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Roger Köppel am Zürcher Sechseläuten-Umzug. Wenn er den ungarischen Ministerpräsidenten interviewt, ist es weniger lustig.
Bild: KEYSTONE

Kommentar

Roger Köppel «interviewt» (lobpreist) Viktor Orban – und wir sollten auf der Hut sein!

Die Flüchtlingswelle ist ein Masterplan der Linken, Angela Merkel wird von der SPD manipuliert und Menschenrechte sind ein seichtes Thema: Darin sind sich der Ministerpräsident von Ungarn und der SVP-Nationalrat einig. Langsam wird es gruselig.



In der neuesten Ausgabe der «Weltwoche» bezeichnet Roger Köppel Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban als «Verteidiger Europas» und lässt ihn in einem ausführlichen Interview zu Wort kommen. 

Eine Zusammenfassung:

Gemäss Orban hat sich die EU in einen Königshof verwandelt, der von einem Meinungsterror einer politisch korrekten, vom gewöhnlichen Volk entfernten Elite, beherrscht wird.

Hungarian Prime Minister Viktor Orban delivers a speech during a conference on demography and families in Budapest, Hungary, in this November 5, 2015 file photo. The tide of migrants coming to Europe from the Middle East and Africa may be part of a left-wing plot to pack the continent with sympathetic voters, Orban has told a Swiss magazine.   REUTERS/Laszlo Balogh/Files

Fühlt sich berufen, das christliche Abendland zu retten: Viktor Orban. 
Bild: LASZLO BALOGH/REUTERS

An diesem Königshof werden nur «seichte und zweitrangige Themen debattiert», so Orban. «Nette Sachen wie Menschenrechte, Fortschritt, Frieden, Offenheit, Toleranz», wie er spöttisch hinzufügt. Die wahren Probleme Europas hingegen würden unter den Tisch gewischt.

«Wir sprechen nicht über die Freiheit, wir sprechen nicht über das Christentum, wir sprechen nicht über die Nation, und wir sprechen nicht über den Stolz.»

Wie kommt es aber, dass Europa, das weitgehend bürgerlich-konservativ regiert wird, so aus der Spur gekommen ist? Das Ganze sei ein Masterplan der europäischen Linken und der amerikanischen Demokraten, erklärt Orban. Diese hätten die Grenzen für die Flüchtlinge absichtlich geöffnet.

«Alle Indizien und Erfahrungswerte deuten darauf hin, dass die überwältigende Mehrheit dieser Migranten später links wählen wird, sobald sie eingebürgert sind. Es werden also künftig linke Wähler nach Europa importiert.»

Warum aber hat ausgerechnet die bürgerliche Angela Merkel die Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen eingeführt? Die Kanzlerin sei zwar Mitglied der CDU, aber Gefangene der Linken, entgegnet Orban. 

VALLETTA, MALTA - NOVEMBER 11:  Chancellor of Germany Angela Merkel arrives for the first session of the Valletta Summit on migration on November 11, 2015 in Valletta, Malta. The Summit will bring together representatives from the European Union and Africa to address the challenges and opportunities presented by the largest migration of people to Europe since World War II.  (Photo by Ben Pruchnie/Getty Images)

Angela Merkel.
Bild: Getty Images Europe

«Ihr Koalitionspartner, die SPD, legt ihr Fesseln an, da er das linke Konzept von der Zukunft Europas teilt.»

Überhaupt würden die Linken nach wie vor die intellektuelle Lufthoheit über die Stammtische Europas inne haben

«Das Interpretationsmonopol über Europa wird von den Linken dominiert.»

Nur einer stemmt sich todesmutig dagegen, Viktor Orban: 

«Wenn ich mir den gegenwärtigen Zustand des bürgerlichen, christdemokratischen Lagers in Europa ansehe, dann muss ich diese Aufgabe übernehmen, die kein anderer bewältigen kann.»

Kurz: Gemäss Orban wird Europa von einer scheinbar liberalen Elite dominiert. Diese ist weit von den Problemen der gewöhnlichen Menschen entfernt, korrupt und wird intellektuell von einer Linken beherrscht, die das christliche Europa an islamische Migranten ausliefern will.

Ein neues Europa-Modell macht in rechtsextremen Kreisen die Runde

Diese These passt bestens in ein neues Europa-Modell, das vermehrt in rechtsextremen Kreisen diskutiert wird. Es sieht vor, dass sich Deutschland und Russland verbünden und so die Weltherrschaft der Angelsachsen brechen.

Die Idee geht auf Iwan Ilyin zurück, einen russischen Aristokraten, der nach der Revolution nach Deutschland geflohen ist. Ilyin bewunderte die Nazis und setzte sich für eine Verbrüderung von Hitler und Stalin ein. Weil er Jude war, musste er trotzdem in die Schweiz fliehen, wo er 1954 verstarb.

Russian President Vladimir Putin lights a candle as he visits the Assumption Cathedral in Astana, Kazakhstan, Thursday, Oct. 15, 2015. President Putin arrived in Kazakhstan on a state visit on Thursday. At left is Orthodox Metropolitan Alexander of Astana and Kazakhstan.(Alexei Nikolsky/RIA-Novosti, Kremlin Pool Photo via AP)

Gemeinsam fürs christliche Abendland: Putin und seine Popen.
Bild: AP/POOL RIA NOVOSTI KREMLIN

Iwan Ilyin gilt als «Putins Philosoph». Der russische Präsident liess seine sterblichen Überreste 2005 in ein russisches Kloster überführen und ordnete an, dass seine Bücher – rund 30 an der Zahl – neu aufgelegt wurden.

Ilyin war ein Vertreter eines autoritären Staates, einer «gelenkten Demokratie», die Putin nun in Russland auch erfolgreich durchgesetzt hat. Unter Orban ist Ungarn auf bestem Weg dazu, ebenfalls eine solche «gelenkte Demokratie» zu werden.

Köppel ist nicht mehr der harmlose Provokateur

Nationalismus, christliche Werte und autoritäre Staaten, die sich unter russisch-deutscher Führung gegen die angelsächsische Weltherrschaft auflehnen – diese Themen erfreuen sich bei den europäischen Rechtsextremen immer grösserer Beliebtheit. Auch in der «Weltwoche». Regelmässig wird in diesem Blatt Putin verteidigt und um Verständnis für seine Politik geworben.

Als Roger Köppel Chef der «Weltwoche» wurde, machte er sich als Provokateur einen Namen. Regelmässig schrieb er gegen das an, was er für den Mainstream hielt. Das war eine Weile teils unterhaltsam, teils ärgerlich, aber meist harmlos.

Inzwischen ist Köppel nicht mehr der intellektuelle Exot, der die Seiten gewechselt hat und für ein gehobenes Tischgespräch sorgt. Inzwischen ist er ein mit Rekordergebnis gewählter Nationalrat, gesalbter Nachfolger von Christoph Blocher und Vordenker der SVP.

Köppels Lehr- und Wandeljahre als Provokateur sind vorbei. Heute spricht er von Werten – und meint damit das Gleiche wie Orban.

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