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A waitress wearing a face protection mask serves lunch  on the terrace of the

Trotz kühlen Temperaturen: Die Lust auf auswärts essen ist wie hier in Lausanne gross. Bild: keystone

Analyse

Erlösung oder Desaster? So stehen wir in der Pandemie

Der Bundesrat kassiert für seinen Lockerungsplan Prügel von Gegnern wie Befürwortern harter Corona-Massnahmen. Es ist ein Abbild der diffusen Lage: Das Ende ist in Sicht, doch Rückschläge bleiben möglich.



Der britische Kriegspremier Winston Churchill ist eine ergiebige Quelle für Bonmots. «Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist, vielleicht, das Ende des Anfangs», sagte er im November 1942, nachdem die britischen Truppen bei El Alamein in Ägypten einen wegweisenden Sieg über die Wehrmacht errungen hatten.

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Die Corona-Pandemie ist kein Krieg, auch wenn der französische Präsident Emmanuel Macron die deplatzierte Analogie verwendet hatte. Und vom Ende kann keine Rede sein. Gleichzeitig herrscht eine seltsam diffuse Stimmung: Haben wir mit den Impfungen wenigstens den Anfang vom Ende erreicht, oder stehen wir erst am Ende des Anfangs?

Die ersten Öffnungsschritte

Video: watson

Für Hoffnung sorgen die «Impf-Champions» Grossbritannien und Israel, wo sogar das Ende selbst nahe scheint. Mit Bangen verfolgen wir hingegen die desaströse Entwicklung in Brasilien und Indien. Die mutierten und vermutlich ansteckenderen Virus-Varianten lassen die Befürchtung aufkommen, dass wir weit zurückgeworfen werden könnten.

Bislang geht die Rechnung auf

In den meisten europäischen Ländern ist die Lage fragil, dennoch wagen einige erste Schritte in Richtung Normalität. Seit letzter Woche sind in der Schweiz die Terrassen der Restaurants offen. Kinos, Theater, Konzertsäle dürfen 50 Leute einlassen. Viele Menschen atmen auf und geniessen die teilweise Rückkehr zur vermissten Lebensqualität.

Noch lässt sich nicht seriös beurteilen, ob das Risiko sich auszahlen wird, das der Bundesrat mit seinem ersten Lockerungsschritt bewusst in Kauf nimmt. Drei der vier von ihm definierten Richtwerte sind nach wie vor nicht erfüllt. Bislang aber geht die Rechnung auf: Die Fallzahlen haben sich stabilisiert, die Hospitalisierungen sind rückläufig.

Ist dieser Effekt nachhaltig, oder handelt es sich um die Ruhe vor dem Sturm? Es gibt Indizien für beide Szenarien. Einerseits scheint die Impfkampagne, die so schleppend begann, sich positiv auf die Spitalbelegung auszuwirken. Doch die Infektionen befinden sich nach wie vor auf einem «ungesunden» Niveau. Eine Eskalation ist nicht ausgeschlossen.

Demonstrationsteilnehmer, am Samstag, 24. April 2021, in Rapperswil. Der Verein ãStiller ProtestÒ hatte zu einer Kundgebung gegen Coronamassnahmen aufgerufen. Die Bewilligung wurde nicht erteilt, trotzdem werden Demonstranten erwartet. Die Polizei ist vor Ort. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Grossaufmarsch der Corona-Skeptiker in Rapperswil. Bild: keystone

Das Leben in diesem Spannungsfeld ist nicht einfach, und in den «Randzonen» der Gesellschaft liegen die Nerven blank. Für die Gegner der Corona-Massnahmen, die zuletzt in Rapperswil aufmarschierten, geht alles viel zu langsam. Sie verharmlosen Covid-19 weiterhin als «Grippe» und zelebrieren ein überaus prekäres Verständnis von Freiheit.

Heikle ethische Fragen

Doch auch bei den Befürwortern harter Massnahmen brennen vermehrt die Sicherungen durch, seit der Bundesrat letzte Woche seinen Drei-Phasen-Plan vorgestellt hat. In den «asozialen» Medien trenden Begriffe wie #SwissCovidFail oder #SwissCovidCrime. Sie unterstellen Bundesrat und BAG, eine «Durchseuchung» der Bevölkerung anzustreben.

Das ist in seiner Undifferenziertheit ähnlich dumm wie das Diktatur-Geschrei auf der anderen Seite des Spektrums. Es ist aber unbestreitbar, dass sich heikle ethische Fragen stellen: Sollen wir ein Risiko eingehen? Genügt es, eine Überlastung der Spitäler zu vermeiden? Oder muss man Krankheits- und Todesfälle grundsätzlich verhindern?

