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Interview

«Grosskonzerte sind 2020 eine Illusion»

Ein Entscheid mit Signalwirkung: Veranstalter-Legende André Béchir über das Chaos bei den Festivals, Konzerten und Open Airs sowie zum Schweigen des Bundesrats.

Stefan Künzli / CH Media



Die Temperaturen steigen, der Sommer steht vor der Tür. Doch nach wie vor herrscht Unklarheit über die anstehenden Open Airs, die Sommerfestivals, die Konzerte und andere Grossveranstaltungen.

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Der Bundesrat vertröstet weiter und hat sich zu den anstehenden Grossveranstaltungen, den Open Airs und Sommerfestivals ab dem 8. Juni noch nicht geäussert. Es fehlt ein Fahrplan, eine Öffnungsstrategie oder ein klares Verbot. Dementsprechend gross ist die Verunsicherung in der Veranstalter-Branche.

Konzertveranstalter Andre Bechir beantwortet Fragen zum Konzert der Rockband AC/DC im Zuercher Letzigrund am Donnerstag, 4. Juni 2015. Das ausverkaufte Konzert im Letzigrund findet am Freitagabend statt. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Er bucht die Grossen: Konzertveranstalter André Béchir. Bild: KEYSTONE

Der Bundesrat schweigt weiter zu den Grossveranstaltungen. Worauf wartet er?
André Béchier:
Der Bundesrat hat offenbar noch keinen Konsens gefunden. Er hat viele Meinungen, aber noch keine konkreten Antworten. Es ist ein schwieriger Entscheid, mit zu vielen Konsequenzen. Es geht ja nicht nur um die musikalischen Grossveranstaltungen. Der Sport ist auch hart betroffen, doch deren Verbände haben andere Ansprüche. Ich habe Verständnis für den Bundesrat. Es ist sehr schwierig, einen tragfähigen Entscheid für alle Grossveranstaltungen zu fällen, der alle zufrieden stellt. Ich persönlich würde mir eine klare Ansage des Bundesrats wünschen, auch wenn diese unpopulär ausfällt.

Ist es überhaupt noch realistisch, dass Konzerte in diesem Jahr stattfinden?
Aus meiner Sicht nicht. Grosskonzerte 2020 sind eine Illusion, kleine Konzerte eventuell. Die Gesundheit geht vor. Wir verschieben deshalb alle Konzerte wenn möglich ins neue Jahr. Es ist alles viel zu unsicher und wir haben keine Planungssicherheit. Auch wenn gelockert würde, wissen wir nicht, ob die Besucher überhaupt kommen. Noch wissen wir nicht, wie die Vorgaben des Bundesrates punkto Hygiene und Abstand sein werden. Dazu ist ungewiss, ob die Grenzen überhaupt offen sind und die Künstler einreisen können. Das ist alles eine grosse Blackbox. Deshalb planen wir langfristig. 2021 sehen wir als einzige Möglichkeit. Diese Ansicht teilen Agenten und Musiker voll und ganz.

Wieso haben Sie die Verschiebungen oder Absagen noch nicht kommuniziert?
Logistisch ist eine solche Verschiebung unglaublich komplex. Alles muss zusammenpassen. Es ist ein internationales Geschäft. Ich kann Ihnen sagen, es ist eine Sisyphus-Arbeit, bei der Tausende von Involvierten daran sind, die Neuplanung der Tourneen auszuarbeiten. Die Konzerte stehen noch auf unserer Homepage, weil wir unseren Kunden zeitgleich mit der Absage das Verschiebedatum bekannt geben möchten.

Verkaufen Sie jetzt überhaupt noch Tickets?
Nein, es läuft nichts. Wir verkaufen vielleicht noch 150 Tickets pro Woche und machen auf Grund der unsicheren Lage im Moment auch keine Werbung.

Fühlen Sie sich vom Bundesrat im Stich gelassen?
Der Bundesrat macht einen guten Job. Es ist schade, dass wir nie um unsere Einschätzung und Meinung gefragt werden. Unser Geschäft hat viel längere Vorlaufzeit als das Sportbusiness und ist international verknüpft. Wir respektive unser Branchenverband die SMPA könnten dem Bundesrat unsere Parameter und Inputs geben. Den Beschluss muss aber der Bundesrat fällen. Wir könnten in Bern bei der entsprechenden Fachstelle erklären, wie unser Geschäft funktioniert.

Hat es auch versicherungstechnische Gründe, dass sie die Konzerte offiziell noch nicht abgesagt haben?
Nein, bei uns in diesem Fall absolut nicht. Es sind rein planerische Gründe.

«Ich denke, dass es in diesem übersättigten Konzert- und Festivalmarkt nun eine Bereinigung geben wird.»

Aber wer bezahlt dann die entstandenen Kosten?
Wir sind nicht versichert. Eine Pandemie ist kein Versicherungsfall. Die Konzerte, die wegen des Coronavirus abgesagt werden müssen, fallen unter «Höhere Gewalt», der Künstler kann nicht einreisen, die Hallen bleiben geschlossen, somit wird den Künstlern keine Gage bezahlt. Die Kosten der Werbung, unsere Infrastruktur-Kosten wie Büromiete, IT, Lohnanteile bleiben dagegen bei uns liegen. Wir hoffen, dass wir bei der Ausfallentschädigung des Bundes auf offene Ohren stossen.

Haben Sie in der Branche schon eine solche Krise erlebt?
Nein, ich konnte mir so etwas auch nie vorstellen. Ich denke, dass es in diesem übersättigten Konzert- und Festivalmarkt nun eine Bereinigung geben wird. Denn die Ausfälle sind natürlich enorm und es herrscht ein Überangebot. Ich hoffe, dass es nicht die Veranstalter der Kleinkunst und Schweizer Künstler trifft.

Wird ihre Firma «abc productions» die Krise überleben?
Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir Reserven gebildet haben und einem grossen Veranstalter angeschlossen sind. Die Situation trifft uns sehr hart und massiv! Der Schaden geht aber bei uns, Gadget-abc Entertainment schon jetzt in die Millionen und wir werden diesen über viele Jahre spüren.

«Wir müssen uns bewusst sein, dass wir alle nicht wissen, wie das Leben nach der Coronakrise aussehen wird.»

Sie verschieben alles ins nächste Jahr. Die Termine werden besetzt. Haben neue Bands und Künstler in dieser Situation überhaupt eine Chance gebucht zu werden?
2021 wird ein sehr schwieriges Jahr mit vielen Unbekannten. Die Bands und Künstler müssen sich deshalb auch fragen, ob sie bei diesem Grossangebot überhaupt auf Tour gehen wollen. Tatsächlich haben wir noch sehr wenige Anfragen für 2021. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir alle nicht wissen, wie das Leben nach der Coronakrise aussehen wird. Wollen die Leute überhaupt an Konzerte? Haben sie nicht andere Bedürfnisse? Haben Sie überhaupt das Budget für Konzerte?

Aber wenn die Rolling Stones auf Tour gehen wollen oder Tina Turner ein Comeback will, werden Sie sie buchen?
Keine Frage, ja! Die Stones sind ein sicherer Wert. Bei Tina ist und bleibt es Wunschtraum.

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