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BILDPAKET ZUM TOD VON ALEXANDER TSCHAEPPAET AM FREITAG, 4. MAI 2018 --- Stadtpraesident Alexander Tschaeppaet, OK-Praesident Tour de France Bern, spricht an der Pressekonferenz zur

Alexander Tschäppät (1952-2018). Bild: KEYSTONE

Adieu «Tschäppu» – Bern trauert um seinen grössten Fan

Der ehemalige Berner Stadtpräsident und Nationalrat Alexander Tschäppät ist tot. Der 66-jährige Sozialdemokrat erlag am Freitag einem Krebsleiden. Mit ihm verliert die Bundesstadt einen volksnahen Charismatiker, der ebenso populär wie polarisierend war.



Humorvoll, volksnah, charismatisch und nicht immer ohne Fehl und Tadel: So dürfte alt Stadtpräsident Alexander Tschäppät wohl vielen Bernerinnen und Bernern in Erinnerung bleiben. Vier Jahrzehnte lang prägte der Sozialdemokrat die Stadtberner Politik mit, zuerst als Stadtrat, später als Gemeinderat und schliesslich zwölf Jahre lang als Stadtpräsident.

«Er ging einfach ins Tram.»

Für Tschäppät war Bern stets «die schönste Stadt der Welt», wie der selbstdeklarierte «Bern Fan» bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten nicht müde wurde zu betonen. Und das wirkte nicht einmal aufgesetzt – war er doch seit frühster Jugend in der Bundesstadt verwurzelt.

«Tschäppu», wie ihn die Berner liebevoll nannten, brauchte keine Umfragen, um die Stimmung in der Bevölkerung zu spüren. «Er ging einfach ins Tram», wie Bundesrätin und Parteikollegin Simonetta Sommaruga vor etwas mehr als einem Jahr bei Tschäppäts Verabschiedung als Stadtpräsident sagte.

BILDPAKET ZUM TOD VON ALEXANDER TSCHAEPPAET AM FREITAG, 4. MAI 2018 --- Der neue Berner Stadtpraesident Alexander Tschaeppaet, rechts, uebernimmt das Zepter vom abtretenden Klaus Baumgartner, links, am Freitag, 31. Dezember 2004 in Bern. (KEYSTONE/Edi Engeler)

Tschäppät übernimmt 2004 das Zepter vom abtretenden Klaus Baumgartner und wird zum wohl populärsten Berner Stadtpräsidenten der Neuzeit. Bild: KEYSTONE

Und der Stadtvater wusste genau, was seine Bernerinnen und Berner mochten: verkehrsberuhigte Quartiere, urbanes Lebensgefühl in den Gassen, Kultur, Sport und natürlich im Sommer sich in der grünen Aare treiben lassen und «chillen».

«Man muss Bern nicht toll finden», sagte Tschäppät im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA kurz vor seinem Abgang als Stadtpräsident Ende 2016.

«Aber man muss anerkennen, dass wir ein hochattraktiver Wirtschaftsstandort sind. Wir sind einer der Wirtschaftsmotoren des Kantons und vielleicht die attraktivste Arbeitsstadt der Schweiz. 185'000 Arbeitsplätze auf 140'000 Einwohner, das kann keine andere grosse Schweizer Stadt vorweisen!»

Die Dynastie

Was auch keine andere Stadt vorweisen kann: eine Familie, die seit 1948 praktisch ununterbrochen in der Stadtpolitik aktiv war. Um Vater Reynold Tschäppät ranken sich viele Legenden, zuletzt war er Stadtpräsident bis zu seinem Tod 1979. Sein Sohn Alexander schaffte 1980 den Sprung ins Parlament.

Er war damals Richter und verbrachte die Donnerstagabende im Stadtrat. Wenn er dort einem Journalisten neckisch ein Täfeli zusteckte («Gäu, schribsch es paar Zyle über mi»), war manch einem klar: Der Sohn wird auch mal Stapi.

Zum Tod von Alexander Tschäppät

2004 war es soweit. Zweimal bestätigten ihn die Berner später im Amt – das beste Resultat erreichte er bei der letzten Wiederwahl 2012.

