität. In der Regel machen sie die Züge schwerer, also muss man zusätzliche Massnahmen ergreifen, um sie wieder leichter zu machen, damit die gewünschten Energieeffizienzwerte erreicht werden. Es ist komplex, aber beherrschbar. Bombardier und die SBB haben Lehrgeld bezahlt, deshalb ist es umso wichtiger, dass man es auch am besten nutzt.»

Stéphane Wettstein

Zeitweise war das Verhältnis arg gestört. SBB-Chef Andreas Meyer äusserte harte Kritik am kanadischen Hersteller. Die grosse Liebe besteht wohl auch heute noch nicht. «Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen professionell zusammen», sagte Stéphane Wettstein im Gespräch mit watson. Die SBB wiederum äusserten sich gegenüber der Nachrichtenagentur SDA zurückhaltend zu den Fortschritten beim FV-Dosto.

Bisher hat Bombardier 25 Züge ausgeliefert, aber nur die Hälfte befindet sich im fahrplanmässigen Einsatz. Der Rest wird zu Test- und Schulungszwecken verwendet. Bis Mitte 2021 soll die gesamte Flotte von 62 Zügen zur Verfügung stehen. Nimmt man die Ausführungen vom Mittwoch zum Nennwert, werden die SBB dann ein gelungenes und innovatives Produkt einsetzen können.

Dabei steht noch immer nicht fest, wann der FV-Dosto auf der «Paradestrecke» von St.Gallen nach Genf fahren wird. Bisher ist er auf Nebenlinien unterwegs. Gemäss der NZZ ist dies frühestens in einem Jahr der Fall, denn die Zuverlässigkeit konnte laut Bombardier mit 6914 Kilometern ohne Störung deutlich gesteigert werden. Sie liegt aber immer noch unter den Anforderungen der SBB.

Der neue Intercity der SBB ist da

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400 Meter lang, 1300 Passagiere, 4 Jahre Verspätung: Der neue Intercity der SBB ist da
quelle: keystone / anthony anex
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«Ich will keine Fahrplanplanung für die SBB machen. Ich glaube, dass wir bis zum nächsten Frühjahr die geforderte Zuverlässigkeit von 8000 Kilometer störungsfreiem Betrieb stabil erfüllen werden. Was danach geschieht und ob man den FV-Dosto dann einsetzen will, kann ich nicht beurteilen.»

Stéphane Wettstein

Noch sind also nicht alle Probleme beseitigt. Hängig ist etwa der Rechtsstreit mit den Behindertenorganisationen, der sich vorab um die aus ihrer Sicht zu steile Ein- und Ausstiegsrampe dreht. Um die Kritik am «Schüttelzug» zu kontern, hat Bombardier zudem eine Website aufgeschaltet, die über die Fortschritte beim Dosto informieren soll.

Für skeptische Fahrgäste hat Stéphane Wettstein zudem einen simplen Tipp: «Nutzen Sie das Unterdeck, es ist in allen Geschwindigkeitsbereichen stabiler.» Darauf hätte man selber kommen können.

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