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Die Regisseurin Rohena Gera, ihr Star Tillotama Shome und ein entzückter Spiegel posieren für uns im Hotel Bellerive. Bild: Simone Meier

Interview

Liebe zwischen den Klassen? Gibt's in Indien nur in Pornos

Geächtet und verachtet – die Regisseurin Rohena Gera und die Schauspielerin Tillotama Shome über ihren Film «Sir», der an tausend Tabus zwischen den Geschlechtern und Klassen rührt.



Ich gestehe, ich habe mich vor Ihrem Film gefürchtet. Wenn ich an Indien und Frauen denke, sehe ich immer grausame Vergewaltigungen vor Augen ...
Rohena Gera: Oh ja!

Sie haben sich aber entschieden, ein Frauenschicksal mittels der indischen Klassengesellschaft zu erzählen. Auf den ersten Blick ist es die ganz normale Geschichte eines Dienstmädchens. Was alles an Erniedrigung dahinter steckt, erfahren wir sehr subtil. Wie fanden sie zu dieser Geschichte?
Rohena Gera: Sie setzt sich aus hunderten von kleinen Geschichten zusammen, die ich so in meinem Leben erfahren habe. Ich komme selbst aus einer privilegierten Familie. Als ich ein Kind war, gab es da diese Frau, die alles für mich gemacht hat. Wenn du in Indien Geld hast, tust du nichts, auch nicht als Kind, du räumst nie deinen Teller weg, wäschst nichts ab, alles wird erledigt. Ich hatte sie sehr gern, als Kind durfte ich sie auch noch umarmen, später war das verboten, Körperkontakt zwischen den Klassen ist unmöglich. Wenn wir zusammen Tee tranken, durfte sie nicht wie ich aus einer Porzellantasse trinken, sie durfte nicht mit mir am Tisch sitzen und wurde von den Erwachsenen schlecht behandelt. Ich schämte mich dafür.

Tillotama Shome, wie stehen Sie zu dem Thema?
Tillotama Shome: Ich lebe erst seit viereinhalb Jahren in New York, ich bin in Indien aufgewachsen. Und ich bin überwältigt von einem glasklaren Schuldbewusstsein. Auch ich habe das System, das unser Film kritisiert, mitgetragen. Unsere Klassengesellschaft erzeugt eine unsichtbare Sklaverei. Als ich nach New York kam, jobbte ich als Kellnerin und hatte damit überhaupt kein Problem, alle an meinem College machten das, in jedem Job liegt Würde. Aber in Indien ist die Möglichkeit einer klassenübergreifenden Freundschaft ein unglaubliches Tabu. Und wir erkennen es gar nicht als Problem, weil wir so sozialisiert worden sind.

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Tillotama Shome posiert vor der ZFF-Premiere von «Sir». Netterweise nicht auf dem schon etwas abgelatschten grünen Teppich. bild: zff

Das klingt schwer nachvollziehbar.
Tillotama Shome: Wir benennen Rassismus, wir haben eben erst Homosexualität entkriminalisiert, aber den Klassengraben sehen wir nicht, der ist ganz tief in uns drin. Der ist wie die Haut auf meinem Rücken – sie ist da, aber ich seh sie nicht. Oder so, wie ich meine Nase nicht wahrnehme, wenn ich geradeaus schaue. Ich bin mit dafür verantwortlich.
Rohena Gera: Ich sage immer: Das ist wie der Rassismus in den USA der 50er-Jahre. Mit dem Unterschied, dass in Indien niemand darüber redet, niemand dagegen kämpft und keine Bürgerrechtsbewegung existiert. Gerade weil es sich nicht um ein Problem handelt, das sich an einer Hautfarbe festmachen lässt. Es ist unsichtbar. Und die Menschen, die davon betroffen sind, sind unsichtbar.  

Obwohl sie mit Ihnen unter einem Dach leben?
Rohena Gera: Ich googelte in Indien «Servant’s room», weil ich unserem Ausstatter zeigen wollte, wie das Zimmer meiner Protagonistin aussehen muss – es gibt keine Bilder. Die meisten Hausangestellten besitzen auch kein Zimmer, sie rollen abends in der Küche ihre Matte aus und rollen sie am Morgen wieder zusammen. Ihre Privatsphäre existiert nicht.

