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Sloborn

Wir sind in einer Fiktion. Da sterben sehr viele sehr schnell. Dennoch sind die Parallelen zwischen der Serie «Sløborn» und der Aktualität unheimlich. Bild: ZDF

Review

«Sløborn» ist entsetzlich aktuell: So holte Corona die neue Seuchen-Serie ein

DIE Pandemie-Serie, die zudem eine vorzügliche Teenie-Serie ist, versteckt sich in der ZDF-Mediathek. Was kein Problem ist, man muss es nur wissen. Hier ist sie. Mit allerheissester Empfehlung!



Als die Pandemie kam, lebte der deutsche Regisseur Christian Alvart gerade in L.A. Er war jung und hip und drehte einen Film mit René Zellweger. Die Pandemie von damals hiess nicht Corona. Sie hiess Schweinegrippe und terrorisierte Mexiko, und Alvart fand es schizophren, dass die Newslage hauptsächlich von einem Thema dominiert und hysterisiert wurde, während sein individueller Mikrokosmos davon nicht betroffen war und er sich einreden konnte, die Schweinegrippe finde eigentlich nicht statt.

Das war 2008 und 2009. Alvart beschloss, daraus eine Serie zu machen. Über eine Gesellschaft, die zu sehr im eigenen Saft schmort und denkt, dass sie von den grossen Wellen, die über dem Rest der Welt zusammenschlagen, nicht eingeholt wird. Eine Gesellschaft, die vielfältige Formen von Isolation sucht und betreibt – und am Ende erst recht keine Chance hat.

Der Trailer

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Video: YouTube/ZDFneo

Zehn Jahre lang entwickelte er «Sløborn» (sprich «Slöborn»). Das Drama einer Insel, die von einem Virus eingeholt wird. Entwickelte die wissenschaftliche Seite seines Plots zusammen mit Virologen. Erfand die «Taubengrippe», eine Mutation der Vogelgrippe, die für neun von zehn infizierten Menschen tödlich ist. Wer sie hat, blutet aus den Augen. Denn schwere Krankheiten sehen vor der Kamera nun einmal einfach mit Blut am besten aus.

2019 wurde gedreht. Im November war «Sløborn» im Kasten. Und als die Crew über der Postproduktion brütete, verwandelten sich ihre Bilder unaufhaltsam in Realität. Die fiktive Taubengrippe wurde von Corona eingeholt.

Der junge Schauspieler Adrian Grünewald gestand, die Dreharbeiten hätten ihn kein bisschen für die Wirklichkeit gewappnet. Er sei in Panik verfallen.

Sloborn

Evelin (Emily Kusche) und ihre Brüder. Was da wohl aus den Eltern (der Vater ist Wotan Wilke Möhring) geworden ist? Anyone? Bild: ZDF

Sløborn ist eine Nordseeinsel, das Personal ist etwas Stephen-King-mässig geschnitzt, es gibt viele sensible und ein paar garstige Teenager, es gibt viele brutale und nur wenige liebe Erwachsene. Die Teens gehen alle im gleichen Schulhaus zur Schule, sie sind weitgehend offen und vertrauensselig (was auch dazu führt, dass die 17-jährige Evelin eine Beziehung mit ihrem Vertrauenslehrer hat und von ihm schwanger ist). Die Erwachsenen sind hart, enttäuscht und bigott verknöchert.

Da ist die Pfarrersgattin und Buchhändlerin Merit (Laura Tonke), die sich in die Koksromane von Stuckrad-Barre-Verschnitt Niolai Wagner (Alexander Scheer) flüchtet. Ihn lockt sie auf die Insel, woraus sich ein «Misery»-artiger Plot zwischen Autor und Fan entspinnt. Es gibt die herzige Tochter der eisernen Freikirchler und den verschupften Sohn des Schläger-Bullen. Und einen maroden Bauernhof, auf dem straffällige Jugendliche vom Festland resozialisiert werden sollen. Und Drogen. Und überhaupt sehr vieles.

Die Insel ist ein Spiegelkabinett der Minidramen. Und alles im beliebten und bewährten Nordic-Noir-Stil. Über allem hängt Unheil.

Eigentlich hätte Sløborn das Virus gar nicht mehr nötig. Doch dann strandet ein Geisterschiff mit zwei Toten am imposanten Strand (gedreht wurde auf der Nordseeinsel Norderney und in der Bucht von Danzig) und das Inferno nimmt seinen tosenden Lauf.

Sloborn

Von aussen kommen: das Virus, die jugendlichen Delinquenten, der spinnerte Schriftsteller, die Bundeswehr. Bild: ZDF

Die Bilder triggern Erinnerungen, die nicht so weit zurückliegen: Wuhan, Bergamo, Ausgangssperren, Absperrungen, wie sie auch bei uns von einer Stunde auf die andere errichtet wurden, Turnhallen, in denen Ersatzspitäler eingerichtet werden wie in Spanien, Tests und Tote, schwarze Leichensäcke am Wegesrand, Maskenpflicht, Militär, einbrechender Tourismus, Demonstrationen gegen staatliche Autorität.

Alvart drehte auch ... na ja ... alle «Tatorte» mit Til Schweiger. Und die umstrittene Netflix-Serie «Dogs of Berlin». Er ist einer, der die Action liebt und den Horror hochfährt, davon gibt es auch in «Sløborn» genug. Und offenbar (sorry, ich kenne erst sechs der acht Folgen) mündet die Serie, die eh nie langweilig ist, im Finale auch noch in eine tüchtige Materialschlacht, die so manchem deutschen Rezensenten zu viel war. Wo Alvart draufsteht, ist eben Entertainment drin. Und «Sløborn» ist astreine, klug gebaute, spannende und gerade auf Ebene der Teenager höchst einnehmende Unterhaltung.

Der Regisseur und Drehbuchautor ist selbst ein Sohn strikter Christen, Filme und Fernsehen gehörten während seiner Kindheit zu den verbotenen Freuden. Und so schrieb er seine Inselkinder mit erkennbarem Herzblut. Dem Herzblut von einem, der das Abgeschnittensein vom Festland der Normalität nur allzu schmerzlich kennt.

«Sløborn» (8 Folgen à 47 Minuten) ist bis Mitte Januar 2021 in der ZDF-Mediathek abrufbar.

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