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Eine Frau mit Atemschutzmaske serviert einen Espresso im Restaurant Terrasse, aufgenommen am Dienstag, 27. Oktober 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Gastrobranche trifft die momentane Corona-Situation besonders hart. Bild: keystone

«Ich würde dem Bundesrat eine sehr schlechte Note geben» – Gastrobranche ist stinksauer

Hilferufe per Post: Die Gastronomie wartet nach vier Wochen im Lockdown auf den Bundesrat. Nun will sie ihn mit Briefen wachrütteln.

andreas möckli, niklaus vontobel / ch media



«Bis Mittwoch geben wir unser Letztes, damit der Bundesrat uns endlich hilft», sagt Casimir Platzer, Präsident des Branchenverbands Gastrosuisse. Am Mittwoch wird die Regierung voraussichtlich den Lockdown nochmals verschärfen – und ein paar Worte zur Gastronomie sagen. Wie er nämlich der Branche helfen will, die dann seit fast einem Monat im Lockdown sein wird.

Auf diese Worte wartet die Branche mit wachsender Ungeduld, manche sind schon längst verzweifelt. «Die Stimmung ist explosiv, das kann ich Ihnen sagen», erklärt Platzer und zögert, als er Beispiele dafür nennen soll. Dann sagt er: «Wir haben mittlerweile Mühe, die Wut unserer Mitglieder in konstruktive Bahnen zu lenken.»

Vor dem Mittwoch hat Platzer eine «konstruktive Bahn» gefunden. Gastrosuisse ermutigt dazu, dem neuen Bundespräsidenten Guy Parmelin und den übrigen Mitgliedern einen Brief zu schreiben. Um den Gastwirten, Köchinnen oder Servicemitarbeitern zur Hand zu gehen, gibt es Musterbriefe. Die klaren Worte passen zur Verzweiflung – und zum Präsident Platzer, der Bundesbern im letzten Frühling entgegen schmetterte: «Ich würde dem Bundesrat eine sehr schlechte Note geben.»

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Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer.

«Lassen Sie uns nicht im Stich!», heisst es im Betreff der Briefe an den Bundesrat. «Ihr Entscheid, dass wir unser Restaurant schliessen mussten, ohne dafür entschädigt zu werden, treibt uns in den Ruin.» Alle Folgen werden aufgelistet: Umsatz weg, Mitarbeiter entlassen oder in Kurzarbeit, Geld umsonst ausgegeben für Plexiglaswände. «Sie, geschätzter Bundesrat, haben diesen Schaden verursacht.»

Es folgt eine Salve von Aufforderungen. «Übernehmen Sie Verantwortung. Haben Sie Mut für eine Branchenlösung!», «Nehmen Sie sich ein Beispiel an Deutschland oder Österreich.» Schliesslich der Appell ans Gewissen: Der Bundesrat möge jetzt handeln. «Damit Sie dereinst wieder mit einem guten Gewissen in ein Restaurant gehen können. Wir hoffen darauf!»

Wie die Regierung zu solch einem «guten Gewissen» kommt, das erklärt Gastrosuisse-Präsident Platzer gerne. Er drängt auf Ausfallentschädigungen für solche Branchen: Die schliessen müssen und von der Pandemie besonders betroffen sind. Wie im ersten Lockdown sollen diese schnell und unkompliziert neues Geld erhalten, viele dieser Kredite würden nicht zurückbezahlt. Immer nach der Logik: Der Bund hat die Gastronomie geschlossen, dafür soll er sie entschädigen. Kurz: «Wer befiehlt, der zahlt.»

Doch diese Branchenlösung wird Platzer wohl nicht bekommen – und in der Logik von Gastrosuisse auch der Bundesrat nicht sein gutes Gewissen. Es bleibt bei der Härtefallregel. Diese will die Bundesverwaltung in Abstimmung mit den Kantonen an die neue Realität des Teil-Lockdowns anpassen. Neu entfällt laut Recherchen die sogenannte Umsatzschwelle für Härtefallgelder. Allen Betrieben würde geholfen, die schliessen müssen aufgrund des vom Bundesrat am 18. Dezember verhängten Teil-Lockdowns. Zuvor bekam ein Betrieb nur Hilfe, wenn sein Umsatz 2020 um 40 Prozent gefallen war – im Vergleich zum Durchschnitt der beiden Vorkrisenjahre.

Die Bundesverwaltung beeilt sich. Doch der Gastronomie geht es zu langsam – und das Ergebnis wird sie wohl ablehnen.

Von der konstruktiven Bahn abgekommen

Platzer sagt, die Härtefallregel sei gedacht gewesen für Betriebe, die nach Ende des ersten Lockdowns noch grosse Umsatzverluste hatten. Wie zum Beispiel die Stadthotellerie. «Sie taugt nicht für einen Lockdown – und wir sind seit bald vier Wochen im zweiten Lockdown.» Die Härtefallregel sei zu langsam, zu bürokratisch – und zu ungerecht. «Es kann nicht sein, dass ein Betrieb je nach Kanton mehr oder weniger Geld bekommt.» Die Verzweiflung ist anscheinend tatsächlich gross.

Regierungsräte erhalten Anrufe von weinenden Gastwirten. Und einige sind von der «konstruktiven Bahn» abgekommen, wie sie Gastrosuisse befürwortet. Zusammen mit Ladenbesitzern oder Coiffeuren beteiligen sie sich an der Initiative «Wir machen auf». Trotz Verbot wollen diese Betriebe ab dem 11. Januar wieder öffnen. Der Online-Gruppe der Initiative sind bislang über 7000 Mitglieder beigetreten. Allerdings gibt es bislang kaum Betriebe, die sich öffentlich zur Initiative bekennen. Gastrosuisse lehnt den Vorstoss ab.

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