Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ein Contact Tracing-Team arbeitet im Contact Tracing des Kantons Zuerich Standort Pfaeffikon, am Montag, 12. Oktober 2020. Per heute wurde das Contact Tracing-Team des Kantons Zuerich pro Schicht von 50 auf 60 Personen aufgestockt. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Contact-Tracerinnen des Kantons Zürich bei ihrer Arbeit in Pfäffikon ZH. Bild: keystone

Besuch im Contact-Tracing-Center Zürich: «Das Super-Ideal-Tracing ist nicht mehr möglich»

Das Hickhack um das Contact Tracing in Zürich geht weiter. Immer mehr Infizierte melden, dass sie nie kontaktiert wurden. Der Kanton Zürich dementiert heftig und gewährt erstmals einen Einblick hinter die Kulissen des wohl wichtigsten Callcenters der Schweiz.



Das Gezänk um das Contact Tracing in Zürich, und ob es jetzt funktioniert oder nicht, ähnelt momentan einem rasanten Tennismatch.

Grund genug für die Zürcher Gesundheitsdirektion, einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren. Am Montag luden die Kantonsärztin Christiane Meier und Andreas Juchli, operativer Leiter Contact Tracing Kanton Zürich, zum «Tag der offenen Tür» nach Pfäffikon ZH.

Das «Super-Ideal-Contact-Tracing» gibt es nicht mehr

Im Zürcher Oberland steht das Gebäude der JDMT Medical Services AG, einem von zwei Standorten des Zürcher Contact Tracings. Der andere befindet sich am Flughafen.

In den Grossraumbüros mit grauem Teppich stehen einige Räume leer, hier sollen bald weitere Tracer zum Einsatz kommen. In den Räumen, in denen bereits gearbeitet wird, stehen je 16 Tische, jeder mit mindestens 1.5 Meter Abstand, und vor ihnen meist junge Medizinstudenten. Es ist das vielleicht wichtigste Callcenter der Schweiz.

Ein Mann arbeitet im Contact Tracing des Kantons Zuerich Standort Pfaeffikon, am Montag, 12. Oktober 2020. Per heute wurde das Contact Tracing-Team des Kantons Zuerich pro Schicht von 50 auf 60 Personen aufgestockt. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Im Zürcher Contact-Center arbeiten meist Medizinstudenten. Bald kommen weitere dazu. Bild: keystone

Die Gesundheitsdirektion reagierte mit der Einladung auf die negative Berichterstattung der letzte Tage. Die «Sonntagszeitung» warf der Gesundheitsdirektion vor, die Kontrolle über das Tracing verloren zu haben. Die Zeitung lieferte als Beleg die Geschichten von verschiedenen Infizierten oder solchen, die Kontakt mit Infizierten hatten, und entweder viel zu spät oder gar nicht kontaktiert wurden.

Kantonsärztin Christiane Meier widerspricht dieser Darstellung: «Die Quote an Leuten, die wir nicht erreichen, liegt im einstelligen Prozentbereich.» Sie gebe zwar zu, dass es unmöglich sei, restlos alle Personen kontaktieren zu können. Doch das sei auch nie das Ziel gewesen.

Dass es Personen gäbe, die nicht kontaktiert werden, könne verschiedene Ursachen haben: «Wir bearbeiten momentan hunderte Fälle am Tag. Irgendwo in der Informationskette kann es da immer zu Problemen kommen. So sind wir zum Beispiel darauf angewiesen, dass die Labors die Fälle rechtzeitig melden. Auch mit den richtigen Kontaktdaten», so Meier. Meistens funktioniere das jedoch.

