Schweiz
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Der «Ratgeber»-Brief über den Sozial-Schmarotzer Enver ist echt – behaupten die Zehnder-Medien. Belegen wollen sie es aber nicht 

Im Brief einer angeblich albanischen Mutter an den «Ratgeber» der «Neuen Oberaargauer Zeitung» wird jedes Stammtisch-Vorurteil wahr. Die Antwort des «Ratgebers» strotzt vor Fremdenfeindlichkeit. Eine einzige Inszenierung? Der Verleger bleibt die Antwort schuldig.

Felix Burch, Benjamin Rosch


Der arbeitslose Enver hat irgendetwas ausgefressen. Jetzt bekommt der junge Vater die Sozialhilfe gekürzt, von der er seit zwei Jahren ganz selbstverständlich lebt. Die Mutter wehrt sich für den Sohn. In gebrochenem Deutsch und so, dass selbst tolerante Zeitgenossen sich von derartigem Schmarotzertum abgestossen fühlen müssen. Der «Ratgeber» der Neuen Oberaargauer Zeitung antwortet unter anderem so (watson berichtete):

«Enver mag vielleicht für dich Gottes Geschenk an die Mütter dieser Welt sein, für die Schweizer Justiz ist er seit Jahren unablässige Ursache ständigen Ärgers. Nein, kein Grosskrimineller, dazu fehlt es an Esprit und Intellekt, eher der Typ erbarmungswürdiger Eierdieb. Dort ein Kioskeinbruch, da ein zum persönlichen Gebrauch entwendetes Fahrrad oder Töffli.»

Gauner 2

Der «Ratgeber»-Bericht, der am 26. August in mehreren Gratiswochenzeitungen der Zehnder-Gruppe publiziert wurde.

Der Text wurde in mehreren Gratiswochenzeitungen der Zehnder-Gruppe publiziert und unter die Leser gebracht. Das sind nicht wenige:  Die Leserschaft beträgt laut dem Unternehmen insgesamt über 750'000. 

Zehnder liefert keinen Brief sondern Drohungen

Nach dem Bericht meldeten sich mehrere Kenner der Zehnder-Gruppe bei watson. Sie behaupten unabhängig voneinander, zahlreiche der Artikel unter dem Pseudonym «Ratgeber» seien frei erfunden. Ein ehemaliger Mitarbeiter (Name der Redaktion bekannt) erklärt schriftlich, dies sei ein offenes Geheimnis. 

Ist es denn so schlimm, wenn ein Ratgeber die Fragen erfindet oder einer fiktiven Person zuschreibt, wenn er dadurch zielgerichtet Antworten und einen Leserservice an ein breiteres Publikum liefern kann?

Was vielleicht bei medizinischen Rat- oder Tippgebern (mit grösstem Wohlwollen und im Sinne des Lesernutzens), journalistisch ganz knapp entschuldbar wäre, würde bei einer fiktiven Frage, die vor allem rassistische Vorurteile bedient und eine entsprechende Antwort provoziert, nichts anderes als das bösartige Verfassen und Verbreiten einer rassistischen Hetzschrift bedeuten. 

«Sollten die Vorwürfe stimmen, dass die Einsendungen selbst geschrieben worden sind, ginge das nicht. Das ist Betrug am Leser.»

Dominique von Burg, Präsident des Schweizer Presserats 

Dominique von Burg, Präsident des Schweizer Presserats, sagt: «Sollten die Vorwürfe stimmen, dass die Einsendungen selbst geschrieben worden sind, ginge das nicht. Das ist Betrug am Leser.» Die Frage lautet also ganz einfach: Ist der Brief von Envers Mutter echt?

Eine einfache Frage. Aber die Antwort scheint kompliziert zu sein. Andreas Zehnder, der Leiter der Gruppe, will gar nicht darauf eingehen. Auch nach mehrfachen Anfragen von watson nicht. Er möchte nicht einmal sagen, wer den «Ratgeber»-Artikel geschrieben hat. Ein «Original» des Briefes hat er jedenfalls, fünf Tage nach der ersten Anfrage, nicht vorgewiesen. Der watson-Chef solle nach Wil kommen, um sich davon zu überzeugen, dass das Ganze kein Fake sei. Gegenüber dem Redaktor droht Zehnder, er werde gerichtlich gegen watson vorgehen, falls behauptet werde, mehrere «Ratgeber»-Artikel seien erfunden. 

Das behauptet watson ausdrücklich nicht. Denn solange nichts bewiesen ist, gilt die Unschuldsvermutung. Wie in allen Fällen.

Der «Hofschreiber» namens Charly Pichler

Ganz wohl scheint es aber den Verantwortlichen in der Zehnder-Gruppe nicht zu sein. Der Artikel wurde vom Netz genommen, ist online nicht mehr auffindbar. 

