Schweiz
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epa08417813 A member staff of the Transports publics genevois, TPG, (Geneva Public Transport), distributes protective face masks as a preventive mesure against the spread the coronavirus COVID-19 to passengers, in Geneva, Switzerland, 12 May 2020.  In Switzerland since 11 May, the Swiss authorities lifted second part of the lockdown. Classroom teaching at primary and lower secondary schools will again be permitted. Shops, markets, museums, libraries and restaurants reopen under strict compliance with precautionary measures as a precaution against the spread of the coronavirus COVID-19.  EPA/SALVATORE DI NOLFI

Eine Mitarbeiterin der Genfer Verkehrsbetriebe verteilt Masken. Ob sie getragen werden, ist eine andere Frage. Bild: EPA

Kommentar

Wir finden Masken gut und tragen sie nicht – dem Virus ist das egal

Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung ist laut einer Umfrage für eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Aber mit gutem Beispiel geht kaum jemand voran. Wie wollen wir so eine zweite Welle verhindern?



Corona? War da was? So lautete die Frage vor zehn Tagen, als ich das «gefährliche Gefühl von Normalität» vor der grossen Lockerung am letzten Montag beschrieb. Was kann man nach der ersten Woche sagen? Das Fazit fällt durchzogen aus. Einzelne Geschäfte (vor allem Möbelhäuser und Kleiderläden) freuen sich über gute Umsätze. Die Gastronomie aber wird noch einige Zeit hartes Brot essen.

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Grund zur Besorgnis geben zwei Dinge: So wird das Versammlungsverbot immer «grosszügiger» interpretiert. Das betrifft weniger die Demos der Corona-«Rebellen» als die zunehmende Lust auf Party unter freiem Himmel, ob in der Steinenvorstadt in Basel oder auf dem Bullingerplatz in Zürich. Und je wärmer es wird, umso mehr wird sich dieses Problem verschärfen.

Video: watson/Emily Engkent

Noch heikler ist ein anderer Aspekt: Zumindest in der Deutschschweiz hält sich die Bereitschaft zum Tragen einer Schutzmaske in engen Grenzen. Dabei befürworten in der aktuellen Tamedia-Umfrage nicht weniger als 68 Prozent eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. In der Realität hält sich kaum jemand daran, wie man in Tram, Bus und Zug selber feststellen kann.

Woran liegt das? Nutzen nur Maskenverächter den öV? Die Antwort lässt sich auf einen Begriff reduzieren, der gerade trendet: Präventionsparadox. Er besagt vereinfacht gesagt: Weil wir so vorsichtig waren, fand die Katastrophe nicht statt. Und weil sie nicht stattfand, fragen wir uns, ob wir so vorsichtig sein mussten. So weit, so paradox und unlogisch, aber irgendwie menschlich.

Die Sinnfrage wird auch in den Medien gestellt, und das nicht nur von «Irrläufern» wie Roger Köppel. «War das wirklich nötig?» schrieb unsere Schwesterpublikation «Schweiz am Wochenende» auf der Frontseite. Die simple Antwort lautet: Ja! Der Lockdown am 16. März war nötig, selbst wenn die Reproduktionszahl schon im Vorfeld unter die kritische Marke von 1 gefallen war.

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Klare Ansage während der Spanischen Grippe 1918 in Kalifornien. bild: national archives

Über den Sinn einzelner Massnahmen – vor allem die Schliessung der Schulen – kann man streiten. Aber erst mit der «Notbremse» des Bundesrats wurde der Bevölkerung klar, wie ernst die Lage ist. Genauso richtig ist nun die Lockerung, nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. Für viele kommt sie laut der Tamedia-Umfrage zu früh, aber wir können nicht ewig in Angst erstarrt leben.

