Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bridgerton

Phoebe Dynevor und Regé-Jean Page sind Daphne und der Duke. Also eines dieser Liebespaare, das erst hundert Tage um den heissen Brei der Leidenschaft rumreden müssen, bis sie endlich rummachen. Bild: Netflix

Trefft die Titanin hinter «Bridgerton» und mächtigste Frau bei Netflix

Weil sie gerne dabei zuschaut, wie Menschen andere Menschen aufschneiden, erfand Shonda Rhimes die Spitalserie «Grey's Anatomy». Sie ist die Trash-Queen der Serienwelt. Jetzt ist sie für mindestens ein Dutzend Netflix-Projekte verantwortlich.



Daphne Bridgerton ist ein richtiges Milchlamm von einer Frau. Weisser und reiner von Gemüt und Geblüt geht nicht mehr. Doch Daphne verliebt sich in den tödlich attraktiven Duke of Hastings, und spätestens als der ihr beibringt, wie man masturbiert, ist sie verloren. Auch der Duke ist in Daphne verliebt, das wird ihm klar, als er mit ihr zusammen das Gemälde eines Sonnenauf- oder -untergangs betrachtet. Doch dann gibt's noch unendlich viele Probleme und schliesslich mündet das Drama der beiden in der Frage: Hat Daphne den Duke beim Samenraub vergewaltigt?

Dies ist bloss die krasseste aller Fragen, die gerade um «Bridgerton» diskutiert werden. «Bridgerton» ist die im Jahr 1813 spielende Netflix-Serie, in der reiche oder gefallene Mädchen einen Mann finden müssen, ob der ihnen nun gefällt oder nicht.

«Bridgerton» ist gross, prächtig, dekadent, witzig, fies, hyperromantisch, eine einzige berauschende Wunscherfüllungs-Maschine, und als Soundtrack zu den Ballszenen gibt's cool historisierte Billie-Eilish-Melodien.

Bridgerton

In der Buchvorlage «The Duke and I» von Julia Quinn sind Queen Charlotte und ihre Hofdamen weiss, in «Bridgerton» wäre das nicht normal. Bild: Netflix

Ins Auge sticht jedoch etwas ganz Anderes. Der Duke, die Queen (Golda Rosheuvel) von England, wo «Bridgerton» spielt, der halbe Hofstaat und viele weitere Protagonisten sind schwarz. Wieso? Weil Liebe alle Grenzen überwindet und Schranken niederreisst natürlich, was denn sonst. King George III. hat nämlich aus lauter Liebe die 17-jährige schwarze deutsche (nichts ist unmöglich) Prinzessin Charlotte geheiratet, und seither steht dem gesellschaftlichen Aufstieg von Schwarzen in England nichts im Weg.

Portrait of Princess Charlotte of Mecklenburg-Strelitz (1744-1818), Queen of Great Britain, 1762. Found in the collection of Nationalmuseum Stockholm. (Photo by Fine Art Images/Heritage Images/Getty Images)

Die echte Queen Charlotte (1744 – 1818, auf dem Bild ist sie noch Prinzessin Charlotte von Mecklenburg-Strelitz) führte eine glückliche Ehe, brachte 15 komplett nutzlose Kinder zur Welt und galt zu Lebzeiten aus ausgesprochen hässliche Frau, was das maliziöse Gerücht aufbrachte, sie hätte «negroide» Züge und müsse afrikanische Vorfahren haben. Heutige Wissenschaftler versuchten, diesen Makel ins Positive zu wenden und sie zur ersten schwarzen Queen umzudefinieren. Allerdings vermochten ihre Forschungsergebnisse (noch) nicht zu überzeugen. bild: gettyimages

Das muss so sein. Nicht, weil es in den historistischen Kitschromanen von Julia Quinn stehen würde, aus denen «Bridgerton» entstanden ist. Sondern weil da erstens das hartnäckige Gerücht ist, dass die echte Queen Charlotte eventuell afrikanische Vorfahren gehabt haben könnte. Und weil «Bridgerton» zweitens aus Shondaland kommt. Und die Serien-Produktionsfirma Shondaland gehört einer einzigen Person: Shonda Rhimes.

