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Das Logo des Buendner Fleischhandelsunternehmens Carna Grischa AG, am Sonntag, 23. November 2014, in Landquart. Wie der Sonntags Blick schreibt, soll das Unternehmen ueber Jahre hinweg falsch deklariertes Fleisch verkauft haben. Der Verwaltungsratspraesident der Carna Grischa AG spricht von Einzelfaellen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

«Mehr Fleisch fürs Geld.» Führte der Preisdruck zu Deklarationstricksereien? Bild: KEYSTONE

Lieferungen bis ins Bundeshaus

Bündner Fleischskandal betrifft angeblich die halbe Schweiz: Kanton leitet Untersuchung ein

Der Bündner Fleischhändler Carna Grischa soll über Jahre hinweg unzählige Schweizer Personalrestaurants, Beizen und Hotels mit falsch deklariertem Fleisch versorgt haben. Die Firma versucht zu beschwichtigen.



«Das Vertrauen ist weg», sagt Vittorio Timpano von der Trattoria Brugg im Kanton Aargau enttäuscht. Er ist einer der vielen Kunden des Bündner Fleischhändlers Carna Grischa, der, wie der «Sonntags Blick» am Wochenende publik machte, jahrelang und systematisch ungarisches als Schweizer Poulet, unfrisches als frisches oder Pferde- als Rind-Fleisch verkauft haben soll.

«Ich habe ab und zu Rinds-Entrecote oder Schweins-Steaks bei der Firma Carna Grischa bestellt», sagt Trattoria-Geschäftsführer Timpano. Ob es richtig deklariert war, weiss er nicht. «Bezüglich der Deklaration muss ich meinen Lieferanten vertrauen können. Unter diesen Umständen suche ich mir einen neuen Partner», sagt der Wirt. 

«Sollten sich diese Vorwürfe bewahrheiten, handelt es sich um Kundentäuschung im grossen Stil»

Matthias Beckmann, Lebensmittelchemiker

Lebensmittelchemiker ordnet Verwaltungsverfahren an

Der zuständige Graubündner Kantonschemiker Matthias Beckmann reagiert gegenüber watson schockiert auf die Enthüllungen vom Wochenende: «Sollten sich diese Vorwürfe bewahrheiten, handelt es sich um Kundentäuschung im grossen Stil», sagt der Lebensmittelchemiker. «Dem Händler könnte eine Strafanzeige oder sogar eine vorübergehende Betriebsschliessung drohen.»

Bis heute hätten bezüglich Carna Grischa keine Verdachtsmomente vorgelegen, sagt Beckmann weiter. Ein Betrieb wie dieser werde normalerweise alle vier Jahre kontrolliert. «Unter den gegebenen Umständen werden wir jedoch direkt am Montagmorgen früh bei Carna Grischa vorstellig. Ein Verwaltungsverfahren wird eröffnet», sagt der Lebensmittelchemiker.

 «Die Rückverfolgbarkeit von Fleisch basiert auf Vertrauen. Falschdeklarationen sind bewusste Täuschung»

Matthias Beckmann, Lebensmittelchemiker

Es gilt eine allfällige Täuschung abzuklären: «Die Rückverfolgbarkeit von Fleisch basiert auf Vertrauen. Falschdeklarationen sind bewusste Täuschung», sagt er. Ob durch die Manipulation der Ablaufdaten auch die Gesundheit der Konsumenten gefährdet wurde, sei noch offen.

Über das Ausmass des Betruges kann Beckmann nur spekulieren. «Bei einem Absatz, wie es eine solche Handelsgesellschaft hat, sind aber per se viele Kunden betroffen», sagt er.  

ZFV beendet Zusammenarbeit mit Carna Grischa

Tatsächlich ist die potenzielle Reichweite des Bündner Fleischbetruges gross. Carna Grischa ist hinter Bell, Micarna und Fenaco der viertgrösste Fleischhändler im Land. Die Firma macht einen Jahresumsatz von 30 Millionen und beliefert unzählige Hotels, Restaurants, Kantinen, Altersheime, Spitäler und Kinderkrippen. 

Alleine durch Grosskunden wie dem Cateringunternehmen ZFV landete Carna-Grischa-Fleisch auf den Tellern mehrerer Betriebe: «Neun von 153 ZFV-Betriebe haben im laufenden Jahr Fleisch bei Carna Grischa bezogen», sagt ZFV-Marketing-Leiterin Silja Stofer. «Das entspricht jedoch nur 1,5 Prozent unseres gesamten Fleisch-Einkaufsvolumen.» Die ZFV habe die Zusammenarbeit mit Carna Grischa beendet. 

Carna Grischa bedauert die Unregelmässigkeiten

Am Sonntagabend teilte Carna Grischa auf Anfrage der SDA mit: «Die Vorkommnisse sind für uns schockierend und inakzeptabel, auch wenn die Fehlerquote bei ca. zwei Promille liegt.»

Gemäss Carna Grischa liegen die meisten Vorkommnisse «fast ausschliesslich bereits einige Jahre zurück». Die Verantwortung dafür wird unter anderem der damaligen Geschäftsleitung zugeschrieben. Der neue Geschäftsführer habe die «internen Abläufe überprüft und neu strukturiert».

In einem Brief an ihre Kunden, der der Nachrichtenagentur SDA vorliegt, bedauerte das Unternehmen am Sonntag die Unregelmässigkeiten: «Niemals geschah dies absichtlich und schon gar nicht systematisch», schreiben der Geschäftsführer und der Verwaltungsratspräsident.

«Es scheint, dass ein entlassener Mitarbeiter diese Anschuldigungen gegenüber der Presse geltend gemacht hat. Dabei wurden nachweislich auch falsche Unterstellungen gemacht.» Bei Carna Grischa würden pro Tag durchschnittlich 600 Rüstscheine und 350 Lieferscheine verarbeitet. «Da können auch einmal Fehler passieren.»

Aargauer Handelsgericht hebt Superprovisorische auf

Zuvor hatte das Unternehmen versucht, den belastenden «Sonntags Blick»-Artikel per superprovisorischer Verfügung zu stoppen. Das Handelsgericht Aargau belegte die Sonntagszeitung mit einem einwöchigen Publikationsverbot. Dieses wurde aufgehoben, als die Sonntagszeitung dem Gericht Dokumente vorlegte, die den Artikel stützten. Es bestehe «offensichtlich ein öffentliches Interesse» an der Verbreitung der Fakten, befand das Gericht.

Carna Grischa wurde 1999 gegründet. Nach eigenen Angaben sind vorwiegend Hotels, Restaurants, Sportzentren, Kantinen und Altersheime Kunden des Unternehmens. Es zählt rund 60 Mitarbeitende.

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