Schweiz
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Job bei Ikea, Gipser-Lehre: Bei Hamid und Mohammad hat sich viel verändert

Über 1000 Kilometer haben sie in einem Monat zurückgelegt: Die zwei Flüchtlinge Hamid und Mohammad sind 2017 durch die ganze Schweiz gewandert – und watson war hautnah mit dabei. So geht es den beiden zwei Jahre nach ihrer Tour de Suisse.



Ein Lehrvertrag, ein Job bei Ikea und zwei F-Ausweise später: Wir treffen die wohl bekanntesten Flüchtlinge der Schweiz, Hamid und Mohammad, zum Gespräch in Spreitenbach. Bei ihnen hat sich in den zwei letzten Jahren viel verändert.

Aber schön der Reihe nach.

Die Vorgeschichte

2017, während sie auf ihren Asylbescheid warteten und nicht arbeiten durften, wanderten die beiden afghanischen Flüchtlinge Hamid Jafari und Mohammad Rasuli (beide 28) einen Monat lang quer durch die Schweiz. watson publizierte damals einen täglichen Video-Blog über ihre Reise (den Blog gibts hier zum nachlesen).

Nachdem watson über sie berichtete, mutierten Hamid und Mohammad, die sich beim Fussballspielen in Aarau kennengelernt hatten, zu den bekanntesten Flüchtlingen der Schweiz. Sie waren unter anderem Thema im SRF, der AZ, der NZZ, und dem «Blick».

Von Aarau aus wanderten die zwei durch die Nordwestschweiz, dann in die Romandie, vom Wallis aus in den Kanton Graubünden sowie über die Ostschweiz und die Zentralschweiz wieder zurück nach Aarau. Sie sahen Bergseen, standen mit Kuhglocken vor dem Bundeshaus und machten mit ihrem Smartphone hunderte Bilder von der Schweiz. Über 1000 Kilometer haben sie zurückgelegt und jeweils bei Privatpersonen übernachtet.

Besser Deutsch lernen, das war eines der Ziele dieser Tour. Das andere: Sich besser integrieren. Und: Gleichzeitig die Schweiz besser kennenlernen, das alles mit dem Nationalsport Wandern. Mit der etwas anderen «Tour de Suisse» schafften sie es bis ins Zentrum der Eidgenossenschaft: Der Aargauer SP-Nationalrat Cédric Wermuth lud sie ins Bundeshaus ein (Video dazu weiter unten).

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2017 im Bundeshaus. v.l.n.r: watson-Redaktorin Camille Kündig, Mohammad Rasuli, Cédric Wermuth und Hamid Jaferi). bild: Screenshot srf

Ihr, liebe Leser, habt den Blog von Hamid und Mohammad damals fleissig gelesen und kommentiert. Seither erreichen die Redaktion in regelmässigen Abständen E-Mails, die sich nach Hamid und Mohammad erkundigen. Wir haben die beiden nun nochmals getroffen und nachgefragt, wie es ihnen heute geht – und wie sie auf ihre grosse Wanderung zurückblicken.

Ihre Jobs

Mitte Mai 2019 in Spreitenbach AG. In einer kleinen Wohnung einer Blocksiedlung kocht Mohammad Tee und serviert afghanische Spezialitäten. Er freut sich, dem watson-Team seine 3-Zimmer-Wohnung zu zeigen, die er sich seit etwas mehr als einem Monat mit einem Freund teilt. «Ich bin sehr glücklich, diese Wohnung gefunden zu haben. Die Lage ist ideal.» Er zeigt durch das Fenster hindurch in die Ferne: «Dort, siehst du. Dort arbeite ich. Bei Ikea», strahlt er.

Vor seiner Festanstellung absolvierte Mohammad beim Möbelhaus ein Praktikum. «Seither transportiere ich in einem 100-Prozent-Pensum mit dem Stapler Ware von A nach B. Von drei Uhr morgens bis 12 Uhr.» Dank dieser Arbeit kann er seinen Beitrag zur Wohnungsmiete selbst bezahlen und ist nicht auf Hilfe vom Staat angewiesen. In seinem Heimatland arbeite Mohammad als Mathematiklehrer. Ein gefährlicher Job in einem Land, in dem die Taliban Bildung als Bedrohung ihrer eigenen Macht sehen und Lehrer immer wieder aufs äusserste bedrohen.

Hamid, der quirlige der beiden, erzählt im Eiltempo, dass er nun eine Lehre als Gipser mache. «Ich bin im ersten Lehrjahr! Es gefällt mir sehr, nur die Schule ist ein bitzli schwierig für mich, wegen der Sprache. Ausserdem sind in meiner Klasse natürlich alle viel jünger als ich, das ist etwas speziell», sagt er und lacht. An zwei Abenden pro Woche besucht er einen Deutschkurs. «Ich hoffe, ich packe das alles.»

Erfahrung hat er bereits reichend: Hamid arbeitete im Iran einige Jahre als Stuckateur. Das liess er notabene auch einen SRF-Reporter wissen, den er im Bundeshaus traf: Als Hamid die dortigen Stuckaturen sah, sagte er ihm kurzerhand und mit breitem Grinsen: «Das könnte ich auch machen.» Hamid wohnt in Hausen (Nähe Brugg AG) mit seiner Frau und ihren drei Kindern.

Im Sommer 2017 haben Hamid, seine Familie und Mohammad einen negativen Asylbescheid erhalten. Trotzdem müssen sie das Land nicht sofort verlassen, sie sind vorläufig aufgenommen (F-Ausweis), da die Rückkehr in Ihren Herkunftsstaat momentan nicht zumutbar ist.

