Leben
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A set of seven small porcelain figures19th â 20th Century

Diese frivolen Porzellan-Figürchen gibt's hier nur zur Einstimmung ... Bild: sotheby's

In diesem Artikel kommen Pedro Lenz, Ebay und Nazis vor – und meine Porzellansucht

Sorry Leute, aber mehr gibt es nicht zu sagen. Nur zu lesen.



An diesem Erfahrungsbericht ist Anna schuld. Sie sitzt neben mir und chattet normalerweise zufrieden mit ihrer Katze oder ihrem Freund und wir machen einander keine Sorgen. In den letzten Wochen schaute sie immer häufiger rüber. Sagte: «Schon wieder? Ehrlich?» Ich sagte: «Aber jetzt schau doch mal, dieses Schäleli! Kostet nur 12 Franken und hat nur 9 Zentimeter Durchmesser. Es rührt mich so! Ich glaub, ich muss es haben.» – «Wozu?» – «Keine Ahnung. Weil es herzig ist. Wozu hast du dein Büsi?»

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Langenthal, nur 12 Franken! Rührend! Bild: Screenshot ricardo

Eines Tages sagte sie: «Gopfertori, jetzt schreib halt drüber!» «Drüber schreiben» ist ja eine der besten Therapien gegen allerlei kuriose Obsessionen. Bei Anna: römische Kaiser und so. Bei mir: «Bachelor», «Germany’s Next Topmodel», «Goodbye Deutschland» ...

Okay, ich heisse Simone und ich bin ... nein, ich bin echt nicht shoppingsüchtig! Aber eventuell könnte man sagen, so rein theoretisch, dass ich süchtig bin nach altem Porzellan. Wieso? Keine Ahnung. Schuld ist einerseits ein bestimmter Goldrand. Andererseits die Familie von Pedro Lenz. Dessen Vater war mal Direktor von Langenthal Porzellan. «Es ist meine Vergangenheit, meine Kindheit, dort wo ich an der Hand meines Vaters durch die Fabrikräume ging, wo ich gelernt habe ‹grüessech› zu sagen», wird Lenz im «Unter-Emmentaler» zitiert.

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Diesem süssen Langentahl-Milchkrüglein will man doch sofort ein Zuhause geben. Bild: Screenshot ricardo

Und Langenthal Porzellan ist Heimat. Egal, welchen Teller ich bei meinen Grosseltern umdrehte, immer stand hinten «Langenthal» drauf. Daneben ein kleiner Stempel aus zwei Zahlen, quasi das Geburtsjahr des Tellers. 1932, 1944, 1953. Zeiten, weit vor meiner, in denen meine Grosseltern mütterlicher- wie väterlicherseits recht arm gewesen waren. Das Langenthal-Porzellan war eine Kostbarkeit, die sorgfältig durch die Jahrzehnte getragen wurde.

Es gab in den diversen Haushalten das Werktags-Porzellan mit den etwas rustikaleren Blümlein drauf, und das Sonntagsgeschirr, das feiner war mit dem schmalen Goldrand und den blauen Bergblumen, vor allem Enzian. Das Teegeschirr mit den Kornblumen und das schon fast barocke mit den rosa Rosen. Die beiden Letzteren haben es bis zu mir geschafft.

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Geiler Goldrand, natürlich Langenthal. Bild: Screenshot ricardo

Ich liebe die Teile. Und verweile ihretwegen gern im Internet. Auf Ricardo zum Beispiel, wo stets eine schier endlose und immer neue Auswahl an Langenthal-Preziosen zu finden ist. Einmal die Woche geb ich mir den Suchbegriff «Langenthal» auf Ricardo im Büro. Okay, vielleicht auch öfter. Leider darf ich zuhause nichts mehr anschleppen. Wirklich nicht. Auch kein Schäleli!!! Und keine Teekanne!!!!! Und schon gar keine Kuchenplatte!!!!!  

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Dieses edle Langenthal-Design heisst übrigens «Nyon». Just saying! Bild: Screenshot ricardo

In Pedro Lenz' Keller steppt der Bär und Nico steppt mit

Video: watson/Nico Franzoni, Lya Saxer

Ich hab nämlich schon zuviel gekauft. Aus dem dummen Grund heraus, dass mir das geerbte Langenthal mit den Rosen und den Kornblumen zu kostbar war für den Alltag. Ich dachte: Hutschenreuther tut’s auch. Hutschenreuther ist eine deutsche Marke, quasi die Proletenvariante des teuren Rosenthals. In den 50ern, als in Deutschland das Wirtschaftswunder boomte, brachte Hutschenreuther die Linie «Diadem» auf den Markt, sie arbeitete gern mit abgerundeten Dreiecken, war rasend populär und sieht, aus retroromantischer Perspektive betrachtet, brutal gut aus.

