Schweiz
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Studentinnen und Studenten mit Masken an der Universitaet Zuerich am Montag, 14. September 2020, in Zuerich. An der UZH gilt eine Maskentragepflicht in oeffentlich zugaenglichen Innenraeumen, wie Korridore, Lichthoefe, Toilettenanlage, Aufzuege, Museen, Bibliotheken und Gastrobereiche. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Am Montag kehrten die Studierenden an die Hochschulen – hier die Uni Zürich – zurück, wenn auch mit Maske. Bild: keystone

Analyse

Ein halbes Jahr Pandemie: Die Schweiz bleibt locker – wie lange noch?

Vor sechs Monaten verkündete der Bundesrat den Lockdown. Die Schweiz hat in der Krise vieles richtig gemacht, auch wenn die Corona-Skeptiker das anders sehen. Nun aber begibt sie sich auf abschüssiges Terrain.



Israel hat kapituliert. Was die Feinde des jüdischen Staates mit Waffengewalt nie geschafft haben, hat ein winziges Virus vollbracht. Nach einem wochenlangen Kampf gegen steigende Coronazahlen musste die Regierung am Sonntag den Rückzug befehlen, den sie unbedingt vermeiden wollte: Ab Freitag tritt erneut ein landesweiter Lockdown in Kraft.

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Im Frühjahr galt Israel als Musterland bei der Corona-Bekämpfung. Bereits Anfang März wurde eine 14-tägige Quarantäne verfügt für Reisende aus zahlreichen Ländern, darunter die Schweiz. Erst am 11. März konnte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu durchringen, den Covid-19-Ausbruch offiziell zu einer Pandemie zu erklären.

epa08665938 Medical team of Maccabi Health Services takes swab samples at a test station in Modi'in near Jerusalem, Israel, 13 September 2020. The rate of morbidity and spread of the coronavirus led to new government restrictions aimed to prevent the spread of the coronavirus and COVID-19 disease outbreak.  EPA/ABIR SULTAN ..EPIDEMIC & PLAGUE

Coronatest in Jerusalem: Nach einem starken Anstieg der Fallzahlen muss Israel erneut in den Lockdown. Bild: keystone

Sechs Monate sind seither vergangen. Die menschliche Wahrnehmung ist wie so oft sehr unterschiedlich. Während die einen das Gefühl haben, der Corona-Ausnahmezustand habe gerade erst begonnen, dauert er für andere schon eine Ewigkeit. Und nicht wenige haben nach einem relativ lockeren Sommer das Gefühl, der Spuk sei eigentlich vorbei.

Dabei steigen die Fallzahlen in Europa wieder an und zwar auch in Ländern, die sich im Frühjahr vorbildlich geschlagen hatten. Dazu gehörte neben Israel auch Österreich, trotz des Après-Ski-Debakels in Ischgl. Nun schlägt Bundeskanzler Sebastian Kurz Alarm. «Was wir gerade erleben, ist der Beginn der zweiten Welle», teilte er am Sonntag mit.

Mehr Ältere infizieren sich

Schwierig ist die Lage auch in Ländern, die schon im Frühjahr stark gelitten hatten, wie Frankreich und Spanien. Und der kalendarische Herbst beginnt erst nächste Woche. Dennoch bleibt es (noch) ruhig, weil trotz der zunehmenden Corona-Fälle die Zahl der Spitaleinweisungen und Todesopfer viel tiefer ist als auf dem Höhepunkt der ersten Welle.

Der Bundesrat erklärt die «ausserordentliche Lage»

Video: watson/nico franzoni

Liegt das daran, dass sich vor allem junge Menschen anstecken? Oder hat sich das Virus abgeschwächt? Experten sehen dafür keine Anhaltspunkte, dafür gibt es beunruhigende Hinweise, dass sich die Älteren wieder vermehrt infizieren. Damit scheint sich jenes Szenario zu bewahrheiten, vor dem etwa die Basler Biologin Emma Hodcroft gewarnt hat.

«Ist das wirklich richtig?»

Was bedeutet das für die Schweiz? Sie hat vieles, wenn auch längst nicht alles richtig gemacht. Am 28. Februar hatte der Bundesrat Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen verboten und damit ebenfalls Pionierarbeit geleistet. Genützt hatte es wenig, weshalb am 16. März die ausserordentliche Lage und damit der Lockdown verfügt wurde.

Der Bundesrat hat sich diese Entscheide keineswegs leicht gemacht, wie Justizministerin Karin Keller-Sutter im Interview mit watson erklärte:

«Man sitzt da und fragt sich: Was machen wir eigentlich mit diesem Land? Wir verbieten dieses und machen jenes zu. Ist das wirklich richtig? Ich habe diese Verantwortung mit Haut und Haaren gespürt. Auf der anderen Seite konnten wir wohl nichts anderes machen, als alles herunterzufahren.»