Ihre Freunde

Hamid und Mohammad treffen sich regelmässig. Spätestens seit dem sie einen Monat Seite an Seite durch die Schweiz gewandert sind, stehen sie sich sehr nahe. Sie haben viele Schweizer Kollegen. Auch dank der Wanderung, sagt Hamid: «Mit vielen Familien, bei denen wir damals übernachten durften, stehen wir in Kontakt. Weihnachten verbringe ich jeweils bei der Familie Loosli in Schöftland AG. Diese Leute sind für mich wie meine Familie. Ich bin ihnen sehr dankbar.»

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Hamid und seine Familie auf ihrer Flucht. Hier legten sie irgendwo zwischen dem Iran und der Türkei eine kurze Pause ein. bild: hamid jafari

Mohammad schwärmt indes von seinem Chef: «Er ist der Beste. Er behandelt mich wie seinen Sohn. Ich habe lange nach einer Wohnung gesucht, erhielt aber nur Absagen. Wahrscheinlich weil die Vermieter Angst hatten, einem vorläufig aufgenommenen Flüchtling eine Wohnung zu vermieten.» Als er aufgeben wollte, habe sein Chef eigens Hauseigentümer angerufen und sich für ihn eingesetzt. «Er sagte ihnen: Mohammad arbeitet immer sehr gut und ist immer pünktlich. Sie können sich auf ihn verlassen.»

Mohammad ist froh, hier eine Vaterfigur gefunden zu haben. Sein Vater, erzählt er, sei von den Taliban getötet worden. Seine Mutter, die in Afghanistan geblieben ist, kann er nur selten sprechen. «Wenn sie mich anrufen will, muss sie zuerst auf einen Berg wandern, um genügend Handy-Empfang zu haben.»

Probleme als Flüchtlinge

Hamid und Mohammads zwischenmenschliche Erfahrungen in der Schweiz waren aber nicht immer nur positiv. Mohammad: «Es gab da einen Mann, der anfangs sehr nett zu mir war. Wir gingen zusammen Kaffee trinken, schrieben uns regelmässig. Dann plötzlich fing er an, sich in Nachrichten darüber zu beschweren, dass er als Steuerzahler sehr viel für Asylsuchende bezahlen würde.» Eines Tages habe der Mann ihn in einer SMS als «scheiss Asylsuchender» beschimpft. «Als ich das einer Schweizer Kollegin erzählte, hat sie mir das Handy aus der Hand gerissen und seine Nummer kurzerhand blockiert. Das müsse ich mir nicht gefallen lassen, sagte sie.»

Hamid und Mohammad betonen, sie hätten Glück, hier ein solides Umfeld gefunden zu haben. Viele Flüchtlinge seien hingegen einsam. Hamid: «Zwei Freunde von mir haben sich letztes Jahr umgebracht. Sie waren traumatisiert von dem, was sie in Afghanistan erlebt hatten. Hier durften sie dann nicht arbeiten, während sie auf den Asylbescheid warteten, hatten nichts zu tun und dachten den ganzen Tag an die schlimmen Erlebnisse. Das hat sie fertig gemacht.» Hamid, der früher von einer Laufbahn als Politiker träumte, wird politisch: «Es muss für Asylsuchende mehr Beschäftigungsmöglichkeiten geben, damit sie nicht in diese Negativspirale geraten. Viele potenzielle Arbeitgeber wissen auch gar nicht, dass sie vorläufig aufgenommene Personen anstellen können. Das muss sich ändern.»

Über 90 Prozent der vorläufig aufgenommenen Personen bleiben langfristig in der Schweiz. Deshalb wird von ihnen erwartet, dass sie für sich selber sorgen können. Vorläufig aufgenommene Personen können nach fünf Jahren unter bestimmten Voraussetzungen eine Aufenthaltsbewilligung beantragen. Dabei ist ein entscheidendes Kriterium, ob sich die Person integriert hat und damit auch, ob sie finanziell unabhängig ist.

Ihre Zukunftspläne

Mohammad träumt davon, sein Heimatland zu besuchen, sobald sich die Lage dort beruhigt hat: «Wenn die Behörden es erlauben, möchte ich eines Tages mit dem Velo von der Schweiz bis nach Afghanistan radeln.» Wer ihm bei diesem Plan helfen will, solle sich bitte bei ihm melden, sagt er. Als vorläufig aufgenommener Flüchtling darf Mohammad jedoch nicht frei reisen. Tut er es trotzdem, könnte seine Flüchtlingseigenschaft widerrufen werden. Eine Velotour hat er aber auch dieses Jahr vor: Anfang Juni radelt er mit einem Freund 21 Tage durch die Schweiz.

Hamid hat ebenfalls grosse Pläne. Er möchte sich in ein paar Jahren mit seiner eigenen Gipser-Firma selbständig machen. Zuerst heisst es aber, das erste Lehrjahr erfolgreich abzuschliessen. Deshalb kann er auch nicht mit auf die Velotour. «Mein anderer Kollege ist sehr unsportlich, ich hoffe, der schafft das», lacht Mohammad, und drückt der watson-Reporterin eine Schachtel Schirpera (afghanische Süssigkeit) in die Hand.

Alle Artikel über Hamid und Mohammad könnt Ihr hier nachlesen:

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Die Flucht einer jungen Saudi-Araberin

Im Bundeshaus mit Hamid und Mohammad

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