Zugpersonal für Obligatorium

Die rückläufige Zahl der Infektionen gibt dem Bundesrat auch in diesem Punkt recht. Damit es so bleibt, müssen wir uns weiterhin diszipliniert verhalten. Beim Gesichtsschutz ist dies überhaupt nicht der Fall, zum Ärger des Zugpersonals. Es wünscht sich laut der «NZZ am Sonntag», dass die blosse Empfehlung zum Maskentragen verschärft wird, und zwar in ein generelles Obligatorium.

Mit dem «Lappen» vor der Visage schützen wir weniger uns selbst als unsere Mitmenschen. Es handelt sich also um einen Akt der Solidarität. Warum tun wir uns trotzdem schwer damit? Ein Aspekt ist unsere Kultur, in der die Mimik eine wichtige Rolle spielt. Und ja, das Tragen der Maske ist mühsam. Man muss sie vorsichtig handhaben, das Atmen fällt schwer, die Brille beschlägt.

Kochs fatale Kommunikation

Wichtiger aber ist ein anderer Punkt: Jetzt rächt es sich, dass Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) zu Beginn der Pandemie die Bedeutung des Mundschutzes heruntergespielt hat. Der Nutzen des Maskentragens in der Öffentlichkeit sei «wissenschaftlich nicht erwiesen», sagte «Mr. Corona» bei seinen Auftritten vor den Medien wiederholt. Das ist hängen geblieben.

Koch hat es sicher gut gemeint. Er wollte eine Panik vermeiden zu einem Zeitpunkt, als der Markt für Schutzmaterial leer gefegt war. Handwerker oder Hühnerzüchter, die eine Maske aus beruflichen Gründen brauchen, klagten, dass sie keine mehr finden konnten. Es gab sogar einzelne Berichte über Maskenklau in Spitälern – die Furcht vor Panik war also nicht unbegründet.

DE und AT machen es vor

Doch «gut gemeint» und «gut» sind häufig Gegensätze. So auch in diesem Fall. Denn heute ist die Versorgung mit Masken weitgehend sichergestellt – ihre Qualität ist ein Thema für sich –, doch wegen Kochs mantraartigen Beteuerungen, sie würden wenig bringen, tun sich der Bund und die öffentlichen Verkehrsbetriebe nun schwer mit der Einführung eines Obligatoriums.

Wie es geht, zeigen Deutschland und Österreich. In beiden Ländern gilt eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. In Österreich ist dies seit Ende März der Fall, dort ist die Maske auch in öffentlich zugänglichen Geschäften obligatorisch. Geschadet hat es auf jeden Fall nicht. Obwohl die Regierung ein forsches Öffnungstempo anschlägt, bleiben die Fallzahlen tief.

Shitstorm gegen Kurz

Die Kehrseite bekam Bundeskanzler Sebastian Kurz letzte Woche bei einem Besuch im Kleinwalsertal im Vorarlberg zu spüren. Es ist auf dem Landweg nur via Deutschland erreichbar und war deshalb wochenlang isoliert. Bei seiner «Solidaritätsvisite» trug Kurz keine Maske, und auch das Abstandhalten war den Leuten trotz seinen Ermahnungen ziemlich egal.

Dafür kassierte der Kanzler einen mächtigen Shitstorm, motiviert sicher auch durch eine gewisse Schadenfreude darüber, dass der bislang in der Coronakrise so trittsichere Jungstar vom geraden Weg abgekommen ist. Die heftigen Reaktionen zeigen aber auch, dass die Österreicher für das Thema sensibilisiert sind. Wenn Alain Berset ohne Maske auftritt, interessiert dies keine Sau.

Vielleicht haben wir weiterhin Glück. Unsere Sorglosigkeit könnte uns aber direkt in die gefürchtete zweite Welle führen. Dann heisst es wohl bye-bye, Ferien am Meer, und hello again im Lockdown, zumindest in gewissen Regionen. Gesichtsmasken sind kein Wundermittel, aber auch nicht nutzlos. Und dem Coronavirus ist unser «gefährliches Gefühl von Normalität» egal.

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