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Es hat auch seine Vorteile, der einzige Schweizer auf dem Campus zu sein

bild: gregor stäheli



Ich zog los, um von Schweizern in Australien zu berichten. Um Klischees zu sehen. Um «Evelines» zu begegnen ...

In Perth muss ich feststellen: Diese Evelines, diese typischen Schweizer Austauschstudentinnen, die sind ja gar nicht hier! Man könnte meinen, dass das, was Holländer für die Campingplätze dieser Welt sind, die Schweizer und Schweizerinnen im Auslandssemester seien.

Das kann ich so allerdings nicht bestätigen, zumindest nicht an der Uni. Vermutlich sind sie in Sprachschulen und Jugendherbergen der Ostküste anzutreffen. Hier auf dem Campus im Westen sind allerdings Amerikaner die dominierende Kulturgruppe, gefolgt von Singapurern, Briten und Deutschen. Aber keine Schweizer.

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Nach dem Einführungstag ist schnell klar: Ich bin in helvetischer Unterzahl. bild: gregor stäheli

«Eigentlich auch mal schön», denk ich mir. Perth gilt (neben Auckland) als die einsamste Stadt der Welt. Über 2100 Kilometer trennen die Hauptstadt Westaustraliens von der nächsten Millionenstadt. Als ich hierher kam, feierte ich diesen Titel. Ich bin nicht nur ans andere Ende der Welt geflohen, sondern befinde mich auch fern vom Touristen-Rummel der Ostküste. 

Hier bin ich also, weit weg von den Bergen, von Schoggi und vom Wein, von den Wäldern, von den Seen und dem Schnee. Isoliert, wie ein stolzes Einfamilienhaus nach neustem Minergiestandard.

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Quokka Selfie. Quokkas sind ja sowas wie die australischen Murmelis, immerhin. bild: gregor stäheli

Wie weit weg alles wirklich ist, merke ich in der ersten Semesterwoche.

Als ich mich als Schweizer oute, jauchzt die Dozentin von Tourism 101 freudig auf. Begeistert erklärt sie den Mitstudierenden die Neutralität unseres Landes am Beispiel des Zweiten Weltkriegs und beginnt mit folgenden Worten: 

«Wisst ihr, um die 40er Jahre gab es in Europa so einen grossen Krieg.»

...

«Grossen Krieg.»

Obwohl Australien durchaus am Zweiten Weltkrieg beteiligt war, Truppen nach Europa schickte und vor allem im Pazifikkrieg mitmischte, merke ich, wie marginal vielen jungen Australiern dies vorkommen mag. Zuhause füllt der Zweite Weltkrieg die Hälfte unserer Geschichtsbücher. Etliche Hitler-Dokumentationen flimmerten auf rollbaren Fernsehgeräten durch die Klassenzimmer, wann immer die Lehrperson nichts vorbereitet hatte. Und hier im stark klimatisierten Unterrichtsraum der Murdoch University ist die Rede von «so einem grossen Krieg.»

Hier scheint wirklich alles etwas weiter weg zu sein.

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Isoliert und geknickt. bild: gregor stäheli

«Die Einsamkeit ist schön. Aber der Mensch braucht einen, der ihm immer wieder sagt, dass die Einsamkeit schön ist.» 

Honoré de Balzac

Auf einem Ausflug mit dem Austauschprogramm begegne ich zum ersten Mal anderen Schweizern in freier Wildbahn. Als wir zum Aussichtspunkt bei einer Schlucht kommen, erklingt süsses Berndeutsch in meinen Ohren.

Zwei Backpackerinnen fühlten sich von unserer Gruppe etwas überrumpelt:

«Das isch gloub e Schuelklass. Ou nei, iz chöme die und versoue di ganzi Ussicht. Iz chöimer khe Fötteli meh mache.»

Ich hole mein feinstes Baseldeutsch aus dem Keller, staube es sorgfältig ab, drehe mich zu den reizenden Damen um und sage in freundlichem Ton:

«Mir sin kai Schuelklass, mir sin vo dr Uni. Aber kai Angscht, mir sin bald wieder ewäg.»

Ihre Gesichter versteinern. Das ist durchaus ironisch, denn auf eine gewisse Art haben sie ja grad einen Basilisken gesehen. Nur haben sie so weit weg von zuhause wohl nicht damit gerechnet.

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Ja, ich wohne in Zürich. Aber wenn ich das Maul aufmache, merkt man eben schon, dass ich ein Basilisk und kein Löwe. bin. bild: wikipedia

Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt, der einzige Schweizer an der Uni zu sein.

Es hat nämlich auch etwas Erfrischendes:

Er war sehr schnell still.

Ich, auf der Suche nach anderen Schweizern und «Evelines» – bislang erfolglos. Aber die Suche geht weiter!

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bild: gregor Stäheli

Übrigens: So stellt man sich die Schweiz im Ausland vor

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Vorurteile über die Schweiz
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gregor stäheli australien mint perth gregorstaeheli staeheli

Seine Lehrer sagten früher: «Wenn du ständig überall deinen Senf dazugeben musst, wird nie etwas aus dir.» Diese Herausforderung nahm er dankend an. Heute ist Gregor Stäheli als Slam Poet vor allem auf Bühnen anzutreffen. Ein Austauschsemester in Perth zwingt ihn, diese für ein halbes Jahr zurückzulassen. Da er es dennoch nicht bleiben lassen kann, sich ständig mitteilen zu müssen, nutzt er diese Reise, um das festgefahrene «Schweizer-in-Australien»-Klischee zu renovieren.

Stalke Gregor auf Facebook oder auf seiner Homepage.

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