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bild: keystone / shutterstock / bearbeitung: watson

Was ich wirklich denke

Ein Busfahrer erzählt, warum wir Passagiere ihm (meistens) auf den Sack gehen



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke» haben wir uns schamlos beim «Guardian»-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Mein Name ist Luis und ich bin Busfahrer in Zürich. Zürich ist kein einfaches Pflaster, um Busfahrer zu sein.

Und ich rede hier nicht mal unbedingt von den Verkehrsbedingungen, die mich täglich aufs Neue herausfordern. Ich spreche nicht von den Velofahrern, die bei Rot über die Kreuzung fahren und mich dazu zwingen, eine Notbremsung mit meinem 18 Meter langen und 20 Tonnen schweren Monstrum vorzunehmen – um mir zum Dank, dass ich sie nicht überfahren habe, den Vogel zu zeigen. Ich meine auch nicht all die Paketboten, die ihre Karren auf meiner Spur abstellen. Ich rede nicht mal von den Baustellen ausserhalb der Stadt, über die ich nicht informiert wurde und darum mitten in der Nacht vor einer aufgebrochenen Strasse stehe. Ich meine nicht mal all die Stinkefinger, «Scheibenwischer» und «A****loch»s, die mir Autofahrer täglich zeigen und zurufen.

Was mich wirklich stresst, sind all die hässigen, unfreundlichen, eigenbrötlerischen Passagiere, die ich täglich von A nach B befördern darf.

Die Fahrgäste, die sich keinen Millimeter bewegen, wenn jemand versucht, einen Kinderwagen durch die Massen in eine Ecke zu stellen. Die keinen Wank machen, wenn eine ältere Person einsteigt. Die mit ihren «Böxli» so laut «Musik» hören, dass sie damit ausnahmslos allen auf den Sack gehen. Die nicht mal helfen, die Rampe vor der Türe auszuklappen, wenn jemand im Rollstuhl davor wartet. Die nicht mal Danke sagen, wenn ich extra nochmal die vorderste Türe öffne, wenn sie angerannt kommen.

«Das mit der Türe und den leuchtenden Lämpchen, das ist so eine Sache ...»

Danke sagen, das wär's ja noch! Sie schauen mir ja nicht mal in die Augen. Obwohl, doch! Es gibt eine Situation, da schauen sie mich ganz genau an: Wenn sie draussen stehen und 20 Mal den Knopf drücken, damit sich die Tür öffnet – und sie trotzdem geschlossen bleibt.

Liebe User, ich muss euch jetzt etwas sagen, und bitte erzählt es auch all euren Freunden weiter: Wenn die Türe zu ist und der Bus (oder auch das Tram) blinkt, dann war's das. Dann hat der Fahrer einen Knopf bei sich gedrückt, der verhindert, dass die Türe wieder aufgeht. Das System ist dann auf «Abfahrt» eingestellt und die Türen sozusagen verriegelt. Auch wenn der Bus in diesem Zustand noch 5 Sekunden steht, die Türen werden nicht wieder aufgehen.

Da könnt ihr noch so oft drücken und mich als «H****sohn» beschimpfen, wie ihr wollt. Sie wird sich auch nicht öffnen, wenn ihr an meine Scheibe hämmert oder auf den Bus schlagt.

Aber ist doch auch nicht so schlimm, weil: In wenigen Minuten kommt ja schon der nächste Bus! Falls das zu spät sein sollte, dann seid das nächste Mal doch einfach mal genauso pünktlich, wie ihr es auch von mir erwartet.

«Ich habe wirklich das Gefühl, dass einige Leute denken, dass ich EXTRA zu spät komme.»

Ich meine, ich verstehe es ja, wir alle haben unglaublich viele wichtige Dinge zu tun und unglaublich wenig Zeit. Aber bitte, Leute, wenn ich angefahren komme und das Erste, was ich sehe, ein Typ im Schlips ist, der seinen Ärmel hochkrempelt und demonstrativ auf seine Uhr blickt, dann «schiisst mich das au ah».

Ich weiss, dass ich 30 Sekunden zu spät bin. Ich sehe die minus 30 Sekunden in meinem Bildschirm vor mir. Aber hey, ES SIND 30 SEKUNDEN. Ich mach' das doch nicht extra. Ich stehe nicht extra etwas länger an einer Ampel, damit Sie, Herr Schlipsträger, 30 Sekunden zu spät zu Ihrem Meeting kommen. Ich habe schliesslich auch einen Zeitplan, den ich einhalten muss.

Dass ich überhaupt zu spät bin, liegt meistens sowieso daran, dass genau der Herr Schlipsträger dann nicht neben die Türe stehen kann, bis alle anderen Fahrgäste ausgestiegen sind, sondern sich schön vor die Tür stellt, damit auch jeder, der aussteigen will, an ihm vorbeitanzen muss. Wenn der Herr Schlipsträger dann drin ist, kannst du aber ganz sicher sein, dass er sich so nah wie möglich an die Tür stellt und sie sich nicht mehr schliessen lässt.

Das sind dann die Momente, in denen ich liebend gern in mein Mikrofon spreche: «Der Herr im schönen Anzug, bitte von der Türe zurücktreten, dann geht sie auch zu und wir können alle weiterfahren.»

