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epa08945823 People wearing protective face masks walk in front of a closed Zara clothes shop during the first day of the closure of non-essential shops during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak, in a shopping street of Geneva, Switzerland, 18 January 2021. From 18 January 2021, Switzerland closes non-essential shops and introduces  mandatory teleworking as well as the extension to the end of February of restaurant and sports facilities closures in a move to drastically reduce coronavirus infections.  EPA/LAURENT GILLIERON

Nein, dieser Corona-Winter macht keinen Spass. Ob hier in Genf oder sonstwo. Bild: keystone

Analyse

Ein Jahr Corona in der Schweiz: So kommen wir aus der Misere raus

Vor einem Jahr hat Corona unser Leben auf den Kopf gestellt. Derzeit sind die Perspektiven besonders düster. Mit den Impfungen und einfacheren Tests aber könnte sich die Lage bald entspannen.



Der Winter ist eine trübe Jahreszeit. Die Tage sind kurz, der Himmel ist oft grau, das Wetter ungemütlich. So trübe wie in diesem Jahr aber war er zu unseren Lebzeiten noch nie. Wir müssen auf vieles verzichten, das ein wenig Abwechslung und Wärme ins Leben bringt. Die weissen Landschaften nach dem «Flockdown» hellten die Stimmung nur kurz auf.

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Ein Jahr ist vergangen, seit das neuartige Coronavirus Sars-Cov-2 von einer fernen Bedrohung zu einem unerwünschten, aber festen Bestandteil unseres Alltags wurde. Am 24. Februar wurde erstmals ein Mensch in der Schweiz positiv getestet. Zuvor hatte Italien vergeblich versucht, die Pandemie durch die Abriegelung von Ortschaften in der Lombardei zu stoppen.

Daniel Koch, Leiter Abteilung uebertragbare Krankheiten, im Bundesamt fuer Gesundheit BAG, Bundesrat Alain Berset und die St. Galler Regierungsraetin Heidi Hanselmann, Praesidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren, von links, informieren ueber die neuen Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus am Freitag, 28. Februar 2020 in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Eine Zeitenwende: Gesundheitsminister Alain Berset am 28. Februar 2020. Bild: KEYSTONE

Am 28. Februar verordnete der Bundesrat ein Verbot für Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern. Es war eine Zeitenwende, das Ende des Lebens, wie wir es kannten.

Der Bundesrat wirkt ratlos

Die Basler Fasnacht wurde abgesagt, ebenso der Engadin Skimarathon. Beides findet auch 2021 nicht statt, denn die damaligen Beschlüsse wirken rückblickend wie der Versuch, einen Tsunami mit Regenschirmen aufzuhalten. Noch heftiger brach im Herbst die zweite Welle über uns herein. Sie flaute zuletzt ab, aber nur langsam.

Der Bundesrat wirkt ratlos und will sich nicht festlegen, ob der zweite Lockdown ab März gelockert werden kann. Insgeheim war er wohl froh, dass diese Woche wegen den Sportferien keine Sitzung stattfand und er sich nicht erklären musste. Die Taskforce und ihr Präsident Martin Ackermann jedenfalls finden, man solle die Massnahmen eher verschärfen.

Es ist nicht das, was eine coronamüde Bevölkerung hören will. Ganz zu schweigen von den Branchen und Betrieben, die von den Schliessungen betroffen sind. Dort machen sich Frustration und Verzweiflung breit. Es spricht Bände, dass sowohl der Gewerbeverband als auch Gewerkschaftspräsident Pierre-Yves Maillard diese Woche Lockerungen forderten.

Demonstranten anlaesslich einer Kundgebung des Aktionsbuendnis Urkantone fuer eine vernuenftige Corona-Politik auf dem Hauptplatz in Schwyz vom Samstag, 9. Januar 2021. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Demo von Corona-Skeptikern am 9. Januar in Schwyz. Bild: keystone

Der Corona-Winter zeigt, dass man die Nebenwirkungen der Massnahmen nicht unterschätzen darf. Gerade junge Menschen, die auf vieles verzichten müssen, leiden unter psychischen Problemen. Auch gibt es beunruhigende Hinweise, dass es anders als im Frühjahrs-Lockdown vermehrt zu Fällen von häuslicher Gewalt auch gegen Kinder kommt.

Eine fatale Zwickmühle

Kritiker der Corona-Massnahmen greifen diese Aspekte begierig auf und fordern mit anklagendem Unterton eine sofortige Öffnung von Läden und Restaurants. Darin steckt viel Heuchelei. Die gleichen Leute reagieren im «normalen» Leben meist gleichgültig auf Kindsmissbrauch oder Gewalt gegen Frauen. Das Problem aber ist real.

Die Behörden stecken in einer fatalen Zwickmühle. Das Bestreben, Todesfälle und eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern, hat Priorität. Es gefährdet aber zunehmend nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Zukunft der Kinder. Lernschwache Schülerinnen und Schüler verlieren den Anschluss, Jugendliche können keine Schnupperlehre machen und haben Mühe bei der Lehrstellensuche.

