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Wegen den vielen Verspätungen starten die SBB eine Pünktlichkeits-Offensive.
Wegen den vielen Verspätungen starten die SBB eine Pünktlichkeits-Offensive.
Bild: KEYSTONE
Interview

Paradigmenwechsel bei den SBB: «Wir geben Zeitgewinn nicht mehr sofort an Kunden weiter»

Mit einem Bündel an Massnahmen wollen die SBB die Pünktlichkeit verbessern. Toni Häne, Chef Personenverkehr, kündigt im Interview Live-Lautsprecherdurchsagen sowie einen Paradigmenwechsel an.
29.10.2019, 05:18
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Ob wegen technischen Störungen, Baustellen oder Lokführer-Engpässen: Bis 300'000 Bahnreisende kommen an schlechten SBB-Tagen im Schnitt zu spät zur Arbeit oder nach Hause. Dementsprechend gross ist der Ärger bei den Pendlern. Nun geben die SBB Gegensteuer und versuchen mit einem Bündel von Massnahmen, die Pünktlichkeit zu verbessern.

Toni Häne, Leiter SBB Personenverkehr, erläutert im watson-Interview die wichtigsten Punkte:

Toni Häne, Leiter Personenverkehr SBB.
Toni Häne, Leiter Personenverkehr SBB.
Bild: KEYSTONE

Pünktlichkeit ist wichtiger als eine kürzere Reisezeit: Auf den Fahrplanwechsel vollziehen die SBB einen kleinen Paradigmenwechsel und bauen etwa auf der Strecke Bern – Zofingen – Luzern zusätzliche Zeitpuffer ein. Weshalb?
Toni Häne: Wir haben festgestellt, dass wir zu wenig Reserven im Fahrplan eingebaut haben. Das Bahn-System kann sich bei Verspätungen so kaum mehr erholen. Wenn wir auf einer Strecke in der Lage sind, schneller zu fahren, geben wir den Zeitgewinn fortan nicht mehr in jedem Fall sofort an die Kunden weiter, sondern bauen diesen wo nötig als Reserve zuerst in den Fahrplan ein. Wir analysieren derzeit genau, ob dies auf weiteren Strecken als Bern – Luzern sinnvoll ist. Weiter führen wir auch eine grosse Kundenumfrage zur Pünktlichkeit durch. Denn das Reiseverhalten hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Wir wollen wissen, was wirklich die Ansprüche der Kunden sind.

Wie meinen Sie das?
Heute arbeiten sehr viele Reisende im Zug. Diesen Kunden ist es oftmals wichtiger, dass sie ohne Umsteigen ins Büro kommen. Dies sehen wir etwa auf der neuen Verbindung Bern – Olten – Zürich Altstetten, die Orte mit vielen Arbeitsplätzen verbindet. Die direkte Fahrt dauert zwar etwas länger als mit dem IC via Zürich HB. Dafür muss der Kunde nicht umsteigen und kann durcharbeiten.

Immer wieder auf Kritik stösst die mangelhafte oder gar fehlende Kundeninformation bei Pannen oder Verspätungen. Sie haben angekündigt, vermehrt Live-Durchsagen in den Zügen und Bahnhöfen zu machen. Was ist genau geplant?
Ein Beispiel: Kürzlich steckten zahlreiche Züge wegen eines Baustellen-Unglücks in der Westschweiz fest. Dadurch fehlten am Folgetag Kompositionen auf der Strecke Zürich – Bern, wir mussten die Verbindung mit kurzen Kompositionen fahren. Dementsprechend überbelegt waren die Züge. In solchen Fällen wäre es gut, mit Lautsprecherdurchsagen aus der Betriebszentrale den Kunden den Grund für das Platzproblem zu erklären. Wir haben unsere Züge bereits vor über zehn Jahren mit der nötigen Technik für Durchsagen ausgerüstet, aber diese Möglichkeit bislang ausser an der Euro 2008 nicht genutzt. Wir wollen die Kundeninformation generell individueller gestalten, etwa mit Verspätungs-Pushmeldungen. Die neuen Funktionen werden Ende Jahr auf der SBB-Preview-App aufgeschaltet und getestet.

Für Verspätungen oder gar Zugausfälle sorgen auch die pannenanfälligen Dosto-Fernverkehrszüge von Bombardier. Die Betriebsstabilität ist nach wie vor zu schlecht, als dass die Dosto auf den Hauptstrecken wie Bern – Zürich fahren dürfen. Was ist der aktuelle Stand?
Die Betriebsstabilität der Dosto-Züge ist in den letzten Wochen stark verbessert worden. Im Moment sieht es so aus, dass die gesetzten Ziele bei der Zuverlässigkeit erreicht werden. Darum verkehren die Dosto-Züge ab Fahrplanwechsel auf der IC3-Strecke Zürich – Chur und ersetzen so altes Rollmaterial.

Eine im Herbst neu eingespeiste Software sollte das Fahrverhalten der «Schüttelzüge» verbessern. Ist das gelungen?
Kürzlich bin ich selbst mit dem Dosto gefahren. Durch die neue Software konnte der Fahrkomfort in der Tat verbessert werden. Der Zug war so ruhig, dass ich problemlos im Abteil mit dem Laptop arbeiten konnte. Klar ist: Der FV-Dosto wird nie so ruhig fahren wie ein Einheitswagen IV, das macht auch der IC-2000-Doppelstöcker nicht. Unsere Messungen zeigen, dass wir mit dem FV-Dosto auf einem guten Weg sind. Wann die Dosto zwischen Bern und Zürich fahren, können wir aber noch nicht sagen.

SBB setzen vermehrt auf Busse
Als frühe Verbindung in Richtung nationale Flughäfen, als Umfahrung von Gleis-Baustellen oder als Ersatz für schwach frequentierte Strecken: Die SBB prüfen derzeit, in Randzeiten und bei Extremsituationen vermehrt auf Busse zu setzen. Beim Bund sind entsprechende Gesuche hängig. Laut Toni Häne sollen mit Busverbindungen einerseits neue Angebote geschaffen werden, andererseits bestehende Strecken neu bedient werden. Dies etwa als Frühverbindung von Bern zum Euroairport in Basel.

An Randzeiten könnten Busse teilweise das bessere Angebot für die Kunden bereitstellen als Züge. In den vergangenen Wochen waren einzelne Strecken an Wochenenden wegen fehlenden Lokführerpersonals nicht mit Zügen bedient worden. Auch in solchen Fällen prüfen die SBB «Betriebsumstellungen auf Bahn-Bus-Ersatz», wie sie schreiben. (sda)

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