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«Uns wird viel Selbstlosigkeit abverlangt»: Wie Jugendliche unter der Coronakrise leiden

Die 14- bis 24-Jährigen leiden am meisten an den psychischen Folgen der Pandemie. Der Bundespräsident wendete sich in seiner Ansprache diese Woche direkt an die junge Generation: «Ich möchte Sie bitten, halten Sie durch.» Wie geht es den Jugendlichen? Wir lassen drei zu Wort kommen. Wie ist es, jung zu sein während der Pandemie, wie zu studieren oder die Lehre abzuschliessen?

Jossi Schütt und Dominic Wirth / ch media



Jossi Schütt, Jungstudent, 18 Jahre

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«Wouldn’t It Be Nice» – «Wäre es nicht schön». So heisst der Beach-Boys-Song, den ich im vergangenen Jahr laut Spotify am meisten gehört habe. Ein letzter Streich dieses sowieso schon bitterbösen Jahres 2020, in dem ich mich im Grunde noch immer befinde. Mein Zeitgefühl ist in der Pandemie kaputtgegangen. Ein Teil meines Hirns meint noch immer, demnächst wäre Montag, der 16. März 2020, und ich müsse zurück in die Schule. Weitermachen an dem Ort, von welchem ich am Freitag, dem 13. März, mit den Schulschliessungen so jäh vertrieben worden bin.

«Wie kann man neue Seiten an sich kennenlernen, wenn man niemanden trifft?»

Ich erkläre mir das so: Mein Leben seit Pandemiebeginn fühlt sich wie eine Übergangszeit an. Im Frühjahr 2020 dachte man ja insgeheim, im Sommer werde dann schon alles wieder vorbei sein. Es galt also, die Zeit bis dahin irgendwie zu überbrücken. Blöd nur, dass die Pandemie länger andauerte und damit die vielen Dinge, die ich für die Zeit nach dem Gymnasium geplant hatte, noch immer unmöglich sind.

Ein Zwischenjahr machen, Reisen, Roadtrips unternehmen, feiernd durch die Nächte schweben – kurz: die grosse Freiheit. Alles undenkbar im Moment. Und so verharre ich in einem Zustand des Wartens. Im Sommer entschied ich mich, dieses Warten irgendwie zu nutzen und mich vorerst einmal in die sicheren Arme einer Universität zu begeben. Es schien mir vernünftiger. Dass ich die «vernünftige» Wahl traf, war zwar ein leichter Stich in den rebellischen Teil meines jungen Herzens – aber naja, schwere Zeiten, besondere Massnahmen.

Zu Beginn war das Studieren auch noch vergleichsweise normal: Ich konnte einige Vorlesungen vor Ort verfolgen. Das Gefühl, mit 200 unbekannten Menschen in einem Hörsaal zu sitzen, war neu und aufregend. Ich fühlte mich zugehörig. War nicht allein. Ich legte öfter als nötig Kaffeepausen ein:

«Ich liebte das Plaudern, das Lachen auf den Gängen. Ich liebte es, andere Menschen kennen zu lernen.»

Anfang November, als die Coronazahlen in die Höhe schnellten, stellte die ETH Zürich vollständig auf Online-Unterricht um. Und der war hart.

Morgens schleppte ich mich müde vor den Computer, vor dem ich dann den ganzen Tag verbringen musste. Während jeweils die erste Vorlesung schon lief, kleidete ich mich noch an und vertilgte hastig ein Brot. Die Versuchung, mich abzulenken, ans Handy zu gehen, irgendetwas Sinnloses zu googeln, wuchs, und meine Konzentration ging gegen null. Der Alltag begann etwas unangenehm Monotones anzunehmen. Wie kann man neue Seiten an sich selbst kennenlernen, wenn man immer das Gleiche macht und keine Möglichkeit hat, neue Menschen zu treffen?

Es gibt ja Menschen, die uns Jugendlichen in dieser Zeit zurufen: «Hört auf zu weinen! Sucht euch ein Hobby – ich habe auch nicht immer alles bekommen, was ich wollte!» Vielleicht haben sie recht. Trotzdem sind sie irgendwie unfair.