Kinder mit Longcovid

Es mag den Massnahmen-Befürwortern nicht gefallen, aber für beide Szenarien gibt es gute Argumente. Krankheit und Tod gehören zum Leben, und schon vor Corona war die Gesellschaft bereit, vermeidbare Fälle in Kauf zu nehmen. Man muss dabei nicht einmal den eher schiefen Vergleich mit den jährlich knapp 200 Verkehrstoten bemühen.

Auf der anderen Seite häufen sich beunruhigende Berichte, dass jüngere Menschen an Longcovid erkranken, auch Kinder. So etwas darf niemanden kalt lassen. Der Schutz der Schwachen und damit der Kinder muss höchste Priorität haben, doch auch Lockdown und Isolation setzen ihnen zu. Die Kinderpsychiatrie erlebt derzeit einen traurigen Boom.

Selbst ein «existenzielles» Ereignis wie die Coronakrise besteht nicht aus Schwarz oder Weiss, sondern aus zahlreichen Grautönen.

Vabanque-Spiel bei Impfungen

Eine No-Covid-Strategie hält selbst der bei Massnahmen-Befürwortern hoch respektierte deutsche SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach in Europa für nicht durchsetzbar. Man werde die Pandemie nur mit Impfungen und Tests in den Griff bekommen. Bei uns läuft beides bislang mehr schlecht als recht. Der Elan beim Testen flaut bereits wieder ab.

Die Impfungen haben Fahrt aufgenommen, aber wenn Jura und Waadt sie für Jugendliche öffnen, ist das kein «Impfwunder», sondern ein Vabanque-Spiel. Alles steht und fällt mit dem Angebot. In der Schweiz werden nur zwei Impfstoffe verwendet (in der Europäischen Union sind es vier), was uns anfällig macht für Lieferprobleme.

Kinder bald geimpft?

Für Verunsicherung sorgen auch die Virusvarianten. Könnte etwa die gefürchtete indische «Doppelmutante» die Vakzine wirkungslos machen? Neue Studien lassen hoffen, dass sie zumindest schwere Krankheitsverläufe verhindern. Covid-19 könnte so seinen grössten Schrecken verlieren, auch dank den Medikamenten, die vermehrt auf den Markt kommen.

Drei-Phasen-Modell des Bundesrats: Werden Nicht-Geimpfte bestraft?

Video: watson

Hoffnung gibt es auch für die Jüngsten, die bislang von den Impfungen ausgeschlossen sind. Biontech-Chef Uğur Şahin kündigte im «Spiegel» an, dass sein Impfstoff schon ab September für alle Kinder ab sechs Monaten zugelassen werden könnte. Das Ziel der Herdenimmunität würde in greifbare Nähe rücken – wenn möglichst alle mitmachen.

Wichtiges Zertifikat

Wichtig ist deshalb das Zertifikat für Geimpfte, Getestete und Genesene. Impfgegner, die häufig auch mit den Corona-Tests nichts anfangen können, laufen dagegen Sturm, und in den Medien wird gefordert, dass dieser Nachweis für Veranstaltungen nur vorübergehend verwendet werden darf, als eine Art «notwendiges Übel».

Im internationalen Reiseverkehr aber wird er nicht so schnell verschwinden. Deshalb besteht auch hier eine gewisse Hoffnung, dass Impfverweigerer und andere Trittbrettfahrer ihren Widerstand klammheimlich aufgeben werden. Es stimmt, die Impfungen sind wie alles im Leben nicht frei von Risiken. Aber ein Antigen-Test wäre definitiv für alle zumutbar.

Bundesrat agiert viel vorsichtiger

Eine Garantie für ein Happyend gibt es nicht, und der Plan des Bundesrats ist eine Gratwanderung mit Absturzgefahr. Man muss ihm aber attestieren, dass er selbst bei den Grossveranstaltungen viel vorsichtiger agiert als im letzten Spätsommer, als er das Land mit überdrehtem Optimismus direkt in die verheerende zweite Corona-Welle navigierte.

Mehr als 10’000 Menschen sind in der Schweiz bislang an oder mit dem Coronavirus gestorben. Massnahmen-Gegner halten diese Zahl für übertrieben, für viele Befürworter ist sie viel zu hoch. Die definitive Abrechnung wird irgendwann erfolgen, und gewisse Schutzmassnahmen dürften noch für einige Zeit Teil unseres Lebens bleiben.

Aber mit einem nüchternen Blick auf das Gesamtbild überwiegt die Hoffnung, dass wir mit Churchills Worten das Ende des Anfangs schon hinter uns gelassen haben. Den einen überwältigenden Moment der Erlösung wird es nicht geben. Aber wir sind auf gutem Weg, uns in den nächsten Monaten schrittweise in die Normalität zurückzubewegen.

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