PHILADELPHIA, PA - OCTOBER 03:  Former First Lady of the United States Michelle Obama and Screenwriter, director and producer Shonda Rhimes speak on stage during Pennsylvania Conference For Women 2017 at Pennsylvania Convention Center on October 3, 2017 in Philadelphia, Pennsylvania.  (Photo by Marla Aufmuth/Getty Images for Pennsylvania Conference for Women)

Michelle Obama interviewt Shonda Rhimes an der Pennsylvania Conference For Women 2017. Nicht umgekehrt. Derart sind die Machtverhältnisse. Bild: Getty Images North America

Shondaland steht für vieles: Für die Spitalserie «Grey's Anatomy», die Washingtoner Politserie «Scandal», die Anwaltsserie «How to Get Away With Murder». Für Frauen in den Hauptrollen, die eigensinnig, unberechenbar, laut, rabiat, gebrochen, berechnend, leidenschaftlich, überschäumend, egoistisch, mächtig, gewalttätig und untreu sind. Für das Rezept, dass Sex dramaturgisch gesehen immer die Lösung ist. Verheddern sich zwei Figuren aus Shondaland in einen ausweglosen Konflikt, können sie gar nicht anders, als Sex zu haben.

Shondaland ist ein Schlaraffenland der schönen Menschen, der extremen Gefühle, der überbordenden Erzählstränge.

Vor allem aber steht Shondaland-Boss Shonda Rhimes für sogenannt «farbenblindes» Casting. Wenn sie ein Drehbuch schreibt, erklärte sie 2006 Oprah Winfrey, stellt sie sich die meisten Figuren nicht leiblich vor. Und beim Vorsprechen geht die Rolle an diejenigen, die ihr mit dem entsprechenden Text im Mund am besten gefallen. So kam der Cast von «Grey's Anatomy» zustande. Ein revolutionärer Akt.

SPECIAL EVENT - #TGIT Premiere Event - In celebration and anticipation of Walt Disney Television via Getty Images's premiere week, cast members and executives from all Shondaland shows will be in attendance at the #TGIT Premiere Event on Saturday, September 20th at Palihouse in West Hollywood. Tune in Thursday, September 25 when

Sonda's Leading Ladies: Kerry Washington («Scandal», links), Viola Davis («How to Get Away With Murder», mitte) und Ellen Pompeo («Grey's Anatomy»). Bild: Walt Disney Television

Gut, für die Besetzung der Titelheldinnen von «Scandal» mit Kerry Washington («Django Unchained») und «How to Get Away With Murder» mit Oscargewinnerin Viola Davis dürfte das so nicht mehr gegolten haben. Aber sonst: Ein effizientes Konzept, denn amerikanisches Fernsehen, so Rhimes, müsse dringend die Realität der amerikanischen Gesellschaft abbilden. Und gleichzeitig noch mittels gehöriger Übertreibung darüber hinausweisen, muss man hinzufügen. Kühne Behauptungen in die Welt setzen wie in «Bridgerton». Schliesslich besteht der Zauber der Fiktion – und um solche handelt es sich bei «Bridgerton» – immer aus Behauptungen.

Weitere Shondaland-Projekte für Netflix

Mindestens ein Dutzend Formate hat Shonda Rhimes mit ihrer Produktionsfirma für Netflix geplant. Neben «Bridgerton», dessen Schöpfer und Regisseur der bereits in «Scandal» involvierte Chris Van Dusen ist, sind das u.a. die Serien «Inventing Anna» (eine fiktionalisierte Fassung des Lebens der Hochstaplerin Anna Sorokin), «Reset» (Sexismus im Silicon Valley), «The Residence» (das Leben amerikanischer Präsidenten im Weissen Haus), «The Warmth of Other Suns» (die Flucht von Afroamerikanern aus dem Süden der USA in den Norden) und «Sunshine Scout» (eine Komödie über Teenage-Girls am «Ende der Welt», wo auch immer das sein mag).

2017 lockte Netflix Shonda Rhimes mit 150 Millionen Dollar und lukrativen Zusatzklauseln vom Sender ABC (der mittlerweile zu Disney gehört) weg, wo sie pro Jahr für ein Budget von 350 Millionen Dollar rund 70 Stunden Sendezeit herstellte (45 davon als Drehbuchautorin oder Schöpferin), die in 67 Sprachen synchronisiert wurden und weltweit Folge für Folge 30 Millionen erreichten. Shonda Rhimes war damals in ihren eigenen Worten «eine Titanin».

«Wisst ihr, wer das sonst noch macht? Niemand!», sagte sie 2016 in einem TED-Talk. «Ich liebe es zu arbeiten. Es ist kreativ und mechanisch und anstrengend und berauschend und lustig und verstörend und klinisch und mütterlich und grausam und vernünftig. Wenn ich mich tief in die Arbeit stürze, gründe ich eine Nation, renne ich einen Marathon, positioniere ich Truppen, bin ich Beyoncé.» Die Folge war ein Burnout, «die Welt wurde grau, alles schmeckte nach Staub».