«Denn solche Äusserungen verkennen, wie lange ein Jahr in meinem Alter sein kann. Wie wichtig Spontanität und Lockerheit sind – und beides fehlt momentan.»

Vor allem aber verunsichern mich solche Aussagen. Sie geben mir das Gefühl, meine Probleme seien wertlos und ich müsse funktionieren wie eine Maschine, ohne Schwäche zu zeigen. Und dabei habe ich die gewisse Entspannt- und Sicherheit, die man im Alter vielleicht gewinnt, noch nicht.

Jael Benz, Psychologiestudentin aus Balgach SG, 21 Jahre

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Jael Benz. bild: zvg

Wenn ich eine Vorlesung besuche, dann sitze ich im Moment nicht in Bern im Vorlesungssaal. Sondern in meinem Kinderzimmer in Balgach im St.Galler Rheintal. Ich mag Bern sehr, die Stadt ist mir ans Herz gewachsen. Aber im letzten Jahr konnte man das Stadtleben kaum mehr geniessen, und die Universität hat auf Fernunterricht umgestellt. Das Leben hat sich sehr in mein kleines WG-Zimmer verlagert. Und da wurde es mir irgendwann zu eng. Deshalb habe ich es im Herbst gekündigt und bin zurück in die Ostschweiz gezogen. Mein Freund lebt hier, meine Familie, viele alte Freunde.

«Ich lebe wieder in meinem Kinderzimmer.»

Das neue Semester beginnt am Montag. Es wird ein wichtiges für mich. Ich muss meine Bachelor-Arbeit abgeben, noch einige Kurse besuchen und Prüfungen schreiben. Dann ist das erste Etappenziel geschafft, aber ganz ehrlich: Studieren während einer Pandemie macht keinen Spass. Es geht jetzt nur noch darum, Punkte zu sammeln.

Wenn die Vorlesung durch ist, schaltet man den Laptop wieder aus, das Thema ist durch. Früher, als wir noch an die Universität gehen konnten, war das ganz anders.

«Manchmal haben wir nach einer Vorlesung noch zwei Stunden weiter diskutiert, etwa beim Mittagessen. Da verarbeitet man den Stoff viel besser.»

Jetzt kommt es schon während der Kurse viel seltener zu interessanten Debatten, weil alle nur per Kamera anwesend sind. Und der Austausch ausserhalb der Hörsäle fällt völlig weg.

Das ist aus akademischer Sicht schlecht, und es ist auch sonst traurig. Das Studienleben steht still. Dabei geht es in dieser Zeit ja auch darum, neue Menschen kennen zu lernen, Freundschaften zu knüpfen, sich weiterzuentwickeln. Das ist schwierig, wenn man nur im eigenen Zimmer sitzen kann.

Etwas Positives bringt die Pandemie für mich aber auch mit sich: Man betreibt Selbstbeobachtung. Ich kenne mich nun besser. Weiss, dass ich am Morgen früh aufstehen muss, damit ich in die Gänge komme – auch wenn ich eigentlich kein Morgenmensch bin. Trotzdem klingelt mein Wecker so früh, dass ich vor der ersten Vorlesung noch ein wenig Yoga machen kann und Zeit habe, mich anzuziehen, als ginge ich an die Uni. Das hilft mir, geordnet durch die Tage zu kommen.

«Wenn man aus der Ferne studiert, juckt es niemanden, wie man das macht. Man muss sich selbst disziplinieren. Da entwickelt man sich schon weiter.»

Wenn ich daran denke, dass das alles noch bis Juni so weitergehen soll, mindestens, dann ist das ganz schön demotivierend. Ganz ehrlich: Ich finde, dass gerade uns, die jetzt Anfang 20 sind, viel– vor allem viel Selbstlosigkeit – abverlangt wird. Am Ende werde ich wahrscheinlich mein halbes Bachelor-Studium im Homeoffice verbracht haben, um andere zu schützen.