Trailer zu «Sir»

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Video: YouTube/Leo Barraclough

«Sir»

Was für ein feiner, zarter, genau beobachteter Film über einen reichen jungen Mann (Vivek Gomber) in Mumbai und sein Dienstmädchen Ratna (Tillotama Shome). Zwei Welten in einer Wohnung und zwischen ihnen eine Mauer aus Konventionen, Vorurteilen, und Verurteilungen. Wie unüberwindlich diese sind, offenbart sich, als sich eine leise Liebe zwischen die beiden zu schleichen wagt. Und wo diese Liebe im Hollywoodfilm selbstverständlich alles überwinden könnte, würde sie Ratna gesellschaftlich zur Aussätzigen stempeln. Grossartig, wie gekonnt Rohena Gera einer alltäglichen Geschichte langsam den Boden entzieht und uns in die Abgründe des indischen Klassensystems blicken lässt.

«Sir» am ZFF: Do, 4.10., 19.15 Uhr, Arthouse Picadilly; So, 7.10., 20.30 Uhr, Arthouse Le Paris. Und ab 8. November im Kino.

Okay, langsam beginne ich zu verstehen, wie gross das Tabu sein muss, an das Ihr Film in Indien rührt.
Tillomata Shome: Ich googelte «Liebesgeschichte zwischen einem Mann und seiner Hausangestellten». Alles, was ich fand, waren Pornos. Nur so ist in Indien eine klassenübergreifende Liebesgeschichte überhaupt vorstellbar.
Rohena Gera: Über die Erniedrigung der Frau.  

Soziale Ungleichheit wird also direkt als sexuelle Unterwerfung übersetzt.
Tillotama Shome: Ja. Und ich bin sehr gespannt, wie der Film in Indien aufgenommen werden wird. Wie auch immer die Leute darauf reagieren, es wird viel über sie selbst erzählen. Wenn einer sagt: «Bullshit, das ist reine Fantasie, sowas gibt’s gar nicht!», dann sag ich: «Okay, gut zu wissen, dass du so denkst.»
Rohena Gera: Ich hoffe, dass die Menschen, denen ich diesen Film widme, danach nicht noch frustrierter sind als vorher. Ob sie nicht sagen: Danke, dass du uns an unser Elend, das wir nicht ändern können, erinnert hast.  

«Sir»

Sir Ashwin (Vivek Gomber) und seine Hausangestellte (Tillotama Shome) kommen sich nah und näher. Bild: xenix

Wieso haben Sie sich eigentlich entschieden, dieses Thema der Klassenbarriere als Liebesgeschichte aufzubereiten?
Rohena Gera: Ich wusste nicht, wie ich darüber reden sollte, ich hatte keine Lösung. Ich wollte den Leuten nicht predigen, was sie denken sollen, ich wollte auch nicht sagen, hey, ich bin eine gute Person, deshalb mach ich sowas. Aber ich fragte mich: Wie kann ich das Thema am besten angehen? Indem ich zwei Leute ebenbürtig mache. Das geht in der Liebe.  

Gut, sozial gesehen sind sie dadurch noch lang nicht ebenbürtig, aber wenigstens emotional.
Rohena Gera: Genau! Egal, wie reich du bist, wie schön dein Haus, wie gross dein Wagen auch sein mag – wenn dich die Frau, die du liebst, nicht zurück liebt, bist du verloren. Dadurch konnte ich meine Protagonistin mächtig machen.

Die Protagonistin ist die Dienerin eines reichen Mannes, den sie «Sir» nennt. Wie sehr haben Sie sich selbst mit diesem Sir identifiziert? Schliesslich kommen Sie auch aus einer reichen Familie und haben wie er in den USA studiert.
Rohena Gera: Sehr!  

Das heisst, Sie haben sich schon mal in Ihren indischen Concierge verliebt?
Rohena Gera: Nein, das nicht.

Besonders schlimm fand ich auch, wie Ratna, die ja schon mit 19 Witwe wurde, aus der Dorfgesellschaft, aus der sie kommt, ausgestossen wird.
Rohena Gera: Ach, das ist auch in der Stadt so. Und in meiner angeblich so fortschrittlichen Schicht. Als der Vater eines Freundes starb, war seine Mutter erst 41. Das war vor 25 Jahren. Seither ist sie nie mehr mit einem Mann allein gewesen. Ihr Leben hörte auf. Liebe, Sex, Begehren, das Bedürfnis nach Partnerschaft ist alles untersagt, sie ist jetzt nur noch Mutter. Und sie hat so viel Angst vor dem Urteil der andern, dass sie gehorcht.
Tillotama Shome: Die normalsten Dinge werden zu einem Akt des Widerstands. Als mein Grossvater starb, wurde von meiner Grossmutter erwartet, dass sie bis an ihr Lebensende nur noch Weiss trägt. Farben zu tragen, gehört sich für eine Witwe auch nicht. Und Fleisch essen. Sie soll Weiss tragen und sich vegetarisch ernähren.  

