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Mohr und seine Mohrenköpfe

«Der Mohr und seine Mohrenköpfe»: Der junge William an einer Bäckerei-Ausstellung in Zürich. Bild: schweizer illustrierte

Analyse

Du meinst, der «Mohrenkopf» sei unproblematisch? Schau mal, was 1962 in Zürich los war

Die Berichterstattung über einen schwarzen Bäckerlehrling aus Zürich zeigt, wie rassistisch der «Mohrenkopf» ist. Überwunden wurde der Begriff bis heute nicht.



Die Gesellschaft diskutiert über Rassismus. Ein positiver Effekt davon ist, dass das Interesse am Thema massiv und messbar angestiegen ist. So haben sich in den letzten Tagen die Aufrufe des Wikipedia-Artikels über «Rassismus» fast verzehnfacht.

In der Schweiz entgleiste letzte Woche diese Diskussion wegen Mohrenköpfen. Ist diese Süssigkeit rassistisch? Ist es richtig, dass die Migros das Produkt aus dem Sortiment wirft? Und kann «Mohrenkopf» überhaupt rassistisch verstanden werden?

Es kamen «Hamburger»-, «Wienerli»-Vergleiche auf. Sogar die «Saumoore» kam als Argument auf. Und immer wieder war der Kommentar zu lesen, man kenne doch einen schwarzen Freund, der gar nichts gegen den Begriff hat.

Mohr und seine Mohrenköpfe

Die «NZZ» publizierte 1962 kurz vor der Internationalen Bäckerei- und Konditorei-Schau dieses rassistische Inserat. Bild: NZZ

Diese Argumente, Gedanken, Einwände sind wichtig, weil sie das Verständnis über Rassismus schärfen. Es sollte aber nicht damit enden, dass die rassistische Herkunft des Begriffs «Mohrenkopf», die auf dem Aussehen der Süssigkeit beruht, geleugnet wird.

Im Juni 1962, ziemlich genau vor 58 Jahren, fand im Zürcher Hallenstadion die mehrtägige Internationale Bäckerei- und Konditoreischau (ESPA) statt. Ziel war, beim Publikum «beruflichen Nachwuchs» zu finden. Neben all den eher langweiligen Präsentationen von Maschinen, Geräten, gab es auch Attraktionen, Süssigkeiten und «Zeltli» für Schulklassen und Feinschmecker. Gross inseriert wurde das wenige Tage vor der Eröffnung in der «NZZ» mit den Worten: «Ein Neger bäckt Mohrenköpfe.»

Das war die Attraktion Nummer 1. Das zeigte sich auch in der Berichterstattung über das, was die Besucherinnen und Besucher beim Blick in die Lehrlingsbäckerei in der Halle 4 erleben konnten.

«Blitzsauber gewandet, demonstrieren jugendliche Berufsanwärter, unter ihnen auch ein junges Mädchen und ein Afrikaner, der sinnigerweise Mohrenköpfe fabriziert, ihr in der dreijährigen Lehrzeit erworbenes Können.»

NZZ, vom 21. Juni 1962

Die Sprache wandelte sich, selbst die «NZZ» käme heute nicht mehr auf die Idee, einen solch verschachtelten Satz zu formulieren, umso mehr kann auf die Aussagekraft jedes einzelnen Wortes, insbesondere von «sinnigerweise» gesetzt werden: Der Afrikaner tut das, was zu ihm passt. Diese Verbindung erkannte auch die «Schweizer Illustrierte», als sie in der Bildlegende vom «Mohr und seinen Mohrenköpfen» berichtete.

Mohr und seine Mohrenköpfe

Die «Schweizer Illustrierte» über Williams Handwerk. Bild: schweizer illustrierte

Gemeint damit war der junge William. Er sei gegen 1960/1961 von Ghana in die Schweiz gekommen, liest man in der «Illustrierten» weiter. Ghana wurde in dieser Zeit von Tag zu Tag immer mehr zur Diktatur. Ob der junge William davor flüchtete, wissen wir nicht.

Was man aber weiss, ist: William lernte rasch und gut Schweizerdeutsch, wurde als einer der «tüchtigsten und fleissigsten Lehrlinge seiner Klasse» bezeichnet.

Das muss man sich wie gesalzenen Schaumzucker auf der Zunge zergehen lassen. Obwohl William die hiesigen Gepflogenheiten wenige Monate nach der Einwanderung übernommen hatte, sich gut verständigen konnte und sogar mit seinem Können um Lehrlinge warb, blieb er der Dunkelhäutige. Der Mohr. Der Neger. Der sinnigerweise Mohrenköpfe macht, weil das zu ihm passt.

1962 gab es also eine Verbindung zwischen dunkelhäutigen Mitmenschen und der Süssigkeit. Sie existierte noch, als dreissig Jahre später der Fribourger Schokokuss-Hersteller Café von Chocolat Villars sich vom «Mohrenkopf»-Begriff verabschiedete und «in aller Stille» zu «Choco-Köpfli» wechselte. In einer Kurzmeldung aus dem Jahr 1992 der Schweizerischen Depeschenagentur ist zu lesen, die Migros habe damals schon erkannt, dass der «Mohrenkopf ausgedient hat».

Und heute, 28 Jahre später, scheinen wir vieles davon vergessen oder verdrängt oder nicht gewusst zu haben. Wer die Hintergründe des «Mohrenkopfs» nicht kennt und unsinnigerweise die Debatte nicht ernst nimmt, der vernebelt dann leider allzu häufig den Streit darüber, was Rassismus bedeutet.

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Ist das Wort «Mohrenkopf» rassistisch?

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