Zugegeben: Wenn sich dann alle zu dieser einen Person umdrehen und ihn verurteilend anschauen, denke ich mir schon: «Da häschäs!».

«Die schlimmsten Fahrgäste? Fussballfans.»

Die für mich schlimmsten Fahrgäste sind und bleiben aber die Fussballfans in den Extrabussen. Diese muss man nicht fahren, wenn man nicht will – aber ich finde, auch solche Fahrten gehören zu meinem Job. Zum Schutz des Fahrers bleibt die vorderste Türe zu und es befindet sich ein Gitter zwischen Fahrerkabine und Passagieren.

Aus gutem Grund: Nach so einer Fahrt kannst du den Bus eigentlich auf gut Deutsch «chüblä». Wieso man jedes Mal – und ich bin diese Einsätze schon öfters gefahren – alles komplett auseinandernehmen muss, ist und bleibt mir ein Rätsel. Es ist mir auch ein Rätsel, wieso man solche Fans überhaupt noch befördert. Zum Dank, dass ich euch zum Spiel fahre, schlagt ihr mir die Scheiben ein und reisst mir die Sitze raus? Okay, danke vielmal! Eure Eltern sind bestimmt sehr stolz auf euch.

Neben den regulären Linien und Extrafahrten habe ich auch ab und zu die Nachtschicht. Und was ich im Nachtbus schon alles gesehen habe! Mann, Mann, Mann.

Ich musste schon durch den ganzen Bus «LEUTE, BITTE» rufen, als bei einem Pärchen nicht mehr viel gefehlt hat, bis sie den anderen Passagieren gezeigt hätten, wie die menschliche Fortpflanzung funktioniert. Es gibt auch immer wieder Pöbeleien, die ich aber bislang immer ohne polizeiliche Unterstützung lösen konnte.

«Wenn ihr schon kotzen müsst, dann bitte auf den Boden und nicht auf die Sitze.»

Und dann, ja, halt die üblichen Kotzunfälle nach dem Ausgang. Wer kennt es nicht? Eine Kurve zu viel und zack, ist der Döner von vor 15 Minuten wieder da. Aber das finde ich eigentlich gar nicht so schlimm, solange ihr euch einfach auf den Boden übergebt. Unsere Putzequipe hat so ein Zaubermittel, welches die Kotze direkt trocknet, dann kann man die einfach rausfegen. Das Mittel riecht übrigens sehr, sehr gut! Übergebt euch aber bitte trotzdem lieber draussen.

Die meisten Fahrten mit dem Nachtbus sind aber eigentlich immer sehr ruhig. Die Passagiere schlummern friedlich und betrunken in ihren Sitzen. Ich bin dann so quasi ein Bett auf sechs Rädern.

Das sind dann die entspannten, schönen Momente meines Berufs. Von denen gibt es viele! Wenn mir ein Vater bei der nächsten Fahrt zum Beispiel erzählt, dass sein Bub tagelang von nichts anderem mehr reden konnte als von dem einen Mal, als ich ihn an der Endhaltestelle auf meinem Fahrersitz hab' Platz nehmen lassen. Oder wenn Obdachlose regelmässig mehrere Runden mitfahren, um sich mit mir über Gott und die Welt zu unterhalten. Oder als ich kurz meine Fahrerkabine verliess, um nachher ein Weihnachtskärtchen mit selbstgemachten Guetsli auf meinem Sitz zu finden:

«Danke, lieber Busfahrer, dass Sie so einen guten Job machen!»

Das sind Momente, die mir wirklich Freude machen.

Ich muss auch oft schmunzeln, wenn ich meinen Bus in die Garage fahre und zum Abschluss nochmals nachschaue, was alles liegengeblieben ist. Neben all den üblichen Dingen wie Handys, Laptops, Schirmen, Pullovern und Portemonnaies habe ich schon Folgendes gefunden:

Also ein echtes, kleines Schweinchen. Das war schon sehr absurd. Wer vergisst denn sein Schweinchen im Bus?

Auch während den Fahrten kommen immer wieder Passagiere zu mir nach vorne, um Handys und Portemonnaies abzugeben. Dann bin ich ehrlich überrascht und erfreut über die Ehrlichkeit unserer Stadt. Und das ist es doch, worum es geht: dass wir alle generell wieder etwas aufmerksamer werden und unsere Umwelt und vor allem unsere Mitmenschen wieder bewusst wahrnehmen.

Vielleicht sollte ich uns alle mal wieder daran erinnern, indem ich folgende Durchsage mache:

«Grüezi mitenand, dörf ich Sie bitte, dass sie hüt mal eifach chli nett zunenand sind und ufenand lueged? Das wär flott. Danke vielmal und en schöne Tag.»

PS: Ja, es gibt Busfahrer, die nicht grüssen, wenn sie einen anderen Busfahrer auf der Strasse kreuzen. Aber das sind meistens sowieso Hoschis.

(Aufgezeichnet von watson)

Spielregeln:

Kommentare sind wie immer sehr erwünscht. Kommentare, welche die Identität des Protagonisten zu entlarven versuchen, werden allerdings nicht freigeschaltet.

Hach ja, die lieben öffentlichen Verkehrsmittel!

8 Dinge, die jeden Schweizer aus der Fassung bringen:

Video: watson/Emily Engkent

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