Die Zehnder-Gruppe fällt nicht das erste Mal auf im Zusammenhang mit dem Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit und der Behauptung, bewusst erfundene Geschichten zu verbreiten: Charly Pichler, journalistisches Faktotum der Zehnder-Gruppe, der auch schon der verlängerte journalistische Arm der Verlegerfamilie genannt wurde, ist für seine aggressive Schreibe bekannt. Die Frage, ob er der Verfasser des Enver-Briefs ist, wird nicht beantwortet. Aber Pichler soll laut verschiedenen Quellen neben seiner Kolumne «Post von Pic» auch schon als Autor von «Ratgeber»-Artikeln aufgetreten sein. 

Die Wahrheit ist für Pichler offenbar ein dehnbarer Begriff. 2010 sorgte der Österreicher mit seiner Berichterstattung über Sekten für Aufsehen. Diese versuchten angeblich, am Bahnhof in Winterthur Mitglieder anzuwerben. Wenige Tage später erschien die gleiche Geschichte in den «Züri Nachrichten». Titel und Text blieben gleich, nur der Schauplatz wechselte immer wieder. Insgesamt wurde die exakt selbe Sekten-Story in vier verschiedenen Regional-Titeln der Zehnder-Gruppe verwurstet.

Charly Pichler

Screenshot eines Interviews mit Charly Pichler auf der Homepage der Kreuzlinger Nachrichten, die ebenfalls zur Zehnder-Gruppe gehören.

Teilweise Verurteilung durch den Presserat 

Hohe Wellen schlug eine Pichler-Geschichte über einen angeblichen Asylsuchenden «Mechmed Z.». Dieser kassierte den Angaben Pichlers zufolge monatlich 6180 Franken vom Kanton Thurgau. Mit seiner Story führte er vor allem seine Brüder im Geiste aufs Glatteis. Die «Weltwoche» nahm Pichlers Geschichte auf und publizierte den «eklatanten Fall von Sozialmissbrauch». Roland Eberle von der SVP und damaliger Thurgauer Sozialvorsteher, wandte sich an das Selbstkontrollorgan der Schweizer Presse; weil Pichlers Geschichte über «Mechmed Z.» Stimmung gegen Asylbewerber mache. 

Charly Pichler

«Doktor Eros», «Ratgeber» und «Post von Pic»: Diese Seite erschien am 13. September 2012 in diversen Gratiswochenzeitungen der Zehnder-Gruppe.   bild: screenshot

Der Presserat war derselben Meinung und rügte Pichler. Ob Charly Pichler die Figur des ausländischen Sozialhilfebezügers frei erfunden habe, bleibe offen. Aber es bestünden erhebliche Zweifel an der Geschichte; nicht zuletzt, weil sich Pichler im Laufe des Beschwerdeverfahrens nicht bereit gezeigt habe, seine Quellen offen zu legen. Der Presserat kritisierte, dass Pichler es unterlassen habe, die Behörden zu Wort kommen zu lassen. Zudem würden durch die suggestiven Schilderung des Falls Vorurteile gegenüber Menschen aus dem Balkan hervorgerufen.  

In Konflikt mit dem Anti-Rassismus-Gesetz

Im Jahr 2000 geriet Pichler wegen eines Artikels in den «Bündner Nachrichten» in den Fokus der Strafverfolgungsbehörden. Die Geschichte mit dem Titel «Wir haben kein Ausländer-Problem, wir haben ein Jugo-Problem» landete wegen Verdachts auf Verstoss gegen die Antirassismus-Strafnorm bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden. Pichler schrieb «von einer unseligen Gruppierung von Ex-Jugoslawen, die hier ihren Terror ausüben.» Gewalt sei ihr Lebenselixier, Prügel ihre Befreiung, Provokation ihre Freude und Hass auf alles Schweizerische ihr Antrieb. 

Diese Zeilen erschienen, wie im aktuellen Fall, in mehreren Zeitungen der Zehnder-Gruppe. Zudem publizierte die rechtslastige «Schweizerzeit» Pichlers Artikel. 

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21 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
ovatta
01.09.2015 09:39registriert December 2014
Die Käseblätter sind doch reine Papierverschwendung!
Kann man den Spam eigentlich irgendwie abstellen?
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Lezzelentius
01.09.2015 09:35registriert May 2014
Kann doch nicht sein, dass die damit durchkommen?!
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M. Sig
01.09.2015 11:36registriert March 2015
Haarsträubend, dass man offenbar jahrelang einfach schreiben kann was man will - Wahrheit (und Gesetz) hin oder her. Und das bei einer solchen Auflage. Kritisches Denken als Leser ist wohl das einzige Gegenmittel.
Danke watson, bleibt dran.
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