Mit sechs Monaten Abstand bestätigt sich die Annahme, dass der Bundesrat wohl gerade rechtzeitig die Notbremse gezogen hat, um katastrophale Zustände in den Spitälern zu verhindern. Selbst in der Westschweiz und im Tessin, wo die Lage zeitweise sehr angespannt war, kam es nie zu dramatischen Szenen wie in Bergamo in der Lombardei.

Im Spital La Carita in Locarno war die Lage während der ersten Welle zeitweise sehr angespannt. Bild: KEYSTONE

Drei Monate später, am 19. Juni, kehrte der Bundesrat von der ausserordentlichen in die besondere Lage zurück. Der Lockdown war zu jenem Zeitpunkt bereits Vergangenheit, die Schweiz hat im internationalen Vergleich ein sehr forsches Öffnungstempo vorgelegt. Bislang ging es gut, doch die Fallzahlen steigen auch bei uns kontinuierlich an.

Corona-Skeptiker sind Randgruppe

Einzelne Massnahmen wurden zurückgenommen und in einigen Bereichen eine Maskenpflicht eingeführt. Gleichzeitig ist eine Corona-Müdigkeit nicht zu übersehen. Das zeigt sich auch in den watson-Kommentaren: Wurde man im Frühjahr gescholten, wenn man den Bundesrat kritisierte, so ist dies heute eher der Fall, wenn man zu Vorsicht mahnt.

Wir wollen unser altes Leben zurück und im schönen und warmen Sommer haben wir das auch ein gutes Stück weit geschafft. Vielleicht sind die Corona-Skeptiker – ein bunter Haufen unterschiedlich motivierter Menschen – deshalb bei uns eine Randerscheinung geblieben. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung stützt die Politik des Bundesrats.

Nicht annähernd eine Diktatur

Selbst als er mit Notrecht regierte, war die Schweiz nicht einmal annähernd eine Diktatur, auch wenn das gewisse Corona-Rebellen behaupten. Sämtliche Institutionen waren voll funktionsfähig. Es ist nicht die Schuld des Bundesrats, dass das Parlament in den ersten Wochen die Arbeit verweigert hatte und die Kantone überfordert waren.

Die angepasste Covid-19-Verordnung zu den Grossanlässen

Natürlich wurden im Vorfeld Fehler gemacht, wie der letzte Woche ausgestrahlte SRF-Dokfilm zeigt, der allerdings von einer besserwisserischen «Im Nachhinein ist man immer schlauer»-Tonalität geprägt war. Und man wird den Verdacht nicht los, dass das Contact Tracing der Kantone bei einer weiteren Zunahme der Fallzahlen irgendwann implodiert. Die Entwicklung im Kanton Waadt jedenfalls gibt allen Grund zur Besorgnis.

Das Virus hat nicht genug von uns

Denn über den Berg sind die Welt und damit auch die Schweiz nicht. Sie begibt sich vielmehr auf ein abschüssiges Terrain, mit erhöhter Absturzgefahr. Während immer mehr Länder auf die Bremse treten, bleibt sie locker. Am Montag wurde der physische Lehrbetrieb an den Hochschulen wieder aufgenommen und ab Oktober sind Grossveranstaltungen mit mehreren Tausend Teilnehmern wieder zugelassen.

Manche Experten erfasst deswegen das Grauen. So hat die konservative Regierung in Grossbritannien, dem von der Pandemie am stärksten getroffenen Land in Europa, letzte Woche Versammlungen mit mehr als sechs Personen verboten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die Schweiz aber will ab Oktober exakt in die andere Richtung gehen.

Im Bundesrat ist man sich des Risikos bewusst, wie Karin Keller-Sutter im Interview sagte:

«Ich gönne es allen, die sehnlichst auf einen Match oder eine kulturelle Veranstaltung gewartet haben. Man kann nicht die Leute einsperren und unendlich Staatshilfe geben, sondern wir müssen den Leuten jetzt wieder auf die Beine helfen. Und es ist auch eine wirtschaftliche Überlebensfrage. Aber die Pandemie ist immer noch da, wir müssen mit ihr leben.»

Wirtschaftliche Erwägungen hätten in der Schweiz Vorrang gegenüber epidemiologischen Bedenken, befand die «Financial Times». Suzanne Suggs, eine Professorin an der Universität der italienischen Schweiz in Lugano, hob in der Wirtschaftszeitung den Warnfinger: «Alle haben genug von der Pandemie und wollen, dass das Virus verschwindet. Aber es hat nicht genug von uns.»

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