Eine «Pandemie in der Pandemie»

«Wir sind gerade in der schwierigsten Phase der Pandemie», brachte es Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, im «Spiegel»-Interview auf den Punkt. Verantwortlich dafür sind die Mutationen des Coronavirus. Sie sorgen dafür, dass sich derzeit manches so diffus anfühlt wie im Februar 2020.

epa08973197 Ambulances queue for pre-screening of patients upon arrival at Santa Maria Hospital in Lisbon, Portugal, 29 January 2021. On 28 January evening in declarations to journalists, the president of the board of directors of Northern Lisbon University Hospital Center, announced that from 29 January a pre-screening of patients will be done to try to avoid so many ambulances stopped outside the hospital.  EPA/TIAGO PETINGA

Ambulanzenstau in Lissabon: Portugal erlebte wegen den Mutationen eine Explosion der Fallzahlen. Bild: keystone

Viren mutieren ständig, doch die in England, Südafrika und Brasilien aufgetauchten Virenstämme scheinen ansteckender zu sein als die bisherigen Varianten. Vor allem die Mutation P1 aus Brasilien steht im Verdacht, eine bestehende Immunabwehr umgehen und eine Zweitinfektion auslösen zu können. Es droht eine «Pandemie in der Pandemie».

Der Trend ist positiv

Wie akut diese Gefahr ist, weiss niemand so genau. Als abschreckende Beispiele gelten Irland oder Portugal, doch dort reagierten die Behörden (zu) spät auf das Problem. Für die Taskforce des Bundes jedenfalls sind die Mutationen der Hauptgrund, warum sie vom voreiligen Öffnungen abrät. Denn eigentlich ist der Trend in der Schweiz positiv.

Die Fallzahlen sind rückläufig, allerdings liegt Schaffhausen derzeit als einziger Kanton bei der 7-Tage-Inzidenz unter den 35 Fällen pro 100’000 Einwohnern, die Deutschland am Mittwoch als Ziel für Lockerungen definiert hat. Erfreulich ist, dass die Positivitätsrate auf unter fünf Prozent gefallen ist. Es bleiben kaum noch Infektionen unbemerkt.

Es ist nicht so einfach

Die Testoffensive des Bundesrats scheint sich auszuzahlen, auch wenn nicht alle Kantone so weit gehen wie Graubünden mit seinen Massentests. Weniger gut sieht es bei den Impfungen aus, die Schweiz steht kaum besser da als die EU. Mit dem Ausbau der Produktion und der Zulassung weiterer Vakzine wird sich die Lage entspannen.

Der 80 jaehrige Max Clapasson aus Altdorf wird als erste Person im Kanton Uri mit dem Impfstoff von Pfizer Biontech gegen Corona geimpft, im Kantonsspital Uri in Altdorf, am Montag, 4. Januar 2021. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Mit den Impfungen wie hier in Altdorf geht es erst langsam vorwärts. Bild: keystone

Was aber machen wir, bis das rettende Ufer erreicht ist? Ein «endloser» Lockdown kann es nicht sein. «Die Vulnerablen schützen!», fordern Massnahmen-Gegner lautstark. Bloss: Wenn das so einfach ist, warum geschieht es dann nicht? Weil es nicht so einfach ist!

Problematische Forderung

Eine Abriegelung der Alters- und Pflegeheime ist nicht praktikabel. Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen versorgt werden, nicht zuletzt medizinisch. Die meisten Angehörigen einer Risikogruppe wohnen ohnehin nicht im Heim. Ihnen vorbehaltene Massnahmen wie reservierte Einkaufszeiten tönen auf dem Papier gut, sind aber kaum umsetzbar.

Vollends problematisch ist die Forderung, die Risikogruppen müssten sich halt isolieren, damit für die Anderen das «normale» Leben zurückkehren kann. Darf man die Freiheit der Schwachen einschränken, damit die Starken ihre Freiheit zurückerhalten? Bedeutende Errungenschaften der menschlichen Zivilisation wären damit in Frage gestellt.

Hoffen auf neue Tests

Gibt es Alternativen? Mit der in Fernost erfolgreich praktizierten Kombination aus Testen, Contact Tracing und Quarantäne wird es wohl nichts mehr. Bei den Tests sieht es inzwischen gut aus, der Rest ist Schweigen. Ebenso fehlt der Glaube, dass die an sich funktionstüchtige und vorbildlich aufgebaute Swisscovid-App noch zum Erfolg wird.

Und trotzdem zeichnet sich bei aller gebotenen Vorsicht ein Ausweg ab. Dafür sorgen könnten neben den Impfungen die neuen Antigen-Nasenabstrichtests, die bald auf den Markt kommen. Sie sind einfach, schnell, «schmerzlos», günstig (ein Testkit kostet maximal 5 Franken) und nicht ganz, aber fast so zuverlässig wie ein PCR-Test.

Gamechanger oder nicht?

Taskforce-Mitglied Didier Trono dämpft im watson-Interview die Erwartungen an die neuen Tests. Wenn sie aber wie versprochen funktionieren, professionell angewendet und in grosser Menge produziert werden, könnten diese Nasentests zu einem «Gamechanger» in der Pandemie werden. Nicht nur Schulen und Heime liessen sich damit durchtesten.

Als Alternative zum Impfnachweis könnten sie vor einem Theaterbesuch oder einem Flug zur Anwendung kommen, sofern sie vor Ort und korrekt durchgeführt werden. Damit könnte das am Boden liegende Veranstaltungs- und Reisegeschäft wieder in Gang kommen. Selbst Openair-Festivals oder die Öffnung der Clubs wären grundsätzlich möglich.

Die neuen Tests sind kein Zauberstab, der das Coronavirus zum Verschwinden bringt. Wirksam sind letztlich nur die Impfungen. Aber wenn die Zahl schwerer Covid-19-Fälle dank den Tests abnimmt, wäre viel erreicht. Als «flankierende Massnahmen» dürften Schutzkonzepte oder eine Maskenpflicht in Innenräumen ohnehin vorerst bleiben.

Es gibt definitiv Grund zur Hoffnung. Vor zu viel Euphorie sollte man sich dennoch hüten. Ein Jahr Corona hat uns gelehrt, dass böse Überraschungen nie auszuschliessen sind.

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