Leben
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Interview

Warum sich Frauen auf Sex einlassen, den sie eigentlich nicht wollen

Gunda Windmüller / watson.de



Wenn man nur aus dem Augenwinkel auf unsere Welt guckt, könnte man sie für sexuell fröhlich-frei halten. Im Drogeriemarkt um die Ecke gibt es Gleitgel mit Geschmack, Frauen feiern Dildopartys und soziale Ächtung nach einem One-Night-Stand muss eh niemand mehr fürchten.

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Die Autorin Caroline Rosales schreibt in ihrem aktuellen Buch von dem Phänomen des Verlegenheitssex. bild: caroline rosales paustian

Der Blick aus dem Augenwinkel scheint zu bestätigen: Wir können alles haben. Doch das ist nicht das ganze Bild, wie Caroline Rosales in ihrem aktuellen Buch «Sexuell verfügbar» nachdrücklich beschreibt. Frauen haben noch zu oft Sex, der gar nicht in Kontakt mit ihren eigenen Bedürfnissen steht.

So beschreibt sie in ihrem Buch Sex mit einem Typen, der zwar ohne körperlichen Zwang zustande kam, aber von ihr auch nicht wirklich gewollt wurde. Wir haben mit ihr über diese Graubereiche gesprochen.

watson: Du beschreibst in deinem Buch ein sexuelles Erlebnis, das nach einem «verpassten Nein» stattfand – Verlegenheitssex, könnte man auch sagen. Was ist damit genau gemeint?
Caroline Rosales: Man lernt jemanden kennen, man trinkt viel, unterhält sich, aber man findet die Person nicht so doll. Aber irgendwie ist es unangenehm, den jetzt komplett abzuweisen. Da spielen viele Gefühle eine Rolle. Man will nicht unhöflich sein, vielleicht meint er es ja auch gar nicht böse. Aber irgendwann kippt die Stimmung und es wird klar: Hier wird gleich was passieren. So eine Situation ist jeder schon mal passiert. Und dann denkt man sich, dass es sicherlich ein grösserer Aufwand wäre, das jetzt abzumoderieren. Stattdessen zieht man es durch. Als Frau hat man eben auch Angst, dass das eigene «Nein» in eine Aggression mündet.

Eine solche Situation wurde auch in der Kurzgeschichte «Cat Person» beschrieben, die Ende 2017 um die Welt ging. Dort heisst es direkt zu Anfang, «sie war selbst überrascht, dass sie ‹ja› sagte». Als hätte man gar keine Kontrolle mehr über die Dinge, denen man sich hingibt. Du schreibst: «Ich fand tausend Entschuldigungen für ihn und die vermeintliche Stärke, ihm ein gutes Gefühl zu geben – nur für mich selbst, für meine Gefühle hatte ich offenbar nichts übrig.»
Genau. Man ist dann im Flow mit seiner Erziehung und Prägung. Mädchen sind serviceorientiert! Wir haben gelernt, dass sich andere in unserer Gegenwart wohlfühlen sollen, wir umsorgen also. In grotesker Weise überträgt sich das auf unser Sexleben. Jungs werden mehr zum Konflikt erzogen, «Diskutier's aus, nimm dir, was du willst!» Mädchen hören stattdessen: «Sei lieb!» Und tragischerweise ist das dann auch noch da, wenn wir älter sind.

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ullstein

Diese Erlebnisse klingen so beiläufig, dabei geht es doch um etwas ganz Bemerkenswertes. Das eigene, innere «Nein», was nicht richtig wahrgenommen wurde.
In meiner Generation gibt es viele solcher Beiläufigkeiten. So sind wir aufgewachsen. «Zieh das Kleidchen an und gib dem Onkel ein Küsschen». Die Jungs, die einem früher den Arm um die Schulter legten, weil sie uns «ärgern» wollten. Oder Typen, die aggressiv auf eine Abfuhr reagieren: «Oh, was eine Schlampe!» Oder der Chef, den ich in meinem Buch beschreibe, der immer wollte, dass wir Kolleginnen mit ihm essen gehen. Da sorgt man sich halt: Und wenn man «nein» sagt und der einen dann vor dem anderen Chef schlechtmacht? Dann hat man es selber überhaupt nicht mehr in der Hand.

Das heisst, wir sehen uns zu sehr mit den Augen anderer?
Richtig. In dem Kapitel im Buch, in dem es um diesen Chef geht, analysiere ich immer nur seine Sicht, wie er sich wohl fühlen mag. Diese tiefliegende Empathie bei uns Frauen nützt uns allerdings selber nichts!

Du schreibst auch, dass weibliches Wollen ist, gewollt zu werden. Wenn ich das mal derbe überspitzen darf: Fickbarkeit ist also der Endboss? Und wenn das so ist: Können wir dabei überhaupt guten Sex haben?
Ich habe eine Freundin, die war im neunten Monat schwanger und hatte Sex mit ihrem Freund. Und dann erzählt sie mir, dass sie währenddessen darüber nachdachte, in welcher Stellung sie wohl unvorteilhaft aussehe. Diesen Blick kriegt man nicht raus. Diese ewigen Regieanweisungen. Vielleicht, wenn man ganz lange zusammen ist und sich sehr innig fühlt, wird es irgendwann körperlos – aber auch ganz junge Frauen sagen immer, dass es darum geht, ein Objekt zu sein. Die sexuelle Verfügbarkeit steht immer im Raum. Die bleibt, und man kann sich nicht durch Bildung, Erfolg oder Geld darüber hinwegsetzen. Als 50-jähriger Singlemann bist du der Catch of the Town. Als 50-Jährige? Oje. Alleine, vertrocknet, frustriert.

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Ein 50-jähriger französischer Autor sagte vor kurzem, er sei nunmal nicht an älteren Frauen interessiert, sondern nur an Mitte-20-Jährigen ...
Ja, wie diese ganzen Endvierziger auf Tinder, die Anfang-20-Jährige daten wollen. Aber das ist nicht mehr cool und lässig. Männer, auch wenn sie sich das schönreden, werden auch alt. Mittlerweile finde ich daher gleich alte Paare immer viel schöner, das hat etwas Würdevolles. Alles andere wirkt hingegen so clownhaft, man kann es gar nicht mehr ernst nehmen. Klar, man kann nicht bestimmen, in wen man sich verliebt, aber es ist ein Muster. Ein Patriarchatsding.

Und wenn es umgekehrt ist, ist es aber trotzdem etwas anderes, oder?
Ja, ältere Frauen, die jüngere Männer begehren, werden immer irgendwie pathologisch dargestellt, nicht normal. Emmanuel Macron sieht das auch so: Wäre seine Frau so viel jünger als er, wäre der Altersunterschied kein Thema.

Aber langsam stellt sich eine Bewusstseinsänderung ein. Und das ist gut.

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