Leben
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Leistungsgesellschaft, Meritokratie (Symbolbild)

In der Leistungsgesellschaft steht der Weg nach oben allen frei – so die Theorie. Bild: Unsplash/Samuel Zeller

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft – denkste!

Marko Kovic



Du kannst alles erreichen, solange du die nötige Leistung erbringst. Die Chancen sind für alle gleich; das Einzige, was über Erfolg oder Misserfolg bestimmt, ist das Ausmass an Fleiss und Ausdauer, das du zu investieren bereit bist.

Marko Kovic

Bild: zVg

Marko Kovic denkt und schreibt zu gesellschaftlichem Wandel und technologiebezogenen Risiken. Er ist Mitgründer von ars cognitionis und von ZIPAR.

So in etwa lässt sich das Grundversprechen unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft zusammenfassen. Und wir dürfen in der Tat froh sein, in einer Gesellschaft zu leben, die nach diesem meritokratischen Ideal strebt, denn die Alternativen sind fundamental unfair. In aristokratischen Gesellschaftsordnungen beispielsweise bestimmt einzig die familiäre Herkunft über Erfolg im Leben; in korrupten plutokratischen Systemen ist einzig ein dicker Geldbeutel ausschlaggebend.

Das meritokratische Ideal ist nicht nur Theorie, sondern durchaus auch gelebte Praxis, denn in den meisten gesellschaftlichen Domänen gilt heute das Primat der Chancengleichheit und der Leistung. Die Mathematik-Prüfung in der Schule wird für alle Schülerinnen und Schüler genau gleich bewertet. Die offene Stelle in einer Firma wird mit jener Person besetzt, die die besten Kompetenzen vorzuweisen hat. Auf dem Sportplatz gewinnt das Wettrennen, wer am schnellsten über die Ziellinie rennt. Meritokratie funktioniert.

Könnte man zumindest meinen. Zwar ist unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht formal meritokratisch organisiert, aber die subtilen Prozesse und Mechanismen, welche über Erfolg oder Misserfolg bestimmen, sind oft alles andere als meritokratisch. Massgeblich dafür verantwortlich sind drei Probleme: die menschliche Irrationalität, kumulative Ungleichheit sowie Zufall.

Die Konsequenzen subtiler Irrationalität

Im Prinzip klingt Meritokratie einfach. Wie viel Leistung wir erbringen, bestimmt direkt und objektiv, wie viel Erfolg wir haben. Das Problem mit dieser einfachen Gleichung ist aber, dass Leistung fast nie rein objektiv und neutral bewertet wird. Wie gut oder wie schlecht unsere Leistung ist, bestimmen nämlich immer Menschen. Und wenn es darum geht, die Leistung anderer Menschen einzuschätzen, sind Menschen systematisch irrational.

Ein Beispiel für diese Form der Irrationalität ist der Einfluss von Charaktereigenschaften auf die Wahrnehmung von Leistung. So haben extrovertierte Menschen, die den Austausch mit anderen Menschen und in Gruppen als anregend empfinden, im Vergleich zu eher zurückhaltenden, introvertierten Menschen deutlich bessere Aussichten im Berufsleben: Sie verdienen bei gleicher Kompetenz und gleicher Leistung mehr.

Geld, Banknoten, Dollars (Symbolbild)

Mehr Leistung, mehr Geld: So lautet das Mantra der Meritokratie. Bild: Unsplash/Sharon McCutcheon

Ein anderes Beispiel für Irrationalität in vermeintlich meritokratischen Entscheidungskontexten ist subtile Stereotypisierung. Zum Beispiel hat sich gezeigt, dass identische Verhaltensmuster bei Männern und Frauen teilweise diametral unterschiedlich interpretiert werden. Was bei Männern als selbstbewusst und willensstark gilt, wird bei Frauen schnell als schnippisch und arrogant angesehen.

Auch bei der Jobsuche schaffen Denkfehler Probleme. So haben Bewerberinnen und Bewerber mit einem «exotischen» Namen bei gleichen Kompetenzen schlechtere Chancen als Mitbewerberinnen und Mitbewerber mit «normalem» Namen. Und in den Bewerbungsgesprächen sind die Personalverantwortlichen alles anderes als neutral: Sie bevorzugen unter anderem jene Kandidierende, die ihnen selber am ähnlichsten sind.

Das vielleicht deutlichste Beispiel, wie die menschliche Irrationalität Meritokratie untergräbt, ist der berühmte «Halo»-Effekt. «Halo» ist englisch für Heiligenschein, und der Halo-Effekt bedeutet sinngemäss, dass wir von einer positiven Eigenschaft einer Person schliessen, dass auch andere Eigenschaften dieser Person positiv sein müssen. Eine solche positive Eigenschaft, die uns blendet, ist Schönheit. Schönere Menschen haben bereits in der Schule bessere Noten bei gleicher Leistung, und sie finden später bessere Jobs und verdienen mehr als weniger schöne Menschen.