«Sir»

Ausserhalb von Sir Ashwins Luxus-Penthouse in gedeckten Farben ist Mumbai bunt und flirrend. Bild: xenix

Ich müsste sterben!
Tillotama Shome: Das ist total normal! Mein Grossvater sagte zu meiner Grossmutter: Wenn ich vor dir sterbe, tu das bitte alles nicht. Weshalb sie wenige Tage nach seinem Tod im farbenprächtigsten Sari erschien. Natürlich hiess es in der Familie: «Aha, sie hat ihren Mann nie geliebt!»
Rohena Gera: Für mich ist das Schlimmste, dass es sich bei alledem um ganz patriarchale Strukturen handelt, und dass die Frauen kooperieren, anstatt sich dagegen aufzulehnen.
Tillotama Shome: Die Leute sagen zu meiner Mutter: «Wow, dein Mann macht selbst Frühstück? Du hast einen guten Mann geheiratet! Er ist wie ein Gott!» Aber hey, meine Mutter kocht das Mittag- und Abendessen! Und wenn ein männlicher Bollywoodstar mal ausnahmsweise rechtzeitig zum Dreh erscheint, wird ihm den ganzen Tag über gehuldigt. Nichts ist normal. Und man muss sich immer fragen: Mach ich selbst alles richtig oder trete ich nicht andauernd in irgendeine Klischeefalle?

Jetzt, da Sie Ratna gespielt haben, fühlen Sie sich etwas von ihrem Schuldgefühl erlöst?
Tillotama Shome: Sicher nicht. Aber ich geh bewusster durchs Leben. Auch an einem Filmfestival wie diesem achte ich jetzt sehr viel mehr auf all die Leute, die mir helfen, die meine Haare machen, mich anziehen, mich im Restaurant bedienen. Am Ende bin ich ein Teamwork.

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Auch Rohena Gera stellte sich im Galakleid neben den grünen Teppich. bild: zff

Wie hart ist es eigentlich eine indische Filmemacherin zu sein? Nehmen Sie da Sexismus wahr?
Rohena Gera: «Sir» ist mein erster Spielfilm, davor habe ich einen Dokumentarfilm gedreht und ich glaube, jeder Debutfilm hat es speziell schwer. Aber es ist schon so: Wenn die Entscheidungsträger eine Geschichte nicht sofort verstehen, wird sie schneller fallen gelassen, wenn sie von einer Frau kommt. Und ich habe vor «Sir» ein Projekt vorgestellt, da hiess es schon nach einem Satz: «Aber du machst ja eine Frau zur Hauptfigur! Sowas interessiert keinen.»
Tillotama Shome: Ich kannte Rohenas Dokfilm nicht, ich las bloss ihr Skript zu «Sir» und konnte es nicht mehr weglegen. Und dann hatte ich Angst. Als Schauspielerin will ich ja immer eine richtig grosse Rolle. Aber da dachte ich: Okay, die ist vielleicht doch zu gross? Könnte ich nicht die zweitgrösste spielen?

Sie sind in jeder einzelnen Einstellung.
Tillotama Shome: Wir drehten 31 Tage lang ohne irgendeine Pause. Aber ich dachte immer: Egal, wie hart meine Arbeit gerade ist, Ratnas Leben und das unzähliger indischer Frauen ist härter. Nach Drehschluss kann ich in meinen klimatisierten Wohnwagen und mir meine Zigarette rollen. Das Wenigste, was ich tun kann, ist meine Arbeit mit Würde zu erledigen. Wie Ratna. Sie besitzt nichts ausser sehr viel Würde. Jede Erschöpfung, die ich für sie auf mich nehme, ist eine gute Erschöpfung. Ich habe Glück.

«Sir» am ZFF: Do, 4.10., 19.15 Uhr, Arthouse Picadilly; So, 7.10., 20.30 Uhr, Arthouse Le Paris.
Und ab 8. November im Kino.

Giacobbocast mit Stefan Büsser

Video: watson

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