Im Erlacherhof leistete Tschäppät wohl weit mehr Knochenarbeit als die meisten Berner ahnten. Er beherrschte aber auch den Medienauftritt, war ein vereinnahmender Redner und ein langjähriger Nationalrat – all das verschaffte ihm landesweite Bekanntheit.

Wobei man sagen muss: Nicht jede Schlagzeile war positiv. Den einen oder anderen Skandal leistete sich Tschäppät auch. Googeln kann man das mit Suchbegriffen wie «Christoph Blocher Motherfucker» oder «Italienerwitze».

Alexander Tschäppät in «Das Zelt»

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Video: YouTube/Claudia Salzmann

Tschäppäts Hang zur Selbstdarstellung verlangte Bevölkerung und selbst Genossinnen und Genossen mitunter schon einiges an Nachsicht ab. Gerade die Frauen in seiner Partei fanden seine manchmal machohaften Sprüche daneben. Doch letztlich verzieh man ihm die Ausrutscher.

Plätze, Feste und Lebensqualität

Viele Berner werden die Amtszeit von Tschäppät mit dem Oranje-Fest an der Euro 2008 verbinden und mit dem spektakulären Gastspiel der Tour de France 2016. «Dr Alex», heisst es in Bern, befreite den Bundesplatz von den Autos, baute einen Baldachin über den Bahnhofplatz und ebnete den Weg für das Zentrum Paul Klee.

Tschäppät selber strich indessen die Verdienste der rot-grünen Regierung hervor. «Aus der Stadtflucht haben wir eine Landflucht gemacht. Endlich nimmt die Einwohnerzahl wieder zu. Ausserdem machten wir aus dem hochroten Budget schwarze Zahlen, und das bei einem Ausbau des Service public.»

ARCHIVBILD ZU ALEXANDER TSCHAEPPAET ALS STADTPRAESIDENT VON BERN -- Der Stadtpraesident von Bern Alexander Tschaeppaet, rechts, und der Berner Rockmusiker Goelae jonglieren mit Fussbaellen in der Junkerngasse in Bern vor dem Sitz der Berner Stadtregierung am Donnerstag, 13. Maerz 2008. Tschaeppaet praesentierte kurz vorher das kulturelle Rahmenprogramm waehrend der Euro 2008. Zwischen dem 7. und dem 29. Juni werden eine Reihe von Gratis-Konzerten in den Public-Viewing-Zonen in Bern stattfinden. Goelae selbst hat angekuendigt, wieder auf Berndeutsch zu singen. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Tschäppät (rechts) mit Rockmusiker Göla in der Berner Altstadt. Bild: KEYSTONE

Seine Gegner schimpften den roten Stadtvater schon mal «Cüpli-Sozialist». Im bürgerlichen Lager galt er als «Laisser-faire-Politiker». Die Endlosdebatten rund um das alternative Kulturzentrum Reitschule brachte er kaum vorwärts. Im Nationalrat glänzte er bisweilen eher durch Abwesenheit.

Dass Bern seit einem Vierteljahrhundert stramm auf rot-grünem Kurs ist, hat nicht zuletzt auch mit Tschäppät zu tun. Doch vor den letzten städtischen Wahlen 2016 wurde das SP-Powerplay selbst Eingefleischten zu viel.

Die SP-Nationalraete Alexander Tschaeppaet, BE, links, und Silva Semadeni, GR, verabschieden sich nach der Fruehlingssession der Eidgenoessischen Raete, am Freitag, 16. Maerz 2018, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Tschäppät und Silva Semadeni verabschieden sich nach der Frühlingssession. Tschäppät sass insgesamt 19 Jahre für die SP im Nationalrat. Bild: KEYSTONE

Als Tschäppät unverhohlen seine Parteikollegin, Gemeinderätin Ursula Wyss, als seine Nachfolgerin in Position brachte, goutierten viele diese «Erbmonarchie» nicht. Prompt entschied sich die Wählerschaft für den von den Bürgerlichen ins Gespräch gebrachte Nationalrat Alec von Graffenried von der Grünen Freien Liste. 

Doch die Bernerinnen und Berner verziehen ihrem «Stadtvater» die Ausrutscher immer wieder. Denn keiner vermittelte bernisches Lebensgefühl besser und mit mehr Witz und Schalk als er. (wst/sda)

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