Diese subtilen irrationalen Verzerrungen im Denken und Entscheiden sind ein Faktor, der Meritokratie auf der Mikro-Ebene untergräbt. Aber Meritokratie hat auch in systemischer Hinsicht ein Problem: kumulative Ungleichheit.

Kumulative Ungleichheit

Der Begriff «Meritokratie» wurde 1958 vom britischen Soziologen Michael Young in seinem Buch «The Rise of the Meritocracy» eingeführt. Das Buch war allerdings kein Loblied auf die Meritokratie, sondern eine dystopische Satire, welche das vielleicht zentrale Problem der Meritokratie nachzeichnet: Meritokratie schafft formale Chancenungleichheit ab, führt aber gleichzeitig sich selbst verstärkende Ungleichheiten ein, die wir nicht unbedingt als solche erkennen. Warum, zeigt ein einfaches Gedankenexperiment.

Angenommen, wir erschaffen eine neue Gesellschaft, in der Meritokratie perfekt institutionalisiert ist. Diese perfekte Meritokratie schafft es tatsächlich, perfekt fair Sieger und Verlierer hervorzubringen. Diese perfekte Fairness geht aber schon in der nächsten Generation der Bewohnerinnen und Bewohner unserer neuen Gesellschaft verloren.

Die Kinder der Sieger werden nämlich in eine andere sozio-ökonomische Realität hineingeboren als die Kinder der Verlierer: Die Sieger können es sich eher leisten, ihre Kinder auf gute Schulen zu schicken, ihnen Nachhilfe-Unterricht zu ermöglichen, ihnen ein schönes Studium zu finanzieren, ihnen im Erwachsenenalter finanziell unter die Arme zu greifen, ihnen als Erben ein schönes Vermögen zu hinterlassen. Die Früchte des Erfolgs der ersten Generation schwappen also unweigerlich auf die nächste über und schaffen ungleiche Chancen. Diese Form der Pfadabhängigkeit von Erfolg und Misserfolg verschärft sich über die Zeit, ganz im Sinne des Matthäus-Effektes: Wer hat, dem wird gegeben.

Buchcover «The Meritocracy Trap»

Was kumulative Ungleichheit in der Praxis bedeutet: «The Meritocracy Trap» von Daniel Markovits. Bild: Amazon

In seinem Buch «The Meritocracy Trap» beschreibt der Jurist Daniel Markovits, was diese kumulative Ungleichheit in der Praxis bedeutet: Vermögen und Privilegien werden quasi-dynastisch über Generationen weitergereicht, mit nur wenig sozialer Durchlässigkeit und Mobilität. Darunter leiden nicht nur die Erfolglosen, sondern zunehmend auch die privilegierten Eliten, die ihr Dasein in einem starren pseudo-meritokratischen Korsett fristen müssen; durch den vererbten Erfolg dazu verdammt, noch mehr Erfolg zu generieren.

Menschliche Irrationalität lässt Zweifel an der Qualität der meritokratischen Leistungsbeurteilung aufkommen, und kumulative Ungleichheit bedeutet, dass das meritokratische Ideal der Chancengleichheit unrealistisch ist. Ein drittes Problem bricht der Idee der Meritokratie endgültig das Genick: Zufall.

Zufall

Wir alle haben in unserem Leben kleinere oder grössere Erfolge gefeiert. Wie kamen diese zustande? Ganz klar: Wir haben sie uns verdient! Wir haben härter oder effizienter oder schlauer gearbeitet als die anderen, und der Lohn unserer Mühen war der Erfolg.

Es mag durchaus sein, dass ein gewisses Mass an Leistung zu Erfolg beitragen kann. Aber ein anderer Faktor spielt eine mindestens genauso grosse Rolle: der pure Zufall.

Das klingt zunächst absurd. Niemand denkt, dass die eigenen Erfolge rein zufällig zustande kamen, denn wir haben alle das Gefühl, uns unsere Erfolge im Leben hart erkämpft zu haben. Und wenn wir die erfolgreichsten Menschen auf der Welt anschauen, wird dieses Gefühl noch bestärkt. Leute wie Elon Musk, Bill Gates, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos mögen alle etwas kuriose Persönlichkeiten sein, aber niemand kann ernsthaft abstreiten, dass sie sich ihren milliardenschweren Erfolg mit jahre- oder jahrzehntelanger harter Arbeit verdient haben.