Christiane Meier, Kantonsaerztin, und Andreas Juchli, Arzt und operativer Leiter Contact Tracing Kanton Zuerich, von links, sprechen ueber das Contact Tracing des Kantons Zuerich, am Montag, 12. Oktober 2020, in Pfaeffikon. Per heute wurde das Contact Tracing-Team des Kantons Zuerich pro Schicht von 50 auf
60 Personen aufgestockt. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Christiane Meier und Andreas Juchli bei der Pressekonferenz am Montag. Bild: keystone

Um die in den letzten Tagen explodierenden Fallzahlen zu bewältigen, setzt man in Zürich zudem auf vereinfachte Prozesse. «Das Super-ideale-Tracing mit Follow-Up-Anrufen und ständiger Betreuung ist jetzt nicht mehr möglich», sagt Meier.

Ohnehin laufe vieles nicht mehr auf telefonischem, sondern schriftlichen Weg. «Nach der Meldung im System erhält eine Infizierte Person innerhalb von 30 Minuten eine SMS», so Andreas Juchli. Diese sieht folgendermassen aus:

Bild

bild: Gesundheitsdirektion Kanton Zürich

Daraufhin muss die infizierte Person eine Liste mit Kontaktpersonen angeben. Die Contact-Tracer kontaktieren diese Personen dann einzeln. So konnte der Arbeitsaufwand drastisch gesenkt werden. Laut Juchli entsteht bei regulären Fällen mit sieben bis acht Kontaktpersonen ein Arbeitsaufwand von rund zwei Stunden. Zum Vergleich: Der Kanton Bern gab vor kurzem noch an, dass pro infizierte Person ein Arbeitsaufwand von 30 Stunden entstehe.

Auch sei man derzeit daran, weitere Tracer auszubilden. Am Montag wurde bereits von 50 auf 60 Personen pro Schicht aufgestockt. Und es sollen noch mehr werden. Kantonsärztin Christiane Meier gibt sich deswegen selbstsicher: «Wir können noch höhere Fallzahlen stemmen».

Infizierte müssen selber Umfeld informieren

Mit einer Anpassung des Contact Tracing reagiert auch der Kanton Schwyz auf die hohen Fallzahlen: Die Corona-Infizierten müssen neu selbst Personen informieren, mit denen sie in Kontakt standen. Das Contact Tracing-Team wird nur noch Mitbewohner und Intimpartner der positiv getesteten Personen kontaktieren.

quelle: sda

Auch im Gespräch mit einer Tracerin scheint sich dies zu bestätigen. «Wir sind nicht überfordert. Wir kommen noch nach mit den Fällen», sagt eine Medizinstudentin.

Von einer Obergrenze an Infektionen, bei der das Tracing versage, will Kantonsärztin Meier nichts wissen. «Wir machen weiter», sagt sie. «Ich sehe kein Szenario, in dem wir aufhören müssen. Die Aufgabe wäre ein politischer Entscheid.»

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Covid-19: «Contact Tracing» einfach erklärt

«Herts Blatt» – die beste Kuppelshow des Jahres

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

1 Jahr Haft für 234 Menschenleben: An diesem Mann soll ein Exempel statuiert werden

Claus-Peter Reisch, früher konservativer Bayer und CSU-Wähler, heute Seenotretter im Mittelmeer. Für sein Engagement soll er nun in Malta verurteilt werden. Im Interview mit watson rechnet er mit Horst Seehofer, Matteo Salvini und der europäischen Flüchtlingspolitik ab. 

Eigentlich könnte Claus-Peter Reisch ein ruhiges, geordnetes Leben haben. Als selbstständig Erwerbender steht er finanziell auf sicherem Boden, mit seinem eigenen Segelboot zieht es ihn immer wieder in die Ferne. Doch jetzt ist Reisch zwischen die Fronten geraten. In Deutschland prangte sein Antlitz auf jeder Tageszeitung. 

Es ist 2015 als Reisch mit seiner Lebenspartnerin im Sommer nach Griechenland segelt. Die Flüchtlingskrise ist bereits in Gang. Er stellt sich die Frage: «Was tun wir, …

Artikel lesen
Link zum Artikel