«Ich bin nicht zum Scheitern gemacht.»

Shonda Rhimes

JIMMY KIMMEL LIVE! -

Kerry Washington und Shonda Rhimes – mit kaputtem Fuss – bei Jimmy Kimmel. bild: gettyimages

Die Titanin kam 1970 als letztes von sechs Kindern in Chicago zur Welt. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau, und Shonda liebte nichts mehr als Kassetten mit selbsterfundenen Geschichten vollzuschwatzen. Dass sie Geschichtenerfinden einmal zu ihrem Lebensinhalt machen könnte, kam ihr damals nicht in den Sinn, sie träumte davon, Ärztin, Anwältin oder Politikerin zu werden, genau die Frauen also, die sie später zu Serienheldinnen machte.

In der High School hiessen ihre Vorbilder Whoopie Goldberg und Toni Morrison, sie war Mitglied einer afroamerikanischen Theatertruppe und schrieb in ihrer Freizeit Fiction. Schliesslich studierte sie Drehbuchschreiben in Los Angeles, jobbte erst für eine Werbefirma und dann für die Produktionsfirma von Denzel Washington.

Bridgerton

In «Bridgerton» ist in Sachen Farbe alles möglich. Bild: Netflix

Zu ihrem ersten Drehbuchauträgen gehörten das Sequel von «Plötzlich Prinzessin» und «Not a Girl» mit Britney Spears. Herzensangelegenheiten waren das nicht. Denn Shonda Rhimes Herz gehörte etwas ganz anderem: Stundenlangen Dokumentationen über den Spitalalltag. Über die Gespräche, die Ärzte führen, während sie jemanden aufschneiden. Eine Leidenschaft, die sie mit ihren Schwestern teilte. «Grey's Anatomy» war unausweichlich. Und wurde 2005 der Start zu Shonda Rhimes Imperium.

Mehr Geld als ihr hat Netflix nur noch Ryan Murphy, dem Mann hinter «Glee», «American Horror Story», «Hollywood» oder «Ratched» bezahlt, angeblich doppelt so viel wie Rhimes.

Gemeinsam stehen Murphy und Rhimes nun für eine neue Weltordnung, für Sichtbarmachen von Differenzen durch Umkehrung der Verhältnisse, für Toleranz und Inklusion. Beide verpacken ihre Anliegen in Storys, die dermassen dreist süffig und trashig daherkommen, dass alle, die auch nur einen Hauch von Eskapismus-Bedürfnis verspüren (und wer tut das seit dem Einzug von Corona in unser Leben nicht), hilflos die Waffen strecken müssen vor soviel hemmungslos unterhaltsamer Prachtentfaltung.

Das ist nicht immer gleich gut, gelegentlich erzeugt die massenhafte Nachfrage nach ihren Produkten auch unsorgfältige Sturzgeburten, aber dass es den beiden und damit auch Netflix gelingt, ganz furchtlos im Kern hochpolitisches, gesellschaftskritisches Material hochpopulär zu machen, das ist schon bewundernswert. Und zeigt sehr schön, wie sehr wir die sanft bewusstseinsformende Macht der Fiktion im Hintergrund unseres Alltags brauchen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Oh shit! 48 Bilder vom Moment, bevor das Desaster eintritt

World of Watson: Die lustigsten Outtakes vom Jahr 2020

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Kommentar

Geschichte ist kein «Safe Space» – warum wir Escher nicht vom Sockel stürzen sollten

«Black Lives Matter» hat die Schweiz erreicht – und damit auch die Frage, ob Standbilder von Männern, die vom Sklavenhandel profitiert haben, geschleift werden sollen. Das prominenteste Beispiel ist die Statue von Alfred Escher in Zürich.

Alfred Escher soll weg. Das Standbild des Schweizer Wirtschaftsmagnaten und Eisenbahnpioniers, das vor dem Zürcher Hauptbahnhof thront, soll aus dem öffentlichen Raum verschwinden – es soll abgerissen oder in ein Museum verbannt werden. Denn Eschers Aufstieg wäre ohne den Reichtum seiner Familie, der unter anderem auf der Arbeit von Sklaven beruhte, kaum möglich gewesen.

Die Forderung, Eschers Statue zu entfernen, hat ihr Gutes. Sie ruft die unrühmliche, aber wenig bekannte Verwicklung der …

Artikel lesen
Link zum Artikel