Diese Intuition stimmt durchaus: Wir können davon ausgehen, dass die meisten erfolgreichen Menschen hart arbeiten. Aber dabei vergessen wir die andere Seite der Medaille: Wir blenden all die Leute aus, die ebenfalls ein Leben lang hart arbeiten, aber nie wirklich in den Genuss von Erfolg kommen. Dieser Denkfehler ist der berühmte «Survivorship Bias», der «Überlebensirrtum».

Würfel, 2 Sechserwürfe (Symbolbild)

Der Einfluss des Zufalls ist grösser, als wir annehmen. Bild: Unsplash/Brett Jordan

Beim Survivorship Bias schauen wir uns irrationalerweise nur die «Überlebenden» an – also die erfolgreichen Menschen – und glauben dabei, dass die Eigenschaften der Erfolgreichen (sie arbeiten hart) ihren Erfolg erklären. Wenn wir aber auch die «Verstorbenen» – also die erfolglosen Menschen – anschauen, merken wir, dass das, was wir bei den Erfolgreichen beobachten, genauso bei den Erfolglosen vorhanden ist: Die meisten Menschen arbeiten hart.

Das fehlende Puzzle-Stück, das erklärt, warum Leistung unter gleichen Bedingungen nicht immer gleichermassen zu Erfolg führt, ist das «stochastische», unberechenbare Element des Zufalls. Der Zufall ist dabei nicht bloss das Zünglein an der Waage, sondern ein wesentlicher Faktor, wie sich z.B. in Computersimulationen zeigt: Zufall kann einen deutlich grösseren Einfluss auf Erfolg haben als die eigentliche Leistung, die erbracht wird. Die erfolgreichsten Menschen sind also zu einem wesentlichen Teil so erfolgreich, weil sie Glück hatten. Es verhält sich wie mit der Lotterie: Alle erbringen in etwa dieselbe Leistung, aber rein statistisch können nicht alle gleich viel Erfolg haben.

Das Problem mit Zufall ist nicht primär, dass es ihn gibt. Das eigentliche Problem ist, wie der Ökonom Robert Frank in seinem Buch «Success and Luck» beschreibt, dass erfolgreiche Menschen, die zwangsläufig einen wesentlichen Teil ihres Erfolgs dem Zufall verdanken, überzeugt sind, dass ihr Erfolg einzig und allein die Folge ihrer Leistung ist. In der Konsequenz sind erfolgreiche, wohlhabende Menschen eher gegen sozialpolitische Massnahmen, die den erfolglosen Menschen in der Gesellschaft zugute kommen. Das würde aus ihrer Sicht schliesslich bedeuten, Menschen für ihre vermeintlich mangelnde Leistungsbereitschaft und Faulheit zu belohnen.

Armut, Obdachloser (Symbolbild)

Erfolgreiche glauben gern, Faulheit sei der Grund für Erfolglosigkeit. Bild: Pexels/The Collab

Warum glauben wir an Meritokratie?

Es braucht nicht allzu viel Analyse, bis sich zeigt, dass Meritokratie nicht hält, was sie verspricht. Doch warum klammern wir uns nach wie vor so fest an diese Idee?

Ein Grund dürfte sein, dass wir aus dem meritokratischen Versprechen Hoffnung schöpfen. Hoffnung, dass wir es eines Tages auch schaffen werden. Wenn wir nur hart genug arbeiten, können auch wir vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen. Eine wohltuende Illusion, die uns Kraft gibt, die rauen Realitäten des Alltags zu bewältigen.

Konsum, Einkaufstaschen (Symbolbild)

Das meritokratische Versprechen: Eines Tages können auch wir es schaffen. Bild: Unsplash

Ein weiterer Grund für die Beständigkeit des meritokratischen Mythos dürfte sein, dass in der Regel besonders jene, die Geld und Vermögen und Macht haben, vom Wert der Meritokratie schwärmen. Das gibt uns das Gefühl, das System funktioniere. Die Konsequenz davon ist geradezu perfid: Meritokratie wandelt sich von einem Ideal, wie die Gesellschaft sein soll, zu einer Rechtfertigung dafür, warum sie ist, wie sie ist. Wenn unsere Gesellschaft nämlich bereits meritokratisch ist, bedeutet das folglich, dass es keine unfaire Ungleichheit geben kann; alles, was nach Ungleichheit aussieht, wird schon seine meritokratische Richtigkeit haben.

«Meritokratie» verkommt damit letztlich zu einem Feigenblatt, das gesellschaftlichen Ungleichheiten einen Anstrich von Gerechtigkeit gibt. Wenn das nächste Mal ein Loblied auf Meritokratie und Leistung anklingt, sollten wir darum aufhorchen und kritisch hinterfragen, was es damit auf sich hat.

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