Ich studiere Psychologie, weil mich die unterschiedlichen Geschichten von Menschen interessieren – und was diese Geschichten mit den Menschen machen. Zukunftsängste habe ich keine. Es zeigt sich in den ja bereits, dass wegen der Pandemie viele Menschen Hilfe brauchen. Auch in dieser Hinsicht wird uns Corona noch länger begleiten.

Emma-Marie Meyer, Koch-Lernende aus Kaiseraugst AG, 18 Jahre

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Emma Marie Meyer. bild: chris iseli

Noch etwa 100 Tage, dann erwartet mich der wichtigste Tag meines Berufslebens. Ein Fehler an der Abschlussprüfung, und drei Jahre Arbeit können zunichte sein. Das macht mich wahnsinnig nervös, weil ich mich nicht so vorbereiten kann, wie ich das sollte. Zu meinem Lehrbetrieb gehören drei verschiedene Betriebe, aber aktuell kann ich wegen Corona nur in einem arbeiten, und auch dort nicht so richtig. Deshalb fehlt mir die Routine, die ich unbedingt bräuchte. Ich habe echt Angst, an der LAP abzusaufen, wenn der Lockdown noch lange weitergeht.

Im Moment ist für uns angehende Köchinnen und Köche alles ganz schön kompliziert.

«In der Schule ist ständig dieses Risiko, dass man in Quarantäne muss. Und die Küchen vieler Restaurants sind eben zu.»

Von daher habe ich noch Glück, unser Lehrmeister schaut gut zu uns. Zwei bis drei Tage die Woche kann ich im Kantinenbetrieb in einem unserer Restaurants mitkochen. Aber dort steht halt nur ein Fleischgericht auf der Karte, dazu ein Vegi-Menü und Schnipo. Das ist besser, als nicht zu arbeiten, aber es ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Ein Kantinen- und ein Restaurantbetrieb, das sind zwei Welten. Und ich muss mich auf die zweite vorbereiten.

An der LAP müssen wir innerhalb einer gewissen Zeit einen Fünfgänger für vier Personen kochen. Wir wissen zwar, welche Hauptgerichte wir können müssen, aber das sind ganz schön viele. Was wir dann an der Prüfung kochen müssen, wird ausgelost. Man kann viele Fehler machen, bei der Hygiene, bei der Arbeitsorganisation, bei der Schickzeit, beim Geschmack. Deshalb ist die Routine so wichtig. Und die kann man sich nur bei der täglichen Arbeit in der Küche holen. Trotzdem will ich nicht, dass die Experten grosszügiger sind als in anderen Jahren.

«Sonst heisst es wie bei den Abgängern von 2020, wir seien ein Coronajahrgang. Ich habe von Wirten gehört, die einen Bogen um diese Köche machen.»

Wenn man nicht wie sonst arbeitet, ist es schwierig, einen Rhythmus zu behalten. Am Anfang fand ich es lässig, am Morgen lange auszuschlafen. Aber als der Lockdown sich in die Länge zog, wurde das bald langweilig. Und am Abend war ich nicht mehr müde und konnte nicht einschlafen.

Ich vermisse es auch, in der Küche zu stehen und so richtig «im Scheiss» zu sein. Es gehört dazu, dass das ab und zu passiert. Als ich eine Lehrstelle suchte, habe ich zuerst als Restaurationsfachfrau geschnuppert, aber als ich dann sah, wie es in der Küche zu und hergeht, wollte ich unbedingt da hin. Köche sind ein besonderer Menschenschlag, man könnte sagen, dass sie nicht alle Tassen im Schrank haben. Mir gefällt diese Welt sehr gut.

Ich hoffe, dass die Restaurants bald wieder öffnen dürfen und die Leute auch den Mut haben, zu uns zu kommen. Die Branche hat wahnsinnig gelitten. Ich habe im Sommer zum Glück schon eine Anschlusslösung, ich mache eine zweite Lehre im Bereich Patisserie. In meiner Klasse haben es viele weniger gut, sie wissen noch nicht, wie es für sie weitergeht. Für sie ist alles noch härter.

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