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Hutschenreuther Diadem: Die coolste Kanne, seit es Kaffee gibt. Bild: Screenshot ebay

Als ich in meine erste eigene Wohnung zog und dringend Geschirr brauchte, kaufte ich mir in einem Brocki ein 48-teiliges Hutschenreuther-Diadem-Service für 87 Franken, ohne zu wissen, was es war, es gefiel mir einfach und war viel Geschirr für wenig Geld. Weisses Geschirr mit Goldrand. Eigentlich spiessig. Doch dann wurde das viele Geschirr immer weniger und der Goldrand immer schäbiger, und eines Tages zogen mein Liebesleben und ich tapfer in die Geschirrabteilung eines grossen Möbelhauses und wollten was Neues kaufen. Was Schlichtes. Ohne Goldrand. Ich weinte fast. Wir brachten es nicht übers Herz, das alte Hutschenreuther zu betrügen.

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Die Diadem-Zuckerdose. Bild: Screenshot ebay

Und so begann meine Ebay-Odyssee. Wo sich erstaunlich viele Hutschenreuther-Goldrand-Teller fanden. Und dreieckige Schälchen, Dosen und Platten. Wenn ich mal wieder irgendwo vier oder sechs Suppen-, Dessert- oder normale Speiseteller gefunden hatte, gönnte ich mir zum Lohn was Dreieckiges. Ich ging immer auf die Funktion «Sofort-Kaufen», schliesslich brauchte ich das Zeug, ich war nicht zum Spass da. «Sofort-Kaufen» ist in der Regel teurer, als einfach so zu bieten.

Ich dachte, naja, 6 bis 10 Euro pro Teller, was soll's. Ich mailte mit den Anbietern, weil die von sich aus alle nicht in die Schweiz liefern wollten. Sie teilten mir mit, dass ich mit Versandkosten von 35 Euro zu rechnen hätte. Ich kaufte und kaufte, der Betrag überstieg den Preis für mein Brocki-Service um das Vier-, nein Fünffache. Keine Ahnung mehr, wie viele Päckli ich am Ende erwartete, es waren sicher, sagen wir, wahrscheinlich um die sieben. Nach jeder Lieferung fragte mein Liebesleben besorgt: «Kommt noch viel?» «Du wirst staunen!», sagte ich.

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OMG!!! Diesem Langenthal-Aschenbecher widerstehen nicht mal Nichtraucher.  Bild: Screenshot ricardo

Plötzlich dachte ich: Scheisse, das ist Porzellan! Das kann kaputt gehen! Eine Lieferung von 13 an sich makellosen Desserttellern kam. Ganz waren nur 7. Was bei der lausigen Verpackung auch kein Wunder war. Natürlich schrieb ich dies in die Bewertung. Die Händlerin verfluchte mich. Panisch schrieb ich einer andern, ihre Ware sei so gut wie lebenswichtig für mich, sie möge sie doch bitte mindestens in dreifache Noppenfolie wickeln. Kein Problem, schrieb die Händlerin, mach ich immer.

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Naive Herzigmalerei von Langenthal. Bild: Screenshot ricardo

Die kleinsten Tellerchen kamen in der grössten Kiste. Allein das Verpackungsmaterial ergab zwei Bündel in der Papiersammlung. Es waren allesamt Prospekte deutscher Billigstmöbelhäuser. Plötzlich fragte ich mich: Wo hat mein liebes neues Porzellan eigentlich all die Jahre verbracht? In Altnazi-Kellern und Messie-Häusern?

Überhaupt! Porzellan und Nazis! Hatte ich mir darüber schon mal Gedanken gemacht? «Noch heute kursieren Gerüchte, dass diese Gruppe (aus lokalen Nazianhängern, d.Red.) in Langenthal den Bau eines Konzentrationslagers plante. In den elektrischen Tunnelöfen der Porzellanfabrik sollten analog zu Auschwitz Nazigegner verbrannt werden. Die Gerüchte sind aber nachträgliche Konstruktionen», schreibt die Stadt Langenthal auf ihrer Homepage.

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Diese elegante Art-Déco-Mokkatasse kreierte Langenthal in den 30ern. Bild: Screenshot ricardo

Und Hutschenreuther? Produzierte ein Kantinengeschirr, dem die Nazis zum flächendeckenden Durchbruch verhalfen. Nach dem Krieg stellte sich der Hersteller sofort ganz in den Dienst der amerikanischen Besatzer und amerikanisierte umgehend sein Design. Diadem könnte auch in einem Diner steh'n. So entstanden meine Teller. Tja.

Wenn ihr das nächste Mal bei der Grossmutter zu Gast seid, dreht einfach mal eure Teller um und schaut, was draufsteht. Und recherchiert ein bisschen. Weil ihr es euch wert seid. Und wenn's euch gefällt oder ihr Pedro-Lenz-Fans seid oder zur unkontrollierbaren Kaufsucht tendiert, dann ... Sonst nicht. Tut's! Nicht!

P.S. Ich fang jetzt hier nicht auch noch mit «Silver Overlay» an, das sprengt mein Budget eh. Aber schaut mal nach, es ist schön ...

Mit dem Essen spielt man doch!

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